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Panzerturm 10,5 cm, Artilleriewerk San Carlo, Airolo, Schweiz

Die Anfänge des Réduit-Gedankens liegen am Gotthard: Panzerturm des Artilleriewerks San Carlo in Airolo.  Bild: Wikimedia/Paebi

Serie – der Gotthard

Das Réduit und der Streit, ob die beste Festung der Welt die Nazis abgewehrt hat oder nicht



Das endgültige Aus kam vor fünf Jahren: Mit der Aufhebung der Festungsartillerieabteilung 13 und dem Rückbau der Bison-Geschütze und Bunker im Juni 2011 war das Réduit Geschichte. Es war das Ende eines Jahrhundertwerks: Der alpine Festungsgürtel, lange Zeit Sinnbild schweizerischer Wehrhaftigkeit, erstreckte sich einst von St.Maurice im Wallis bis zu den Sarganser Bergen. 

Serie zum Gotthard

Der Gotthard – Sinnbild der Schweiz, Teil des kulturellen Gedächtnis, Festung und Nadelöhr des europäischen Verkehrs. Anfang Juni wird der Gotthard-Basistunnel mit pompösem Staatsakt und Volksfest eingeweiht. In der watson-Serie zum Gotthard liest du alles über den berühmtesten Berg und längsten Tunnel der Schweiz.

Das Réduit als schwer einzunehmender Kern der Eidgenossenschaft umfasste somit nahezu den gesamten Schweizer Alpenraum, doch der «Kern des Kerns» war der Gotthard, wie der Historiker Georg Kreis im Tages-Anzeiger schrieb.

Sicherung des Verkehrswegs

Am Gotthard liegen auch die Anfänge des Réduit-Gedankens: Die Befestigung des Massivs im Herzen der Schweiz sollte die strategischen Fragen beantworten, die der 1882 eröffnete Eisenbahntunnel stellte. 1885 wurde ein Kredit von 2.67 Millionen Franken bewilligt, um den Verkehrsweg gegen Süden – gegen Italien – zu sichern. 

Das Réduit

Diese erste Gotthardbefestigung wurde bis 1920 erweitert, blieb jedoch Stückwerk. Erst als im Zweiten Weltkrieg die deutsche Wehrmacht 1940 überraschend Frankreich überrannte, begann der Generalstab die Rücknahme der Armee in ein Alpenréduit zu planen.  Dann trat im Juni auch noch Italien in den Krieg ein, damit war die Schweiz von den Achsenmächten umzingelt.

Guisans Rütlirapport

Am 25. Juli berief General Guisan 500 höhere Offiziere zum Rapport auf das Rütli, wo sie auf die neue Strategie des Rückzugs ins Réduit eingeschworen wurden: Sollten die Achsenmächte angreifen, würde die Schweizer Armee sich auf die Verteidigung der Hochalpen, vor allem des Gotthardmassivs, konzentrieren.

Rütlirapport vom 25. Juli 1940

Rütlirapport vom 25. Juli 1940: Auf die neue Strategie eingeschworen.
Bild: Gemeinfrei

Zwar hätte man so das bevölkerungs- und ressourcenreiche Mittelland nach kurzem Verzögerungskampf dem Feind überlassen, doch dieser hätte die strategisch wichtigen Alpentransversalen nicht nutzen können. Zum einen war das Réduit im unwegsamen und befestigten Alpenraum vermutlich nur unter grossen Verlusten zu erobern, zum andern hätten die Verteidiger Tunnel und Brücken nachhaltig zerstört. Unter dem Strich, so die nicht unumstrittene strategische Überlegung, war eine unbesetzte, aber kooperierende Schweiz für die Achsenmächte wertvoller als ein erobertes, aber kriegszerstörtes Land. 

Ein Viertel der Schweiz

Von 1941 bis 1945 flossen nun 657 Millionen Franken, in heutiger Kaufkraft gut acht Milliarden Franken, in den Ausbau der Festungsanlagen. Deren wichtigste Eckpfeiler waren nun die Festungswerke Sargans, St.Maurice und im Zentrum der Gotthard. Wo natürliche Hindernisse zum Schutz der Réduitlinie fehlten, wurden Strassensperren, Panzergräben und zahllose andere Befestigungen angelegt. Der Réduitraum umfasste insgesamt mehr als ein Viertel des schweizerischen Territoriums.

Die Aufgabe der vorgeschobenen Stellung im Mittelland und die Konzentration der Truppen auf das Réduit benötigte Zeit: Erst im Mai 1941 lag die Hauptstellung der Feldarmee in den Alpen. Als umfassendes Verteidigungssystem war das Réduit sogar erst 1944 verwirklicht, als die Bedrohungslage sich bereits deutlich entspannt hatte. 

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Doku: «Geheimsache Gotthardfestung».
YouTube/Dokust

Altes Réduit, neuer Feind

Nach dem Krieg behielt man das Réduit bei, nun gegen den neuen Feind im Osten. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges besass die Schweiz rund 20'000 Befestigungsanlagen. Kilometerlange Gänge verbanden die unterirdischen Anlagen, es gab Bäckereien und Lazarette. Das Defensivwerk im Fels war so gewaltig und zugleich so geheim, dass es die Legendenbildung anspornte. So gab es das Gerücht, der Gotthard sei derart durchlöchert, dass man unterirdisch von Erstfeld bis Bodio gelangen könne. 

Das Réduit als steingewordener Ausdruck der Geistigen Landesverteidigung erstarrte zum Mythos, der sich der Kritik entzog. Das Bild des stachelbewehrten Igels galt als Inbegriff der wehrhaften Schweiz. Das ganze Land, nicht nur der Alpenraum, war mittlerweile vom Réduitgedanken durchdrungen; als stellten all die Zivilschutzbunker, die flächendeckend das ganze Land überzogen, gewissermassen lauter kleine Réduits dar.

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«Réduit National: Ein Film über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg»
YouTube/Jan Baumgartner

Ideologisch abgerüstet wurde erst – mit einiger Verzögerung – nach dem Untergang der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges. Nun wurden auch kritische Stimmen lauter, die es nicht dem Réduit und der Armee als Verdienst anrechneten, dass die Schweiz im Krieg verschont geblieben war. Zur masslosen Erbitterung mancher Aktivdienstler wiesen die Kritiker darauf hin, dass die Schweiz als Bankenplatz und vor alliierten Bombern geschützter Rüstungsproduzent für Nazi-Deutschland wertvoll gewesen sei. 

Die ideologischen Grabenkämpfe um das Réduit sind heute weitgehend Vergangenheit; die Bunker und Festungsanlagen sind geschleift, in Privatbesitz übergegangen oder zu Museen umfunktioniert worden.

Das waren die Schweizer Bunker im Zweiten Weltkrieg

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19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Matrixx 28.05.2016 12:13
    Highlight Highlight Wir haben heute also im Reduit alleine rund 3 Milliarden an Verteidigungsanlagen verbaut. Und wie oft genau wurden diese Kanonen nun im Ernstfall abgefeuert, damit wir sagen können, dass wir aufrüsten müssen?
    • Toerpe Zwerg 07.06.2017 15:58
      Highlight Highlight Eine Armee ist nur dann gross und stark genug, wenn sie ihre Stärke nie unter Beweis stellen muss.
  • Emperor 27.05.2016 02:55
    Highlight Highlight Das einzig gute am Ganzen ist, dass wir jetzt Zivilschutzanlagen für die gesamte Bevölkerung der Schweiz haben und dies sollte auch so bleiben! den Rest brauchen wir nicht .
  • El Vals del Obrero 26.05.2016 22:25
    Highlight Highlight Ob das Réduit gehalten hätte oder nicht, hätte kaum einen Unterschied gemacht:
    Falls es gehalten hätte, hätten die Deutschen einfach ein paar Monate im Mittelland und Tessin warten können, bis alle im Réduit verhungert gewesen wären.
  • John Smith (2) 26.05.2016 20:15
    Highlight Highlight Es soll ja auch Leute geben, die ernsthaft dran glauben, dass uns neue Kampfflugzeuge vor einem Krieg bewahren.
  • Thomas Bollinger (1) 26.05.2016 18:58
    Highlight Highlight Zurück zum Thema: "ob die beste Festung der Welt die Nazis abgewehrt hat oder nicht" sagte ein informierter amerikanischer Freund zu mir: "Nobody bombs his banker."
  • fuegy 26.05.2016 15:42
    Highlight Highlight Meine RS verbrachte ich im 5 Sterne Bunker Magletsch mit Besuchen in Litzisteig und Catsels. In der Schiessverlegung waren wir in Airola, Moto Partola. Ich empfand es als sehr eindrücklich, wie ganze Berge ausgehöhlt wurden. Bahnhof Airolo - Gotthardpass durch einen sehr langen, schmalen, steilen, dunkeln Treppen-Tunnel, sehr eindrücklich das mitzumachen. Das Museum in der Festung Magletsch ist spannend und krasser als man denkt. Allerdings darf man kein Problem mit beengten Räumen haben und das Tageslicht nicht vermissen, sonst wird es sehr unangenehm, einige mussten die RS deshalb abrechen.
    • Hayek1902 26.05.2016 16:36
      Highlight Highlight hehe, in magletsch war ich auch schon 2 mal (ein mal WK, einmal VB). Die ***** am Eingang zauberten mir jedes mal ein Lächeln ins Gesicht. Es dauert etwa einen gefühlten halben Kilometer, bis man vom Eingang in den Schlafzimmern ist. Man vergisst also besser nichts und wenn man ein paar Tage in Einsatzrotation (12h Schicht) verbringt, weiss man bald einmal nicht mehr, ob es jetzt draussen dunkel oder hell ist. Aber dank den doppelten Tunnelwänden, die das Abtropfen erlauben, ist es nicht feucht. Das Museum ist wirklich sehr zu empfehlen.
    • Bowell 26.05.2016 20:52
      Highlight Highlight Ich war während der RS in Airolo. Zuerst in der Bedrina (Neubau), dann im Forte Airolo (siehe Bild). Das Forte war damals schon eine Weile ein Museum und ich fands witzig in einem Teil der Alpenfestung stationiert zu sein. Waren gute Zeiten. Kann die Festungsmuseen auch nur wärmstens weiteremfehlen!
    • Gleis3Kasten9 27.05.2016 07:49
      Highlight Highlight Scheint so als ob die ollen Armeebunker allesamt der 5-Sterne-Kategorie angehören (und auch die beste Armee der Welt ab und zu Humor beweist)? Kann mich daran erinnern, dass der Bunker in Mels (Castello hiess / heisst der, oder?) auch ein solches Schild am vorderen Eingang hatte. Nur dass wir den höchstens im vorbeimarschieren / fahren sahen weils für uns normalerweise durch die steile Treppe von oben reinging (wie zB Bild 14 in der ersten Bildstrecke). War auch während der RS nie gross Fan der Armee, aber diese Bauten sind schon sehr beeindruckend.
  • 11lautin 26.05.2016 15:17
    Highlight Highlight Gäähn.....
    • fuegy 26.05.2016 15:43
      Highlight Highlight Sie waren wohl noch nie dort und haben noch keine Festungsanlage von innen gesehen...
    • Mia_san_mia 26.05.2016 16:00
      Highlight Highlight Also ich finde das interessant.
    • 11lautin 26.05.2016 16:05
      Highlight Highlight Muss ich das? Ach ja man muss ja die Männer loben! :-)
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  • Lowend 26.05.2016 15:03
    Highlight Highlight Man muss nur mal die Aufmarschpläne der Armee anschauen und da erkennt man, dass die meisten Soldaten gar nicht an der Grenze zu Deutschland, sondern an der Grenze zu Frankreich stationiert waren, weil die Armeeführung mehr Angst davor hatte, dass die Franzosen, wie es schon die Bourbaki-Armee tat, den Deutschen Angriffen über den Jura ausweichen.
    Dieses Märchen von der Alpenfestung gehört zu den Mythen und Märchen der nationalistischen Réduit-Betonköpfe und seit dem Bergier-Bericht stellt sich eher die Frage, aus welchen Gründen die Nazis ihre eigene Bank überfallen, oder angreifen sollten?
    • saderthansad 04.09.2016 03:56
      Highlight Highlight Danke Lowend.
  • Kookaburra 26.05.2016 14:33
    Highlight Highlight Fun Fact:

    Eine Besatzungsarmee der Nazis wäre wohl kaum grösser als 150'000 gewesen.
    Also weniger als halb so viel Deutsche, wie wir jezt ganz ohne Krieg haben.
    Immerhin sind sie keine Nazis mehr.

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