Ich zog los, um von Schweizern in Australien zu berichten. Um Klischees zu sehen. Um «Evelines» zu begegnen ...
In Perth muss ich feststellen: Diese Evelines, diese typischen Schweizer Austauschstudentinnen, die sind ja gar nicht hier! Man könnte meinen, dass das, was Holländer für die Campingplätze dieser Welt sind, die Schweizer und Schweizerinnen im Auslandssemester seien.
Das kann ich so allerdings nicht bestätigen, zumindest nicht an der Uni. Vermutlich sind sie in Sprachschulen und Jugendherbergen der Ostküste anzutreffen. Hier auf dem Campus im Westen sind allerdings Amerikaner die dominierende Kulturgruppe, gefolgt von Singapurern, Briten und Deutschen. Aber keine Schweizer.
«Eigentlich auch mal schön», denk ich mir. Perth gilt (neben Auckland) als die einsamste Stadt der Welt. Über 2100 Kilometer trennen die Hauptstadt Westaustraliens von der nächsten Millionenstadt. Als ich hierher kam, feierte ich diesen Titel. Ich bin nicht nur ans andere Ende der Welt geflohen, sondern befinde mich auch fern vom Touristen-Rummel der Ostküste.
Hier bin ich also, weit weg von den Bergen, von Schoggi und vom Wein, von den Wäldern, von den Seen und dem Schnee. Isoliert, wie ein stolzes Einfamilienhaus nach neustem Minergiestandard.
Wie weit weg alles wirklich ist, merke ich in der ersten Semesterwoche.
Als ich mich als Schweizer oute, jauchzt die Dozentin von Tourism 101 freudig auf. Begeistert erklärt sie den Mitstudierenden die Neutralität unseres Landes am Beispiel des Zweiten Weltkriegs und beginnt mit folgenden Worten:
...
«Grossen Krieg.»
Obwohl Australien durchaus am Zweiten Weltkrieg beteiligt war, Truppen nach Europa schickte und vor allem im Pazifikkrieg mitmischte, merke ich, wie marginal vielen jungen Australiern dies vorkommen mag. Zuhause füllt der Zweite Weltkrieg die Hälfte unserer Geschichtsbücher. Etliche Hitler-Dokumentationen flimmerten auf rollbaren Fernsehgeräten durch die Klassenzimmer, wann immer die Lehrperson nichts vorbereitet hatte. Und hier im stark klimatisierten Unterrichtsraum der Murdoch University ist die Rede von «so einem grossen Krieg.»
Hier scheint wirklich alles etwas weiter weg zu sein.
Auf einem Ausflug mit dem Austauschprogramm begegne ich zum ersten Mal anderen Schweizern in freier Wildbahn. Als wir zum Aussichtspunkt bei einer Schlucht kommen, erklingt süsses Berndeutsch in meinen Ohren.
Zwei Backpackerinnen fühlten sich von unserer Gruppe etwas überrumpelt:
Ich hole mein feinstes Baseldeutsch aus dem Keller, staube es sorgfältig ab, drehe mich zu den reizenden Damen um und sage in freundlichem Ton:
Ihre Gesichter versteinern. Das ist durchaus ironisch, denn auf eine gewisse Art haben sie ja grad einen Basilisken gesehen. Nur haben sie so weit weg von zuhause wohl nicht damit gerechnet.
Mittlerweile habe ich mich dran gewöhnt, der einzige Schweizer an der Uni zu sein.
Es hat nämlich auch etwas Erfrischendes:
Er war sehr schnell still.