Wirtschaft
Interview

Der Werdegang von Sandoz-Präsident Gilbert Ghostine

Gilbert Ghostine, CEO Firmenich, spricht waehrend der Swiss Global Compact Dialogue, am Donnerstag, 2. Februar 2017, in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)
«Ich bin sehr stolz, Bürger dieses Landes zu werden»: Gilbert Ghostine dürfte bald in Genf eingebürgert werden.Bild: KEYSTONE
Interview

«Ich sehe das nicht als Arbeit»: Der Aufstieg des Sandoz-Präsidenten

Gilbert Ghostine lenkt seit drei Jahren die Basler Sandoz. Jetzt soll er auch noch Präsident des Warenprüfers SGS werden. Was treibt den 65-Jährigen an?
24.03.2026, 08:5724.03.2026, 08:57
Pascal Michel / ch media

Gilbert Ghostine nimmt einen Schluck Tee und legt ungefragt los mit seinem unerschütterlichen Optimismus. Die Weltwirtschaft? Trotz aller Verwerfungen widerstandsfähig. Die Inflation? In vielen Regionen auf dem Rückzug. Der Zustand der Welt? Herausfordernd, aber mit vielen positiven Entwicklungen.

Von seiner Zuversicht, die er an diesem Februartag versprüht, lässt sich der Präsident des Basler Generikariesen Sandoz nicht abbringen. Das ausführliche Gespräch fand noch vor dem Iran-Krieg statt. Mittlerweile ist nochmals ein Krisenherd dazu gekommen, der auf die Stimmung drückt.

«Es gibt auch gute Neuigkeiten.»
Gilbert Ghostine

Doch Gilbert Ghostine bleibt gelassen, trotz drohender KI-Blase, Zollchaos und neu aufgeflammten Konflikten. «Ich blende diese Probleme nicht aus. Aber wir sollten uns nicht vom negativen Grundrauschen unterkriegen lassen», sagt er, wie immer ausnehmend freundlich und zugewandt. «Es gibt auch gute Neuigkeiten: viel weniger Armut oder eine deutlich längere Lebenserwartung.»

Eine krisenhafte Jugend

Ghostines Blick auf die Welt speist sich direkt aus seiner Biografie. Die wichtigste Lektion für sein Leben lernte er im libanesischen Bürgerkrieg, inmitten von Explosionen, Sniper-Schüssen und Trümmern. Dieses «Armageddon», wie er es nennt, zwingt ihn damals zu einer Entscheidung: Lässt er sich in den Strudel des Niedergangs mitziehen und akzeptiert sein Schicksal? Oder versucht er trotz allem, das Positive zu sehen und seine Chancen zu ergreifen? Er entscheidet sich für Letzteres.

Ghostine wächst zusammen mit einem Bruder und einer Schwester in Beirut auf. Der Vater betreibt Kinos und Plattenläden, die Mutter stammt aus begüterten Verhältnissen. Als der Konflikt im April 1975 zwischen politischen und religiösen Gruppierungen im Libanon ausbricht, ist er 15 Jahre alt.

Ghostine erinnert sich, dass er damals mit seinen Eltern im Auto sitzt, als sie die Nachricht des Kriegsausbruchs erreicht. Sein Vater wird fahl. Der Sohn erkennt an seinem Gesichtsausdruck, dass sich das Leben schlagartig ändern wird. Und so ist es auch. Das Haus der Familie, es liegt 200 Meter von der Frontlinie entfernt, wird zerbombt. Der Vater verliert sein Geschäft. Die Familie steht vor dem Nichts.

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Die Zerstörung der Stadt Beirut nach dem Bürgerkrieg, 3. Oktober 1978. (Archivbild)Bild: www.imago-images.de

Trotz allem kann Ghostine an der Saint Joseph University in Beirut Marketing studieren. Die Familie legt viel Wert auf Bildung, sie verspricht sozialen Aufstieg. An einen unbeschwerten Uni-Alltag ist in der umkämpften Stadt allerdings nicht zu denken. Um auf den Campus zu gelangen, muss Ghostine Scharfschützen ausweichen, er muss seinen Weg zur Uni so risikoarm wie möglich wählen. So lernt er eine weitere wichtige Lektion: Es ist überlebenswichtig, rasch Entscheidungen zu treffen, selbst wenn die Informationslage dürftig ist.

Diese beiden Eigenschaften, Optimismus und Entscheidungsfreudigkeit, prägen heute Gilbert Ghostines Führungsverständnis. Sie sorgen auch dafür, dass sich der 65-Jährige sehr viel zutraut. Seit drei Jahren ist er Verwaltungsratspräsident von Sandoz, einem der weltweit grössten Generikahersteller aus Basel. Daneben sitzt er im Verwaltungsrat des französischen Nahrungsmittelkonzerns Danone, ebenso hat er ein Mandat bei der Luxus-Hotelkette Four Seasons. Und Ende März kommt noch ein Job dazu: Der Schweizer Warenprüfkonzern SGS hat Ghostine als Verwaltungsratspräsidenten nominiert. Am 26. März findet die Wahl statt.

«Ich habe für mich nie einen grossen Karriereplan gemacht.»
Gilbert Ghostine

Karrierestart in Afrika

Dass er dereinst in der Schweiz leben und hochkarätige Posten in der Wirtschaftswelt besetzen würde, ist für Ghostine nach seinem Studium nicht absehbar. «Ich habe für mich nie einen grossen Karriereplan gemacht. Ich bin Schritt für Schritt vorwärtsgegangen.» Natürlich sei auch eine gute Portion Glück dabei gewesen, sagt er. Aber: «Damit einen das Glück findet, muss man ihm auch eine Chance geben und hart dafür arbeiten.»

Zusammen mit seiner Frau, die er im Studium kennengelernt hat, reist er nach seinem Marketingabschluss 1986 ins damalige Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Dort arbeitet er für eine libanesische Baufirma. Danach kehrt er zurück in den Mittleren Osten und nimmt einen Job beim weltweit tätigen Spirituosenhersteller Diageo an. Der Konzern ist bekannt für Marken wie Johnnie Walker, Guinness oder Baileys.

Pints of Guinness beer sit on the bar at the Bell public house in Wendens Ambo, Essex, UK, Wednesday, Aug. 29, 2007. Diageo Plc, the world's largest liquor maker, reported slowing profit growth a ...
Ghostine verkaufte unter anderem Guinness.Bild: Freelance
«Ich muss regelmässig meine Komfortzone verlassen.»
Gilbert Ghostine

Als die Firma Ghostine eine Stelle in den USA anbietet, sagt er zu. Obwohl ihm seine Freunde davon abraten. Im Mittleren Osten sei es doch angenehm, der libanesische Bürgerkrieg vorbei, hier habe er Familie und zahle fast keine Steuern. Doch Ghostine hört nicht darauf. «Ich muss regelmässig meine Komfortzone verlassen», sagt er. «Sonst werde ich selbstzufrieden, und das ist sehr schlecht.»

Es hat noch Platz in seiner Agenda

Für Diageo arbeitet Ghostine schliesslich 21 Jahre lang, auf fast allen Kontinenten der Welt. Auch seine beiden Kinder sind Kosmopoliten geworden, der Sohn lebt in Luxemburg, die Tochter in Dubai. Ghostine hat fünf Enkelkinder.

Im Jahr 2014 kommt dann der Ruf aus der Schweiz: Der Genfer Duftstoffhersteller Firmenich ernennt Ghostine zum ersten CEO, der von ausserhalb der Gründerfamilie kommt. Dafür zieht er nach Genf, seiner heutigen Wahlheimat. Bei Firmenich bleibt der Manager rund zehn Jahre.

Den Weg aus der Komfortzone lässt Ghostine weiter nicht los. Deshalb ist er überzeugt, neben seinen Ämtern bei Sandoz, Danone und Four Seasons auch noch Kapazität für den SGS-Konzern zu haben. Er rechnet vor: Ein Verwaltungsratsmandat entspricht grob einem Pensum von 10 Prozent. Ein Präsidium ist 25 Prozent. Es gibt noch Platz in seiner Agenda.

Das Logo der Sandoz AG am Buerogebaeude Elsaessertor der Basler Architekten Herzog und de Meuron in Basel, am Dienstag, 16. Dezember 2025. Nach der Ausgliederung von Novartis ist der Hauptsitz der San ...
Der Hauptsitz der Sandoz AG am Elsässertor in Basel.Bild: keystone

Auf den ersten Blick haben ein Spirituosenproduzent, ein Duftstoffhersteller und ein Generikakonzern nicht viel gemeinsam. Doch aus Sicht von Ghostine gibt es einen «roten Faden», der seine Karrierestationen verbindet: Es sind alles Firmen mit einer weit zurückreichenden Geschichte. Sandoz gibt es seit 1886, Firmenich seit 1895, Diageo-Marken wie Johnnie Walker sind ähnlich alt. Dazu passt auch SGS: Der Genfer Warenprüfer wurde 1878 gegründet.

«Reputation ist das grösste Kapital einer Firma.»
Gilbert Ghostine

Die Traditionsunternehmen interessieren den Marketing-Experten Ghostine insbesondere wegen ihres Rufs. «Reputation ist das grösste Kapital einer Firma. Es braucht Jahrzehnte, um sie zu erarbeiten, aber nur Minuten, um sie zu zerstören.» Diese Einsicht stammt nicht von ihm. Es war sein Vater, der Inhaber von Kinos und Plattenläden, der ihm das einbläute. «Ich war damals 14 Jahre alt – und ich habe es bis heute nie vergessen.»

Es ist deshalb kein Zufall, dass unter Ghostines Ägide Sandoz die eigene Herkunft und die weltweit geschätzte «Swissness» wieder offensiv herausstreicht. Auf Werbeplakaten betont der Konzern die Schweizer Wurzeln und setzt selbstbewusst auf das Schweizerkreuz.

Es ist ein Bruch mit der ehemaligen Mutterfirma Novartis, die Sandoz 2023 abspaltete. Der Novartis-Konzern unter Chef Vas Narasimhan gerät immer wieder in Verdacht, die Schweiz geringzuschätzen. Er interessiere sich nur noch für den wichtigen US-Markt, kaum mehr für Basel und die Schweiz, sagen Kritiker.

«Ich mag Menschen.»
Gilbert Ghostine

Ghostine wird derweil nicht müde, die Vorzüge des Standorts Basel zu loben. Und er gibt sich volksnah. Das zeigte sich an der ersten Generalversammlung von Sandoz vor zwei Jahren. In der Basler St. Jakobshalle begrüsste er unzählige Kleinaktionäre persönlich. Nur: Viele wussten zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass sie dem Verwaltungsratspräsidenten die Hände schüttelten. Ghostine erntete dementsprechend ratlose Blicke.

Er machte trotzdem weiter, er kann gar nicht anders. «Ich bin mediterran geprägt. Ich mag Menschen», erklärt Ghostine. Umgekehrt mögen ihn auch die Aktionäre. Unter seiner Führung hat Sandoz ein fulminantes Börsendebüt hingelegt. Seit Oktober 2023 hat sich der Wert der Sandoz-Papiere mehr als verdoppelt.

Er will in Genf bleiben – und Schweizer werden

Gilbert Ghostine ist jetzt 65 Jahre alt. Wann hört er auf? Bei dieser Frage verfällt er, der sonst so persönliche Einblicke gibt wie kaum ein Wirtschaftsführer, erstmals in einen Managersprech. «Ich sehe das nicht als Arbeit, sondern als eine Art, etwas zurückzugeben», meint er. «Das Schöne bei Schweizer Verwaltungsräten ist ja: Die Aktionärinnen und Aktionäre können das Gremium jedes Jahr neu bestellen. Das heisst, ich kann auch jedes Jahr neu antreten – oder nicht.»

Er selbst möchte noch einige Jahre weitermachen. Bei Sandoz gibt es wie bei vielen Firmen eine Altersguillotine: Spätestens mit 70 Jahren muss er das Feld räumen. Neue Mandate will er danach keine mehr annehmen. Er freue sich, mehr Zeit für seine Enkelkinder zu haben. Auch bei seiner Wahlheimat Genf will er für einmal die Komfortzone nicht verlassen. Hier wohnt er mit seiner Frau bereits seit zwölf Jahren, hier will er seinen Lebensabend verbringen.

Bald dürfte er auch Bürger der Stadt Genf sein. Und damit Schweizer. «Ich bin sehr stolz, Bürger dieses Landes zu werden.» Der Einbürgerungsprozess läuft. Ghostine ist optimistisch, dass auch dies klappen wird.

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