Dieses Spiel hat gehalten, was man erwarten durfte, wenn die beiden besten Teams der NBA aufeinandertreffen. Es ging hin und her, es gab 30 Führungswechsel und es war bis kurz vor Schluss hoch spannend. Am Ende setzten sich die Cleveland Cavaliers 129:122 durch und beendeten damit die Siegesserie der Oklahoma City Thunder nach 15 Spielen. Es war Clevelands elfter Erfolg in Serie und der 32. im 36. Saisonspiel.
Damit stehen die Cavaliers weiter souverän an der Spitze der Eastern Conference, während Oklahoma City die Western Conference deutlich anführt. Konnte dies im Falle der Thunder aufgrund der hervorragenden Vorsaison erwartet werden, ist Cleveland wohl die Überraschung der bisherigen Saison.
Denn obwohl sich am Kader im Vergleich zur Vorsaison mit 48 Erfolgen kaum etwas verändert hat, sind die Cavs auf Kurs für über 70 Siege. Eine Marke, die in der Geschichte der NBA erst zwei Teams durchbrachen – Michael Jordans Chicago Bulls 1995/96 und Steph Currys Golden State Warriors 2015/16. Plötzlich harmonieren auch die beiden Star-Guards Donovan Mitchell und Darius Garland. Einen grossen Anteil daran hat Trainer Kenny Atkinson, der im Sommer übernahm.
Für den 57-Jährigen ist der Job im Bundesstaat Ohio der erste als Cheftrainer, seit er in Brooklyn 2020 den Egos der beiden Superstars Kevin Durant und Kyrie Irving zum Opfer gefallen ist. In Cleveland machte er aus einer eigentlich talentierten Offensive, bei der es aber haperte, die beste der NBA.
Defensiv gehören die Cavaliers weiterhin zu den Top 10. Neben dem 25-jährigen Garland blühen auch die weiteren Jungstars Evan Mobley (23) und Jarrett Allen (26) sowie Mitchell (28) in seiner Leaderrolle auf.
Ausserdem überzeugt Atkinson, der die letzten vier Jahre als Assistenztrainer bei den Warriors verbrachte, durch seine Anpassungen während des Spiels. Auch deshalb konnten neben den Thunder weitere Topteams wie Boston, Milwaukee oder Denver geschlagen werden. Nach dem Erfolg gegen Oklahoma City freute sich Coach Atkinson: «War das nicht ein grossartiges Basketballspiel? Vergesst mal, wer gewonnen und wer verloren hat. Das war ein wunderschönes Spiel.»
Die Parallelen zwischen den beiden aktuellen Topteams der NBA sind nicht von der Hand zu weisen. Nicht vom Spielstil, da unterscheiden sich Cleveland und Oklahoma City deutlich. Während die Cavaliers ihre Stärken in der Offensive haben und ihre Würfe bevorzugt am Korb oder von hinter der Dreierlinie nehmen, sind die Thunder eher ein Team der alten Schule, das eine hervorragende Verteidigung aufweist und verhältnismässig viele Würfe aus der Mitteldistanz nimmt.
Jedoch sind beide Teams in eher kleinen Märkten zu Hause und können Superstars nur schwerlich anlocken. Ausserdem verloren sie ihre Leistungsträger nach erfolgreichen Zeiten erst vor einigen Jahren. LeBron James verliess Cleveland 2018, zwei Jahre nachdem er sein Heimteam zum ersten Titel in dessen Geschichte geführt hatte. Die Thunder verloren ein Jahr später Russell Westbrook und Paul George, nachdem Kevin Durant schon 2016 gegangen war. So standen beide vor dem Wiederaufbau – und beiden gelangen mehrere Glücksgriffe.
OKC bekam im Trade mit den Los Angeles Clippers als Gegenwert für Paul George mehrere Erstrundenpicks sowie Shai Gilgeous-Alexander. Der 26-jährige Kanadier ist mittlerweile einer der absoluten Topstars der NBA, und im Draft konnten mit Jalen Williams und dem derzeit verletzten Chet Holmgren zwei weitere Spieler verpflichtet werden, die ihre Rollen grandios ausfüllen. Sam Presti, als General Manager der Architekt des Teams, sowie Trainer Mark Daigneault, der den Aufstieg seit 2020 begleitet, leisten ebenfalls brillante Arbeit.
Mit Spielmacher Garland und Defensivspezialist Mobley sicherte sich auch Cleveland in den Jahren 2019 und 2021 jeweils zwei heutige Stars mit den frühen Picks im Draft. Dazu profitierten die Cavs von Spielern, die andernorts nicht mehr erwünscht waren. Mitchell kam per Trade aus Utah, wo man ihm nicht zutraute, das Team zum Erfolg zu führen. Center Allen wurde bei Brooklyn aus ähnlichen Gründen wie sein alter und neuer Trainer abgestossen – Durant und Irving bevorzugten, mit ihrem guten Freund DeAndre Jordan zu spielen.
Am Ende sind aber wohl alle Spieler in ihrer neuen Heimat besser aufgehoben. Dass das Team in Cleveland super funktioniert, bewies in den Augen von Leader Mitchell gerade der Sieg gegen Oklahoma City: «Letztes Jahr hätten wir dieses Spiel nicht gewonnen. Heute hat jeder, der reinkam, etwas Positives zum Spiel beigetragen.» Schlechte Laune herrschte trotz der Niederlage aber auch beim Gegner nicht. «Es hat Spass gemacht», sagte Gilgeous-Alexander, «am Ende hat es einfach nicht gereicht. Aber man kann nicht jedes Spiel gewinnen.»
Die Aussagen zeigen auch, wie gross die Euphorie in und um die beiden Teams derzeit ist. So richtig ernst gilt es dann aber erst ab Mitte April, wenn die Playoffs losgehen. Die Cavaliers und die Thunder wären nicht die ersten erfolgreichen Regular-Season-Teams, die in der entscheidenden Phase der Saison auf die Schnauze fallen. Dann können Topteams wie die beiden letzten Meister aus Boston und Denver oft einen Gang höher schalten.
Ob das auch die jungen Wilden aus Cleveland und Oklahoma können, wird sich zeigen. Bis dahin dürfen sie ihren Erfolg aber geniessen und gerne weiterhin «wunderschönen Basketball» zeigen.