Noch weniger Tempo für mehr Sicherheit – diese Regeln passt Formel 1 an
Zwangspause produktiv genutzt: Durch die wegen des Iran-Kriegs abgesagten Rennen in Bahrain und Saudi-Arabien musste die Formel 1 einen ganzen Monat pausieren. Doch für die Chefs der Rennserie, die Regelhüter des internationalen Automobilverbandes FIA und die Teams bedeutete die Pause keinesfalls Urlaub. Vielmehr mussten die Verantwortlichen nach nur drei absolvierten Rennen die Saisonunterbrechung nutzen, um an dem erst zu Jahresbeginn eingeführten Regelwerk weiter zu schrauben.
Kern des Ärgers sind die neuen Antriebseinheiten. Diese beziehen ihre Energie beinahe zur Hälfte aus einem Elektromotor. Das zwingt die Fahrer zum konstanten Haushalten mit der Batterie, selbst während einer einzelnen Runde. Die Klagen der Piloten waren zahlreich. Vierfach-Champion Max Verstappen schwang sich zum Chefkritiker auf, bezeichnete das Rennfahren mit den Autos etwa als «Anti-Racing», auch Weltmeister Lando Norris bekundete, ihm «schmerzt die Seele». Die Formel 1 war in ihrer Pause zum Handeln gezwungen. Nun hat sie erste Massnahmen vorgelegt.
Mehr Vollgas im Qualifying
Besonders viel Kritik entzündete sich am Qualifying mit den neuen Autos. In der Qualifikation, die die Startreihenfolge für die Rennen bestimmt, jagen die Fahrer die schnellste Rundenzeit. Für Fans und Fahrer war dies stets ein Highlight, da die Fahrer ihre Fahrzeuge am absoluten Limit bewegen mussten. Wenig Sprit und damit wenig Gewicht, kein Reifenmanagement, kein Batteriemanagement – stattdessen einfach Vollgas. Und dann kamen die neuen Regeln.
Mit den neuen Motoren ist das Fahren am absoluten Limit nicht mehr möglich. Die Fahrer müssen schnelle Kurven langsamer nehmen, um Batterieenergie zu sparen, und teils selbst auf den Geraden früher vom Gas gehen, damit sie an anderer Stelle die maximale Elektroleistung zur Verfügung haben. Der Ärger bei Fans wie Fahrern war gleichermassen gross.
Die Formel 1 reagiert nun. Die Lösung soll darin liegen, dass die Motoren pro Runde künftig weniger elektrische Energie aufladen dürfen. Damit müssen sie seltener in den Lademodus, die Fahrer können häufiger und länger Gas geben. Der Nachteil: Insgesamt werden die Autos dadurch langsamer.
Boost wird beschränkt
Eine weitere Änderung betrifft die Rennen selbst: Dort haben die Fahrer unter dem neuen Reglement je nach Batteriestand die Möglichkeit, zum Überholen per Knopfdruck einen Boost aus der Batterie freizuschalten. Das ermöglichte in den ersten Rennen zwar deutlich mehr Überholmanöver, die Fahrer beklagten jedoch, dass diese gekünstelt seien und kaum noch etwas mit dem fahrerischen Talent zu tun hätten.
Zudem ergaben sich sogar Sicherheitsrisiken. Bei grossen Unterschieden im Batterieladestand und gleichzeitigem Nutzen des Boosts kam es immer wieder zu enormen Geschwindigkeitsunterschieden zwischen den Autos, was ein Risiko für heftige Auffahrunfälle darstellte. Beim jüngsten Rennen in Japan konnte Haas-Pilot Oliver Bearman gerade noch dem Alpine von Franco Colapinto ausweichen, kam dabei aber von der Strecke ab, verlor die Kontrolle und schlug heftig in die Streckenbegrenzung ein. Dabei zog er sich eine Knieprellung zu. Auch deshalb gingen viele Fahrer auf die Barrikaden.
Here’s the moment Bearman went into the barriers at Spoon #F1 #JapaneseGP pic.twitter.com/XmurXApWkp
— Formula 1 (@F1) March 29, 2026
Die Formel 1 begrenzt deshalb nun den elektrischen Boost, der von den Fahrern genutzt werden kann. Zudem soll der Elektromotor in bestimmten Streckenbereichen auch insgesamt weniger Leistung abgeben können. Laut FIA sollen die Massnahmen «übermässige Auffahrgeschwindigkeiten reduzieren und gleichzeitig Überholmöglichkeiten erhalten».
Elektro schon beim Start
Auch in das Startprozedere mussten Formel 1 und FIA eingreifen. Bislang waren die Elektromotoren während des Startprozesses noch aussen vor. Doch auch ohne Beteiligung des Elektromotors gab es grosse Unterschiede in der Beschleunigung. Immer wieder hatten Piloten Probleme, überhaupt vom Fleck zu kommen. Auch hier gab es also ein enormes Risiko für heftige Auffahrunfälle.
Deshalb wird nun ein neues System eingeführt, das Probleme mit der Beschleunigung unmittelbar nach dem Lösen der Kupplung erkennen und dann automatisch den Elektromotor zuschalten soll, um ein Mindestmass an Beschleunigung zu garantieren, ohne dem Fahrer jedoch einen sportlichen Vorteil zu verschaffen. Hinzu kommt noch ein optisches System, das durch blinkende Lichter an den betroffenen Fahrzeugen die nachfolgenden Autos warnen soll.
Die beschlossenen Massnahmen sollen schon beim Rennen in Miami am kommenden Wochenende in Kraft treten. Ob sie tatsächlich ausreichen, um die Probleme zu lösen, muss sich zeigen.
Grosse Veränderungen sind nicht möglich
Mercedes-Teamchef Toto Wolff lobte die limitierten Änderungen, die er als Vorgehen «mit dem Skalpell, nicht mit dem Baseballschläger» bezeichnete, schon mal. «Wie können wir das Produkt verbessern, für kompromisslosen Rennsport sorgen und die Sicherheit optimieren?», sei die Leitfrage gewesen. Dabei gelte es «erratische», also sprunghafte und vorschnelle Entscheidungen zu vermeiden.
Grosse Veränderungen werden auch kaum möglich sein. Um das Reglement und die Motoren grundsätzlich zu überarbeiten, haben die Hersteller zu viel Geld in die neuen Antriebe gesteckt. Weitere kleinere Änderungen im Saisonverlauf sind aber möglich.
