DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Mystik statt Politik: Trump bei seinem Besuch in Saudi-Arabien.
Mystik statt Politik: Trump bei seinem Besuch in Saudi-Arabien.
Bild: EPA/SAUDI PRESS AGENCY
Analyse

Willkommen im Dschungel der Weltpolitik

Die hilflose Art, wie Trump mit der Affäre Khashoggi umgeht, ist ein Zeichen, wie brüchig die liberale Weltordnung geworden ist. Aber hat es diese liberale Weltordnung überhaupt je gegeben?
20.10.2018, 19:1622.10.2018, 11:50

Donald Trump glaubt zwar inzwischen auch, dass Jamal Khashoggi ermordet worden ist. Doch er weigert sich, die notwendigen Schlüsse daraus zu ziehen und harte Sanktionen gegen das Regime von Mohammed bin Salman (MBS) zu ergreifen. Zu viel steht für ihn auf dem Spiel: Waffenexporte in der Höhe von mehr als 100 Milliarden Dollar und die Achse USA-Israel-Saudi-Arabien gegen den Iran im Nahen Osten.

«Es gibt nach wie vor Hitlers und Stalins unter uns, die nur auf ihre Chance warten.
Robert Kagan

Nicht zufällig hat Trump Riad als erste Station als Präsident besucht. Saudi-Arabien ist ein autoritäres Königreich, das Gegenteil eines liberalen, demokratischen Rechtsstaates wie der Vereinigten Staaten. Doch Trump hat bekanntlich eine Vorliebe für Diktatoren wie Wladimir Putin oder Kim Jong Un.

Verstanden sich bestens: US-Aussenminister Mike Pompeo (links) und Mohammed bin Salman.
Verstanden sich bestens: US-Aussenminister Mike Pompeo (links) und Mohammed bin Salman.
Bild: EPA/SAUDI ROYAL PALACE

Auch mit MBS versteht er sich bestens, nicht nur, weil der junge saudische Herrscher gerüchteweise geschäftlich mit ihm verbunden ist. Das Schicksal der Weltgemeinschaft hingegen kümmert ihn nicht. «Sagt Hello zum Zusammenbruch der liberalen Weltordnung, welche die USA einst gesichert haben», klagt daher der Historiker Robert Kagan in der «Washington Post».

Die These der liberalen Weltordnung lässt sich wie folgt zusammenfassen: Auf den grauenhaften Ersten Weltkrieg und die noch schrecklicheren Verbrechen von Hitler und Stalin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgte nach dem Zweiten Weltkrieg eine lange Friedensphase unter dem Schutzschild der Amerikaner. Der Harvard-Politologe Joseph Nye schreibt dazu:

«Der nachweisliche Erfolg dieser Ordnung, in den letzten sieben Jahrzehnten die Welt sicherer und stabiler zu machen, hat zu einem starken Konsensus geführt, sie auch zu verteidigen. Diese Ordnung zu vertiefen war und bleibt eine zentrale Aufgabe der US-Aussenpolitik.»
Er fürchtet sich vor einem neuen Mittelalter: Historiker Robert Kagan.
Er fürchtet sich vor einem neuen Mittelalter: Historiker Robert Kagan.

Zu diesem Schluss kommt auch Kagan, denn er ist überzeugt, dass es auch heute noch genügend totalitäre Herrscher mit bösen Absichten gebe. «Wir wollen glauben, dass Hitler und Stalin bloss bizarre Produkte einer anderen Ära waren», so Kagan. «Aber es gibt nach wie vor Hitlers und Stalins unter uns, die nur auf ihre Chance warten. Wir wissen beispielsweise, dass Wladimir Putin grosse Ambitionen hat, die er bisher noch nicht umsetzen konnte. Er verehrt Stalin, aber er ist nicht Stalin. Aber wie wird ein Putin sein, der nicht mehr kontrolliert wird (will heissen, von einer Schutzmacht wie den USA in Schach gehalten wird, Anm. d. Verf.)?»

Kagan fürchtet, dass der Zusammenbruch der liberalen Ordnung zu einer Welt im Sinne des Philosophen Thomas Hobbes führen wird, einer Welt, in der wieder jeder gegen jeden kämpft und alle nur ihren eigenen Vorteil suchen. Durch die Periode des langen Friedens nach dem Zweiten Weltkrieg verwöhnt, können wir uns im Westen die Schrecken dieser Welt nicht mehr vorstellen.

Hält die liberale Weltordnung für einen Mythos: Harvard-Politologe Graham Allison.
Hält die liberale Weltordnung für einen Mythos: Harvard-Politologe Graham Allison.
Bild: AP/AP

Doch hat es diese liberale Weltordnung überhaupt je gegeben? Nein, sagt der Harvard-Politologe Graham Allison. In einem Essay im Magazin «Foreign Affairs» demontiert er diese Vorstellung als Mythos. «Der ‹lange Friede› war kein Resultat einer liberalen Ordnung, sondern das zufällige Produkt einer gefährlichen Machtbalance zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten während den 45 Jahren des Kalten Krieges und einer kurzen Periode einer amerikanischen Dominanz», so Allison.

Ferner sei das US-Engagement nie getrieben gewesen «vom Wunsch, den Liberalismus in anderen Teilen der Welt zu fördern oder eine internationale Ordnung zu verteidigen. Es war getrieben von der Notwendigkeit, die liberale Ordnung zuhause aufrechtzuerhalten.»

Zudem: So friedlich sei diese liberale Weltordnung auch nicht gewesen. Während des Kalten Krieges hätten die beiden Supermächte jede Menge Stellvertreterkriege führen lassen, so Allison weiter. Nur das atomare Gleichgewicht des Schreckens habe einen heissen Krieg zwischen den beiden Supermächten verhindert.

Ist Trump nur ein Symptom?

Die Pfeiler der liberalen Weltordnung – Marshall-Plan, IWF, Nato – seien als Schutz gegen die Sowjetunion gegründet worden. «Jede dieser Initiativen diente als Baustein in einer Ordnung, die in erster Linie dazu diente, den sowjetischen Feind zu besiegen», so Allison.

Als Gegenpol zu den USA hat China die Sowjetunion abgelöst. Das, und nicht die Aussenpolitik von Trump, sei die eigentliche Bedrohung, stellt Allison fest. «Der Aufstieg Chinas, das Comeback von Russland und der Machtverlust der Vereinigten Staaten sind eine viel grössere Herausforderung als Trump», so Allison. «Und wir können der Frage nicht ausweichen: Ist Trump mehr ein Symptom als die Ursache für diesen Umstand?»

Unermessliches Elend in Jemen

Video: srf/SDA SRF
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Interview

Schweizerin im Dauer-Lockdown in Melbourne: «Die Menschen haben die Schnauze voll»

Seit Beginn der Pandemie galt in Melbourne an 247 Tagen ein sehr strikter Lockdown. Was macht das mit den Menschen? Die gebürtige Zürcherin Barbara Kündig lebt seit 24 Jahren Down Under und erzählt von Frust, der sich immer mehr aufstaut.

Frau Kündig, Sie sind vor über 20 Jahren nach Melbourne gezogen, weil es damals die Stadt mit der höchsten Lebensqualität weltweit war. Ist dem immer noch so?Barbara Kündig: Die Stadt selbst ist immer noch sehr schön, ja. Auch wenn wir nicht viel davon sehen momentan.

Melbourne ist jetzt kumuliert seit 247 Tagen im Lockdown. Weltrekord. Wie waren die letzten 18 Monate für Sie?Eigentlich kann ich mich nicht beklagen. Ich habe ein Haus mit Garten und ich konnte die letzten 18 Monate weiterhin …

Artikel lesen
Link zum Artikel