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Die Asien-Spiele im Fokus: Sean Amini. bild: maurizio reginato

Der Zürcher, der per Zufall zum iranischen Eishockey-Nationalspieler wurde

Manchmal bieten sich im Leben unverhoffte Möglichkeiten. Der Zürcher Sean Amini verliert im Frühling seinen Job. Wenig später sieht der Hobby-Spieler einen Flyer und kurz darauf spielt er für die Eishockey-Nati des Irans. Und schmunzelt über seine Kollegen, die zum ersten Mal auf Eis stehen.



«One Team, One Dream». Mit diesem Motto tritt der Iran im Februar erstmals mit einer Eishockey-Mannschaft zu Asien-Spielen an. Zur Equipe wird im japanischen Sapporo auch ein Zürcher gehören: der 35-jährige Shahryar «Sean» Amini. Beinahe über Nacht ist im Sommer aus dem Hobby- ein Nationalspieler geworden.

Der Sohn iranischer Eltern, der einst in der NLA Inline-Hockey gespielt hat, verfolgt im Juni übers Internet die WM in dieser Sportart im italienischen Asiago. Ein wenig überrascht stellt Amini fest, dass die Schweiz dort unter anderem auf den Iran trifft (und mit 10:0 siegt). Und mit Interesse studiert er einen Flyer, den er ebenfalls online entdeckt hat. Mittels diesem sucht der Iran nach Spielern für seine Inline- und für eine neu gegründete Eishockey-Nationalmannschaft.

Der IT-Recruiter aus Opfikon war im Frühling das Opfer von Sparmassnahmen in seiner Firma geworden und hat deshalb nicht nur Lust, sondern auch Zeit. Also meldet sich Amini. In Düsseldorf – Irans Trainer ist ein Deutscher – spielt er vor und überzeugt dabei. Er wird aufgenommen und ins Trainings-Camp nach Kasachstan eingeladen, wo der Iran im August erstmals überhaupt eine Eishockey-Nationalmannschaft versammelt. «Das hätte ich natürlich auch nicht gedacht, dass ich mit 35 Jahren und im Herbst meiner Karriere noch ein Nationalspieler werde», gibt Amini an einem kalten Dezember-Tag in Zürich lachend zu.

Spieler im Internet rekrutiert

Aufgewachsen in Opfikon, spielte Amini als Schüler am Schluefweg in Kloten erstmals Eishockey. Allerdings trat er erst als 23-Jähriger erstmals einem Team bei, der zweiten Mannschaft des ZSC in der 3. Liga. Vorher und danach stand für ihn zumeist Inline-Hockey im Vordergrund.

Aktuell geht der Stürmer für den EHC Camel Rapperswil auf Torejagd. Der spielt im zürcherischen Bäretswil in der 4. Liga, welche bloss die sechsthöchste in der Schweiz ist (was nett ausgedrückt ist, denn zugleich ist sie auch die tiefste Liga). Den Fans im Iran wurde Amini nichtsdestotrotz als Akteur einer Profi-Mannschaft angepriesen, was bei den Rapperswiler Teamkollegen natürlich für grosses Gelächter sorgte.

Shahryar Sean Amini

Amini mit seinen beiden Pässen. bild: sean amini

Die iranische Eishockey-Nati ist ein Sammelsurium von Spielern aus aller Welt. Manche kommen aus Schweden, andere aus Deutschland, Kanada, den USA, Malaysia oder Frankreich. «Ich habe bei der Rekrutierung mitgeholfen», erzählt Amini, «habe im Internet recherchiert und nach möglichen Spielern gesucht. Wir haben sie angeschrieben und wie bei Mund-zu-Mund-Propaganda nahm die Sache ihren Lauf.»

Nebst Shahryar Amini ist mit dem 17-jährigen Hamid Gharaee noch ein zweiter Spieler aus der Schweiz dabei, er ist Elite-Junior bei Fribourg-Gottéron. «Er ist noch blutjung, aber super gut», schwärmt Amini.

«Einige standen das erste Mal in ihrem Leben auf Eis …»

Dazu kommen sämtliche Spieler der iranischen Inline-Nationalmannschaft, welche in der Heimat leben. Dem Mitspieler Farzad Houshidari bescheinigt Amini, im Inline-Hockey Weltklasse zu sein: «Er könnte auch locker in der Schweizer Nati mitspielen». Ihn und alle anderen hat er beim Zusammenzug in Kasachstan kennengelernt.

Amini schmunzelt, wenn er sich daran erinnert. «Einige von ihnen standen das erste Mal in ihrem Leben auf Eis, sie spielten vorher nur Inline-Hockey. Als ein paar Spieler staunend sagten, dass die Unterlage ja wahnsinnig rutschig sei, musste ich laut lachen. Ich dachte mir: ‹Oje, wenn das nur gut kommt!›»

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Gute Stimmung: Der Iran gewinnt sein erstes «Länderspiel» gegen das B-Team des HC Almaty mit 5:4. Video: streamable

Aus dem Schweizer wurde ein Doppelbürger

Amini kam 1981 in der iranischen Hauptstadt Teheran zur Welt. Als Vierjähriger verliess er gemeinsam mit der Mutter die Heimat, zog zum Onkel in die Schweiz. Seither war er nie mehr im Iran, sein Interesse am Land nahm ohnehin erst in den letzten Jahren zu: «Mit dem Alter beginnt man, sich für seine Wurzeln zu interessieren. Die Neugier, mehr darüber zu erfahren, nahm zu.»

Der Nationalspieler spricht zwar Persisch, «aber man hört, dass ich ein ‹Ausländer› bin.» Dabei ist er das nicht mehr: Erstmals in seinem Leben besitzt er einen iranischen Pass, er ist seit dem Sommer schweizerisch-iranischer Doppelbürger. «Ich habe es mir einfacher vorgestellt», beschreibt Amini den Behördengang, «es war ein ziemliches Prozedere, bis ich endlich ein Iraner war.»

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Amini stellt sich auf Persisch den Fans im Iran vor. Video: streamable

Nun ist er es und der 35-Jährige ist Feuer und Flamme, wenn er vom Projekt der iranischen «Löwen» erzählt. Nachdem er wegen des Stellenabbaus arbeitslos geworden war, entschied er, sich auf das Eishockey-Abenteuer einzulassen. «Einerseits stimmte das Timing dafür zwar perfekt, andererseits gestaltete sich die Stellensuche dadurch schwierig, weil ich oft Termine mit der iranischen Nati hatte.»

Amini entschied sich, ein Sabbatical zu machen und sucht nun per 1. März wieder einen Job. Da er praktisch jedes Wochenende als DJ auflegt, hat er trotzdem ein Einkommen, um über die Runden zu kommen.

Wenig Geld, umso mehr Herzblut

Der Traum vom grossen Turnier, der – eine Verletzung vorbehalten – bald Realität wird, kostet dennoch. Denn Geld ist im iranischen Verband kaum vorhanden, vieles bezahlen die Spieler aus dem eigenen Sack. «Natürlich ist es nicht vergleichbar mit einer grossen Eishockey-Nation. Dafür ist sehr viel Herzblut vorhanden», fasst Amini zusammen.

«So wie manche Frauen ihr Geld in Gucci-Taschen investieren, so geben unsere Spieler viel für die Eishockey-Nati aus.» Damit sich dies ändert, hilft Amini bei der Sponsorensuche. Er ist in Kontakt mit Schweizer Grossfirmen, welche im Iran tätig sind. Dazu ist eine Crowdfunding-Kampagne angedacht. 

Noch kennt Sean Amini nicht alle seine Teamkollegen. Der Center tut sich deshalb noch schwer, Auskunft über das Niveau der Mannschaft zu geben. Das dürfte sich schon bald ändern, denn in einer Woche geht's in die Türkei und bis auf vier Spieler sind alle aus dem Kader der Asien-Spiele mit dabei.

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Amini und seine Teamkollegen beim ersten Zusammenzug in Kasachstan. bild: sean amini

Der Sittenwächter passt gut auf

Über Weihnachten wird trainiert, dazu stehen zwei Testspiele auf dem Programm. Kein Problem, da die Feiertage in der muslimischen Welt keine Rolle spielen. Die Religion besitzt im Team aber nach Aminis Einschätzung keinen besonders hohen Stellenwert: «Ich weiss ehrlich gesagt nicht, wie gläubig die einzelnen Spieler sind. Ich bin es nicht besonders. Bislang habe ich nicht erlebt, dass sie gross beten würden. Die meisten nehmen es eher locker mit der Religion.»

Nachtrag

Einen Tag nach der Veröffentlichung des Artikels teilte Amini mit, dass das Camp in der Türkei abgesagt wurde. Grund ist die politische Lage in der Region. Möglicherweise wird nun im Januar in Dubai trainiert.

Stets präsent ist hingegen ein staatlicher Sittenwächter. «Wir können uns nicht alles erlauben, er ist immer dabei», erzählt Amini. «Der Sittenwächter schaut darauf, dass wir keinen Alkohol trinken und achtet darauf, dass es keine Frauengeschichten gibt. Man muss sich zu benehmen wissen.» Er habe sich schnell an den Aufpasser gewöhnt, sagt der tätowierte Zürcher: «Im Iran ist halt alles ein bisschen anders.» Der Sittenwächter sei als Typ ganz in Ordnung und er schaue den Spielern auch nicht nonstop auf die Finger.

Gewusst? So schön ist der Iran!

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26 Gründe, auf keinen Fall in den Iran zu reisen
quelle: mohammad reza domiri ganji (http://gravity.ir)
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Amini hat Verständnis für diese Massnahme. «Die Eishockey-Nati ist neu, ein gewisses Interesse der Öffentlichkeit ist da und als Spieler haben wir eine Vorbildfunktion. Ich habe auch meinen Instagram-Auftritt angepasst und viele Fotos gelöscht, die im Iran eher nicht gut ankommen würden.»

Ein neues «Miracle on ice»?

Bilder von Eishockey-Spielen aus dieser Saison kann er noch nicht teilen, Amini hat sich vor drei Monaten an den Adduktoren verletzt und konnte erst kürzlich wieder aufs Eis. Zum zweiten Mal scheint das Timing bei ihm zu stimmen, am 19. Februar beginnen die Asien-Spiele in Sapporo.

Diese «Olympischen Spiele der Asiaten» bezeichnet Sean Amini als eine «riesige Sache». Er habe Aufnahmen der letzten Eröffnungsfeier, 2011 in Astana, gesehen, «das war enorm. Man läuft mit der Fahne in ein volles Stadion ein, das macht einen schon ein wenig nervös.»

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167 Minuten Zeit? Die Eröffnungsfeier der Asien-Spiele 2011. Video: YouTube/kazakamerican

Gespielt wird in drei Stärkeklassen, wobei Neuling Iran der schwächsten Stufe zugeteilt wurde. Noch weiss der Zürcher indes nicht genau, wie starke Gegner ihn erwarten: «Ich habe auf YouTube Spieler gesehen, die richtig gut sind. Aber gleichzeitig auch solche, die bei uns höchstens fürs Plauschhockey taugen würden.»

Die Ambitionen sind aller Ungewissheiten zum Trotz gross: «Wir fliegen nach Japan, um zu siegen», kündigt Amini an, «es wäre ja auch verkehrt, nicht mit dieser Einstellung dorthin zu reisen.» Der Team-Chat auf dem Smartphone trägt entsprechend selbstbewusst den Namen «Miracle on ice». Unter dieser Bezeichnung ging der wundersame Gewinn der olympischen Eishockey-Goldmedaille 1980 durch die USA in die Sportgeschichte ein.

Shahryar Sean Amini

Der Löwe brüllt schon: Aminis Nationalmannschafts-Trikot. bild: sean amini

Bekannte «Iraner»

Daniel Rahimi vom HC Davos, Mika Zibanejad von den New York Rangers und Rhett Rakshani von den Malmö Redhawks haben etwas gemeinsam: Sie sind Eishockey-Profis mit iranischen Wurzeln. Weil sie schon für andere Nationen gespielt haben (Schweden bzw. die USA), sind sie nicht für den Iran spielberechtigt.

Zibanejad, der beste «Iraner», hat dem Team aber in einer kurzen Videobotschaft seine besten Wünsche übermittelt.

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