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Alle einsteigen. Diese Frontscheibe ist doch fast nicht kaputt.
Alle einsteigen. Diese Frontscheibe ist doch fast nicht kaputt.bild: watson

Diese Autos würden in der Schweiz nie mehr zugelassen – in Gabun gehören sie zum Alltag 

Die Transportfrage ist in jedem exotischen Land wieder speziell. Auch Gabun wartet hier mit einigen Überraschungen auf.
03.02.2017, 19:0504.02.2017, 08:54
reto fehr, gabun

«Jaja, das geht wunderbar», verspricht mir mein Taxifahrer in Libreville. Ich habe leichte Zweifel, denn an der Frontscheibe prangen zwei Fähnchen mitten im Sichtfeld. 

«Ich bin halt ein Fan, was soll ich machen?», ergänzt er. Ja, gut, dann ist das so. Ich blicke wieder nach vorne auf die Strasse und bestaune Gabuns Flagge.

«Schnall dich an», sagt er dann noch. Er fahre sonst nicht. Ich nehme den ausgeleierten und ein bisschen ausgefransten Gurt und tue, wie mir gesagt. Auch wenn ich genau weiss: Gibt's einen Unfall und es geht nur etwas kaputt, dann wird das dieser Gurt sein.

Ähnliche Situationen erlebe ich praktisch in allen Taxis. Auf das Angurten bestehen die Fahrer, aber sonst scheint der Zustand des Gefährts egal zu sein. Wäre ich Mitarbeiter der Schweizer Motorfahrzeugkontrolle, ich würde vor Schreck 1000 Tode sterben. Kaum ein Gefährt, das nicht einen offensichtlichen Mangel aufweist. Zum Beispiel ein Auto, bei dem an allen Türen der Griff innen und aussen noch dran ist – überhaupt keine Selbstverständlichkeit.

Kann man leider nur von aussen öffnen. So geht es vielen Taxis in Gabun.
Kann man leider nur von aussen öffnen. So geht es vielen Taxis in Gabun.bild: watson

Den Höhepunkt an Autos, die in der Schweiz längst nicht mehr zugelassen wären, erlebe ich auf der ersten längeren Fahrt. «Nach Lambaréné?», fragt mich Luc, als ich an der grossen Strassenkreuzung «PK8» ankomme, von wo die Busse ins vier Stunden entfernte Ort abfahren. Ich nicke, er zeigt auf seinen Fünfplätzer. Sind vier Fahrgäste gefunden, geht's los. Die Frontscheibe ist zwar zersplittert, unten rechts hat sie ein regelrechtes Loch, aber sonst sieht der Wagen mehr oder weniger okay aus. 

Die Frontscheibe ist zwar eingeschlagen, aber nur dort, wo eh niemand durchschauen muss. Kurz: Wo liegt das Problem? Nirgends.
Die Frontscheibe ist zwar eingeschlagen, aber nur dort, wo eh niemand durchschauen muss. Kurz: Wo liegt das Problem? Nirgends.bild: watson

Das bisschen kaputte Scheibe haut mich längst nicht mehr um. Da habe ich in den letzten Tagen in Gabun schon zu viel anderes erlebt. «15'000 Francs», will Luc für die Fahrt. «7000», kontere ich, «ich weiss, was es kostet.» Zum Glück hatte ich mich in der Unterkunft informiert. Luc lächelt: «10'000, dafür fahr' ich dich bis zum Albert-Schweitzer-Spital.» Ich schüttle den Kopf und laufe davon. Luc lächelt noch immer: «Okay, 7000.»

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So geht das ja problemlos. Aber die Preisverhandlungen bei Stadt-Taxis, bis ich da endlich durchblickte. Weil das funktioniert so: Du stehst am Strassenrand, winkst, das Taxi verlangsamt, du schreist durchs Fenster «Stade, 1000», der Fahrer hupt und hält oder fährt weiter. Weil den Preis, den sagt der Kunde. Ist der Taxifahrer einverstanden, hält er, findet er's zu teuer, musst du's beim nächsten versuchen.

Afrika-Cup, Halbfinals
Burkina Faso – Ägypten 3:4 n. P.
Ghana – Kamerun 0:2
Final, 5.2., 20 Uhr.

Immerhin haben zu Beginn einige Taxifahrer Mitleid mit dem weissen Touristen und halten für Verhandlungen an. Als ich da beim ersten Mal fragte, wie viel es zum Stadion kostet, meinte der Fahrer: «Du musst den Preis sagen. Stimmt er für mich, steigst du ein, sonst lasse ich dich laufen.» Ich kann euch versichern, die Lernkurve für das Kennen der Taxipreise ist extrem steil.

Und sitzt du mal im Taxi, gehört es natürlich nicht dir alleine, sondern funktioniert weiterhin als Sammeltaxi. Der Fahrer verlangsamt bei potentiellen Kunden ständig und wenn Richtung und Preis des möglichen neuen Gastes stimmt, wird dieser ebenfalls mitgenommen.

An was es in Gabun nirgends mangelt: Taxis.
An was es in Gabun nirgends mangelt: Taxis.bild: watson

Bei Lucs Taxi nach Lambaréné sind mittlerweile vier Gäste drin. Es kann losgehen. Allerdings verzögert sich der Start, weil sein Zündmechanismus funktioniert nicht mehr. Er muss den Schlüssel drehen (Motor springt nicht an), aussteigen, vorne am Motor den Wagen starten, wieder einsteigen und losfahren.

Die Strasse nach Lambaréné: Hin und wieder ein grosses Schlagloch, aber insgesamt tiptop.
Die Strasse nach Lambaréné: Hin und wieder ein grosses Schlagloch, aber insgesamt tiptop.bild: watson

Es ist nicht der einzige Mangel seines Gefährts, wie ich später bei Check-Points in leicht abfallendem Gefälle feststelle. Die Handbremse zieht nicht mehr. Weil Luc bekanntlich seinen Wagen nicht abstellen kann, ohne dass er ihn mühsam vorne am Motor wieder starten muss, bittet er jeweils die Polizisten darum, ihm einen Stein zu suchen und unter das Rad zu legen, damit der Wagen im Leergang nicht davonrollt, bevor er aussteigen und seine Dokumente zeigen kann.

Bei einem ausserordentlichen Pinkelstopp unterwegs muss ich aus seinem Kofferraum ein Stück Holz holen und dieses als «Bremse» unterlegen. Die Mithilfe ist im Preis von 7000 Francs natürlich einbegriffen. Genauso wie das kurzfristige Ausleihen von Geld beim Tanken. In Lambaréné bittet er dann einen Freund, mir seine Schulden zurückzuzahlen.  

Aber ja, wir kommen an. Und mit jedem Taxi, in welches ich wieder steige, denke ich mir: Ach, die zwei Fähnchen im Sichtfeld auf der Frontscheibe, die sind jetzt wirklich kein Problem.

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15 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Filzstift
03.02.2017 22:32registriert August 2016
Bolivien ist auch "krass": Dort hat es viele importierte japanische Rechtshänder (=Steuerrad rechts). Taxis werden daher im Do-it-yourself-Verfahren zu Linkshändern gemacht. Wenn du also vorne einsteigst, hast du vor dir das Armaturenbrett und dort wo das Steuerrad sein sollte, ist ein Loch; die Bedienpanel (Lüftung, Radio) sind dir zugewendet. Der Taxifahrer hat auf der "Beifahrerseite" nur sein Steuerrad, dessen Rohr durch ein durchgebohrtes Loch ins Handschuhkasten reingeht... Und ich betrachte vor mir die auf über 100 km/h gehende zittrige Tachonadel inmitten Santa Cruz de la Sierra.
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John Smith (2)
03.02.2017 20:18registriert März 2016
Also beim Loch in der unteren Ecke der Windschutzscheibe sehe ich das Problem auch nicht. Auch dass ein Auto grundsätzlich gefüllt wird, ist nur vernünftig, da können wir echt noch was dazulernen. Bis in die 1970er Jahre gehörte übrigens auch bei uns eine Kurbel zur Grundausstattung vieler (aller?) französischen Autos. Einzig der Zustand der Bremsen mochte mir in Afrika auch nie so richtig zu gefallen und auch nicht die Sitte, nachts grundsätzlich ohne Licht zu fahren und sich nur durch das gelegentliche Betätigen der Lichthupe dem Gegenverkehr bemerkbar zu machen.
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Benno Graber
03.02.2017 19:48registriert Februar 2017
In Burkina Faso konnten wir im Taxi sogar durch den Boden die Strasse sehen und der Auspuff schien auch den Weg in den Innenraum zu nehmen. Loch in der Scheibe? Eher harmlos.
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