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Die Linie berührt oder nicht berührt – das ist hier die Frage.
Die Linie berührt oder nicht berührt – das ist hier die Frage.
Bild: keystone

Mensch vs. Maschine? Warum sich das French Open trotz aller Vorteile gegen Hawkeye wehrt

Linienrichter im Tennis sind für viele ein Relikt der Vergangenheit. Noch gibt es sie, doch Hawkeye stellt ihre Zukunft zumindest bei den Grand-Slam-Turnieren in Frage. Das French Open will sich aber den «menschlichen Faktor» bewahren.
08.10.2020, 18:24

Dass Novak Djokovic sich einen Tennisplatz ohne Linienrichter wünscht, ist nachvollziehbar. Wäre am US Open keine Frau im Weg gestanden, als er im Ärger über ein Break einen Ball achtlos wegschlug, wäre er im Achtelfinal nicht disqualifiziert worden und stünde nun vielleicht bereits bei 18 Grand-Slam-Titeln. Der aktuell beste Tennisspieler der Welt hatte in New York doppeltes Pech: Auf den Aussenplätzen standen tatsächlich – und erstmals in der neueren Geschichte – keine Linienrichter mehr im Einsatz.

Djokovic trifft Linienrichterin und wird disqualifiziert.
Video: streamable

2006 führte das US Open als erstes grosses Turnier Hawkeye ein, zunächst nur auf den grossen Plätzen. Mittlerweile können die Spieler in New York, am Australian Open und in Wimbledon auf allen Courts die Entscheide der Linienrichter überprüfen lassen. Da ist es nur noch ein kleiner Schritt, ganz auf die Linienrichter zu verzichten und die Maschine entscheiden zu lassen.

Beim French Open setzt man lieber auf das Auge des Menschen statt auf Technik.
Beim French Open setzt man lieber auf das Auge des Menschen statt auf Technik.
bild: imago-images.de

Corona sorgte nun dafür, dass genau dies am diesjährigen Cincinnati Masters und beim US Open passierte, um die Anzahl Leute auf der Anlage zu reduzieren – ausser eben auf den beiden grossen Plätzen mit den vielen TV-Kameras. Denn es mutete seltsam an, wenn ein Punkt einfach beendet wurde, ohne dass ein Linienrichter «out» rief – und ohne dass sich der Spieler bei jemandem beschweren konnte.

Hohe Kosten

In Paris gibt es noch Linienrichter – und vor allem kein Hawkeye. Die Idee ist, dass der Schiedsrichter auf Sand den Ballabdruck von Auge kontrollieren kann. Fehlentscheide gibt es dennoch, zum Beispiel bei einem Breakball für Dominic Thiem im Viertelfinal gegen Diego Schwartzman, der für gut befunden wurde, am Fernsehen jedoch deutlich sichtbar neben der Linie gelandet war.

Thiem holt das Break, obwohl sein Ball draussen war.
Video: streamable

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Djokovic klar und deutlich sagt: «Bei allem Respekt für die Tradition und die Kultur unseres Sports sehe ich keinen Grund, warum nicht alle Turniere in der Welt ein System nutzen, wie wir es beim von Cincinnati nach New York verlegten Turnier genutzt haben.»

Djokovic (scherzhaft):

«Gäbe es keine Linienrichter mehr, wäre die Chance auch kleiner, das zu tun, was ich in New York getan habe.»

Ein möglicher Grund sind die hohen Kosten. Grand-Slam-Turniere mit ihren gewaltigen Einnahmen und festen Installationen können sich dies leisten. Bei anderen Turnieren wie in Basel oder Gstaad, wo für zehn Tage Plätze erstellt werden, lohnen sich die Investitionen von über 50'000 Franken pro Platz wohl weniger. Zudem ist Hawkeye für Sandplätze, deren Begrenzung nicht ganz so fix ist wie bei Hartplätzen oder Rasen, nicht homologiert.

Das Beispiel McEnroe

Die Verantwortlichen des französischen Tennisverbands (FFT) führen aber einen ganz anderen Grund an, warum sie auch in Zukunft an Linienrichtern festhalten wollen: «Die FFT ist nicht dafür, Menschen durch Maschinen zu ersetzen», erklärte der Verband gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Auch bei einigen Spielern findet diese Haltung Unterstützung. «Wenn wir nur noch Maschinen auf dem Platz haben, wird es für uns noch einsamer», findet Garbiñe Muguruza, die French-Open-Siegerin von 2016. «Mir gefällt es besser, wenn jemand ‹in› oder ‹out› sagt.»

Mats Wilander, in den 80er-Jahren dreimal Champion von Roland Garros, ist gleicher Meinung. In seiner Kolumne in der Zeitung «L'Equipe» schreibt der Schwede: «Die Essenz des Sports sind die Emotionen.» Warum der Fussball die populärste Sportart der Welt sei, fragt er rhetorisch: «Die Fans können voller Passion diskutieren: War das Offside? War das Foul im Strafraum?» Und er führt das Beispiel John McEnroe an, «den beliebtesten Tennisspieler aller Zeiten».

John McEnroe und die Schiedsrichter – definitiv keine Liebesbeziehung.
John McEnroe und die Schiedsrichter – definitiv keine Liebesbeziehung.
bild: imago-images

Berühmt wurde der hitzköpfige New Yorker unter anderem durch das wutentbrannte «You cannot be serious!» («Das kann nicht dein Ernst sein»), das er 1981 in Wimbledon einem Schiedsrichter ins Gesicht schrie. Eine Maschine hätte nie solche Emotionen auslösen können. «Wäre McEnroe trotzdem so hoch aufgestiegen», fragt Wilander. «Ich bezweifle es.» Und deshalb werden die Linienrichter zumindest in Paris sicher auch nächstes Jahr für Gesprächsstoff und Emotionen sorgen. (pre/sda)

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