Beweisen die TV-Bilder klar, eindeutig und mit hundertprozentiger Sicherheit, dass Michael Moser im besten Kampf des ersten Tages Samuel Giger regulär auf den Rücken gelegt hat? Nein. Keiner der Experten wagt es, das Urteil der Kampfrichter klar und unmissverständlich als Fehlentscheid zu brandmarken. Aus gutem Grund. Die TV-Bilder können den hundertprozentigen Beweis nicht liefern.
Es ist ein zentraler Punkt gegen den TV-Beweis im Sägemehl (der ohnehin kein Thema ist): Die Frage, ob einer regulär gebodigt worden ist, lässt sich mit TV-Bildern nämlich nicht so einfach, klar und wahr beantworten wie die Frage, ob ein Ball oder ein Puck tatsächlich im Tor gelandet ist. Das zeigt gerade der «Fall Moser». Ein Restzweifel bleibt. Aber gerade beim TV-Beweis gilt: Im Zweifel keine Korrektur des Tatsachenentscheides.
Auch die Niederlage von Fabian Staudenmann gegen Werner Schlegel hätte der TV-Beweis nicht aufgehoben. Weil auch da: Die klaren, eindeutigen TV-Bilder gibt es nicht. Es bleibt ein «Graubereich» (vielleicht doch nicht ganz hundertprozentig auf dem Rücken, vielleicht doch). Kommt dazu: Es kommt auch darauf an, aus welchem Winkel die TV-Bilder aufgenommen worden sind.
Die Technik aus dem Fechtsport – elektronische Trefferanzeige – ist auch schon diskutiert worden. Die «Bösen» werden so verkabelt, dass eine vollständige Rückenlage elektronisch angezeigt wird. Das ist – natürlich – völliger Unsinn.
Umstrittene Entscheidungen (Sieg oder nicht, Notengebung, Einteilung) gehören seit Anbeginn der Zeiten zur Sägemehlkultur. Und ohnehin diskutieren nur Verlierer über Kampfrichter-Entscheidungen und die Einteilung.
Aus den zwei vermeintlichen Fehlentscheiden der Kampfrichter innert kürzester Zeit gegen die Berner liesse sich eine wunderbare Verschwörungstheorie drechseln: Die «Sägemehl-Mafia» unternimmt alles, um die Berner zu bremsen. Und ist denn nicht der Jüngling Michael Moser (19), noch nicht einmal ein «Eidgenosse» (noch kein Kranzgewinn beim Eidgenössischen) mit König Joel Wicki im 1. und Samuel Giger im 4. Gang zu hart eingeteilt worden?
Nein. Er hat das Teilverbandsfest der Berner gewonnen und war beim Teilverbandsfest der Nordostschweizer im 1. Rang klassiert. Es macht schon Sinn, dass die Gegenwart, also die Resultate aus der laufenden Saison, höher gewichtet werden.
Das Schicksal der Berner am ersten Tag von Mollis eignet sich – leider - bei objektiver Analyse nicht zur Polemik, nicht zu Verschwörungstheorien und nicht zur Legendenbildung. Aber liefert den Gesprächsstoff, ohne den die Sägemehlkultur um so vieles ärmer wäre.
P.S. Auf Glarner Boden haben die Berner einst ihre bitterste Niederlage erlitten, gegen die der «bittere Samstag» von Mollis schon fast einer Ehrenmeldung gleichkommt: Rudolf Hunsperger, wird am 14. August 1966 in Frauenfeld nach einem sensationellen Schlussgang-Sieg über Titelverteidiger Karl Meli neuer König.
Am 30. Juni 1968 erreicht er beim Teilverbandsfest der Nordostschweizer in Glarus - als König! - nicht einmal den Kranzausstich. Mit den Anfängern und Hinterbänklern muss er sich vorzeitig beim Gabentempel für die Ausgabe der Trostpreise anstellen. Er erträgt den Spott mit königlicher Würde und holt eine Speckseite eigenhändig ab.
Der entthronte König Karl Meli gewinnt das Fest mit sechs Maximalnoten und die Nordostschweizer sehen sich in ihrem Urteil definitiv bestätigt: König Ruedi Hunsperger ist bloss ein Irrtum der Schwinger-Geschichte. Welch ein Irrtum: Er wird 1969 und 1974 erneut König, wird als König bei einem Eidgenössischen nie besiegt und gilt bis heute als einer der charismatischsten «Bösen» der Geschichte.