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Reiten: Janika Sprunger nicht für Einzelkonkurrenz nominiert

2016 Rio Olympics - Equestrian - Preliminary - Jumping Individual Qualification - Olympic Equestrian Centre - Rio de Janeiro, Brazil - 16/08/2016. Janika Sprunger (SUI) of Switzerland riding Bonne Cha ...
Janika Sprunger während der Einzel-Qualifikation mit Bonne Chance.Bild: TONY GENTILE/REUTERS
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Janika Sprunger darf nicht um eine Medaille reiten – ein Skandal? Leider nein

Welch eine bittere Ironie. Das edle Pferd heisst «Bonne Chance». Aber es bringt seiner Reiterin kein Glück. Janika Sprunger darf heute Freitag nicht zum Einzel antreten. Es geht ihr wie ihrem berühmten Klein-Cousin Julien Sprunger.
19.08.2016, 08:0819.08.2016, 16:26
klaus zaugg, rio de janeiro
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>>> Wir tickern den Einzelwettbewerb heute ab 15 Uhr live!

Reitergeneral Andy Kistler hat die unpopulärste aller Varianten gewählt. Janika Sprunger darf nicht um eine Medaille reiten. Gegen die Frau. Für die Männer. Steve Guerdat, Romain Duguet und Martin Fuchs sind nominiert.

Team Chef Andy Kistler of Switzerland is pictured at the "Furusiyya FEI Nationenpreis der Schweiz", during the second day of the CSIO Show horse jumping on Friday, June 3, 2016, in St. Galle ...
Hatte einen schwierigen Entscheid zu fällen: Der Schweizer Equipenchef Andy Kistler.Bild: KEYSTONE

«Es war ein schwieriger Entscheid. Alle vier hätten es verdient gehabt, um die Medaillen zu reiten», sagt der Equipenchef. «Ausschlaggebend war schliesslich das Abschneiden der Paare in der Nationenwertung vom Dienstag und Mittwoch». Fuchs und Duguet hatten sich in diesen Tagen je fünf Strafpunkte eingehandelt, Sprunger und Guerdat je neun Punkte. «Für mich war jedoch klar, dass Guerdat die Chance erhalten soll, seinen Titel von London 2012 zu verteidigen»

Zur Erklärung: In den drei bisherigen Ritten (Qualifikation plus zwei Durchgänge im Mannschaftswettkampf) waren alle vier punktgleich gewesen. Daher die heikle, einmalige Ausgangslage.

Den Entscheid hatte Andy Kistler kurz nach dem Mannschaftswettkampf noch in den Stallungen seinem Team mitgeteilt. Auch auf Druck der Beteiligten. Damit sich die nominierten besser auf das Einzelspringen vorbereiten und einstellen können. Die offizielle Bestätigung folgte jedoch erst am Donnerstagvormittag, nach dem «Vortraben» der Pferde. Ein letztes Mal wird geprüft, ob die edlen Tiere bereit sind und dann wäre im Falle eines Falles noch eine Korrektur des Aufgebotes möglich.

2016 Rio Olympics - Equestrian - Preliminary - Jumping Individual Qualification - Olympic Equestrian Centre - Rio de Janeiro, Brazil - 14/08/2016. Steve Guerdat (SUI) of Switzerland riding Nino Des Bu ...
Steve Guerdat bekommt mit Nino des Buissonnets die Chance, Olympia-Gold zu verteidigen.Bild: TONY GENTILE/REUTERS

In der Zwischenzeit hatte Janika Sprunger ihre Enttäuschung schon längst Facebook anvertraut. Dafür hat Andy Kistler Verständnis. «Sie hätte sich eigentlich daran halten sollen, dass der Entscheid noch intern bleibt. Aber grosse Sportlerinnen und Sportler sind enttäuscht, wenn sie ein Ziel nicht erreichen. Das muss so sein.» So lange es als Reaktion nicht zu einer persönlichen Beleidigung komme, sei alles in bester Ordnung.

«Das gehört zum Sport»

Dass Equipen-Coach Thomas Fuchs nicht nur der Vater des nun nominierten Martin Fuchs ist, sondern darüber hinaus der persönliche Trainer aller drei nominierten Reiter ist, macht den Entscheid brisant. Der Entscheid bekommt den Schwefelgeruch von Vetternwirtschaft und befeuert die Kritiker, die hinter vorgehaltener Hand monieren, der wahre Reitergeneral sei ja eigentlich Thomas Fuchs und Andy Kistler bloss sein «Stabschef», seine «Marionette».

Barcelona, 26.09.2015 - Pferdesport, Furusiyya FEI Nations Cup Final 2015, Springreiten Teamwertung, Thomas Fuchs (SUI) (Tomas Holcbecher/EQ Images)
Equipen-Coach Thomas Fuchs.Bild: Tomas Holcbecher

Der Entscheid also ein Skandal? Nein. Leider nein, aus der Sicht eines boshaften Chronisten. Andy Kistler liefert durch die höhere Bewertung der zwei Durchgänge im Mannschafts-Wettbewerb eine fachlich einwandfreie und diplomatisch kluge Begründung. Dass beim Entscheid Thomas Fuchs mit seiner sportlichen Kompetenz beteiligt war, ist logisch und wird vom Equipenchef auch nicht bestritten.

Andy Kistler trägt alles Gerede mit Grandezza. «Damit kann ich leben. So ist das halt bei einer Enttäuschung und wenn ich anders entschieden hätte, gäbe es ähnliche Reaktionen von der anderen Seite.» Auch Hansueli Sprunger, der Vater von Janika, akzeptiert den Entscheid. «Janika ist sehr enttäuscht. Es ist ein harter Entscheid. Aber das gehört zum Sport.» Gentlemen prägen den Reitsport. So einfach lässt sich keiner zu einer Polemik hinreisen.

Grössere Chancen als Gottéron

Janika Sprunger kommt aus einem grossen, sportbegeisterten Familienclan. Zu ihren 53 Cousins und Cousinen gehören die Geschwister Lea und Ellen Sprunger, die hier in Rio auch olympische Niederlagen erlitten haben. Lea schied über 400 m Hürden bereits im Vorlauf aus und Ellen mit der 4x100 m-Staffel ebenfalls im Vorlauf.

Am dramatischsten ist jedoch das Scheitern bei einem entfernten Verwandten, bei Janika Sprungers Klein-Cousin Julien Sprunger. Er ist einer der grössten Schweizer Hockeyspieler der letzten 25 Jahre. Aber auch ihm blieb bisher ein Triumph auf höchstem Niveau versagt. Mit Gottéron erreichte er zwar den Playoff-Final gegen den SC Bern – aber zum Titel reichte es nicht.

ZUR MELDUNG, DASS DER EISHOCKEY STUERMER JULIEN SPRUNGER EINEN NEUEN VERTRAG MIT DEM EISHOCKEY CLUB FRIBOURG-GOTTERON BIS FRUEHLING 2020 ERHAELT, STELLEN WIR IHNEN AM MONTAG 2.MAI 2016 FOLGENDES ARCHI ...
Gehört auch dem grossen Sprunger-Clan an: Gottéron-Captain Julien Sprunger, der Klein-Cousin von Janika.Bild: KEYSTONE

Gottéron ist noch nie Meister geworden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Janika Sprunger nun halt in vier Jahren eine olympische Medaille gewinnt, ist im Quadrat grösser als ein Meistertitel von Gottéron.

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29 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Citation Needed
19.08.2016 11:15registriert März 2014
Wer hat den Vorwurf der Benachteiligung einer Frau ins Spiel gebracht? Sprunger hat auf FB sehr gut reagiert (ich verdiente, im Final zu reiten, die andern aber auch).
Die Situation war einmalig (alle gleichplatziert) und der Vorzug für Guerdat als defending Champion nur logisch. Hätte Kistler Sprunger gewählt, weil sie eine Frau ist, dann wäre das falsch gewesen. Im unisex-Einzelsport ist wie in Kunst oder Unterhaltung die Person/Leistung oberstes Kriterium, nicht Geschlecht.
Es ist sehr schade und superhart für die betroffene Athletin, aber ungerecht ist es nicht.
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G3r1
19.08.2016 11:05registriert August 2016
Wahrscheinlichkeiten sind stets kleiner oder gleich eins und das Quadrat einer Zahl kleiner als eins wird noch kleiner; 0.5*0.5 = 0.25 im Fall.
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Fumo
19.08.2016 08:56registriert November 2015
Sie kann ja immer noch mit Cpt. Capslock und die Shift crew davon segeln ;)
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