Wirtschaft
Schweiz

Kostet ein Euro bald weniger als einen Franken? Fünf Antworten

Kostet ein Euro bald weniger als einen Franken? Steigt die Inflation? Fünf Antworten

Drei Tage lang tobte der Krieg, ohne dass sich der Schweizer Franken deutlich aufgewertet hätte. Dann ändert sich das plötzlich. Vieles deutet darauf hin, dass die Nationalbank intervenieren musste, damit die Parität von 1:1 nicht unterschritten wurde. Was heisst das für Konsumenten, Hyposchuldnerinnen und Einkaufstouristen?
07.03.2022, 06:0807.03.2022, 06:08
Patrik Müller / ch media
Mehr «Wirtschaft»

Was ist mit dem Schweizerfranken seit Kriegsbeginn passiert?

Anfänglich erstaunlich wenig. Als am 24. Februar 2022 Putin den grössten Angriffskrieg auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg entfesselte, kostete ein Euro 1.038 Franken. An den ersten drei Kriegstagen bewegte sich der Franken-Euro-Kurs nur wenig. Doch dann begann er zu rutschen. Am Freitag kratzte er an der Parität: Ein Euro kostete nur noch minim mehr als einen Franken. Andréa Maechler, Direktoriumsmitglied der Nationalbank, begründete die Aufwertung in der «Schweiz am Wochenende» mit den wachsenden Unsicherheiten: «Es bleiben so viele offene Fragen: zum Kriegsverlauf, zu Umsetzung und den Folgen der Sanktionen …» In Krisenzeiten stehe der Franken als sicherer Hafen traditionell unter Aufwertungsdruck, weil die Nachfrage steige.

>> Alle aktuellen Entwicklungen im Liveticker

Andrea Maechler, Mitglied des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank SNB, spricht waehrend des Halbjahres-Mediengespraechs, am Donnerstag, 17. Juni 2021, in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Andréa Maechler, Mitglied des Direktoriums der SNB, deutet an, dass die Nationalbank Gegenwehr gibt zu einer Aufwertung des Frankens.Bild: keystone

Kostet der Euro bald weniger als einen Franken, und was tut die Nationalbank?

Je ungewisser der Kriegsverlauf und die damit verbundenen Folgen für die Weltwirtschaft sind, umso grösser ist das Risiko, dass der Franken noch stärker wird. Dass bislang die Parität nicht durchbrochen wurde, deutet darauf hin, dass die 1-Franken-1-Euro-Marke von der Nationalbank verteidigt wird. SNB-Direktoriumsmitglied Maechler sagte am Freitagabend: «Wir verfolgen die Lage am Devisenmarkt sehr genau und sind jederzeit bereit, bei Bedarf zu intervenieren.» Konkret bedeutet dies, dass die Nationalbank beispielsweise Euro-Anleihen aufkauft und so die Frankenmenge vergrössert. Doch wenn die globale Nachfrage nach Schweizerfranken massiv steigt, wird die SNB nicht dauerhaft Gegensteuer geben können.

Wie dramatisch ist der starke Franken für Export und Tourismus?

Weniger schlimm als 2015, als die Franken-Euro-Parität letztmals erreicht war. Damals hob die Nationalbank den Mindestkurs zum Euro auf. Seither war die Teuerung in der Schweiz viel weniger hoch als im Euro-Raum. Die Inflationsdifferenz betrug allein seit Beginn der Pandemie fast 5 Prozent. Das heisst, vor zwei Jahren war ein Kurs von 1.05 etwa gleich schmerzhaft wie jetzt einer von 1.00. Trotzdem: Für den Export und den Tourismus ist dieser Wechselkurs eine Belastung. Weltweit ist die Pandemie noch nicht besiegt; das Reisegeschäft lahmt noch immer, und viele Exportfirmen kämpfen mit gebrochenen Lieferketten. Einen superstarken Franken haben sie zuletzt gebraucht. Die Kehrseite ist natürlich, dass für Schweizer Konsumenten das Einkaufen im Ausland billiger wird.

Droht jetzt eine Kombination von starkem Franken und Inflation?

Aktuell erlebt die Schweiz eine unheilvolle Kombination. Die Konsumentenpreise haben innerhalb eines Jahres um satte 2.2 Prozent angezogen; einen Wert von über 2 Prozent gab es zuletzt vor vierzehn Jahren. Vor allem Heizöl, Gas und Benzin haben massiv aufgeschlagen. Und diese Inflation beinhaltet noch nicht den jüngsten Preisschub wegen des Kriegs. Im internationalen Vergleich bleibt die Schweizer Teuerung aber tief. Der Aufwertungsdruck beim Franken schützt vor einem massiven Preisschub. Die SNB erwartet mittelfristig eine rückläufige Inflation – weltweit und auch für die Schweiz.

Die Hypozinsen sind bis zum Kriegsausbruch gestiegen. Fallen sie jetzt wieder?

Langfristige Hypotheken sind seit Anfang 2022 um bis zu 0.5 Prozentpunkte teurer geworden. Dieser Anstieg wurde mit dem Krieg gestoppt, teilweise sanken die Sätze sogar leicht. Langfristige Zinsen widerspiegeln Erwartungen, und diese haben sich nicht fundamental, aber doch ein wenig geändert. Eben noch ging man davon aus, dass die Zentralbanken die Zinsen erhöhen würden, einige haben das auch schon getan – dies, weil die Konjunktur mit dem nahenden Ende der Pandemie sich weltweit erholt. Eine brummende Wirtschaft bedeutet steigende Inflation und eben auch steigende Zinsen; nun stellt der Krieg die bisher positiven Prognosen infrage. Für alle, die demnächst eine Hypothek aufnehmen oder ablösen wollen, ist aber klar: Historisch gesehen sind die aktuellen Sätze äusserst tief, Schwankungen um ein paar Zehntelprozentpunkte sind kein Grund zur Nervosität.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Jeden Tag fliehen tausende Menschen aus der Ukraine – wir waren an der Grenze
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
34 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Auster N
07.03.2022 07:31registriert Januar 2022
Das ist ja schön wenn der Euro so schwach ist, aber warum kostet denn alles deutsche bei uns immer noch zweieinhalb mal soviel wie in Deutschland. Zeitschriften zum Beispiel.
1186
Melden
Zum Kommentar
avatar
x%8Tz*3GsUf3
07.03.2022 11:15registriert Dezember 2020
Ich bin kein Ökonom, frage mich, warum die Aufwertung des Frankens z.B. die steigenden Benzinpreise nicht kompensiert. Weil der viel mehr gestiegen ist als die Aufwertung? Oder rupfen uns die Unternehmen einfach? ...nur damit ich es weiss 😊
221
Melden
Zum Kommentar
34
Nvidia-Umsatz steigt um mehr als 50 Prozent – doch die Aktie fällt
Dank des KI-Booms ist das Geschäft des Chipkonzerns Nvidia trotz der andauernden Probleme beim Handel mit China weiter rasant gewachsen.
Im vergangenen Quartal sprang der Umsatz im Jahresvergleich um 56 Prozent auf 46,74 Milliarden Dollar hoch. Nvidia übertraf damit Umsatzerwartungen der Wall Street. Im Vergleich zum Quartal davor gab es noch ein Plus von sechs Prozent.
Zur Story