Wirtschaft
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Ein Messer genügt: Tony Rinaudo legt ein scheinbar nutzloses Gebüsch in der Wüste frei. 

Interview

«Dann kommt dieser weisse Tony und will ihnen weismachen, ein ‹dreckiger› Bauer zu sein»

Tony Rinaudo hat in der unwirtlichen Sahelzone in Afrika 200 Millionen neue Bäume gepflanzt. Das hat ihm den Übernamen «der Waldmacher» oder «der Baumflüsterer» eingebracht, und dafür ist er nun mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden.



Sie haben in Afrika einen unterirdischen Wald entdeckt. Was hat man sich darunter vorzustellen?
Schon als Kind habe ich gemerkt, dass ein Baumstamm neue Zweige spriessen lässt, selbst wenn er gefällt wurde. In Niger habe ich seltsame Büsche in der Wüste entdeckt. Plötzlich wurde mir klar, dass dies gar keine Büsche, sondern verkrüppelte Bäume sind. Wenn man diese nicht abholzt, dann gedeihen sie, selbst im unwirtlichen Klima der Sahelzone, denn diese Bäume haben ein unterirdisches Netzwerk, das sie am Leben erhält.

Wie haben Sie diese Entdeckung gemacht?
Ich wollte mit meinem Jeep durch die Wüste fahren und liess deshalb Luft aus den Pneus, weil man sonst stecken bleibt. Da sah ich diesen Busch – und plötzlich war mir klar: Das ist kein Busch, sondern ein Baum. Wenn wir ihn nicht ständig stutzen, dann haben wir unseren Wald.

Sie sind ein religiöser Mensch. Glauben Sie, dass Gott bei Ihrer Entdeckung seine Hand im Spiel hatte?
Die Entdeckung war eine Antwort auf meine Gebete. Bevor ich die unterirdischen Wälder entdeckt habe, war ich frustriert. Rund zwei Jahre lang hatten wir vergeblich versucht, neue Bäume anzupflanzen. Aber ich war stets überzeugt, dass Gott mich nicht zufällig nach Afrika geschickt hatte.

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Vorher: Eine karge Landschaft, die durch das Abholzen der Bäume zerstört wurde. 

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Nachher: Alles wieder grün, weil der unterirdische Wald befreit wurde.

Was heisst das konkret?
Als Kind hatte ich die schrecklichen Bilder von ausgehungerten Kindern in Afrika am TV gesehen. Ich habe schon damals gebetet: Lieber Gott, hilf mir, dass ich etwas gegen dieses Elend unternehmen kann. Bis heute treibt mich dieses Gefühl an.

Und wie! Allein in Niger haben Sie inzwischen rund 200 Millionen neue Bäume gepflanzt. Wie haben Sie das geschafft?
Im Grunde genommen ist es einfach: Die Bauern müssen umdenken. Sie müssen erkennen, dass die Bäume nicht ihr Gegner, sondern ihr Freund sind.

Herzlicher Empfang für den «Waldmacher». Tony Rinaudo hat Erfolg, weil er die einheimischen Kleinbauern respektiert.

Trotzdem mussten Sie zunächst grosse Widerstände bei den einheimischen Kleinbauern überwinden. Weshalb?
Kleinbauern sind konservative Menschen. Was sie nicht kennen, betrachten sie misstrauisch. Bisher hatten sie gelernt, dass man in jedem Frühjahr die spriessenden Bäume auf den Feldern abholzt. So war man ein stolzer Bauer, der «saubere» Felder hat. Nun kommt dieser weisse Tony und will ihnen weismachen, man solle ein «dreckiger» Bauer sein. Das konnte zunächst nicht gut gehen. Dazu kam, dass die Bäume niemandem gehörten. Deshalb hatte auch keiner ein Interesse daran, dass sie gediehen.

Warum haben die Bauern nicht selbst den Wert der Bäume erkannt? Wurde dieses Wissen der Einheimischen während der Kolonialzeit zerstört?
Der Kolonialismus hat sicher etwas damit zu tun. Die afrikanischen Bauern wurden damals gezwungen, ihre traditionelle Landwirtschaft aufzugeben und moderne Methoden zu verwenden. Die Hungersnöte in den Siebzigerjahren haben dazu geführt, dass jeder Quadratmeter Land bebaut und jeder Baum gefällt wurde. Dabei ging das Wissen um die Bedeutung der Bäume verloren. Dazu kam, dass es immer wieder Streit mit den Viehzüchtern gab. Ihre Tiere frassen die jungen Baumsprösslinge.

Ihre Methode hat einen Namen: FMNR (Farmed Managed Natural Regeneration) und ist zu einem Begriff geworden.
Der Begriff stammt nicht von mir, sondern von der amerikanischen Entwicklungshilfe. Ich verwende lieber den afrikanischen Begriff, der in etwa bedeutet: Wir lassen stets eine gewisse Anzahl Bäume auf den Feldern stehen. Nicht zu viele, sonst nehmen sie sich gegenseitig den Lebensraum weg. Diese Bäume sorgen dafür, dass der Boden nicht austrocknet. Sie sind keine Feind des Getreides, sondern ihr Freund.

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So funktioniert die FMNR-Methode. Mehr über Tony Rinaudo erfahrt Ihr auch im Buch: «Der Waldmacher», erschienen im rüffer & rub Verlag. Video: YouTube/Right Livelihood Award Foundation

Ist Ihre FMNR-Methode Teil einer biologischen Landwirtschaft oder lassen sie auch den Einsatz von Pestiziden zu?
Bäume sind Teil einer Bio-Landwirtschaft, ja, sie sind geradezu ein tragender Pfeiler. Sie sorgen nicht nur dafür, dass die Böden nicht austrocknen. Sie bilden auch den natürlichen Lebensraum für die Gegner der Schädlinge des Getreides und des Gemüses. Vögel fressen die Raupen, welche den Mais befallen, etc. Das haben die Bauern inzwischen begriffen.

Sie sind als weisser Entwicklungshelfer aus Australien nach Afrika gekommen. Kritiker wie William Easterly kritisieren die westliche Entwicklungshilfe scharf und sagen, sie würde mehr Schaden als Nutzen anrichten. Was entgegnen Sie darauf?
Wir haben eine Bewegung gestartet, die heute vollkommen von den Einheimischen getragen wird und die dazu geführt hat, dass in Afrika fünf Millionen Hektaren neuer Wald entstanden ist. Wenn sich die Menschen davon keinen Nutzen versprochen hätten, dann wäre das nicht geschehen. Damit will ich keineswegs sagen, dass in der Entwicklungshilfe nicht auch viel Schlechtes geschieht und Geld verschleudert wird.

Warum haben Sie mit Ihrem Projekt Erfolg gehabt?
Wichtig ist, dass man auf die einheimische Bevölkerung hört, sie respektiert und auch von ihr lernt. Ich lerne täglich Neues von Bauern. Nur so kann man die Menschen überzeugen. Gerade in Afrika leiden die Kleinbauern darunter, dass sie als minderwertig angesehen werden.

Dabei bilden sie 80 Prozent der Bevölkerung.
Trotzdem werden sie selbst von der eigenen Regierung weitgehend ignoriert. Wenn ich komme und ihnen zuhöre, sind sie erstaunt: Was, er ist weiss und er stellt uns Fragen? Und er geht sogar auf unsere Anregungen ein!

Sollte Afrika den gleichen Prozess wie der Westen durchmachen und dafür sorgen, dass möglichst viele Bauern in der Industrie und in den Dienstleistungen beschäftigt werden? Oder liegt die Zukunft von Afrika in der Landwirtschaft?
Ich hoffe, es wird einen Mittelweg geben. Mich schaudert es beim Gedanken, dass die Anzahl der Bauern auf das Niveau eines westlichen Landes absinkt. Das würde bedeuten, dass diese Menschen in den Ghettos der Grossstädte leben müssten. Damit will ich keineswegs das Leben der afrikanischen Kleinbauern verherrlichen. Es ist hart, mühsam – und oft auch sehr langweilig.

Aus vermeintlich nutzlosen Büschen werden stattliche Bäume.

Ist industrielle Landwirtschaft der Ausweg?
Wohl kaum. In meiner Heimat Australien hat diese Art von Landwirtschaft dazu geführt, dass die Erde übersäuert ist. Natürlich braucht es einen gewissen Grad an Mechanisierung, aber das muss im Einklang mit der Umwelt geschehen.

Afrika importiert heute rund einen Viertel seiner Lebensmittel. Die Bevölkerung wächst rasant. Deshalb sagen Entwicklungsökonomen wie Paul Collier, dass nur eine industrielle Landwirtschaft eine Katastrophe verhindern kann.
Das bezweifle ich. Wir haben bewiesen, dass man allein mit einer sinnvollen Aufforstung die landwirtschaftliche Produktion verdoppeln kann. Mit einer durchdachten Bio-Landwirtschaft lassen sich die Erträge nochmals deutlich steigern. Afrika könnte so produktiv sein. Heute wird nur ein Bruchteil dessen produziert, was möglich wäre.

Wird es gelingen, die Bevölkerungsexplosion in Afrika in den Griff zu bekommen?
Wir haben das Wissen, um es zu tun. Ob es auch geschehen wird, ist eine andere Frage. Die Jungen wandern leider ab, entweder in die Städte oder gar nach Übersee. 

Liegt die Lösung darin, dass wir Ihre Projekte und ähnliche im grossen Stil unterstützen?
Ich bin bisher nicht in den Genuss einer solchen Unterstützung gekommen. Aber das Bewusstsein ist vorhanden, dass wir wegen der Klimaerwärmung etwas gegen die Zerstörung der Böden unternehmen müssen. So unterstützt die EU ein grosses Projekt, das sich über acht Länder in der Sahelzone erstreckt.

Sie werden oft als «Baumflüsterer» oder «Waldmacher» bezeichnet. Haben Sie eine mystische Beziehung zu Bäumen?
Ich habe erst einmal einen Baum umarmt… Aber ja, ich liebe Bäume. Schon als Kind haben sie mich fasziniert. Sie sind ein Teil von mir. Ob man das als mystisch bezeichnen will, weiss ich nicht.

Bäume sind derzeit schwer im Trend. Es gibt neuerdings gar die These, wonach sie untereinander kommunizieren können. Wie sehen Sie das?
Ich kann mir das vorstellen. Baumwurzeln bilden zusammen mit Pilzen ein Netzwerk, mit dem sie kommunizieren können. Auch über der Erde gibt es eine Kommunikation. Wenn Giraffen kommen und die Blätter eines bestimmten Baumes fressen, dann sondert dieser Baum einen Stoff ab. Wird dieser Stoff vom Wind auf andere Bäume getragen, dann beginnen die anderen Bäume Tannin abzusondern, was die Giraffen nicht mögen. Die Bäume warnen sich so gegenseitig vor den gefrässigen Giraffen. In diesem Sinne sprechen sie miteinander.

Glauben Sie, dass wir zusammen mit den intelligenten Bäumen eine Klimakatastrophe verhindern können?
Ja, wir wissen, dass die nördlichen Wälder im Frühling grosse Mengen an CO2 aus der Atmosphäre saugen. Wir haben heute auf der Erde rund zwei Milliarden Hektaren von degradiertem Land. Wenn wir nur die Hälfte davon wieder aufforsten können, würde sehr viel CO2 auf natürliche Art aus der Atmosphäre entfernt. Ich hoffe, wir haben genügend vernünftige Menschen, die ein solches Projekt unterstützen. Wir haben ja nur noch etwa zehn Jahre Zeit dafür.

Worauf stützen Sie Ihre Hoffnungen?
Wenn ein so schwaches Land wie Niger es schafft, zerstörte Landschaften wieder aufzuforsten, dann schickt es uns eine Botschaft: Wir müssen uns ändern. Wir stehen noch nicht am Abgrund, aber nahe daran. Ich hoffe, es gibt genügend vernünftige Menschen, die den Absturz verhindern werden.

Wenn uns die Erde so behandeln würde wie wir sie

Video: watson/Knackeboul, Madeleine Sigrist, Lya Saxer

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