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Erste Slalommedaille für die Schweizer Männer seit 38 Jahren.
Erste Slalommedaille für die Schweizer Männer seit 38 Jahren.Bild: KEYSTONE

Der Mann, der nicht ins Bild passt: Das ist unser Silberheld Zenhäusern

Der Gewinn von Olympia-Silber im Slalom steht für Ramon Zenhäusern am vorläufigen Ende einer Entwicklung, die ausserhalb der Schweizer Equipe kaum einer für möglich gehalten hat.
22.02.2018, 12:2822.02.2018, 12:42
david bernold, yongpyong

Hand aufs Herz. Wer hätte dies Ramon Zenhäusern zugetraut? Diesem auf den kurzen Slalom-Ski ungelenk und unästhetisch wirkenden, zwei Meter langen Schlaks? Spitzenplätze im Weltcup? Niemals. Top-Klassierungen an einem Grossanlass? Schon gar nicht.

Die Gesichter des Schweizer Slalom-Teams, das waren primär Luca Aerni und Daniel Yule. Beide hatten sie in diesem Winter für die Highlights gesorgt, Aerni als Zweiter in Madonna di Campiglio, Yule als Dritter in Kitzbühel und in Schladming.

Die Slalomgesichter der Schweiz waren zuletzt Luca Aerni und Daniel Yule.
Die Slalomgesichter der Schweiz waren zuletzt Luca Aerni und Daniel Yule.Bild: KEYSTONE

Tiefpunkt als Wendepunkt

Aber Zenhäusern? Der bestätigte vorerst seinen Ruf als Fahrer mit durchschnittlichen Qualitäten. Noch vor gut zwei Monaten in Val d'Isère, im zweiten Weltcup-Slalom des Winters, hatte er sogar die Qualifikation für den zweiten Durchgang verpasst. Jener Tiefpunkt war aber auch Wendepunkt. Der Spätzünder startete im Rekordtempo durch.

Blutende Schramme am Kopf
Ramon Zenhäusern hat mit dem Gewinn von Olympia-Silber bewiesen, dass man auch als zwei Meter grosser Slalomfahrer Erfolg haben kann. Der Walliser musste aber auch ein weiteres Mal feststellen, dass die Überlänge auch hinderlich sein kann. Zweimal habe er im Hotel schon an einer Hinweistafel für den Notausgang den Kopf angeschlagen und sich dabei eine blutende Schramme zugezogen, erzählte Zenhäusern am Donnerstag im Zielraum. Der Ärger war grösser als der Schmerz. «Wie kann man nur so doof sein und zweimal an der gleichen Stelle das gleiche Probleme haben?»

«Von da weg ging es Schritt für Schritt voran», blickt Zenhäusern zurück. Drei Slaloms später hatte er die Selektionskriterien für die Olympischen Spiele erfüllt. In Wengen und in Kitzbühel klassierte er sich als Vierter und Sechster inmitten der Weltklasse, und Ende Januar schliesslich, kurz vor der Abreise nach Südkorea, verblüffte er mit seinem Sieg im Parallel-Event in Stockholm alle.

Der erste Weltcupsieg: Im Januar gewann Zenhäusern den Parallel-Event in Stockholm.
Der erste Weltcupsieg: Im Januar gewann Zenhäusern den Parallel-Event in Stockholm.Bild: EPA/TT NEWS AGENCY

Alle? Nicht ganz. Für seine Trainer und Teamkollegen kam der Erfolg in Schwedens Hauptstadt ebenso wenig überraschend wie der Coup im Olympia-Slalom. Für Yule war es eine Frage der Zeit, bis Zenhäusern zuschlägt. «Seit drei Jahren ist er im Training schnell und fährt er eine Bestzeit nach der anderen. Jetzt vermag er diese Leistungen in den Rennen umzusetzen.»

Matteo Joris, der Verantwortliche der Slalom-Equipe der Männer bei Swiss-Ski, pflichtet Yule bei. «Ramon hat etwas länger gebraucht, um im Weltcup Fuss zu fassen. Aber seine Entwicklung ist noch nicht zu Ende.»

Mentoren Plaschy und Zurbriggen

Stichwort Entwicklung. Wie war diese Steigerung im Verlauf dieses Winters möglich? Im Vorfeld des Olympia-Slaloms hatte Zenhäusern seine markanten Fortschritte mit vielen zusammengefügten Puzzle-Teilen begründet.

Silvan Zurbriggen weiss: Das Material ist wichtig.
Silvan Zurbriggen weiss: Das Material ist wichtig.Bild: EPA

Stunden nach seinem grandiosen Auftritt in Yongpyong wurde er konkreter. Er wollte gar nicht mehr aufhören mit dem Aufzählen all jener, die zu seinem Aufstieg vom Mitläufer zum Gewinner einer Olympia-Medaille beigetragen haben. Er nannte alle Trainer beim Namen, seinen Servicemann, seinen Mentalcoach, mit dem er seit letztem Frühling zusammenarbeitet – und er hob im Besonderen seine Mentoren Didier Plaschy und Silvan Zurbriggen hervor.

Plaschy war sein Trainer zu Jugendzeiten. «Er hat neben meinem Vater am meisten an mich geglaubt.» Er habe vorausgesagt, dass er, Zenhäusern, im Alter von 26, 27 Jahren Rennen gewinnen werde. «Er hat sich getäuscht. Ich werde erst im Mai 26 Jahre alt», sagt Zenhäusern lachend.

Dem Vater fehlte noch das Geld

Zurbriggen berät ihn vor allem in Materialfragen. Mit ihm tauscht er sich praktisch vor jedem Weltcup-Einsatz aus. «Heute habe ich vor dem zweiten Lauf mit Silvan noch Kontakt gehabt», erzählt Zenhäusern und schwenkt nochmals ab zu seinem Vater.

Ganz oben.
Ganz oben.Bild: EPA/EPA

«Er hat am meisten in mich investiert. Er war auch mein Trainer im Klub», sagt der Filius über Vater Peter, der selber das Talent gehabt hätte, um ein guter Skirennfahrer zu werden, dessen Familie aber nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügt habe. Im vergangenen Jahr war auch Sportfanatiker Peter Zenhäusern in Korea, nicht in Süd-, sondern in Nordkorea. Im kommunistischen Land leistete er als Ausbildner von Skitrainern Entwicklungsarbeit.

Doppelspuriger Doppelmeter

Der Doppelmeter Ramon Zenhäusern fährt gegenwärtig noch doppelspurig. Abseits der Pisten widmet er sich seinem Wirtschafts-Fernstudium. Im Juni, so hofft er, wird er den Lehrgang mit dem Bachelor abschliessen. Als Thema für seine Prüfungsarbeit hat der «Sion 2026» gewählt. «Das verbindet Wirtschaft und Sport. Ein perfektes Gebiet für mich.»

Perfekt war auch die Vorbereitung auf den Saisonhöhepunkt. Begonnen hatte sie schon im vergangenen Frühjahr. Direkt nach dem Weltcup-Finale in Aspen in Colorado reisten die Schweizer Slalom-Fahrer nach Südkorea weiter, um sich während einer Woche in Trainings und zwei FIS-Slaloms mit den Gegebenheiten im Olympia-Gelände in Yongpyong vertraut zu machen.

Zenhäusern holt Olympia-Silber – was für eine Geschichte.
Zenhäusern holt Olympia-Silber – was für eine Geschichte.Bild: KEYSTONE

Die grosse Zuversicht brach bei Zehnhäusern vorerst nicht aus. «Die Pistenverhältnisse sagten mir nicht von vornherein zu», erinnert er sich. «Da hatte ich noch nicht gedacht, dass dieser Hang etwas für mich sein könnte.»

Elf Monate später weiss Ramon Zenhäusern, dass er sich getäuscht hatte. Es war ja auch noch eine ganz andere Zeit. Damals, als er noch ein Mitläufer und nicht der Olympia-Zweite im Slalom war. (fox/sda)

Da hat es Zenhäusern noch nicht hin geschafft: Alle Schweizer Olympiasieger bei Winterspielen

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