Sport
Kommentar

Olympia: So hat watson-Kolumnist Klaus Zaugg Rio erlebt

epa05493449 With temperatures reaching over 30 degrees is Rio de Janeiro specators at the viewing area on the beach of Guanabara Bay pose for pictures at the Olympic rings as they wait for wind during ...
Das wahre Brasilien: watson-Kolumnist Klaus Zaugg hat es gefunden.Bild: NIC BOTHMA/EPA/KEYSTONE
Kommentar

Warum Rio 2016 unseren Autor (ein bisschen) verändert hat

Was bleibt als eindrücklichste Erinnerung an die Spiele von Rio? Nein, es sind nicht die flüchtigen Begegnungen mit grossen olympischen Helden wie Michael Phelps oder Usain Bolt. Es sind Erfahrungen abseits der grossen Arenen.
22.08.2016, 10:4422.08.2016, 10:50
klaus zaugg, rio de Janeiro
Mehr «Sport»

Ich habe bei Olympia ein Privileg genossen. Nicht das Privileg, als akkreditierter Chronist Zugang zu allen Stadien und zu den sogenannten «Mix-Zonen» zu haben – dort, wo die Helden Red und Antwort stehen. Oder das Privileg, mich mit unseren Funktionären und sportlichen olympischen Lichtgestalten auseinandersetzen zu dürfen. Es ist ein anderes Privileg.

Ich musste nicht jeden Tag mit dem offiziellen Bus wie in einer Raumstation, isoliert vom richtigen Leben, vom Hotel ins Medienzentrum im Olympia-Park fahren. Ich durfte immer wieder den «Planeten Olympia» verlassen. Diese irreale Welt, die mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat. Und das hat mir ein wohltuendes olympisches Erlebnis beschert.

REFILE 2016 Rio Olympics - Olympic Park - Rio de Janeiro, Brazil - 31/07/2016. General view of the Olympic Park venues. REUTERS/Kevin Coombs
Blick auf den Olympia-Park von Rio.Bild: KEVIN COOMBS/REUTERS

Nach ein paar Tagen hatte ich dank den modernen, im Hosentelefon eingebauten Navigationsgeräten, einen Fussweg vom Hotel zum olympischen Park und zum Medienzentrum gefunden. In der Regel sind die Hotels an solchen globalen Anlässen wie Olympischen Spielen zu weit weg von den Arbeitsorten, um die Strecken zu Fuss zurückzulegen. Aber in Rio war es möglich.

Nie in böse Gesichter gesehen

Fortan verzichtete ich auf den offiziellen Transport vom und zum Hotel. Eine gute halbe Stunde Fussmarsch, rund 7000 Schritte zwischen den Welten, die in Rio für ein paar Wochen aufeinandergetroffen sind. Ein Zusammenstoss der Welten, der glücklicherweise nicht so dramatische Folgen zeitigt wie in Immanuel Velikovskys gleichnamigem Buch über globale Katastrophen.

Erst bei gleissendem Scheinwerferlicht vom Medienzentrum – von wo aus es mit dem offiziellen Transport zu den einzelnen Arenen geht – durch den Parco Olimpico, dann über den von fröhlichen Menschen gesäumten Vorplatz. Nach und nach entschwinden die Lichter. Es bleibt nur ein Trottoir unter der fahlen Beleuchtung einer Schnellstrasse.

epa05495195 A general view shows garbage, waste water and raw sewage, among the many waterfalls and channels that run openly next to the crowded dwellings in Rocinha Favela, threatening the health of  ...
Ein Blick hinter die Kulissen von Rio de Janeiro.Bild: BARBARA WALTON/EPA/KEYSTONE

Entlang an den stacheldrahtgekrönten Mauern einer Militärbasis mit lässigen, schwer bewaffneten Wachposten, anschliessend auf einem Trampelpfad vorbei an einer Busstation, zerfallenden Häusern, verrotteten Reklametafeln und einer stinkenden Lagune, deren penetranter Gestank mich bis in den Schlaf hinein verfolgt und in den Kleidern haften bleibt. Und schliesslich bei einer Fussballschule um die Ecke zum Hotel.

Jeden Tag sind die olympischen Dramen und Triumphe durch die flüchtige Begegnung mit einer rauen Wirklichkeit relativiert worden. Im Hotel hat man mir von diesen Wanderungen abgeraten. «Sie sollten hier nicht zu Fuss gehen, nehmen Sie den Bus oder ein Taxi.» Ich bin trotzdem zu Fuss gegangen. Immer wieder sind mir bei später Heimkehr in der Nacht unterwegs Menschen begegnet. Ich habe freundliche, manchmal melancholische und traurige, aber nie in böse Gesichter gesehen.

Vergessener Rucksack mit Happy End

Bei der Abreise – ich reise jeweils vor dem letzten Tag ab, um dem Chaos auszuweichen – habe ich im Taxi zwar meine beiden Koffer ausgeladen und den Fahrer mit dem restlichen brasilianischen Notengeld aus der Brusttasche meines Hemdes lässig und grosszügig bezahlt. Aber meinen Rucksack mit allen Kreditkarten, dem Portemonnaie, allerlei Papieren und dem Laptop auf dem Rücksitz vergessen. Was nun?

Ich wusste weder das Nummernschild des Autos noch Name oder Telefonnummer des Taxiunternehmens. Das Hosentelefon hatte ich noch. Die Botschaft oder das Hotel anrufen? Nein. Die Zeit, um dorthin zu gehen, war zu knapp. Es blieben mir nur noch rund anderthalb Stunden Zeitreserve. Ich sagte mir, dass der Fahrer meinen Rucksack bald bemerken und, von meinem grosszügigen Trinkgeld milde gestimmt, zurückkehren wird. Es war meine einzige Chance.

epa05476653 A taxi passes by in light rain along a street during the Rio 2016 Olympic Games in Rio de Janeiro, Brazil, 12 August 2016. Media reports that taxi drivers are planning to strike over the u ...
Mit dem Taxi in Rio unterwegs.Bild: OLIVIER HOSLET/EPA/KEYSTONE

Also wartete ich dort, wo er mich am Flughafen abgesetzt hatte und schwitzte nicht nur wegen der heissen Sonne. Nach einer guten Stunde kehrte er zurück, fröhlich lachend und übergab mir den Rucksack. Er hat noch einmal ein Trinkgeld bekommen – und wollte es nicht einmal annehmen. Er hat es nicht wegen der Aussicht aufs Trinkgeld getan. Er war ganz einfach hilfsbereit.

Ich denke, auch das ist das wahre Brasilien. Es ist eine positive Lebenshaltung, die es erst möglich macht, einen schwierigen Alltag zu meistern. Es gibt nicht nur die brasilianische Wirklichkeit, die wir aus düsteren, aufgebauschten, auf Sensation zugespitzten Medienberichten kennen.

Nun habe ich mir vorgenommen, künftig darauf zu achten, freundlicher zu sein. Wenn Menschen freundlich und fröhlich sind, die es in ihrem Alltag unendlich schwerer haben, kann ich es auch. Nicht in der Beurteilung der Leistungen der SCL Tigers, der ZSC Lions oder des SC Bern natürlich. Aber im Alltag.

Die schönsten Bilder der Abschlussfeier in Rio

1 / 13
Die schönsten Bilder der Abschlussfeier in Rio
Noch ein letztes Mal verwandelte sich das Maracanã in eine Festhütte.
quelle: ap/ap / mark humphrey
Auf Facebook teilenAuf X teilen

Unvergessene Olympia-Momente: Sommerspiele

Alle Storys anzeigen

Hol dir jetzt die beste News-App der Schweiz!

  • watson: 4,5 von 5 Sternchen im App-Store ☺
  • Tages-Anzeiger: 3,5 von 5 Sternchen
  • Blick: 3 von 5 Sternchen
  • 20 Minuten: 3 von 5 Sternchen

Du willst nur das Beste? Voilà:

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
9 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
anonymer analphabet
22.08.2016 11:32registriert April 2016
Schöner Bericht, merci! Freundlich zu sein kostet nichts und macht das Leben schöner :-)
530
Melden
Zum Kommentar
avatar
Luca Brasi
22.08.2016 10:57registriert November 2015
Ein etwas anderer Blick auf den Austragungsort Rio. Gefällt. ;)
391
Melden
Zum Kommentar
avatar
stookie
22.08.2016 13:39registriert Oktober 2014
Danke für diesen wundervollen Schlusssatz:
"Nun habe ich mir vorgenommen, künftig darauf zu achten, freundlicher zu sein. Wenn Menschen freundlich und fröhlich sind, die es in ihrem Alltag unendlich schwerer haben, kann ich es auch."
291
Melden
Zum Kommentar
9
Murat Yakin ist der ideale Nationaltrainer, weil er auch das grosse Bild sieht
Am Freitag wurde der Vertrag mit Murat Yakin um zwei Jahre verlängert. Warum das eine gute Nachricht ist für den Schweizer Fussball.

Was war das für ein hörbares Aufatmen im Fussballverband, nachdem Murat Yakin im August 2021 die Fussball-Nati übernommen hat. Die toxische Stimmung aus Misstrauen und Kontrolle, die unter Vladimir Petkovic geherrscht hatte, war wie weggeblasen. Yakin kam, gliederte sich ein, nahm sich nicht zu wichtig und gab allen um ihn herum das Gefühl, sich innerhalb der Leitlinien frei bewegen zu können. Das Resultat: Die Nati setzte sich im Kampf um das WM-Ticket gegen Europameister Italien durch.

Zur Story