bedeckt, wenig Regen
DE | FR
Wirtschaft
Schweiz

Julius Bär und René Benko: Die Schweizer Banken bleiben risikofreudig

ARCHIV --- ZUR MELDUNG VON SCHWEREN MAENGELN BEI DER GELDWAESCHEREIBEKAEMPFUNG BEI DER BANK JULIUS BAER STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG --- Eine Frau laeuft vor dem Logo der Ju ...
Julius Bär hat mit den Krediten an Signa den Ruf des Private Banking beschädigt. Bild: KEYSTONE
Analyse

Julius Bär und René Benko: Lernen es die Banken eigentlich nie?

Die Privatbank Julius Bär hat der Signa-Gruppe des Österreichers René Benko Kredite von mehr als 600 Millionen Franken gewährt. Einmal mehr gerät damit eine Schweizer Bank in die Kritik.
01.02.2024, 09:44
Mehr «Wirtschaft»

Im März 2023 kollabierte die Grossbank Credit Suisse. Nach einer schier unglaublichen Serie von Skandalen und einer Bankenkrise in den USA ergriffen die Kunden scharenweise die Flucht. Der Bundesrat «verschacherte» die CS in einer Hauruck-Übung mit Notrecht an die UBS. Und nun sorgt schon wieder eine Schweizer Bank für negative Schlagzeilen.

Die Zürcher Privatbank Julius Bär musste Ende November in einer Mitteilung einräumen, dass sie Kredite von 606 Millionen Franken «an verschiedene Einheiten innerhalb eines europäischen Konglomerats» vergeben hat. Der Name wurde damals nicht genannt, doch es war klar: Es handelt sich um die Signa Holding des schillernden österreichischen «Immobilienkönigs» René Benko.

Jetzt will Julius Bär reinen Tisch machen: CEO Philipp Rickenbacher tritt zurück. Die Privatbank schreibt zudem das gesamte Kreditengagement an die Signa-Gruppe ab. Wegen der hohen Abschreibung halbiert sich der Konzerngewinn 2023 und fällt mit 454 Millionen Franken um 52 Prozent unter dem Ergebnis des Vorjahres aus.

Beton zu Gold

Die NZZ fuhr in einem Kommentar grobes Geschütz auf: Die noble Privatbank sei «über Jahre einem Alchimisten aufgesessen». René Benko habe vorgegeben, Beton in Gold zu verwandeln. «Dabei stapelte er bloss viel Fremdkapital in einen labilen Turm aus Firmen, Sub-Firmen und Sub-Sub-Firmen.» Nun könnte das Gebilde zusammenbrechen.

Hier ist eine Klammerbemerkung angebracht: Das Private Banking wird als vergleichsweise sicher und langweilig beschrieben. Doch es beschränkt sich nicht darauf, die Vermögen superreicher Kundinnen und Kunden zu verwalten. Ihnen werden auch strukturierte Kredite vergeben. «Private Debt» nennt sich der Geschäftsbereich im Fachjargon.

Niemand hat den Überblick

«Solche Kredite sind komplex», schreiben die Tamedia-Zeitungen. Für die Banken lohnten sich solche Geschäfte, weil sie einen deutlich höheren Zins als für klassische Hypothekar- oder Firmenkredite verlangen könnten. Gleichzeitig steigen die Risiken, weshalb die hinterlegten Sicherheiten entscheidend seien. Diese sind im Fall von Signa gefährdet.

ABD0052_20230702 - SPIELBERG -
René Benko am diesjährigen Formel-1-GP von Österreich. Bei Signa wurde er mittlerweile entmachtet.Bild: APA/APA

Dabei waren die Kredite an René Benko «das grösste Einzelengagement» im Private Debt, wie Julius Bär einräumen musste. Für die NZZ ist dies erstaunlich, denn die Bank hätte das Risiko erkennen müssen: «Das Signa-Imperium ist derart verschachtelt, dass niemand den Überblick hat, wer im Falle einer Insolvenz im Trockenen sitzt und wer nicht.»

Fragwürdige Vorgänge

An Warnsignalen fehlte es nicht. Schon als Benko vor bald vier Jahren der Migros die Globus-Warenhäuser zusammen mit der thailändischen Central Group abkaufte, gab es kritische Stimmen. «Die Geschichte des Globus-Käufers ist gepflastert mit fragwürdigen Vorgängen», schrieb der «Tages-Anzeiger» über den Schulabbrecher aus Innsbruck.

Erwähnt wurden eine Verurteilung wegen versuchter Korruption Ende 2012 (in einem weiteren Verfahren wurde er Anfang 2023 freigesprochen) und der Bau eines Luxus-Chalets im Nobelskiort Lech am Arlberg. Auch im denkwürdigen Ibiza-Video, das den damaligen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zu Fall brachte, taucht der Name Benko auf.

Bank ist nicht gefährdet

Dennoch erhielt der Tiroler mehr als eine halbe Milliarde Franken von Julius Bär. Der Bank hätte klar sein müssen, was für ein heikler Kunde René Benko sei, so die NZZ. Und dass ein Skandal auf sie zurückfallen könnte. «Aber offenbar war Benko nicht nur ein heikler, sondern auch ein derart guter Kunde, dass die Bankführung beide Augen zudrückte.»

L'enseigne du magasin Globus photographiee ce mardi 4 fevrier 2020 a Lausanne. Migros a trouve un acheteur pour Globus. La coentreprise composee de l'autrichien Signa et du thailandais Centr ...
Schon beim Globus-Kauf vor vier Jahren gab es Kritik an Benkos Geschäftsgebaren.Bild: KEYSTONE

Die Privatbank gelobte Besserung. Man werde das Private-Debt-Geschäft und den Rahmen, in dem es betrieben werde, überprüfen, liess sich Bär-Chef Philipp Rickenbacher in der Mitteilung von Ende November zitieren. Gefährdet wäre die Bank offenbar auch bei einem Totalverlust nicht. Vielmehr betonte sie ihre «starke Kapitalausstattung».

Aktionäre sind skeptisch

Die Aktionäre schienen nur bedingt überzeugt zu sein. Seit Anfang 2023 verzeichnete die Aktie von Julius Bär ein Minus von 22 Prozent. Das überrascht wenig. Das schweizerische Private Banking basiere auf einem umsichtigen Umgang mit Ruf und Risiko, kommentiert die NZZ: «In beiden Disziplinen hat Julius Bär in diesem Fall versagt.»

Ein Vergleich mit der Credit Suisse mag übertrieben sein. Julius Bär hat die Lehren aus früheren Skandalen gezogen. Dennoch lassen die Kredite an eine kontroverse Figur wie René Benko darauf schliessen, dass einmal mehr eine Schweizer Bank ihren Risikoappetit nicht zügeln konnte. Weshalb man sich fragen muss: Lernen die es eigentlich nie?

Transparenzhinweis
Dieser Artikel erschien in einer ersten Version bereits im November 2023. Aufgrund des Rücktritts von Philipp Rickenbacher wurde er aktualisiert und erneut publiziert.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Die CS-Chefs
1 / 14
Die CS-Chefs
Am Anfang war der Eisenbahn- und Gotthard-Pionier: Am 16. Juli 1856 nimmt die von Alfred Escher gegründete Schweizerische Kreditanstalt (SKA), Vorgängerin der heutigen Credit Suisse, ihre Geschäftstätigkeit auf. Der Politiker und Wirtschaftsführer leitete die SKA als erster Verwaltungsratspräsident von 1856-1877 und von 1880-1882.
quelle: alfred-escher-stiftung / alfred-escher-stiftung
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Warum dich die Übernahme der CS durch die UBS interessieren sollte
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
129 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Tornado
28.11.2023 18:10registriert Januar 2015
Störend an all diesen Fällen ist doch, wenn du als KMU oder Privater einen kleinen Kreditbrauchst musst du dich bis auf die Unterhosen ausziehen und Sicherheiten bringen, dass du im Schadensfall uralt aussiehst. Bei den grossen Fischen wird überhaupt nichts überprüft.
2714
Melden
Zum Kommentar
avatar
Rechner
28.11.2023 18:19registriert August 2022
Die Antwort: Nein. Die Gier ist zu gross.
2144
Melden
Zum Kommentar
avatar
Schlaf
28.11.2023 18:18registriert Oktober 2019
Was sollen sich die schweizer Banken auch Sorgen machen🤷🏼‍♂️?
Die Politik steht mit prall gefüllten Taschen (vom Volch) voll und ganz hinter den Banken.
17414
Melden
Zum Kommentar
129
Schoggi-Gigant Barry Callebaut baut weltweit 2500 Stellen ab

Beim weltgrössten Schokoladenhersteller Barry Callebaut, der hierzulande seinen Hauptsitz hat, kommt es zu einem einschneidenden Stellenabbau. Wie der neue Firmenchef Peter Feld zuerst in einem Interview sagte, baut das Unternehmen wohl rund 2500 Jobs ab.

Zur Story