Die «Belle Epoque» ist vorbei. Die Lichtgestalt Tom Lüthi (2005 vor Roger Federer zum «Schweizer Sportler des Jahres» gewählt) fährt nicht meh. Noah Dettwiler, der einzige Schweizer im GP-Zirkus, hat bis auf ein kleines Highlight beim GP der USA keinerlei Fortschritte gemacht. Der berühmteste von allen Schweizer Asphaltcowboys ist nach wie vor der alte Haudegen Dominique Aegerter (34), der einst vergeblich Tom Lüthi herausgefordert hatte.
All das erinnert uns verblüffend an unsere Tennis-Welt: Auch hier ist die «Belle Epoque» längst Geschichte. Die Lichtgestalt Roger Federer spielt nicht mehr. Dominic Stricker (22), das grösste Talent, hat bis auf ein kleines Highlight beim US Open keine Fortschritte mehr gemacht. Der alte Haudegen Stan Wawrinka (39), der einst vergeblich Roger Federer herausgefordert hatte, ist nach wie vor der berühmteste von allen.
Noah Dettwiler hat in seiner ersten GP-Saison in der wilden Moto3-WM nur ein einziges Mal WM-Punkte geholt: Als 14. beim GP der USA. Sonst sind ihm keine Klassierungen in den Top 15 gelungen. In 20 Rennen ist er nur sieben Mal unter die ersten 20 gefahren und im WM-Schlussklassement belegt er Rang 25. Keinerlei Fortschritte seit seinem ersten GP.
Obwohl noch nie ein Schweizer Töffrennfahrer beim Karriere-Start so gute Voraussetzungen hatte wie Dettwiler: Vorbereitung in Spanien, umsorgt von Spezialisten aller Couleur, Tom Lüthi als Berater, ein gutes Team und keinerlei Geldsorgen. Ausreden, sonst im Motorradrennsport wohlfeil, gibt es in seinem Fall keine.
Seine Kritiker sagen, er sei einfach nicht gut genug für eine Moto3-WM und verweisen darauf, dass er auf internationalem Niveau auf verschiedenen Stufen in über 100 Rennen noch nie über einen 5. Platz hinausgekommen ist. Seine Befürworter mahnen, dass einst Jason Dupasquier im gleichen Alter in seiner ersten WM-Saison in der Moto3-WM überhaupt keine Punkte geholt und dann im zweiten Jahr den Anschluss gefunden habe. Die Tragik dieser Karriere: Dupasquier, das mit Abstand grösste Talent seit Lüthi, ist im zweiten Jahr am 30. Mai 2021 beim GP von Italien in Mugello tödlich verunglückt.
Das «Projekt Noah Dettwiler» ist auf zwei Jahre angelegt und ist für zwei Jahre finanziert. Er wird also 2025 noch einmal im Team von Alain Bronec antreten. In einer Moto3-WM, die wild, ausgeglichen und auf so hohem Niveau ist wie vielleicht noch nie.
Das Medieninteresse konzentriert sich im Strassenrennsport fast ausschliesslich auf den Grand-Prix-Zirkus. Die Superbike-Szene ist zwar anspruchsvoll und spektakulär. Aber die Rennen finden weitgehend unter Ausschluss einer grossen Sportöffentlichkeit statt: TV-Bilder gibt es nur bei privaten Nischensendern oder im Internet. Wem es unter diesen Umständen gelingt, weiterhin über die Töffszene hinaus im Gespräch zu bleiben, muss Aussergewöhnliches leisten. Genau das gelingt Dominique Aegerter nach wie vor.
Wie ist es möglich, dass er nach wie vor der bekannteste Schweizer Töffrennfahrer ist? Im Herbst 2019 hat er nach einer glücklosen Moto2-WM-Saison nach mehr als zehn Jahren die GP-Bühne verlassen. Er ist zu diesem Zeitpunkt bereits 29 Jahre alt und hat die Zukunft hinter sich. In 99 von 100 Fällen ist die internationale Töffkarriere eines Schweizers ohne Auftritte auf der GP-Bühne zu Ende.
Doch Aegerter findet einen Weg. Ein Jahr überbrückt er in der Rennserie mit den Batterie-Töffs und 2021 steigt er in die Superbike-Szene ein. Wie im GP-Zirkus (MotoGP, Moto2, Moto3) gibt es auch im Superbike-Business drei Klassen: Superbike, Supersport und Supersport 300. Aegerter dominiert auf Anhieb die Supersport-WM 2021 und verteidigt 2022 den Titel. Parallel dazu gewinnt er 2022 auch die Meisterschaft auf dem Batterie-Töff.
Sieger bleiben im Gespräch. Was ihm auch hilft: Er kann die Nummer 77 behalten, die er über die Jahre im GP-Zirkus zu seinem Markenzeichen entwickelt hat.
Im Herbst 2022 ist Dominique Aegerter mit 32 Jahren eigentlich zu alt für eine neue Herausforderung. Aber er wagt ein neues Abenteuer: Er verlässt die Supersport-WM, die er weiterhin fast nach Belieben hätte dominieren können und steigt in die Superbike-WM auf. Yamaha gibt ihm die Chance in der «Königsklasse» der Superbike-Szene.
Die erste Superbike-WM 2023 beendet Aegerter als zweitbester Yamaha-Pilot auf dem 10. Schlussrang. Damit übertrifft er die Erwartungen und die Verlängerung seines Vertrages bei Yamaha ist logisch. 2024 hat es zwar «nur» zum 16. WM-Schlussrang gereicht. Nach gutem Saisonstart zeigen sich technische Unzulänglichkeiten und nach einem Trainings-Sturz mit dem Mountain-Bike muss er auf 9 von 36 Rennen verzichten. In einer schwierigen Situation hat er das Bestmögliche herausgeholt und Yamaha hat den Vertrag nun um ein weiteres Jahr verlängert.
Der Rohrbacher fährt die Superbike-WM 2025 im gleichen Team. Er wird also die nächste Saison unter den gleichen Voraussetzungen aber gegen noch stärkere und besser motorisierte Konkurrenz bestreiten. Die WM zu gewinnen, ist nicht möglich. Damit hat er leben gelernt und er passt sich an. Die legendäre Saisonschlussparty im Campus Perspektiven zu Huttwil am 7. Dezember heisst nun eben nicht mehr «Weltmeister-Party» wie 2021 und 2022. Es ist jetzt wieder einfach «Domi Fighter's Racing Party». Rocken wird es trotzdem. Auch nach der Saison 2024 ist Aegerter nach wie vor der bekannteste, berühmteste Töff-Rennfahrer im Land.
Der nächste Dominique Aegerter ist nach wie vor nicht in Sicht, der nächste Tom Lüthi erst recht nicht. Gibt es neben Noah Dettwiler keine weiteren Talente? Daniel M. Epp hat einst Tom Lüthis Karriere möglich gemacht. Er gehört heute zu Dettwilers Förderern und zu einer Gönnervereinigung, die sich zum Ziel setzt, Schweizer Talente zu unterstützen.
Epp hat also einen guten Überblick und sieht zur Stunde ein Talent mit Potenzial: Lenoxx Phommara (17). Er wird auch nächste Saison auf höchstem Nachwuchslevel (Red Bull Rookies Cup) fahren. Kenner sagen, Phommara sei bissiger und talentierter als Dettwiler. Mit dem Profil, der nächste Dominique Aegerter zu werden.