Neben Frankreich hat nun auch Spanien mit dem 14. Juli einen Nationalfeiertag. Zuerst legt Carlos Alcaraz in Wimbledon vor, Stunden später zieht die Furia Roja in Berlin gnadenlos gegen England nach. Der Triumph für das neu mit vier Titeln als Rekordeuropameister dastehende Spanien ist mehr als verdient. Es gewinnt die beste Mannschaft des Turniers, die dazu den attraktivsten Fussball zelebriert. Selbst der neutrale Beobachter muss an einem solchen Team seine helle Freude haben.
Der Ballbesitz seiner Mannschaft dient dazu, dem Gegner Schaden zuzufügen. So sagte das Rodrigo Hernández, kurz Rodri, der beste Spieler des Turniers, und natürlich ist er Spanier. Was für von A bis Z wahrgewordene Worte Rodris während dieser Endrunde, eingepackt in eine unglaubliche Tiefsinnigkeit.
Die Iberer erobern ihre Bälle derart hoch stehend wie noch nie ein Team in der EM-Geschichte. Der Gegner kann sich kaum erholen. Zudem haben sie endlich gelernt, bei Ballbesitz eine Vertikalität und ein so hohes Tempo einzuflechten. Es ist wie der Aufbau einer ständigen Drohkulisse. Und weil die Spanier ganz vorne auch mehr über die Seiten kommen, sind sie noch unberechenbarer – und haben an der EM natürlich die meisten Abschlüsse.
Anfänglich traute man den Spaniern ja gar nicht so viel zu. Doch mit dem 3:0-Startschuss gegen Kroatien veränderten sich die Gedanken. Zumal die positive Dynamik, die innerhalb ihrer Gruppe entstand, nicht mehr aufgehalten werden konnte. Wobei im Viertelfinal auch das Glück etwas mithalf. Der grosse Erfolg darf trotzdem niemals als Zufallsprodukt gesehen werden, zumal Trainer Luis de la Fuente und ein Grossteil der Titulare sich schon viele Jahre kennen und vertrauen. Was für ein rührseliges Erzählstück, ebenfalls, dass sich de la Fuente im Verband über die Nachwuchsstufen bis zum EM-Titelgewinn hochgedient hat.
Vermutlich ist 2024 auch die Geburtsstunde einer neuen Ära. Mit Rodri, mit ihrer blutjungen Flügelzange Yamal/ Williams, mit den zahlreichen Talenten wie Gavi oder Pedri in diesem fussballverrückten Land mag es heute gar nicht abwegig erscheinen, dass Spanien in den kommenden Jahren mindestens den europäischen Fussball dominiert. Wie einst zwischen den Jahren 2008 bis 2012, als es zweimal Europameister und einmal Weltmeister wurde. Und war jetzt das Turnier in Deutschland kein Sommermärchen wie die WM 2006 bei unserem Nachbarn, so war es eben doch eines für die Spanier mit sieben Siegen in sieben Auftritten. Man mag es ihnen gönnen.
Spanien ist dank seiner Ballkünste ein absolut würdiger, verdienter Europameister. (aargauerzeitung.ch)