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Pump&Dump-Gruppen: Im Krypto-Wildwest haben die Schiessereien begonnen

11.04.2018, 08:23

Die Krypto-Kurse explodieren nicht mehr. Mehrere hundert Prozent Rendite in wenigen Tagen sind nicht mehr möglich. Wenigstens nicht einfach so. Das «neue» Geld tropft nur noch sporadisch in den Markt. Die fröhliche Goldgräberstimmung im Kryptowildwest ist vorbei. Geblieben ist nur eines: die Gier.

Was tun findige Spekulanten, wenn die Kurse nicht mehr «einfach so» explodieren? Sie machen sie explodieren: Pump&Dump heisst das Zauberwort.

Öffentliche Ankündigung

Unter einem Pump&Dump versteht man die Technik des künstlichen Hochjubelns des Kurses eines bestimmten Kryptocoins – um dann möglichst schnell und möglichst gewinnbringend seine Positionen wieder zu verkaufen.

So geht Pump&Dump. Jede Kerze steht für eine Minute. Nach vier Minuten hat der Preis seinen Höhepunkt erreicht. Danach geht es nur noch bergab und nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei.
So geht Pump&Dump. Jede Kerze steht für eine Minute. Nach vier Minuten hat der Preis seinen Höhepunkt erreicht. Danach geht es nur noch bergab und nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei.
Bild: screenshot binance

Früher war Pump&Dump Grossinvestoren vorbehalten. Nur wer über schlagkräftige finanzielle Mittel verfügte, konnte den Kurs manipulieren. Doch früher war, als das Telefon noch eine Drehscheibe hatte. Ein zeitgenössisches Telefon hat Apps – zum Beispiel «Telegram»: ein Whatsapp-Derivat aus Russland.

Mit Telegram können tausende Mitglieder gleichzeitig chatten – und genau so werden Pump&Dump-Gruppen organisiert. Die Administratoren bestimmen eine Urzeit, wann die Teilnehmer Spalier zu stehen haben. Auf welchen Krypto sie es abgesehen haben, wird noch nicht bekannt gegeben. Selbstverständlich decken sie sich aber vorrangig damit ein.

Zum abgemachten Zeitpunkt wird die Katze aus dem Sack gelassen, worauf die Mitglieder der Gruppe gleichzeitig mit dem Zukauf beginnen. Mehrere zehntausend Mitglieder umfassen solche Gruppen. Und im Kollektiv erzeugen sie eine derart grosse Nachfrage, dass der Preis explodiert. Das wiederum zieht Nachahmer an. Nun gilt es nur noch die angehäuften Reserven profitabel zu verkaufen. 

Der Pump&Dump von Einsteinium. Er dauerte nur gerade 2 Minuten. Wer zu spät kommt, hält einen «Bag».
Der Pump&Dump von Einsteinium. Er dauerte nur gerade 2 Minuten. Wer zu spät kommt, hält einen «Bag».
bild: screenshot bittrex

Eine reine Umverteilung

Die grössten Profiteure sind die Organisatoren. Während sie in Ruhe ihre zuvor angehäuften Positionen zu gepumpten Preisen abstottern, erledigen die Gruppenmitglieder die Drecksarbeit und treiben den Preis immer höher. Im Fahrwasser der Organisatoren kommen die schnellsten und abgeklärtesten Teilnehmer zum Handkuss – und die, die ihre Gier im Griff haben.

Wer zu hoch pokert, die Verkaufsaufträge zu hoch ansetzt, den Absprung verschläft oder sonst keinen Plan hat, wird bestraft – und das ist die Mehrheit. Der Kurs kann innert Sekunden wieder zusammenbrechen. An einen lohnenswerten Deal kann jetzt nicht mehr gedacht werden. 

Auf der Strecke bleiben Neulinge, naive Mitläufer, Aussenseiter, schlecht Informierte, Menschen mit schlechter Internetverbindung. Sie bezahlen die Zeche.

Nach wenigen Minuten ist der Pulverdampf abgezogen – der Kurs bewegt sich wieder auf dem Ausgangswert. Die Admins und ein paar Gruppenmitglieder reiben sich die Hände, die Mehrheit leckt sich die Wunden. Pump&Dump ist ein Nullsummenspiel, eine reine Umverteilung von naiven Gierigen zu ausgekochten Gierigen.

Niemand wird zu diesem Spiel gezwungen, lautet das Argument der Befürworter. Die Opfer selbst hätten ja auch nur schnell viel Geld verdienen wollen. Ausserdem sei jeder selber schuld, der mit einem Messer zu einer Schiesserei aufkreuze. Dass die schwer bewaffneten Gegenspieler Schalldämpfer benutzen und damit die eigene Feuerkraft verheimlichen, ist Teil der Taktik.

Erlaubt in Krypto, verboten an den Aktienmärkten

Pump&Dump ist kein neues Phänomen. Die Manipulationstaktik existiert, seit es Handel gibt. Früher war sie aber den feinen Herren in den Zigarrenlounges vorbehalten: Wall-Street-Wölfen.

Das änderte sich. Der bekannte Pump&Dump-Organisator Jonathan Lebed verdiente damit Unsummen während der Dotcom-Ära. Lebed war damals 15-jährig. Auch in Krypto ist das Phänomen nicht neu. 2017 war das Jahr der ICOs – und der Hardforks. 2018 ist das Jahr des Preiswinters – und (als eine Folge davon) der Pump&Dump-Gruppen.

Heute kann jeder Lehrling mit einem Smartphone und ein wenig Social-Media-Geschick ein Pump&Dump organisieren. Bei aller Kritik: Die «sozialen» Medien haben Pump&Dump auch fürs Fussvolk möglich gemacht. Der Elite wurde das alleinige Recht auf die fragwürdige Methodik entzogen. Immerhin.

Die Frage, ob die eigenen Ersparnisse so eingesetzt werden sollen, und ob man willens ist, sich derart dreist an der Naivität anderer Leute zu bereichern, muss jeder Krypto-Spekulant für sich selber beantworten. Am Ende ist es Handel im rechtsfreien Raum – auf Steroiden. Mehr nicht.

Verbot

Im weniger rechtsfreien Raum, dem regulären Aktienhandel, hat die Gesetzgebung die Frage geregelt. Pump&Dump ist verboten und wird bestraft. Das Argument lautet: Der Markt sollte alle frei zugänglichen Informationen widerspiegeln. Pump&Dump-Gruppen sind aber privat organisiert und ihre Administratoren haben einen «Wissensvorsprung». Sie betreiben Insiderhandel.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Verbots-Forderungen auch für Kryptos formuliert werden. Wie ein solches Gesetz umgesetzt werden würde, ist eine andere Frage. 

Neben den finanziell Geschädigten gibt es eine weitere Gruppe von Verlierern: die Tech-Romantiker und Blockchain-Fans.

Sie befürchten, dass mit Pump&Dump eine weitere Welle von Regulierungsforderungen anrollt. Schon jetzt beschweren sich viele Kryptofans über Börsen, welche den Steuerämtern auf dieser Welt Auskünfte über die Aktivitäten ihrer User erteilen. Ohne diese würden die Behörden im Dunkeln tappen.

In der Schweiz deutet alles darauf hin, dass Pump&Dump-Aktivitäten als gewerbsmässiger Handel taxiert wird. Der Bund hat dementsprechend grosses Interesse, solchen Aktivitäten auf die Schliche zu kommen.

Ausserdem befürchten Blockchain-Romantiker, dass ihre geliebte Technik erneut in Verruf geraten könnte. Und das, noch bevor sie sich endgültig etabliert hat.

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