50-50 – die Kombination wird in der Regel verwendet, um etwas ausgeglichenes zu beschreiben. In der Major League Baseball hat 50-50 eine andere Deutung. Shohei Ohtani hat es unlängst als erster Spieler in der Geschichte geschafft, in einer Saison sowohl 50 Homeruns zu schlagen wie auch 50 Bases zu stehlen.
Um zu verdeutlichen, wie einzigartig diese Leistung ist, hilft ein Blick in die Bibliotheken voller Baseball-Statistiken. Denn es gab in der Major League überhaupt erst zwei Spieler, die in beiden dieser Statistiken einmal in ihrer Karriere auf 50 oder mehr kamen. Das waren Barry Bonds (1990: 50 Steals, 2001: 73 Homeruns) und Brady Anderson (1992: 53 Steals, 1996: 50 Homeruns).
Ohtani ist dieses Double in der gleichen Saison gelungen – und diese Saison dauert zudem noch an. Die Los Angeles Dodgers, bei denen der Japaner mit einem Zehn-Jahres-Vertrag insgesamt 700 Millionen Dollar verdient, haben in der Regular Season noch sechs Partien vor sich. Aktuell steht der 30-jährige Ohtani bei 53 Homeruns und 55 Steals.
Dabei ist das Erreichen dieser aussergewöhnlichen 50-50-Marke nur die halbe Geschichte, weshalb die USA (wieder einmal) im Ohtani-Fieber sind. Denn die Art und Weise, wie er diese Marke erreichte, war für ESPN-Analytiker David Schoenfield «die vielleicht beste individuelle Leistung in der Geschichte der Major League Baseball». Denn ihm gelang gegen Miami dies alles:
Since RBI became official in 1920, only one MLB player has had, over the course of his entire career (same game or not),
— OptaSTATS (@OptaSTATS) September 20, 2024
a game with 10+ RBI
a game with 6+ hits
a game with 5+ XBH
a game with 3+ HR
a game with 2+ SB
That one player is Shohei Ohtani. He did all of it today. pic.twitter.com/njXOmwHKnm
Wer sich mit Baseball beschäftigt, kann diesen Abschnitt überspringen. Allen anderen sei kurz erklärt, was die Begriffe bedeuten:
Nur Aaron Judge von den New York Yankees hat mit 55 Homeruns noch mehr dieser besonders spektakulären Schläge geschafft als Ohtani. Der Japaner wird als Stilist beschrieben, der mit einem unglaublichem Drehmoment aus Hüften und Beinen schlägt. «Kraftvoll, majestätisch und absolut grossartig», fasst Schoenfield zusammen.
Der Spieler selber sagte, er könne nicht genau sagen, weshalb ihm so viele Homeruns gelingen wie nie zuvor in der Karriere. «Ich kenne den Grund nicht und ehrlich gesagt, bin ich vermutlich am meisten überrascht. Ich habe keine Ahnung, aber ich bin froh, dass ich heute gut gespielt habe», sagte Ohtani nach seinem historischen Spiel.
Eindrücklich sind auch die gestohlenen Bases, für die ein Spieler zugleich schnell, schlau und mutig sein muss. Sitzt Ohtani auf der Bank – im Baseball stehen nie alle Spieler gleichzeitig im Einsatz – schaut er besonders aufmerksam zu und tauscht sich häufig mit den Coaches aus.
Dem Japaner entgeht kein Detail, wenn er den Gegnern zuschaut; und er analysiert, wann es sich auszahlen kann, den Versuch eines Diebstahls zu wagen. Für Clayton McCullough, den First Base Coach der Dodgers, spricht das Erreichen der 50-50-Marke deshalb für das Gespür, das sein Schützling fürs Baseball habe. «Und es zeigt, wie sehr er sich um Nuancen kümmert. Denn es ist kein Zufall, dass er diese Marke erreicht hat, dahinter steckt eine Menge Arbeit.»
Neue Regeln haben das Stehlen von Bases zwar begünstigt, in der letzten Saison war die Anzahl so hoch wie zuletzt 1987. Besser als Ohtani ist aber nur einer, Elly De La Cruz von den Cincinnati Reds mit 65 Stolen Bases. Weil der Japaner sich gut vorbereite, sagt sein Coach. «Er hat ein sehr gutes Auge. Und ich denke, dass er auch in Echtzeit Dinge erkennt und spontan handelt, wenn er das Gefühl hat, dass es sich lohnen kann.»
Nach dieser Regular Season wird Shohei Ohtani Neuland kennenlernen: Erstmals überhaupt hat er sich mit seinem Team für die Playoffs qualifiziert. Aber vorher stellt er vielleicht in den letzten sechs Spielen noch einen weiteren wahnwitzigen Rekord auf. «So wie ich ihn kenne, wird er wahrscheinlich schon 60-60 ins Visier genommen haben», sagte Dodgers-Cheftrainer Dave Roberts. «Bei ihm weiss man nie.»