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Ein Leben für den Darts-Sport: Kevin Barth auf der WM-Bühne im Ally Pally. Bild: Patrick Echsner

Blinder Darts-Experte: «Ich sehe die Scheibe nicht, aber ich weiss immer, was passiert»

Kevin Barth ist seit seiner Geburt blind. Trotzdem verfolgt er seit zehn Jahren den Darts-Sport intensiv und hat sich zum Experten gemausert. Wie macht er das nur? Wir haben mit ihm gesprochen.

01.01.17, 12:51 03.01.17, 14:57


Die Darts-WM fesselt diese Tage viele Sportbegeisterte. Einer, der den Event dem Publikum in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf «dartn.de» und bisher in einer Partie auch kurz als Experte beim TV-Sender «Sport1» näher bringt, ist Kevin Barth. Soweit so gewöhnlich. Aber: Der 23-Jährige ist seit Geburt praktisch blind.

watson: Kevin, mir ist es erst im Nachhinein aufgefallen. Bevor wir telefonierten, nahm ich via Facebook- und Whatsapp-Mitteilungen Kontakt mit dir auf. Jetzt frage ich mich grad: Wie geht das überhaupt?
Kevin Barth: 
Ich arbeite mit einem normalen Laptop. Da ist eine Software installiert, die mir alles vorliest. Die ist mittlerweile so gut entwickelt, dass ich alles am PC machen kann. Und natürlich funktioniert das auch bei Handys. Beim iPhone ist das Programm gar vorinstalliert.

Wenn die Menge im Ally Pally tobt, hilft sie dem blinden Kevin Barth beim Verfolgen der Partie. Bild: SEAN DEMPSEY/EPA/KEYSTONE

Wie schnell liest denn die Stimme vor?
Ich habe sie momentan mit ca. dreifacher Geschwindigkeit des normalen Sprechtempos eingestellt. «Normalsterbliche» kommen da meist nicht nach. Aber ich bin mir's so gewohnt, dass ich immer schneller einstellen kann. Meine Eingabe läuft übrigens normal über die Tastatur.​

Wow. Gut, hätten wir das geklärt. Du bist seit der Geburt total blind?
Fast. Ich kann hell und dunkel unterscheiden. Schatten im Abstand von drei bis vier Metern erkenne ich. Aber wenn ich vor dem TV sitze, sehe ich nichts.

Kevin Barth

Der 23-jährige Kevin Barth ist blind und studiert in Dortmund Journalistik. Seit zehn Jahren verfolgt er Darts intensiv und wurde trotz seiner Sehbehinderung zum Experten. Er schreibt regelmässig für «dartn.de», für das Portal war er während der WM sechs Tage in London vor Ort. An der diesjährigen WM war er auch einmal als Co-Kommentator bei «Sport1» zu hören. Barths Studium dauert noch zwei Jahre, er arbeitet aktuell im Rahmen eines Praktikums während einem Jahr bei Radio WDR. Sein Ziel ist, Darts im deutschsprachigen Raum weiterzubringen und er will in irgendeiner Form später von seiner Lieblingssportart leben können.

Und wenn du vor einer Darts-Scheibe stehst?
Dann erkenne ich, dass da vorne etwas hängt. Aber wo diese Scheibe genau anfängt und aufhört, geschweige denn die Pfeile drauf, sehe ich nicht.

Wie bist du trotzdem zum Darts-Sport gekommen?
Das war im Winter 2006. Ich war totaler Fussballfan und sass mit meinem Vater vor dem Fernseher, weil irgendein Hallenturnier lief. Nach der Übertragung ging es mit der Darts-WM weiter. Ich blieb hängen, mein Vater – der selbst ein bisschen spielte – erklärte mir die Regeln und es zog mir den Ärmel rein.

Kevin Barth mit dem österreichischen WM-Teilnehmer Rowby-John Rodriguez. bild: PDC europe

Hast du es auch schon selbst versucht?
Ja, hin und wieder. Aber das war sehr, sehr schwierig. Wenn ich etwas mache, dann will es richtig machen. Das ging leider nicht. Ich verfolge die Spiele lieber als Zuschauer.

Wie kannst du dem Spielverlauf folgen?
Ich war schon immer sehr gut im Kopfrechnen. Sonst würde das keinen Spass machen. Ich konzentriere mich auf den Caller, der nach jedem Wurf die geworfene Punktzahl durchgibt, und rechne. Falls ich mal was überhöre, werden dann ja auch die möglichen Finishs angesagt. Dann bin ich wieder drin.

Die wichtigste Person für Barth beim Darts: Der Caller (l.). Bild: SEAN DEMPSEY/EPA/KEYSTONE

Hörst du, wo die Pfeile hinfliegen?
Ja. Dank den um die Scheibe platzierten Mikrofonen kann ich sagen, ob der Pfeil oben oder unten auf dem Board landet. Ich höre auch, wenn die Darts in die gleiche Richtung fliegen oder wenn die Flights kollidieren. Aber ob der Pfeil jetzt in der 20 oder 1 steckt, höre ich nicht.

Kannst du das Bulls Eye oder die Doppel- und Triplefelder raushören?
Die Doppel- und Triplefelder nicht. Aber das Bulls Eye hat einen sehr markanten Klang. Im Vergleich zu den umliegenden
Feldern ist es ein relativ hoher Ton.

Kevin Barth hört, ob ein Pfeil oben oder unten auf dem Board landet. Bild: Getty Images Europe

Du hast dafür gut zehn Jahre gebraucht. Glaubst du, dass es dir möglich ist, irgendwann auch die Triple-Felder herauszuhören?
Das weiss ich nicht. Eher nicht. Denn die Mikrofone sind unterschiedlich eingestellt und nicht darauf ausgerichtet, dass man hört wohin der Pfeil fliegt, sondern nur ob er drauf ist oder nicht. 

Erkennst du eine sich anbahnende 180?
Ja, meistens. Wie gesagt, höre ich zum einen auf den Caller, aber dann auch auf das Publikum und ich achte auf viele weitere Faktoren. Wirft ein Spieler die ersten beiden Darts ins Triple-20-Feld, kann man das nicht verpassen.

Kannst du die Spieler am Wurfrhythmus erkennen?
Nein, das geht nicht. Natürlich höre ich, ob einer schneller oder langsamer wirft. Aber die Spieler ändern ihren Rhythmus ja auch während der Partie.

Und wer wirft die Darts am schärfsten?
Das kann ich auch nicht hören. Ich kann Spieler nicht aufgrund des Wurfbildes identifizieren.

Leute, hört zu! Bild: SEAN DEMPSEY/EPA/KEYSTONE

Hast du beim Darts irgendwo Vorteile gegenüber Sehenden?
Ihr müsst besser zuhören. Ich war jetzt sechs Tage in London. Einmal warf einer zu Beginn 180 und in der zweiten Serie nach zwei Triple-20ern eine einfache 20. Der Caller sagte dies so mit 140 an. Aber das ganze Publikum johlte, als wäre er noch immer auf dem Weg zum Nine-Darter. Die 3000 Leute in der Halle dachten auch noch bei Darts Nummer 7 und 8, dass sie hier gleich ein perfektes Spiel erleben würden. Hätten sie ihre Ohren geöffnet, sie hätten sich die ganze Aufregung sparen können.

Gibt es nicht «einfachere» Sportarten für dich?
Ich finde, Darts kann ich am besten verfolgen. Ich weiss zu jeder Zeit, was passiert. Beim Fussball passiert zu viel.

Verfolgst du Fussball noch?
Darts hat Fussball klar überholt. Ich empfinde im Fussball eine gewisse Sättigung. Es läuft immer. Zudem mag ich Einzelsport einfach besser. Finde ich hier einen Spieler gut, kann ich den ein Leben lang unterstützen. Würde beim Fussball ein ungeliebter Kicker in «mein» Team wechseln, müsste ich ihn plötzlich gut finden. Oder hätte einen Konflikt mit mir.

Wer ist denn dein Lieblingsspieler an der WM?
Den gibt es nicht. Ich kenne mittlerweile so viele Spieler und habe sie schätzen gelernt. Vor der WM hatte ich sicher eine zweistellige Anzahl Spieler, denen ich die Daumen drückte.

Kein deutscher oder österreichischer Spieler, den du besonders magst?
Ich habe insbesondere zu den österreichischen Spielern ein gutes Verhältnis. Aber es ist nicht wichtig, woher jemand kommt. Als ich mit Darts begann, war weit und breit noch kein deutschsprachiger Spieler. Im Darts ist es egal, welche Nationalität einer hat. Der Holländer Raymond van Barneveld wird hier von der ganzen Halle gefeiert, auch wenn er gegen einen Engländer spielt. Das macht es so besonders.

Wie stellst du dir Michael van Gerwen vor?
Ich weiss, dass er eine Glatze als Markenzeichen hat. Alles andere ist schwierig. Klar, Dartsspieler sind meist korpulent. Aber aufgrund meiner Sehbehinderung interessieren mich Äusserlichkeiten nicht. Sein Gebrüll nach guten Würfen, Leg- oder Satzgewinnen nervt mich manchmal.

Michael van Gerwen: Die Glatze als Markenzeichen, das Gebrüll störend. Bild: Getty Images Europe

Und Peter Wright?
Er hat sich mit seinen Frisuren und seinem Auftreten einen Namen gemacht. Ich find's albern. Aber solange er gutes Darts spielt, ist das okay. Darts ist eine Mischung aus Sport und Event. Wer damit nicht klar kommt, ist hier falsch.

Barth beim Interview mit Raymond van Barneveld: «Durch seinen Händedruck spürte ich, wie gross er ist.» bild: Klaus barth

Du hattest an der WM einen Auftritt als Co-Kommentator bei «Sport1». Dürfen wir uns auf mehr von dir freuen?
An dieser WM leider nicht. Aber auch «Sport1» hat mitbekommen, dass ich gut ankam. Es ist mein Traum, mit Journalismus und Darts den Lebensunterhalt zu verdienen. Daran arbeite ich weiter. Aktuell schreibe ich für «dartn.de», das grösste deutschsprachige Darts-Portal. Ich möchte den Sport im deutschsprachigen Raum weiterbringen.

Letzte Frage: Wer wird Weltmeister?
Der Sieger der Partie Phil Taylor gegen Raymond van Barneveld.

Das Interview wurde vor den Viertelfinals geführt. Van Barneveld schlug dort den 16-fachen Weltmeister Taylor. Er trifft am 1. Januar im Halbfinal auf Landsmann Michael van Gerwen.

Umfrage

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  • 20%Gary Anderson
  • 9%Peter Wright
  • 45%Michael van Gerwen
  • 27%Raymond van Barneveld

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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