Wirtschaft
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Auf der Autobahn A2 vor dem Gotthard Tunnel zwischen Goeschenen und Amsteg in Richtung sueden staut sich der Reiseverkehr am Mittwoch, 23. Maerz 2016, auf mehrere Kilometer. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Stau am Gotthard: Nicht nur an Ostern normal geworden.
Bild: KEYSTONE

Ein Uber für alle: So lassen sich die Verkehrsprobleme der Schweiz lösen

Wir haben die Technik, die Infrastruktur und die Fahrzeuge: Warum machen wir nicht ein Verkehrssystem, das viel billiger, umweltfreundlicher und sozialer ist?



Der soeben überstandene Osterstau hat es einmal mehr gezeigt: Unsere Strassen sind überfüllt, und es wird täglich schlimmer. Dazu sind sie auch schweineteuer. Spezialisten des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) haben schon vor Jahren ausgerechnet, dass wir bis 2030 allein für den Ausbau der Nationalstrassen rund 45 Milliarden Franken aufwenden müssen.  

«Eine moderne Verkehrsdaten-Austausch-Plattform ist schnell realisierbar und kostet praktisch nichts.»

Hermann Spiess

Dazu kommen 19 Milliarden Franken für den Unterhalt, und zusätzlich müssen Kantone und Gemeinden jährlich gegen sechs Milliarden Franken für Kantons- und Gemeindestrassen hinblättern.

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Hat eine Idee, deren Zeit gekommen ist: Hermann Spiess.

Das Deprimierende dabei ist: Diese teure Infrastruktur wird alles andere als effizient genutzt. Privatautos stehen durchschnittlich mehr als 90 Prozent der Zeit herum, und wenn sie in Bewegung sind, dann sitzen in den meist fünfplätzigen Vehikeln durchschnittlich gerade mal 1,6 Personen. Viel mehr Verschwendung geht nicht.

Uber macht es vor

Das müsste nicht sein, findet Hermann Spiess aus dem Luzerner Hinterland. Der dipl. Ing. Agr. ETH sagt: «Dank Internet, Smartphones und den Apps verfügen wir heute über die Technik, um diese Infrastruktur sehr viel besser ausnützen zu können.» Was Uber im Taxibereich bereits vorexerziert, lässt sich tatsächlich jederzeit auf den Privatverkehr übertragen: «Eine moderne Verkehrsdaten-Austausch-Plattform ist schnell realisierbar und kostet praktisch nichts», sagt Spiess.  

Das Rad müsste dabei nicht neu erfunden werden. Die Deutsche Bahn betreibt mit «Oxxit»  bereits ein solches System, in Frankreich gibt es «Covivo». Sehr erfolgreich werden ähnliche Modelle in den Oststaaten eingesetzt, etwa in Polen und in Ungarn. «Es gibt dort keinen oder einen sehr schlechten öffentlichen Verkehr», erklärt Spiess.

Uni-Zürich-Studie zeigt: ein grosser Sprung nach vorne ist möglich 

Trotz SBB und Postautos hat ein mit moderner IT unterstütztes Mitfahrersystem auch in der Schweiz ein grosses Potenzial. Das hat eine gross angelegte Untersuchung der Sozialforschungsstelle der Universität Zürich zutage gefördert. Sie kommt zu Schluss, dass auch hierzulande «dank Car Pooling rasch ein grosser Sprung nach vorne» zu machen wäre. Fazit der Studie: «Die heute verbreitete Verkehrsüberlastungen liessen sich mit Fahrgemeinschaften leicht aus der Welt schaffen – vorausgesetzt, die Gesamtmobilität würde nicht umso stärker zunehmen. Es lohnt sich sogar, darüber nachzudenken, statt in aufwändige neue Verkehrsinfrastruktur zu investieren.»  

Der einst führende Handyhersteller Nokia – inzwischen von Microsoft übernommen – hat schon vor Jahren das Potenzial einer Verkehrsdaten-Austausch-Plattform untersucht und dabei die wichtigsten Hinderungsgründe analysiert. Hier die vier wichtigsten Vorurteile – und die Gründe, weshalb sie ihre Berechtigung verloren haben:  

«Ich mag keine Fremde in meinem Auto.»

Dank Facebook und anderen sozialen Medien kann die Identität von Mitreisenden rasch und zuverlässig festgestellt werden. Das zeigt unter anderem das Beispiel von Airbnb. Die Angst vor bösen Unbekannten erübrigt sich.

«Ich mag Autostopp nicht. Man weiss nie, zu wem man ins Auto steigt.»

Wie die Passagiere können auch die Lenker rasch identifiziert werden. Ebenso unbegründet ist die Angst, dass man als Autostopper einen schlechten Ruf geniesst. «Eine Autofahrt zu teilen heisst nicht, dass man sich kein eigenes Auto leisten kann. Es ist vielmehr eine Kosten-Nutzen-Überlegung», heisst es in der Nokia-Studie.

«Ich arbeite flexibel, deshalb ist mir das Teilen zu kompliziert.»

Wie Uber schon beweist, können Mitfahrgelegenheiten blitzschnell und äusserst flexibel arrangiert werden.

«Die Menschen ändern ihre Gewohnheiten nicht, um die Umwelt zu schonen.»

Auch dieses Vorurteil schiesst am Ziel vorbei. Nicht die Moral, sondern der Verstand ist entscheidend: Wer rechnet, schliesst sich einer Verkehrsdaten-Austausch-Plattform an, weil er erkannt hat, dass er nirgends billiger und bequemer reisen kann.

Tesla Motors CEO Elon Musk introduces the falcon wing door on the Model X electric sports-utility vehicles during a presentation in Fremont, California in this September 29, 2015, file photo.  Musk stands to lose billions of dollars in personal stock wealth this week with the tanking market values of Solar City and Telsa, but that may be only the beginning of his concerns, February 10, 2016.   REUTERS/Stephen Lam/Files

Tesla Modell X: Elektroautos werden auch den Privatverkehr nachhaltig machen.
Bild: STEPHEN LAM/REUTERS

Selbstverständlich profitiert aber auch die Umwelt vom Mitfahrermodell. Der Verkehr wird nicht zunehmen, das System wird bloss effizienter genutzt. Wenn nur ein Bruchteil der Autofahrer mitmacht, entstehen gewaltige zusätzliche Transportkapazitäten.

Das zeigt ein einfaches Beispiel: Zwischen Zürich und Olten könnten sämtliche 100'000 täglichen Benutzer der öffentlichen Verkehrsmittel auch auf der Autobahn A1 in privaten Motorfahrzeugen transportiert werden. Ohne Mehrverkehr – nur auf den freien Plätzen der bereits heute fahrenden Fahrzeuge.

«Solange der öffentliche Verkehr die neuen Mitfahrermodelle als Konkurrenz betrachtet, hat er nicht begriffen, was auf ihn zukommen wird.»

Hermann Spiess

Angesichts dieser Zahlen ist es nicht verwunderlich, dass sich die Begeisterung bei SBB und Postautos in Grenzen hält. Sie fürchten um ihr Geschäft, eine verständliche, aber trotzdem falsche Reaktion. «Solange der öffentliche Verkehr die neuen Mitfahrermodelle als Konkurrenz betrachtet, hat er nicht begriffen, was auf ihn zukommen wird», warnt Spiess.  

Öffentliche und Private müssen Partner werden

Die aktuellen Verkehrsprobleme lassen die alte Feindschaft zwischen Privatauto und öffentlicher Bahn zum Anachronismus verkommen. Nur partnerschaftliche Lösungen werden in der Lage sein, tragfähige Lösungen zu schaffen, welche die Herausforderungen der Zukunft zu lösen wissen.  

ARCHIV --- Ein Postauto unterwegs in der Gemeinde Isenthal auf der Strecke Altdorf-Isenthal im Kanton Uri am Donnerstag, 2. September 2010. Wer mit dem GA oder anderen Pauschalfahrausweisen im Postauto ueber den Gotthardpass faehrt, muss kuenftig keinen Aufpreis mehr zahlen. Dies wurde am Freitag, 3. Oktober 2014, bekannt. PostAuto hebt den Zuschlag fuer diese und andere touristische Strecken ab dem Fahrplanwechsel auf.(KEYSTONE/Urs Flueeler)

Sinnbild der Postkarten-Schweiz: Das Postauto.
Bild: KEYSTONE

Diese Lösungen müssen jedoch schon heute getestet werden. Spiess schlägt deshalb dem Bund vor, in einer Region ein Mobilitätsexperiment durchzuführen. Er denkt an eine Verkehrs-Austausch-Plattform, zu der alle Dienstleistungserbringer Zugriff hätten. Sechs Monate lang sollte so getestet werden, ob das in der Theorie so einleuchtende Modell auch in der Praxis funktionieren wird.

Was fehlt, sind die Passagiere

Spiess – der übrigens dabei keine kommerziellen Interessen hat oder vertritt – ist zuversichtlich: «Es gibt bereits heute genügend Autofahrer, die bereit sind, mitzumachen», sagt er. «Was fehlt, sind die Passagiere.» Mit der Unterstützung der öffentlichen Verkehrsbetriebe und mit einem einmaligen Beitrag des Bundes von einer halben Million sollte auch dies zu schaffen sein.

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