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«Sie schützen uns vor der Polizei» – wie vor 45 Jahren das Stockholm-Syndrom entstand

Dominik Sliskovic / watson.de



Bank robber Clark Olofsson, right, peers at the camera while two unidentified female hostages sit inside a bank vault in this Aug. 23,1973 photo. The photo was taken by a camera sent down by Swedish police through a hole drilled through the roof of a bank vault during a six-day standoff. Swedish television will start shooting a movie Monday, April 8, 2002 of the 1973 Stockholm bank robbery that ended in a six-day standoff with the police. The robbery is famous for spawning the term

Bild: AP SWEDISH POLICE

Der Gefangene Jan-Erik Olsson will seinen Freigang nutzen. Nicht etwa, um in den Park zu gehen oder ein Museum zu besuchen – sondern um wieder straffällig zu werden. 

Der Schwede trägt eine Maschinenpistole mit sich, als er sich in einem Supermarkt maskiert und in die Kreditbanken am Stockholmer Norrmalmstorg marschiert. Er lüftet seine Jacke und ballert ins historische Gewölbe. Das «Norrmalmstorgsdramat», das Drama vom Norrmalmsplatz, hat begonnen – und mit ihm die Entstehungsgeschichte des Stockholm-Syndroms.

Seit Olssons verhängnisvollem Entschluss am 23. August 1973 steht der Begriff Stockholm-Syndrom synonym für ein auf den ersten Blick unverständliches psychopathologisches Phänomen (denn eigentlich müsste es Stockholm-Phänomen heissen!): Geiseln sympathisieren und kooperieren mit ihren Geiselnehmern, in extremen Fällen schlägt das Gefühlschaos sogar in Liebe um. 

Dass Opfer mit extremer Zuneigung auf ihre Peiniger reagieren, ist dabei gut erklärbar: In den Köpfen der Geiseln kommt es zu einer Wahrnehmungsverzerrung. Einfache Gesten der Kriminellen, wie das Erlauben von Essen, werden überproportional positiv belegt. Der Geiselnehmer wird zur Bezugsperson, die das eigene Weiterleben ermöglicht. 

«Um den Täter zu beschwichtigen, in dessen Macht es liegt, das Leben des Opfers zu beenden, wird jedes Opfer aus reinen Selbsterhaltungsgründen zunächst einmal alles tun, was der Täter verlangt», erklärte Psychologe Arnold Wieczorek 2003 in einem Gastbeitrag für die Fachzeitschrift «Kriminalistik». (Spiegel)

So geht auch die damals 23-jährige Bankangestellte Kristin Enmark empathisch und behutsam mit dem Geiselnehmer Olsson und seinem freigepressten Zimmergenossen Clark Olofsson, der die Kreditbanken am 24. August betritt, um. 

Sie ruft Schwedens Premierminister Olof Palme an, beschimpft ihn, wirft ihm vor, mit ihrem Leben zu spielen und sagt einen Satz, der sie ihr ganzes Leben lang begleiten soll: «Sie (die Geiselnehmer, Anm.) schützen uns vor der Polizei.» (NZZ)

Bild

Selbst als Olsson am dritten Tag des Dramas den Geiseln Schlingen um den Hals legt und sie am Banktresor fixiert, lassen Enmark und ihre drei Leidensgenossen Birgitta Lundblad, Elisabeth Oldgren und Sven Säfstrom mit sich machen wie befohlen. Sie sehen die Schlingen nicht als Lebensgefahr, sondern als Lebensversicherung – für die Geiselnehmer gegen die skrupellose Polizei Stockholm.

Die hatte nämlich ihren Plan ans Radio durchsickern lassen: Durch ein Loch, das die Polizei bohren wolle, solle Gas in den Rückzugsort der Geiselnehmer und Geiseln hineingelassen werden. Die insgesamt sechs Personen sollten so betäubt und dann ohne weitere Gewalt- und Waffenanwendung aus der Bank geführt werden.

Olssons Reaktion auf den Polizeiplan – die erwähnten Schlingen – war simpel und grausam: Wenn ihr, die Polizei, Gas einströmen lasst, werden die Geiseln bewusstlos, sacken ein, brechen sich das Genick und sterben. 

Die Geiselnahme am Norrmalmstorg sollte noch drei Tage andauern. Die Verhandlungsführer verweigerten Olsson und Olofsson die geforderten drei Millionen Kronen, die schusssicheren Westen und Helme sowie das Fluchtauto. Am 28. August 1973, nach sechs Tagen, hält es Olsson nicht mehr im engen, übelriechenden Tresorraum der Kreditbanken aus: Er schiesst in die Decke, hinter der sich Beamte positioniert hatten. Einer wird durch ein Projektil verletzt. Die Polizei entscheidet sich zum Eingriff – und lässt das Gas in den Raum strömen.

Panik bricht aus, Jan-Erik Olsson kann nicht mehr: Er ergibt sich der Polizei, das Norrmalmstorgsdramat ist beendet.

Bild

Doch mit dem Verlassen des Tresorraums endet nicht der psychische Ausnahmezustand der Opfer. Enmark setzt sich noch während der Verhaftung für Olsson und Olofsson ein, fordert eine faire Behandlung der Schwerverbrecher. Vor Gericht wird sie insbesondere für Olofsson, der bereits vor dem Geiseldrama ein dickes Vorstrafenregister hatte, einstehen. Schliesslich wird Olofsson sogar freigesprochen, da er sich nicht selbst zum Geiselnehmer machte, sondern erst durch Olsson, der ihn freipresste. 

Olofsson verschwindet dennoch hinter Gittern, um seine Reststrafe wegen Bankraubs abzusitzen. Kristin Enmark besucht ihn regelmässig, hält über Jahrzehnte Briefkontakt zu ihm – auch als  er wieder straffällig wird und zweimal aus einem Gefängnis türmt.

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Video: srf

Jan-Erik Olsson, der mit seinem Freigang im August 1973 das Stockholm-Syndrom gebar, wurde übrigens zu zehn Jahren Haft verurteilt, von denen er acht absass. Noch im Gefängnis suchte er die Aussprache mit den Opfern, den Einsatzkräften und der Öffentlichkeit. Bis heute zeigt er, angesprochen aufs Norrmalmstorgsdramat, tiefe Reue.

Jan-Erik Olsson, heute 77 Jahre alt, ist bis heute nicht mehr straffällig geworden und lebt nach vielen Jahren in Thailand seit einiger Zeit wieder mit seiner Familie in Schweden.

Enmark erklärt, dass der Kontakt zu Olofsson vereinfacht, das Geschehene zu verarbeiten. Die ehemalige Bankangestellte nimmt nach dem Geiseldrama ein Studium auf, wird Psychotherapeutin und kämpft bis heute gegen die Stigmatisierung des Stockholm-Syndrom. Denn die Forschung der vergangenen Dekaden hat gezeigt, dass Personen, die solchen Ausnahmesituationen ausgesetzt sind, in frühkindliche Verhaltensmuster verfallen, die auf Überleben durch Zuneigung ausgerichtet sind (NZZ). Oder um es simpler auszudrücken: Geiseln wählen das Stockholm-Syndrom nicht aus. Es liegt in der Natur.

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In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

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