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Die vergessene digitale Generation: Fit auf Instagram – aber schwach beim Googeln

Sie bewegen sich zwar gewandt auf sozialen Medien. Das Recherchieren von seriösen Informationen im Internet fällt den Jugendlichen aber schwer. Lehrer und Lehrlingsausbilder klagen, dass ihre Schüler Mühe haben, richtig zu googeln.

Rebecca Wyss / Nordwestschweiz



Sie posten im Minutentakt Selfies auf Instagram. Ihren Liebeskummer verarbeiten sie mit weinenden Smileys auf Whatsapp. Algebra-Aufgaben lassen sie sich längst nicht mehr vom Pauker erklären – dafür gibt es Erklär-Videos auf Youtube. Und Facebook … – Facebook ist längst out.

«Digital Natives» sind immer und praktisch überall online. Sie kennen es nicht anders, sie sind damit aufgewachsen. Deshalb beherrschen sie das Internet auch wie das kleine Einmaleins.

«Viele meiner Schüler kennen sich mit den Möglichkeiten des Internets nicht gut aus.»

Berufsschullehrerin

So jedenfalls sehen wir «Digital Immigrants» – die älteren digitalen Dumpfbacken – die jüngeren Überflieger. Wir, die immer noch eifrig auf Facebook Fotos von unseren Wanderausflügen posten. Wir, die das Internet noch aus einer Zeit kennen, in der wir uns über den Telefonanschluss einwählen und dann vor dem Tönder-Bildschirm mit der Tönder-Festplattenkiste daneben auf das vertraute Knacken und Piepen warten mussten.

Frau mobile surfen

Kein Durchblick: Jugendlichen fehlt das Wissen im Umgang mit dem Internet. Bild: shutterstock.com

Fakten erfinden statt suchen

Nun, wir liegen komplett falsch. Das zeigt ein Blick ins Klassenzimmer einer Berufsschullehrerin aus dem Mittelland. Sie unterrichtet Lehrlinge aus den unterschiedlichsten Berufsrichtungen. Ihre Erfahrung: «Viele meiner Schüler kennen sich mit den Möglichkeiten des Internets nicht gut aus.»

Wenn sie zum Beispiel die angehenden Detailhändler beauftragt, einen Katalog mit Sportschuhen, T-Shirts und Hosen zusammenzustellen, kommen die ziemlich ins Rotieren. Sie müssen im Internet Fakten zu Marke, Material und Preis zusammensuchen. Und das ist das Problem: «Sie erfinden die Produktbeschriebe einfach, weil sie nicht wissen, wie man sich online Informationen aneignet», sagt die Frau, die anonym bleiben will, weil sie einen Image-Schaden für ihre Schule befürchtet.

Nicht anders sieht es in den Betrieben aus. Der Mobilfunkanbieter Sunrise bildet 123 junge Leute aus. «Viele wissen nicht, wie man anhand von Keywörtern eine Google-Suche macht», sagt der Ausbildungsverantwortliche Felix Häberli. Er erinnert sich: Einmal sollten Lehrlinge aus dem Kanton Aargau ihr Schulsystem googlen. Und scheiterten grandios. «Wenn es keinen Wikipedia-Artikel zu einem Thema gibt, stecken sie fest.» Durchs Band – egal ob sie im ersten oder im dritten Ausbildungsjahr seien.

Damit meint er auch die 30 KV-Lernenden im Betrieb. Die sucht sich Sunrise jeweils unter den besten Schülern der Oberstufenklassen aus. Und sogar die stehen auch schon mal am Berg, wenn sie im Callcenter eine Kundin am Telefon haben und am Computer nach einer Lösung für deren Problem suchen müssen. «Mittlerweile fördern wir die Lernenden gezielt mit Recherche-Aufgaben», sagt Häberli. Er steht nicht allein mit der Beobachtung, wie er sagt: An einem Berufsbildungskurs mit Lehrlingsausbildenden und Berufsschullehrern habe er das gleiche Feedback erhalten.

Was ist bloss mit unseren «Digital Natives» los? Gar nichts, sagt Eszter Hargittai, Professorin für Medienforschung an der Universität Zürich. Wir schätzen sie bloss falsch ein. «Die Forschung zeigt, dass Jugendliche, die mit dem Internet grossgeworden sind, nicht versierter im Umgang damit sind als andere.»

Heute sind die Apps und Websites so anwenderfreundlich, dass alles bestens funktioniert. Wenn nicht, geht man rasch mit dem Gerät im nächsten Computerstore vorbei. So wachsen die Teenager auf. Ganz anders die über 30-Jährigen. Als sie zum ersten Mal online gingen, mussten sie die Technologie besser verstehen, um sie nützen zu können. Man musste mehr hinterfragen. Das schlägt bis heute durch.

«Wenn es darum geht, die Glaubwürdigkeit von Informationen aus dem Netz abzuschätzen, schneiden über 30-Jährige besser ab», sagt Hargittai. Eigentlich kein Wunder. Studien zeigen, dass Jugendliche hauptsächlich soziale Netzwerke als Informationsquelle nutzen. Die James-Studie machte 2015 Youtube als Spitzenreiter aus. 

Für die Forscherin steht die Ursache allen Übels fest: der Mythos der digitalen Überflieger. Der halte sich hartnäckig. «Damit tun wir den Kindern und Jugendlichen keinen Gefallen.» Wir müssten umdenken, die Defizite als Ausgangpunkt akzeptieren. «Wir müssen die entsprechenden Kompetenzen als Anforderungen in den Lehrplänen der Schulen verankern», fordert sie. Genau das sieht der Lehrplan 21 vor. Noch hängt es von der Laune der einzelnen Schulleitungen und Lehrkräfte ab, ob die Kinder mehr lernen, als im Word einen Aufsatz zu schreiben.

Der Lehrplan 21 hingegen regelt, dass die Deutschschweizer Schüler von der ersten Klasse an das digitale Einmaleins eingeimpft bekommen. Geht die Rechnung auf, spucken Primarschulen künftig reihenweise digitale Cracks aus. Bis dahin dauert es aber noch ein paar Jahre. Obwohl schon heute Bedarf besteht. Bei den Jugendlichen, die die Berufsschulbank drücken.

Wir können es uns nicht leisten, untätig zu bleiben»

Bernhard Beutler, Rektor des Berufs- und Weiterbildungszentrum (BWZ) in Lyss 

Sie sind die vergessene Generation. Für sie haben die Kantone keinen Lehrplan 21 im Köcher. Der Bund kein Papier, das überhaupt ein Defizit attestiert. Und er ist der Taktgeber: Er legt fest, was die Berufsschüler lernen müssen. Seine Haltung: Diese sollen die digitalen Kompetenzen nebenbei im Rahmen der drei Wochenlektionen Allgemeinbildung vermittelt bekommen. So steht es in den entsprechenden Verordnungen.

«Es geht darum, den Jugendlichen die Grundkompetenz zu vermitteln. Das ist heute mit den bestehenden Regelungen in der beruflichen Grundbildung gesichert», sagt Toni Messner vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation. Das heisst: Zusätzliche Lektionen in digitaler Kompetenz braucht es nicht. Und wenn doch, könne der Bund nicht allein entscheiden, sagt Messner. «Die Berufsverbände müssen damit einverstanden sein, dass die Lehrlinge mehr in den Betrieben fehlen. Und die Kantone müssen bereit sein, die Zusatzlektionen zu bezahlen.»

Lehrer drücken Schulbank

Hätte, wäre, wenn – am Ende kämpfen die Berufsschulen heute allein mit den Defiziten ihrer Sprösslinge. Dies in einer Zeit, in der sich durch den Lehrplan 21 immer mehr Schulen für die Digitalisierung rüsten. Deshalb suchen die Berufsschulen allein nach Lösungen. Das Berufs- und Weiterbildungszentrum (BWZ) in Lyss orientiert sich schon heute an den EU-Vorschlägen zur Förderung der digitalen Kompetenz bei Lernenden und Lehrenden (DigCompEdu). Die Förderung der Informations- und Medienkompetenz ist ein zentraler Punkt des EU-Papiers. Dafür müssen die Fach- und Allgemeinbildungslehrer des BWZ Lyss auch schon mal selbst die Schulbank drücken. «Wir können es uns nicht leisten, untätig zu bleiben», sagt Rektor Bernhard Beutler. Das forderten die Betriebe von der Berufsfachschule. Denn: Die grosse Digitalisierungswelle in der Wirtschaft hat erst begonnen. (aargauerzeitung.ch)

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Video: watson/Knackeboul, Lya Saxer

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