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Die Anfänge des Réduit-Gedankens liegen am Gotthard: Panzerturm des Artilleriewerks San Carlo in Airolo. 
Die Anfänge des Réduit-Gedankens liegen am Gotthard: Panzerturm des Artilleriewerks San Carlo in Airolo. 
Serie – der Gotthard

Das Réduit und der Streit, ob die beste Festung der Welt die Nazis abgewehrt hat oder nicht

26.05.2016, 14:24

Das endgültige Aus kam vor fünf Jahren: Mit der Aufhebung der Festungsartillerieabteilung 13 und dem Rückbau der Bison-Geschütze und Bunker im Juni 2011 war das Réduit Geschichte. Es war das Ende eines Jahrhundertwerks: Der alpine Festungsgürtel, lange Zeit Sinnbild schweizerischer Wehrhaftigkeit, erstreckte sich einst von St.Maurice im Wallis bis zu den Sarganser Bergen. 

Serie zum Gotthard
Der Gotthard – Sinnbild der Schweiz, Teil des kulturellen Gedächtnis, Festung und Nadelöhr des europäischen Verkehrs. Anfang Juni wird der Gotthard-Basistunnel mit pompösem Staatsakt und Volksfest eingeweiht. In der watson-Serie zum Gotthard liest du alles über den berühmtesten Berg und längsten Tunnel der Schweiz.

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Das Réduit als schwer einzunehmender Kern der Eidgenossenschaft umfasste somit nahezu den gesamten Schweizer Alpenraum, doch der «Kern des Kerns» war der Gotthard, wie der Historiker Georg Kreis im Tages-Anzeiger schrieb.

Sicherung des Verkehrswegs

Am Gotthard liegen auch die Anfänge des Réduit-Gedankens: Die Befestigung des Massivs im Herzen der Schweiz sollte die strategischen Fragen beantworten, die der 1882 eröffnete Eisenbahntunnel stellte. 1885 wurde ein Kredit von 2.67 Millionen Franken bewilligt, um den Verkehrsweg gegen Süden – gegen Italien – zu sichern. 

Das Réduit

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Das Reduit
quelle: keystone / gaetan bally
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Diese erste Gotthardbefestigung wurde bis 1920 erweitert, blieb jedoch Stückwerk. Erst als im Zweiten Weltkrieg die deutsche Wehrmacht 1940 überraschend Frankreich überrannte, begann der Generalstab die Rücknahme der Armee in ein Alpenréduit zu planen.  Dann trat im Juni auch noch Italien in den Krieg ein, damit war die Schweiz von den Achsenmächten umzingelt.

Guisans Rütlirapport

Am 25. Juli berief General Guisan 500 höhere Offiziere zum Rapport auf das Rütli, wo sie auf die neue Strategie des Rückzugs ins Réduit eingeschworen wurden: Sollten die Achsenmächte angreifen, würde die Schweizer Armee sich auf die Verteidigung der Hochalpen, vor allem des Gotthardmassivs, konzentrieren.

Rütlirapport vom 25. Juli 1940: Auf die neue Strategie eingeschworen.<br data-editable="remove">
Rütlirapport vom 25. Juli 1940: Auf die neue Strategie eingeschworen.
Bild: Gemeinfrei

Zwar hätte man so das bevölkerungs- und ressourcenreiche Mittelland nach kurzem Verzögerungskampf dem Feind überlassen, doch dieser hätte die strategisch wichtigen Alpentransversalen nicht nutzen können. Zum einen war das Réduit im unwegsamen und befestigten Alpenraum vermutlich nur unter grossen Verlusten zu erobern, zum andern hätten die Verteidiger Tunnel und Brücken nachhaltig zerstört. Unter dem Strich, so die nicht unumstrittene strategische Überlegung, war eine unbesetzte, aber kooperierende Schweiz für die Achsenmächte wertvoller als ein erobertes, aber kriegszerstörtes Land. 

Ein Viertel der Schweiz

Von 1941 bis 1945 flossen nun 657 Millionen Franken, in heutiger Kaufkraft gut acht Milliarden Franken, in den Ausbau der Festungsanlagen. Deren wichtigste Eckpfeiler waren nun die Festungswerke Sargans, St.Maurice und im Zentrum der Gotthard. Wo natürliche Hindernisse zum Schutz der Réduitlinie fehlten, wurden Strassensperren, Panzergräben und zahllose andere Befestigungen angelegt. Der Réduitraum umfasste insgesamt mehr als ein Viertel des schweizerischen Territoriums.

Die Aufgabe der vorgeschobenen Stellung im Mittelland und die Konzentration der Truppen auf das Réduit benötigte Zeit: Erst im Mai 1941 lag die Hauptstellung der Feldarmee in den Alpen. Als umfassendes Verteidigungssystem war das Réduit sogar erst 1944 verwirklicht, als die Bedrohungslage sich bereits deutlich entspannt hatte. 

Doku: «Geheimsache Gotthardfestung».

Altes Réduit, neuer Feind

Nach dem Krieg behielt man das Réduit bei, nun gegen den neuen Feind im Osten. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges besass die Schweiz rund 20'000 Befestigungsanlagen. Kilometerlange Gänge verbanden die unterirdischen Anlagen, es gab Bäckereien und Lazarette. Das Defensivwerk im Fels war so gewaltig und zugleich so geheim, dass es die Legendenbildung anspornte. So gab es das Gerücht, der Gotthard sei derart durchlöchert, dass man unterirdisch von Erstfeld bis Bodio gelangen könne. 

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Das Réduit als steingewordener Ausdruck der Geistigen Landesverteidigung erstarrte zum Mythos, der sich der Kritik entzog. Das Bild des stachelbewehrten Igels galt als Inbegriff der wehrhaften Schweiz. Das ganze Land, nicht nur der Alpenraum, war mittlerweile vom Réduitgedanken durchdrungen; als stellten all die Zivilschutzbunker, die flächendeckend das ganze Land überzogen, gewissermassen lauter kleine Réduits dar.

«Réduit National: Ein Film über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg»

Ideologisch abgerüstet wurde erst – mit einiger Verzögerung – nach dem Untergang der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges. Nun wurden auch kritische Stimmen lauter, die es nicht dem Réduit und der Armee als Verdienst anrechneten, dass die Schweiz im Krieg verschont geblieben war. Zur masslosen Erbitterung mancher Aktivdienstler wiesen die Kritiker darauf hin, dass die Schweiz als Bankenplatz und vor alliierten Bombern geschützter Rüstungsproduzent für Nazi-Deutschland wertvoll gewesen sei. 

Die ideologischen Grabenkämpfe um das Réduit sind heute weitgehend Vergangenheit; die Bunker und Festungsanlagen sind geschleift, in Privatbesitz übergegangen oder zu Museen umfunktioniert worden.

Das waren die Schweizer Bunker im Zweiten Weltkrieg

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Das waren die Schweizer Bunker im Zweiten Weltkrieg
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