Was haben Fabian Rieder, Seydou Doumbia, Denis Zakaria, Djibril Sow und Matheus Cunha gemeinsam? Ihnen gelang ein zweistelliger Millionentransfer aus der Super League ins Ausland, ohne dass sie vorher beim FC Basel unter Vertrag standen. Die anderen 15 Top-Exporte aus der Schweiz tragen alle ein rotblaues Siegel.
Mit Thierno Barry, Renato Veiga und Riccardo Calafiori (aufgrund der Weiterverkaufsbeteiligung) sortierten sich in diesem Sommer bereits drei weitere FCB-Spieler in den Top 11 ein. 49,3 Millionen Euro hat der FC Basel damit allein in diesem Wechselfenster an Transfererlösen erzielt. Der Rest der Liga kommt gemäss dem Portal «Transfermarkt» kumuliert auf 11,3 Millionen.
Damit flossen im Sommer 2024 bisher 81 Prozent aller in der Super League eingenommenen Transfergelder nach Basel. Das sind beeindruckende Zahlen. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass der FCB die Vorsaison im Abstiegskampf verbrachte, international in der ersten Qualifikationsrunde scheiterte und in der aktuellen Saison sogar erstmals nach 25 Jahren ohne Europacup-Teilnahme leben muss.
Auch in den drei Geschäftsjahren zuvor war der FC Basel für den Grossteil der Schweizer Transfererlöse verantwortlich. Prozentual gesehen steigt die Tendenz sogar. Seit der letzten Meisterschaft 2017 hat Rotblau laut «Transfermarkt» 295,2 Millionen Euro für Spieler kassiert. Bei 220 Abgängen – hier werden auch Leihspieler und Karriereenden mitgezählt –macht das im Schnitt 1,28 Millionen pro Spieler. Allerdings hatten auch nur GC und Lugano in diesem Zeitraum im Ligavergleich noch mehr Fluktuation als der FC Basel.
Dass der letzte Meistertitel schon sieben Jahre zurückliegt, bremst die Erlöse nicht. Im Gegenteil. Denn während der erfolgreichen acht Jahre, 2009 bis 2017, nahm der FCB mit 144,9 Millionen Euro deutlich weniger ein als in den Jahren danach. Auch damals verliessen die besten jungen Spieler regelmässig den Klub. Doch in Matias Delgado, Alex Frei, Marco Streller, Behrang Safari oder Walter Samuel verpflichtete der Klub auch zahlreiche Leistungsträger ohne Wiederverkaufswert.
Es stellt sich die Frage: Warum ist der FCB dem Rest der Liga in Sachen Transfers so weit überlegen, obwohl Teams wie YB, FCZ, Servette und Lugano den FCB sportlich überflügelt haben? Ein Szenekenner aus Deutschland, der nicht namentlich genannt werden will, berichtet, dass der FC Basel beim nördlichen Nachbarn nach wie vor mehr Strahlkraft geniesst als YB.
Der FCB ist bekannt als Sprungbrett für talentierte Spieler, die vor dem Gang in eine Topliga noch einen Zwischenschritt benötigen. Beim FCB geht man mit einem Video in Verhandlungen, in dem aufgezeigt wird, wen der Klub schon alles herausgebracht hat. Auch Sommerneuzugang Bénie Traoré erzählte jüngst, dass man den FCB auch in der Elfenbeinküste kenne, weil einige Topstars in jungen Jahren dort gespielt haben. Wie dem bisher teuersten Sommerneuzugang des FCB geht es auch vielen anderen Spielern. Die glorreichen Zeiten wirken offensichtlich immer noch nach.
Ein weiterer Punkt, warum Basel in Sachen Transfers der Liga enteilt, ist die Geschäftsstrategie. Unter Präsident David Degen, dessen Expertise als ehemaliger Spielerberater natürlich den Transfers gilt, hat sich der Klub in einen Durchlauferhitzer verwandelt. Transfers sollen und müssen zunächst die finanziellen Altlasten und dann das strukturelle Defizit ausgleichen.
Damit Transfererlöse generiert werden können, kauft der FCB derzeit vor allem ausländische Talente. Gerne auch im Zwei-bis-fünf-Millionen-Segment wie bei Barry, Veiga, Gauto, Soticek, Traoré oder zuvor auch bei Diouf, Amdouni, Ndoye und Calafiori. Ein Risiko, das sich in den meisten Fällen bisher ausgezahlt hat.
Kenner des heimischen und internationalen Marktes sehen neben der Reputation des FCB als Sprungbrett das weite Netzwerk von David Degen als wichtigen Faktor. Dessen gutes Auge für Talente und Spielerprofile, die gefragt sind. Hinzu kommt ganz offensichtlich Verhandlungsgeschick, das zum Beispiel die riesige Beteiligung am Weiterverkauf von Calafiori von Bologna zu Arsenal möglich machte. Degen sei ein sehr guter Verkäufer, heisst es.
Das sieht Christoph Graf genauso. Der Zürcher ist ein Schlachtross auf dem Spielermarkt, hat als Präsident der Swiss Football Agents Association einen Überblick und wagt auch einen Vergleich zwischen Basel und dem Rest: «Der FCB hat, im Gegensatz zu YB, ein bisschen mehr Mut, er ist wagemutiger bei den Scouting-Entscheiden, auch einmal ein Risiko einzugehen.» Er streicht dabei auch die Rolle von Patrick Dippel heraus, der noch unter Sportdirektor Heiko Vogel als Chefscout und damit als Nachfolger des kurz vor dem Ruhestand stehenden Ruedi Zbinden beim FCB installiert wurde: «Er macht einen sehr guten Job.»
Ganz generell sagt Graf:« Wer mal gut verkauft hat, der bekommt mehr Beachtung. So einfach ist es. Das ist ein Magneteffekt.»
Mit 145,5 Millionen Euro in den vergangenen sieben Jahren ist der FC Basel auch bei den Ausgaben einsame Ligaspitze. Auf den Plätzen zwei und drei folgen YB (54 Mio.) und Sion (23,9 Mio.). Das grosse Manko der auf Verkäufe ausgelegten Klubstrategie: Ein stabiles, zusammengewachsenes und folglich sportlich funktionierendes Team lässt sich auf diesem Weg nur schwer entwickeln. Aber wenn man den Worten von David Degen glauben darf, soll die Zahl der Verkäufe in Zukunft, wenn sich der Klub nicht mehr in finanziellen Nöten befindet, wieder sinken. Zum Wohle des sportlichen Erfolgs.
Denn auch auf diesen ist der FCB angewiesen, wenn er seinen Status als Exportkönig der Schweiz behalten will. Ohne gute Leistungen im internationalen Schaufenster, wie es im Frühjahr 2023 das Erreichen der Halbfinals in der Conference League war, bröckelt der Nimbus, den sich der FCB aufgebaut hat. Und dann bleiben irgendwann auch die grossen Transfers aus, weil die Barrys und Veigas dieser Welt lieber zu einem Team wechseln, wo der Europacup garantiert ist. Zum Beispiel zum FC Lugano, der dann wohl auch irgendwann Spieler für einen zweistelligen Millionenbetrag ins Ausland verkaufen kann. (aargauerzeitung.ch)