Weshalb die Reform-Pläne der National League der Gipfel der Arroganz sind
Wenn man gedacht hat, dass der unselige Machtkampf zwischen der National League und dem Verband, beziehungsweise der Swiss League, seinen Höhepunkt erreicht hat, wird man wieder eines Besseren belehrt. Die höchste Schweizer Eishockey-Liga lancierte am Freitag seine neuesten «Reformpläne». Doch statt die Swiss League, welche sich in den letzten Jahren zum ungeliebten Stiefkind mit bescheidenen Perspektiven entwickelt hat, wieder irgendwie ins Boot zu holen, hat die NL sprichwörtlich den Hammer hervorgeholt, um die letzten Sargnägel einzuschlagen und der zweithöchsten Liga endgültig die Existenzgrundlage zu entziehen.
Die Idee in aller Kürze: Die Swiss League soll mit den ältesten Juniorenteams (U21 Elite) der National-Ligisten (ohne Ajoie) auf 24 Teams aufgestockt werden. Aus den aktuellen U21-Equipen sollen U23-Teams werden, welche mit zwei Verstärkungen (ältere Spieler oder Ausländer) ergänzt werden können. Das heisst, dass die verbleibenden SL-Traditionsteams wie Visp, Sierre, Olten, La Chaux-de-Fonds, Basel oder Thurgau in Zukunft mehrheitlich gegen verstärkte Juniorenmannschaften antreten müssten.
Ein kommerzielles Desaster mit Ansage
Was einerseits sportlich höchst unattraktiv ist. Und andererseits vor allem kommerziell ein Desaster wäre. Schon jetzt sind die Duelle gegen Farmteams wie die GCK Lions oder Bellinzona Publikumskiller sondergleichen. Gemäss dem Vorschlag der National League würden in Zukunft also weitere, zahllose Meisterschaftsspiele unter dieser Prämisse stattfinden. Kurz: Ein Produkt, welches sich jetzt schon kaum mehr vermarkten lässt, würde noch mehr erodieren, weil die Zuschauer sich das nicht mehr anschauen wollen. Den wenigen, ambitionierten Teams aus den traditionellen Eishockeymärkten würde noch mehr die Luft abgeschnürt. Zumal die National League schon droht, dass sie im Falle einer Weigerung zur Kooperation ganz einfach eine eigene Farmteamliga mit lauter U23-Teams gründen würde.
Man mag nun einwenden, dass die Swiss Ligisten aktuell auch von der Alimentierung durch Leihspieler aus der NL profitieren – es dürften deren 100 sein in der laufenden Saison. Wie zum Beispiel der EHC Olten durch die Zusammenarbeit mit dem EHC Biel. Diese «Subvention» würde natürlich wegfallen, weil die NL-Teams ihre Spieler in den eigenen Gefässen behalten könnten. Die SL-Mannschaften müssten folglich wieder einen kompletten (Halb-)Profi-Kader selber stemmen, was zweifellos ein finanzieller Stresstest für die sowieso schon belasteten Budgets bedeuten würde.
Sind die Swiss-Ligisten den Launen der National League also einmal mehr komplett ausgeliefert und machtlos? Mitnichten! Die ambitionierten SL-Teams haben zwar von der Unterstützung durch die NL-Teams profitiert, denen aber auch massiv geholfen bei der Ausbildung der Spieler. Im kompetitiven Umfeld des EHC Olten haben sich beispielsweise Bieler Talente wie Niklas Blessing oder neu Mark Sever zu valablen Stammspielern in der höchsten Liga entwickelt. Und das ist ja das eigentliche Ziel der NL-Klubs.
Ob dieser Prozess in einer eigenen U23-Liga auch funktioniert, muss man stark anzweifeln. Spieler wachsen vor allem, wenn sie in einer ambitionierten Liga gefordert werden und in Drucksituationen in vollen Hallen performen. Wie aktuell in den Swiss-League-Playoffs. Ganz zu schweigen von den finanziellen Verlusten, die sich die NL-Teams unweigerlich einbrocken werden. Einnahmen lassen sich auch in einer aufgepimpten Juniorenliga keine generieren, Und allfällige Verstärkungsspieler werden auch nicht gratis vor leeren Rängen spielen wollen. Da brauchts dann ein ordentliches Schmerzensgeld in Form von gut dotierten Verträgen.
Der Schweizerische Eishockeyverband ist gefordert
Eine solche «Inzucht-Liga» wäre jedenfalls der nächste, herbe Rückschlag für die sowieso schon darbenden Schweizer Eishockey-Junioren. Auch aus dieser Optik ist der nächste Alleingang der National League der neuerliche Gipfel der Arroganz. Womit jetzt vor allem der Schweizerische Eishockeyverband (Swiss Icehockey) gefordert ist. Der Verband muss unter der Führung von Präsident Urs Kessler zwingend die Zügel in die Hand nehmen und endlich eine tragfähige Lösung für die Zukunft der Swiss League präsentieren – in Zusammenarbeit mit der drittklassigen MyHockey-League. Wobei diesbezüglich aber auch die Swiss-Ligisten kompromissbereit sein müssten. Es muss auch in deren Interesse sein, dass Teams wie Langenthal, Seewen oder Thun Gefallen an so einer Liga finden würden. Oder wieso nicht versuchen, Klubs aus dem grenznahen Ausland zu integrieren? Alle Optionen müssen geprüft werden.
Dieser Prozess muss unabhängig von den masslos überheblichen Sonnenkönigen der National League laufen. Die haben einen weiteren, eindrücklichen Beweis geliefert, dass sie nur an etwas denken: an sich selbst. Und absolut kein Interesse daran haben, die Swiss League als zweite Profiliga in der Schweiz in irgendeiner Form ernst zu nehmen. Am Ende hat man sowieso nur ein Ziel: eine geschlossene Liga. Weit ist man nicht mehr davon entfernt. (aargauerzeitung.ch)
