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Interview

SFL-Boss Claudius Schäefer über Fan-Gewalt, Impfquote und FIFA-Willkür

Quality Repeat: Claudius Schaefer, CEO Swiss Football League SFL, informiert waehrend einer Medienkonferenz ueber das weitere Vorgehen in den Fussball-Meisterschaften als Folge des Coronavirus, am Mon ...
Claudius Schäfer führt seit 2012 als CEO die Swiss Football League.Bild: KEYSTONE
Interview

Liga-Boss Schäfer: «Ohne intensive Prävention nützt die härtere Gangart wenig bis nichts»

Die Pyro-Angriffe von FCZ-Chaoten nach dem Derby auf unbeteiligte GC-Fans hallen nach. Die Liga befasst sich derzeit mit der Idee, Gästefans künftig auszuschliessen. Claudius Schäfer verrät, welche Optionen es sonst noch gibt, um das Gewaltproblem in den Griff zu kriegen.
31.10.2021, 13:35
François Schmid-Bechtel / ch media
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Küchenlampe nennt er das Designer-Ding, das an der Decke seines Büros in Bern hängt. Etwas Leichtigkeit hat sich Liga-Chef Claudius Schäfer auch in diesen schwierigen Tagen bewahrt. Aber noch bevor wir uns setzen, weicht das Lachen einem ernsten Zug und der 49-Jährige sagt bestimmt: «Nach den Vorkommnissen beim Zürcher Derby erwarte ich ein deutliches Signal aus den Fankurven.»

Sie spielen den Fans den Ball zu. Was erwarten Sie nun von ihnen?
Claudius Schäfer: Ganz einfach: Sie sollen sich an die Regeln halten. Sie sollen dafür sorgen, dass wir zwar emotionale, aber gewaltfreie Spiele erleben dürfen. Und wir wollen, dass sich Familien nicht eingeschränkt fühlen oder gar aus Sorge um die Sicherheit auf den Matchbesuch verzichten. Das wäre fatal.

Eigentlich normale Verhaltensregeln. Aber können sich Chaoten überhaupt normal verhalten?
Man soll Erwartungen immer hoch ansetzen. Wir wissen, dass in den Fankurven viele ganz junge Menschen sind. Die wollen Grenzen ausloten. Aber das darf nicht so weit gehen, dass sie zu Delinquenten werden. An diesem Punkt müssen wir eingreifen.

Was meinen Sie mit eingreifen?
Wir haben Massnahmen, die wir gemeinsam mit den Behörden erarbeitet haben und die zielführend und umsetzbar sind wie Rayonverbot und Meldepflicht. Diese Massnahmen sind bewusst gegen das straffällige Individuum gerichtet, weil wir grundsätzlich keine Kollektivstrafen wollen. Wenn die Gewalt ein Level erreicht wie beim Zürcher Derby, wo die körperliche Integrität von Unbeteiligten im höchsten Mass gefährdet war, müssen wir über weitere Massnahmen wie die Schliessung der Gästesektoren diskutieren.

Das heisst: Die Fans sind auf Bewährung. Für wie lange?
Nein, das soll nicht als Ultimatum rüberkommen. Wir diskutieren in den nächsten sechs Wochen, wie wir weitergehen sollen. Aber klar: die Schliessung der Gästesektoren ist eine Option.

Warum nicht konsequenter? Was hält Sie von einem Ultimatum ab?
Es geht jetzt nicht darum, auf ein nächstes, inakzeptables Ereignis zu warten.

Können die Fans mit gutem Verhalten die Schliessung der Gastsektoren noch verhindern?
Wir wissen, dass sich die grosse Mehrheit der Fans an die Regeln hält uns ihre Klubs unterstützt. Aber wir hören nach Vorfällen selten etwas von den organisierten Fankurven.

Gibt es überhaupt Unbeteiligte in den Fankurven?
Da sind wir in einer schwierigen Diskussion. Ist man Teil davon, wenn man passiv dabei ist, beobachtet und nichts dagegen unternimmt? Ich bedaure aber, dass die Fanklubs nicht zumindest eine klare Haltung kommunizieren. Gegen aussen ist das eine sehr verschwiegene Gemeinschaft.

FCZ-Fans werfen Pyros in den GC-Sektor.
FCZ-Fans werfen Pyros in den GC-Sektor.bild: imago-images.de

Es deutet aber viel darauf hin, dass wie beim Zürcher Derby Krawallbrüder im Teenager-Alter von älteren Anführern orchestriert werden, die in der Fankurve den Schutz der Anonymität finden.
Das kann ich nicht kommentieren, weil uns von der Liga der Zugang zum inneren Zirkel der Fans fehlt. Was wir von den Klubs häufig mitbekommen ist deren Ohnmacht, weil sie immer wieder von den eigenen Fans enttäuscht werden.

Die Chaoten tanzen der Liga, dem eigenen Klub und der Justiz auf der Nase rum. Es braucht eine härtere Gangart.
Schauen Sie nach Frankreich, einen ziemlich repressiven Staat, wo die Staatsgewalt sehr schnell eingreift, wie der Mob bei den Spielen trotzdem tobt. Ohne intensive Prävention nützt die härtere Gangart wenig bis nichts.

Der Ruf, auch aus der Politik, wird wieder laut nach personalisierten Tickets. Mir erschliesst sich nicht, wie personalisierte Tickets Krawalle wie beim Zürcher Derby verhindern sollen.
Das erschliesst sich mir bis anhin auch nicht, aber vielleicht werde ich eines Besseren belehrt. Das Thema behandeln wir in einer Task-Force, wo wir in jene Länder mit personalisierten Tickets schauen. Wir wollen herausfinden, welchen Nutzen die personalisierten Tickets dort hatten.

Personalisierte Tickets haben doch nur einen Nutzen, wenn es ausschliesslich Sitzplätze gibt.
Wir werden das genau analysieren.

Die letzte Konsequenz wäre die Polizei im Fansektor.
Die Polizei schliesst das aus.

Wieso?
Dafür bin ich nicht der richtige Ansprechpartner. Eine stehende, sehr wirkungsvolle Massnahme der Behörden wäre die Meldeauflage, wo ein Delinquent sich während eines Spiels bei der Polizei melden muss und ihm daher der Matchbesuch verwehrt bleibt. Es gibt Standorte, wo nicht einmal zehn Meldeauflagen existieren. Meiner Meinung nach ist dieses Instrument das wirkungsvollste gegen Gewalt im Umfeld des Fussballs. Es trifft einzig die fehlbare Person. Dieses Instrument muss konsequenter angewendet werden. Leider wird die Meldeauflage aus Kostengründen und wegen fehlendem Personal häufig nicht umgesetzt.

Deshalb können jene mit Stadionverbot im Fanzug mit zum Auswärtsspiel reisen.
Hier sprechen wir vom Rayonverbot, welches aus rechtlichen Gründen leider nicht auf die Züge ausgedehnt werden kann.

In Sion versuchte man es mit personalisierten Tickets. Weil die Zuschauerzahlen einbrachen, hat man nach kurzer Zeit dem Druck der Fans wieder nachgegeben.
Wir haben es immer kritisiert, dass die Walliser Regierung hier einen Alleingang lanciert hat. Die Vergangenheit hat uns gelehrt: Wenn ein Standort allein eine Massnahme eingeführt hat, kam es selten gut. Und was stand auf dem Ticket? Allein der Name. Wenn vier Pierre Dubois am Match sind, ist es schwierig. Die Umsetzung einer solchen Massnahme ist ein längerer Prozess und geht nicht von heute auf morgen.

Les deux equipes en action lors de la rencontre du championnat de football de Super League entre le FC Sion et le FC Basel 1893 le dimanche 17 octobre 2021 au stade de Tourbillon a Sion. (KEYSTONE/Jea ...
Das Sion-Experiment hat nicht gefruchtet.Bild: keystone

Sie drohen mit der Schliessung der Gastsektoren. Sind die Klubs bereit, auf Ticketeinnahmen zu verzichten?
Die Klubs zahlen auch sehr hohe Sicherheitskosten. Diese sind so hoch wegen der Gästefans. Es gibt Klubs, die uns mitteilen: «Wenn wir die Rechnung machen, müssen wir nicht überlegen, ob wir noch Gästefans wollen.»

Welche Klubs?
Darauf will ich nicht weiter eingehen.

Fühlen Sie sich unter Druck?
Wenn ich mich nach einem Ereignis wie jenem beim Zürcher Derby nicht unter Druck fühlte, wäre ich am falschen Ort. Ja, wir fühlen uns unter Druck. Schliesslich tragen wir einen Teil der Verantwortung, um den Fans einen möglichst sorglosen und schönen Event zu bieten.

Themawechsel: Wie viele Spieler in der Super League sind geimpft?
Rund 80 Prozent. In der Challenge League sind es 65 Prozent.

Wieso der Unterschied?
Das hängt mit Stade Lausanne Ouchy zusammen. Deren Spieler Michael Perrier erlitt drei Wochen nach der Impfung einen Herzstillstand, was viele seiner Mitspieler davon abgehalten hat, sich impfen zu lassen. Fakt ist: Bei Stade Lausanne Ouchy sind nur zwölf Prozent geimpft.

Stade-Lausanne-Ouchy's players celebrates their first goal after scoring the 0:1, during the Challenge League soccer match of Swiss Championship between Yverdon Sport FC and FC Stade-Lausanne-Ouc ...
Die Impfskepsis bei Stade Lausanne-Ouchy ist besonders hoch.Bild: keystone

80 Prozent in der Super League: Sind sie damit zufrieden?
Nein. Die Quote müsste höher sein.

Wieso?
In der Bundesliga sind offenbar 90 Prozent geimpft. Mit allen den negativen Erfahrungen, die wir in der letzten Saison gemacht haben, sollte eigentlich klar sein, dass ein kranker Spieler nicht nur sich selber, sondern den ganzen Spielbetrieb gefährdet. Immerhin: Mit 80 Prozent kann man einen weiteren Quarantäne-Fall eigentlich ausschliessen. Ausser, es kommt eine neue Variante oder zu vielen Impfdurchbrüchen.

Etliche Sportler tun sich mit dem Impfen schwer, weil sie befürchten, ihr hochgezüchtetes physisches System würde aus dem Gleichgewicht geraten. Können Sie das nachvollziehen?
Diesen Schluss würde ich nicht ziehen. Aber jeder Mensch darf selber entscheiden, auch wenn mir nicht jeder Entscheid gefällt.

Die 20 Prozent, die nicht geimpft sind: Gibt es für diese Gruppe irgendeinen Nenner? Sind das eher junge oder ältere Spieler?
Ich kenne die Namen der Spieler nicht. Bei Spielern aus anderen Kulturkreisen herrscht anscheinend eher mehr Skepsis gegenüber dem Impfen vor als bei Spielern aus unserem Kulturkreis.

Themawechsel: FIFA-Präsident Gianni Infantino will alle zwei Jahre eine WM durchführen. Was halten Sie von dieser Idee?
Nichts.

Wieso?
Für unsere Liga wäre das gefährlich. Die FIFA verspricht zwar, es gäbe weniger Nationalmannschafts-Termine. Aber das stimmt so nicht. Es wären zwar nur noch ein oder zwei Nationalmannschafts-Fenster pro Jahr vorgesehen. Aber diese würden länger dauern. Es gäbe zum Beispiel den ganzen Oktober kein Liga-Spiel.

Ist das alles, was Sie kritisieren?
Nein. Nehmen wir die wirtschaftliche Seite. Wenn man den grössten Sportevent der Welt statt alle vier alle zwei Jahre durchführt, wird ein Abzug von Marketing-, TV-, und Sponsoringgeldern stattfinden. Und wo fliesst dieses Geld ab? Bei den kleinen und mittleren Playern, Ligen wie unsere.

Champions League gibt es auch jedes Jahr und sie funktioniert.
Ja, weil sie einen fixen Platz im Kalender hat. Aber auch dort gibt es Überlegungen, die nicht zu unseren Gunsten sind. Die UEFA will die Champions League ab 2024 von sechs auf zehn Gruppenspiele expandieren.

Also ist UEFA-Präsident Aleksander Ceferin doch nicht der Robin Hood des Fussballs, als den er sich gerne darstellt, wenn er Infantinos Pläne torpedieren will.
Nein, das ist er definitiv nicht. Ich kann bis heute nicht verstehen, dass ein paar Klubs allein aufgrund ihrer Erfolge aus der Vergangenheit in der Champions League teilnehmen dürfen, während Meister aus kleineren Ligen beinahe chancenlos sind, in den erlauchten Kreis vorzudringen. Dabei haben die grössten Ligen längst erkannt, dass es ohne innereuropäische Solidarität nicht geht.

Wie beelendend ist es für Sie, wenn quasi jedes Jahr entweder von der FIFA, der UEFA oder den europäischen Top-Klubs neue Ideen und Pläne entworfen werden, die den Schweizer Klubs eher Nachteile verschaffen?
Es ist schwierig, aber nicht überraschend. Gemeinsam mit anderen Ligen konnten wir aber schon vieles abwenden und Verbesserungen erreichen. Wir müssen grundsätzlich vor allem auf uns schauen und mit Hochdruck die Chancen nutzen, welche die Digitalisierung bietet, um das junge Publikum zu gewinnen, das ein ganz anderes Nutzungsverhalten hat. Dazu gehört auch unser Produkt weiterzuentwickeln und neue, attraktivere Formate zu prüfen.

Heisst das, Spiele der Super League gibt’s künftig auf TikTok?
Der TV-Vertrag läuft noch diese und die nächsten drei Saisons. Was danach kommt, weiss niemand. Die Entwicklungen sind in diesem Bereich rasant. Ich verschliesse mich neuen, allenfalls sogar eigenen Plattformen nicht. Die Risiken müssen sich aber in Grenzen halten. Denn wir sprechen von unserer wichtigsten Einnahmequelle.

Apropos Format: Vor erst eineinhalb Jahren haben sich die Klubs gegen eine Modus-Änderung ausgesprochen.
Schon, aber die Alternative war noch nicht zu Ende gedacht. Zudem waren wir damals in der ersten Corona-Welle. Also keine guten Voraussetzungen, um etwas zu verändern. Aber wir müssen das Thema wieder aufnehmen und dabei sowohl über eine Aufstockung der Super League als auch einen neuen Modus diskutieren.

Auch über eine geschlossene Liga? Schliesslich würde durch die Abschaffung des Abstiegs ziemlich viel Druck abfallen, was sich auch auf das Verhalten der Fans auswirken kann.
Mag sein. Ich bin offen für vieles. Auch wenn immer wieder gesagt wird, der Abstieg gehöre zur europäischen Fussball-Kultur. Schliesslich galt vor nicht allzu langer Zeit das Wort Playoff im europäischen Fussball als No-Go. Heute ist das anders.

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19 Kommentare
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Dan Rifter
31.10.2021 17:34registriert Februar 2015
Die militanten Teile der Südkurve können in Ihrer Organisation als Bandenkriminalität bezeichnet werden, die Strukturen sind def. mit der Mafia oder mit Motorradgangs zu vergleichen.

GC-Fans werden auf offener Strasse angegriffen, es gibt "Hausbesuche" .. erwartet man ernsthaft, dass moderate Fans sich mit denen anlegen?

Im Stadion ist die Identifikation fast unmöglich.
Imho ist eine Infiltrierung via langfristig angelegter Undercoveraktion die einzige Option, die Rädelsführer zu packen.
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