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Wie es zwei afghanische Bauernsöhne dank der Schweiz an die Ski-WM schafften

Die Geschichte hört sich an wie ein Märchen: Zwei arme, afghanische Bauernsöhne erhalten dank einem Schweizer die Chance, bei Olympia 2018 als Skifahrer zu starten. Begegnung zweier Sportler, die bemerkenswert mit dem «krassen Kulturschock» umgehen. Und nur ein Ziel haben.
03.02.2017, 10:5503.02.2017, 13:09
Reto Fehr
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«Einen noch krasseren Kulturschock als von Afghanistans Hinterland zum mondänen St.Moritz geht fast nicht», sagt Christoph Zürcher. Er ist der Initiant eines modernen Märchens. Und damit verantwortlich, dass die beiden Hauptprotagonisten, Sajjad und Alishah, diesen Kulturschock erleben müssen.

Alishah Farhang (l.) und Sajjad Huasini starten an der Ski-WM in St.Moritz und wollen an die Olympischen Spiele 2018.
Alishah Farhang (l.) und Sajjad Huasini starten an der Ski-WM in St.Moritz und wollen an die Olympischen Spiele 2018.

Wobei, «müssen» ist das falsche Wort. «Wir lieben das Skifahren», versichern sie mir schon kurz nach der Begrüssung auf dem Weg ins Skigebiet von St.Moritz. Fast als Letzte kommen sie an diesem frühen Morgen noch um die Ecke geschlichen, schlüpfen in die Skischuhe und steigen in die erste Gondel. Wüsste man nicht, wer sie sind, man würde sie für ganz normale Touristen aus dem fernen Osten halten. Dass sie hier einen «krassen Kulturschock» erleben, sieht ihnen niemand an.

Denn die beiden Skifahrer aus Asien meistern den Spagat anscheinend problemlos. «Sie scheint das nicht gross zu kümmern, die beiden wollen einfach Ski fahren», erklärt Zürcher mit einem Lächeln. Im Gegenteil. Sie liessen sich kürzlich für einen kleinen Scherz mit einem deutschen TV-Sender einspannen. In einer edlen Galerie von St.Moritz liessen sich die zwei Skifahrer teure Bilder zeigen. Das Personal dachte, die beiden seien wohlhabende Gäste mit dickem Portemonnaie, dabei erkannten sie nicht mal Michael Jackson auf einem der gezeigten Bilder.

Teilnehmer der Afghan Ski Challenge machen Pause.
Teilnehmer der Afghan Ski Challenge machen Pause.bild: afghan ski challenge

In den Bergen vor den Taliban versteckt

Denn der 25-jährige Sajjad Husaini und der 26-jährige Alishah Farhang sind Bauernsöhne aus Bamyan, einer Provinz gut 200 Kilometer von Kabul entfernt. Sie kommen aus armen Verhältnissen, wuchsen mit fünf und sechs Geschwistern auf und versorgten sich zu grossen Teilen selbst. In ihrer Jugend mussten sie vor den Taliban flüchten. Sajjad versteckte sich mit seiner Familie rund zwei Monate in den Bergen, hauste in Zelten und wartete. Als er zurückkam, war sein Dorf zerstört. Die Familie floh für einige Jahre in den Iran

Alishah musste gut einen Monat in den Bergen ausharren. Bei seiner Rückkehr ins Dorf waren nur die schöneren Häuser zerstört. «Unseres war noch ganz. Vermutlich liessen die Taliban die einfacheren Gebäude in Ruhe.»

Student, Schafhirte, Skifahrer

Wenn die zwei Twens über den Krieg in ihrer Heimat reden, dann hört sich das an, also ob ein Schweizer Pendler über seinen Arbeitsweg berichtet: kühl, emotionslos, gehört halt dazu. «Ja, es ist halt einfach so», antworten sie auf die Nachfrage. In Afghanistan herrscht seit 1970 Krieg. Erst die Russen, Ende der 1990er die Taliban und dazu immer wieder auch Spannungen und interne Machtkämpfe. 

Die Spuren des Krieges sind in Afghanistan noch immer sichtbar.
Die Spuren des Krieges sind in Afghanistan noch immer sichtbar.bild: afghan Ski Challenge

Bamyan, ihre Heimatprovinz, ist seit der Jahrtausendwende immerhin kein direktes Krisengebiet mehr und relativ sicher. Das Leben läuft mehr oder weniger in geordneten Bahnen ab. So studiert Sajjad Politik und Jus. Zudem verdient er als Tourguide etwas Geld. Alishah studiert nur Jus, manchmal hilft er als Schafhirte seiner Familie oder Freunden aus. Beide wohnen noch bei ihren Eltern, haben mittlerweile ein eigenes Zimmer. Sajjad erzählt, dass in seinem Dorf noch immer einige Häuser nicht wiederaufgebaut wurden.

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Sajjad und Alishah, die zwei Skifahrer aus Afghanistan, die bei Olympia 2018 dabei sein wollen
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Ein Schweizer stand am Anfang

Dass sie überhaupt in der Schweiz gelandet sind, begann mit einem Ärgernis. Der NZZ-Journalist Zürcher war als Korrespondent in Afghanistan unterwegs, als er in der Provinz Bamyan, rund 200 Kilometer von Kabul entfernt, wegen Kriegshandlungen steckenblieb. Er sah die schneebedeckten Berge des Koh-e-Baba-Gebirges (bis 5000m hoch) und dachte sich: Hier müsste man doch Skifahren können.

Warten auf die ersten Teilnehmer bei der Afghan Ski Challenge in Bamyan.Bild: afghan ski challenge

Das Problem: Skigebiete existierten in dem seit Jahren gebeutelten Land nicht. Skis, wie wir sie kennen, gab es auch nicht. Die Menschen benutzten etwas, das sie Yakhmalak nennen. Ziemlich frei übersetzt: Fassdauben. Yakhmalak ist einerseits die Bezeichnung für einen Schlitten, andererseits für zwei Holzlatten mit Lederriemen als Bindung und plattgedrückten Getränkedosen als Belag. 

Skifahren in Afghanistan: Das sah bis vor wenigen Jahren überall noch so aus.
Skifahren in Afghanistan: Das sah bis vor wenigen Jahren überall noch so aus.bild: afghan ski challenge

«Keine Waffen erlaubt»

Zürcher verfolgte seine Idee aber weiter, gründete 2011 die Non-Profit-Organisation Bamyan Ski Club und rief die erste Afghan Ski Challenge ins Leben. Ein Tourenskirennen über zwei bis vier Kilometer in Bamyan, bei welchem die Teilnehmer erst den Berg hoch kommen und dann runtersausen müssen. Die Regeln sind simpel und beginnen mit dem Satz: «Keine Waffen erlaubt.»

Zudem gilt: «Massenstart, wer als erster alle Checkpoints absolviert hat und das Ziel erreicht, hat gewonnen. Ski und Snowboards sind erlaubt.» Skis werden den Startern teilweise zur Verfügung gestellt. Immer wieder brachten Zürcher und sein Team alte Latten mit, so dass die Yakhmalak in der Region heute praktisch nicht mehr benutzt werden.

Start zur Afghan Ski Challenge 2016.Video: YouTube/Afghan Ski Club

Während viele Teilnehmer einfach mal mitmachten, zeigten sich Alishah Farhang und Sajjad Hussaini bald als talentiert und vor allem engagiert. In Zürcher wuchs die Idee: Warum nicht versuchen, die beiden als erste Skifahrer ihres Landes an die Olympischen Spiele 2018 zu bringen? Beide stimmten zu.

Alishah zeigt die alten in Afghanistan gebrauchten Yakhmalak. Er selbst fuhr nie auf solchen Latten an einem Rennen.
Alishah zeigt die alten in Afghanistan gebrauchten Yakhmalak. Er selbst fuhr nie auf solchen Latten an einem Rennen.bild: afghan ski challenge

So kamen Alishah und Sajjad 2014 erstmals in die Schweiz. Sajjad, der erstmals in einem Flugzeug sass, schwärmt noch immer: «Im Landeanflug auf die Schweiz, sahen die Lichter aus wie Sterne. Bei uns ist nachts praktisch nichts beleuchtet.» Dank Spenden des Vereins und den Einnahmen der «Bamyan Ski Club Bar» in St.Moritz konnten sie bisher zweimal für zwei Monate in den Schweizer Bergen trainieren und sind aktuell während drei Monaten im Engadin zuhause.

Hier kommt das Podest: Ein Esel bringt an der Afghan Ski Challenge das Treppchen.
Hier kommt das Podest: Ein Esel bringt an der Afghan Ski Challenge das Treppchen.bild: afghan ski challenge

Sie wohnen während dieser Zeit in der Jugendherberge. Erhalten ein professionelles Training, wurden vollständig ausgerüstet und auch für das Essen und ein kleines Taschengeld ist gesorgt. Sie verständigen sich problemlos auf Englisch, sind freundlich, aber zurückhaltend.

Training in den Schweizer Bergen.
Training in den Schweizer Bergen.bild: watson

Heute steht zuerst ein rund zweistündiges Training auf einer abgesperrten Piste an, danach folgen noch einige Technikübungen. Rund 200 Skitage haben sie in ihrem Leben hinter sich, nachdem sie vor drei Jahren erstmals auf richtigen Skiern standen.

Trainingsimpressionen von Sajjad mit der watson-Kamerafahrt.Video: streamable
Trainingsimpressionen von Alishah.Video: streamable

Trainer Andreas Hänni urteilt: «Sie sind besser als der durchschnittliche Skifahrer.» Wie gross der Unterschied zu den Cracks wie Marcel Hirscher aber ist, zeigt nur schon die Tatsache, dass die Stars alleine VOR jeder Saison jeweils rund 80 Tage auf Skis trainieren. Dagegen sind Sajjad und Alishah blutige Anfänger.

Alishah übte sich kurz vor der Ski-WM als Model.
Alishah übte sich kurz vor der Ski-WM als Model.bild: bamyan ski club

Obwohl die zwei im Vergleich mit den gleichzeitig trainierenden Juniorinnen die Tore nicht attackieren und der Klassenunterschied auf einen Blick erkennbar ist, sie sind top motiviert. «Es ist schwierig, aber wir wollen das. Wir werden zwar nie auf dem Niveau der anderen sein. Aber wir werden bei den Olympischen Spielen 2018 starten.»

Was Olympia bedeutet, ist ihnen sehr wohl bewusst. Aber die Spiele live am TV konnten sie noch nie verfolgen. Die wenigen TV-Sender in ihrer Region übertrugen den Anlass nicht. «Von Sotschi haben wir einige Szenen später auf YouTube angeschaut», erzählen sie. 

Exoten bei Olympia, da denkt unsereiner automatisch an «Cool Runnings». Vom jamaikanischen Bobteam, das 1988 in Calgary an den Start ging, haben die zwei mittlerweile gehört. Ein Vergleich hinkt aber. Daran ist ein tragisches «M» schuld, wie Sajjad erklärt: «They came from a warm country, we come from a war country.» (Sie kamen aus einem warmen Land, wir kommen aus einem Kriegsland). Wieder lässt er die Emotionen aus diesem Satz. Ist halt so. Und Alishah ergänzt: «Wie hart kann die Olympia-Qualifikation schon sein, wenn wir damit vergleichen, dass Menschen in unserem Heimatland nie wissen können, ob sie morgen noch leben?»

Warten auf die Sieger: Zuschauer machen Pause am Afghan Ski Challenge.Bild: afghan ski challenge
Auch Frauen nehmen an der Afghan Ski Challenge in Bamyan teil.
Auch Frauen nehmen an der Afghan Ski Challenge in Bamyan teil.bild: afghan ski challenge

Hart ist und war die Zeit natürlich trotzdem. Als sie 2014 das erste Mal nach St.Moritz kamen, konnten sie kaum Skifahren. Sie rutschten den Hang im Stemmbogen runter, fielen unzählige Male hin. Das erste Mal auf einem Sessellift? «Das war schon sehr speziell und etwas angsteinflössend.» Nie zuvor sahen sie so ein Ding in der Realität.

Hört sich einfacher an, als dass es ist: Innenski lupfen und mit dem Aussenski kreuzen. Versucht's mal.Video: streamable

Mittlerweile ist dies normal geworden. Je länger der Tag dauert, desto mehr erzählen sie. Beim Techniktraining steigt der Spass. Erst müssen sie jeweils den Innenski anheben, dann nicht nur anheben, sondern in der Luft auch mit dem Aussenski kreuzen.

Zum Schluss schnallen sie eine Abfahrt lang einen Ski ab. Ich soll doch auch mitmachen. Wir schwanken und fallen, stürzen und lachen. Ich verzichte auf das Filmen. Es wäre peinlich geworden – für mich.

Nach vier Stunden auf der Piste gibt es das Mittagessen in einem Pistenrestaurant. Kellner Gigi begrüsst die beiden schon von weitem. «Sergio!», ruft der Italiener und erklärt danach halb italienisch, hab deutsch: «Niemand würde dich in Italien Sajjad nennen, du wärst Sergio!» Für Alishah hat er noch keinen Kosenamen gefunden.

Die Anfänge in Afghanistan: Das erste Podest der Afghan Ski Challenge 2011.
Die Anfänge in Afghanistan: Das erste Podest der Afghan Ski Challenge 2011.bild: afghan ski challenge

Die Leute kommen und gehen, viele grüssen die beiden. Natürlich, sie fallen auf und man kennt sie. Sajjad bestellt eine Portion Raclette. Habt ihr das auch in Afghanistan? «Kartoffeln ohne Ende, geschmolzenen Käse nicht.» Er lacht. «Ich hab's einfach unglaublich gern.» Von Kulturschock ist in der Berghütte nichts zu spüren.

Aber natürlich, sie vermissen ihre Familien und Freunde. Alishah ist verlobt, Sajjad single. «Wir dürfen keine Freundin haben in Afghanistan. Entweder du bist verheiratet (verlobt) oder allein», erklären sie. Dann zeigen sie Fotos auf Facebook. Bei einem springt Sajjad über eine Schanze:

Sajjad beim Schanzenspringen. Über die Landung hüllen wir den Mantel des Schweigens;-) 
Sajjad beim Schanzenspringen. Über die Landung hüllen wir den Mantel des Schweigens;-) bild: facebook/sajjadhusaini

Sieht gut aus, sage ich anerkennend. Alishah mischt sich ein: «Weisst du, das gute an Fotos ist, dass sie nur einen Moment zeigen und nicht die Landung danach.» Wieder lachen sie. Dann verabschieden wir uns.

An den zwei Tagen nach unserem Treffen finden in Madesimo (Italien) zwei FIS-Riesenslaloms statt. Es sind die letzten vor dem Zwischenziel «WM 2017 in St.Moritz». Sajjad und Alishah belegen die letzten beiden Plätze. Auf den Sieger verlieren sie in beiden Läufen zusammen (Siegerzeit: 1:47,41 Minuten) rund 40 Sekunden. Das ist schon deutlich besser als bei ihren ersten FIS-Rennen Mitte Januar in Savognin. Damals lagen die zwei Exoten auf den Rängen 59 und 60 gut 40 Sekunden hinter dem Drittletzten und eine Minute hinter dem Sieger.

Heute kaum mehr in Gebrauch in Bamyan: Die Yakhmalak.
Heute kaum mehr in Gebrauch in Bamyan: Die Yakhmalak.bild: afghan ski challenge

Aber wie wichtig ist schon die Zeit? Die Bedingungen für das Zwischenziel, die WM in St.Moritz, haben sie mit den gewonnen FIS-Punkten und dem – nach langen Verhandlungen – gegründeten Afghanischen Skiverband erfüllt. Am 16. Februar werden die beiden als erste Afghaner in der Riesenslalom-Qualifikation an einer WM starten. 

Vorgeschmack auf Olympia: Die Siegerehrung in Afghanistan.Bild: afghan Ski challenge
Impressionen der Afghan Ski Challenge 2013.Video: YouTube/AfghanSkiChallenge

In dieser Kategorie bleiben die beiden Afghaner chancenlos: Die schlimmsten Ski-Dresses aller Zeiten

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6 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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phillipp123
03.02.2017 12:38registriert November 2014
Es war eine absolute Freude diesen Beitrag zu lesen! Herzerwärmende Geschichte. Ich hoffe die Ski Challenge wird noch viele Male in Afghanistan durchgeführt. Wer in St.Moritz ist, soll unbedingt in den Bamyan Ski Club gehen, man kann dort auch essen/trinken und spenden :-)
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stoipi
03.02.2017 14:31registriert März 2014
Was für eine coole Story! Merci!
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lilie ❤ Bambusbjörn
03.02.2017 14:07registriert Juli 2016
Eine tolle Geschichte! Danke, watson!

Ich wünsche den beiden Jungs nur das allerbeste für die Zukunft, und dass sie weiterhin so ehrgeizig, fleissig, bescheiden und bodenständig bleiben!
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