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Eismeister Zaugg

Karl Marx, Walter Frey und ein neuer Vertrag für Arno Del Curto

Die tapferen ZSC Lions taumelten gegen den turmhohen Titelfavoriten SC Bern in eine weitere Niederlage. Kein Problem: Der Vertrag mit Trainer Arno Del Curto kann verlängert werden. Karl Marx wäre begeistert.
18.02.2019, 02:1218.02.2019, 12:35

Hätten die Zürcher den Trainer nicht schon gewechselt, so würde jetzt sicherlich die Forderung nach einem Kommandowechsel erhoben.

Die Spieler sind willig und tapfer. Aber sie sind verunsichert. Die Nordamerikaner haben für diese hockeyseelische Verfassung einen wunderbaren Ausdruck kreiert. «Das Wasser aus den Stöcken herauspressen». Will heissen: die Jungs wollen so fest, dass sie die Stöcke so verkrampft halten, dass das Wasser aus dem Holz herausquellt. Die Redewendung stammt halt aus der alten Zeit, als das Hockey-Werkzeug noch hölzern war.

Denis Hollenstein (links)
Denis Hollenstein (links) Bild: KEYSTONE

Diese gutwillige Verunsicherung haben gegen den unerbittlichen SC Bern zwei Spieler personifiziert: der NHL-Saurier Kevin Klein (34), der Verteidigungsminister des letztjährigen Meisterteams und Denis Hollenstein (29), der freundliche Nationalstürmer und letztjährige Absteiger aus Kloten.

Kevin Klein leitet mit einem grandiosen Fehlzuspiel den zweiten Gegentreffer (zum 0:2) ein. Der Anfang vom bitteren Ende schon nach 6 Minuten und 57 Sekunden.

Denis Hollenstein kommt viermal alleine vor WM-Silberheld Leonardo Genoni zum Abschluss und trifft entweder den SCB-Torhütertitanen oder daneben.

Die ZSC Lions haben wieder versagt. Sie haben im 11. Spiel unter der Leitung Arno Del Curto bereits die 7. Pleite eingefahren. In den beiden letzten Heimspielen haben sie nur noch je ein Tor erzielt (1:4 Servette, 1:3 SCB).

Doch die Hoffnung auf die Playoffs, ja, auf eine erfolgreiche Titelverteidigung lebt. Die Stimmungslage im Zürcher Fanvolk lässt sich im Hallenstadion auf eine einfache Weise gut ergründen. Der Chronist stellt sich nach der Partie beim Eingang in die Katakomben auf. Dort, so wie Helden vom Eis kommen und in den Bauch des Stadions stapfen.

Ist das Hockeyvolk zornig, so werden die Männer in den ritterartigen Ausrüstungen lautstark geschmäht. Unschöne Worte fallen dann. Jeder zieht ein wenig den Kopf ein, lässt die Beleidigungen über sich ergehen und verschwindet hurtig in die Kabine. In keinem anderen Stadion der Welt ist es möglich, den Puls so gut zu fühlen.

Aber nach dem heroischen Untergang gegen den übermächtigen Titanen SC Bern ist keine Spur von Volkszorn zu spüren. Aufmunternde Worte sind zu vernehmen: So im Sinne: «Kopf hoch, Jungs». Auch während des Spiels hatte es in der ausverkauften Arena keine Pfiffe oder sonstige Missfallenskundgebungen gegeben.

Arno Del Curto
Arno Del CurtoBild: KEYSTONE

Die ZSC Lions sind auf eine wundersame, beinahe rührende Art und Weise auch in der Krise populär geblieben. Ulrich Pickel, die Edelfeder der vornehmen NZZ, hat es auf den Punkt gebracht: die ZSC Lions seien unter Arno Del Curto wieder dort, wo sie einst vor mehr als 22 Jahren – damals noch als ZSC – schon waren: im sportlichen Existenzkampf. Siege gegen Aussenseiter wie Langnau werden wie Meistertitel gefeiert und – als Meister – Niederlagen gegen den mächtigen SC Bern heroisiert. Endlich wieder leiden! Eine Rückkehr zu den Ursprüngen der ZSC-Romantik.

Karl Marx wäre begeistert. Zwar kommt kurz nach dem Spiel der freundliche Milliardär Walter Frey aus der Kabine. Aber Geld spielt keine Rolle. Denn die ZSC Lions spielen im 21. Jahrhundert, in einer Zeit, da ein Milliardär den Vorsitz hat und Geld zur Verfügung steht, so viel wie des Sportchefs Herz begehrt, genau so wie damals in den 1990er Jahren, als der ZSC kein Geld hatte.

Walter Frey
Walter FreyBild: KEYSTONE

ZSC-Trainer Arno Del Curto bezog während seiner ersten Amtszeit im Hallenstadion zwischendurch mit der eigenen Bankomatkarte Geld, um seinen Ausländern auszuhelfen. Weil wieder einmal die Löhne nicht bezahlt werden konnten.

Ob Milliarden oder gar kein Geld – der ZSC bleibt sich selbst treu. Karl Marx, der einst eine gesellschaftliche Utopie einer Welt kreiert hat, die ohne Geld funktioniert, ist in einer gewissen Weise im Hallenstadion verwirklicht worden. Geld vermag die Seele des ZSC offenbar nicht zu verändern. Das hätte sich Walter Frey nicht räumen lassen.

Und das führt uns zur Trainerfrage. Auf den ersten Blick ist die Trainerfrage bei den ZSC Lions ja schwierig zu beantworten. Meistertrainer Marc Crawford wurde in seiner letzten Saison entthront. Der schwedische «Hockeygott» Hans Wallson scheiterte und der freundliche Kanadier Serge Aubin ist gefeuert worden.

Die Playoffs und Titelverteidigung sind nach wie vor möglich. Das wollen wir nicht vergessen. Aber ein wenig sieht es halt so aus, als sei auch Arno Del Curto beinahe am Ende seines Lateins.

Nach der Partie gibt es freundlich Auskunft. An und für sich ist das schon ein Wunder. Als er in Davos oben noch der wahre, der rockende und rollende Arno war, mochte er nach solch bitteren Niederlagen nicht noch mit Chronistinnen und Chronisten plaudern und verzog sich grollen, um seinen Zorn zu kühlen.

Aber das geht jetzt nicht mehr. Er ist nun bei den ZSC Lions und muss «in der Furche laufen». Sich also den Strukturen eines hochprofessionellen Eishockeyunternehmens anpassen.

Also gibt er Auskunft. Er tut es mit einer Milde, die für diesen Feuerkopf in so einer Situation schier unheimlich ist. Ach, wie hätte er, als er noch der wahre Arno Del Curto war, über den Fehler von Kevin Klein referiert! Mit den Händen gesprochen! Sich in Hitze geredet!

Die Karriere von Arno Del Curto:

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Die Karriere von Arno Del Curto
quelle: keystone / arno balzarini
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Aber nun hat er für alles Verständnis. Er beurteilt die Leistung seiner Jungs freundlich. Am Schluss sei halt der Stress gekommen. Auch deshalb habe das Powerplay (der SCB bekam im letzten Drittel drei Strafen aufgebrummt) nicht funktioniert.

Von kecken Fragen eines Chronisten lässt er sich nicht provozieren, schaut väterlich über den Rand seiner Brille und sagt: «Nächste Frage bitte.». Selbst die Hiobsbotschaft einer neuerlichen Verletzung des mehrfachen Meistergoalies Lukas Flüeler bringt ihn nicht aus der Ruhe und er bestätigt: «Er hat eine Verletzung und deshalb habe ich ihn in der ersten Pause ausgewechselt.» Nein, er könne nicht sagen, ob Lukas Flüeler fürs nächste Spiel am Freitag im Hallenstadion gegen Lugano wieder eingesetzt werden könne.

Altersmilde mit 62 Jahren? Leise Resignation in einer schwierigen Situation? Oder die staatsmännische Gelassenheit eines wahrlich grossen, sechsfachen Meistertrainers, der weiss, dass es schon noch gut kommt? Was also, wenn es auch dieser grosse Trainer die Wende nicht schafft?

Doch auf einen zweiten Blick erkennen wir: das Trainerproblem ist bei den ZSC Lions gar nicht so gross und auf eine einfache Art und Weise zu lösen. Natürlich können wir mit bedeutungsschwerer Miene fragen: wer soll bloss nächste Saison an der Bande stehen? Müssten wir nicht erst abwarten, ob Arno Del Curto die Playoffs doch noch schafft?

Aber solche Fragen erübrigen sich. Denn der Fall ist klar. Sportchef Sven Leuenberger kann den Vertrag mit Arno Del Curto schon in den nächsten Tagen um mindestens ein Jahr bis 2020 verlängern.

Sven Leuenberger
Sven LeuenbergerBild: KEYSTONE

Das Traineramt hat im Hallenstadion mehr noch als an anderen Orten auch eine nicht zu unterschätzende politische Bedeutung. Hier ist es wichtig, dass der Trainer beim Volk gut ankommt. Und wer kommt den beim ZSC-Fussvolk und auch oben im Verwaltungsrat in guten wie in schlechten Zeiten besser an als eben Arno Del Curto?

Auf allen Ebenen, bei den Fans, in den Redaktionsstuben und bei den Geldgebern würde einer Vertragsverlängerung das allerallergrösste Verständnis entgegengebracht. Selbst bei einem Verpassen der Playoffs. Dann würde es eben heissen: am Trainer liegt es sicher nicht! Man muss dem Arno Zeit geben, seine Hockeyphilosophie umzusetzen! Nun ist der Moment da, mal die Spieler in die Verantwortung zu nehmen! Jawoll! Und schliesslich hat ja auch der grosse SCB schon als Meister die Playoffs nicht erreicht.

Arno Del Curto vs. Serge Aubin – der Vergleich:

22 HCD-Jahre unter Arno Del Curto:

Video: srf
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