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Böse Wienerin, Pedro aus Olten, Varoufakis: Das sind die besten Bücher des Jahres

Schenkt Bücher! Hier sind unsere Tipps für erfolgreiche Weihnachten.
14.12.2017, 11:5615.12.2017, 06:08

Amerikas wichtigstes Kochbuch

Julia Child, die amerikanische Diplomatengattin in Paris, war riesengross (1,88 Meter), laut, lustig und irrsinnig verfressen. 1956 kehrte sie mit ihrem Mann nach vielen Jahren und unzähligen Kochkursen nach Washington zurück und war entsetzt über die amerikanische Küche, die fast nur noch aus Konserven und Tiefkühlfood bestand. Sie machte sich daran, Amerika zu retten. Ihr unschlagbares, auch nicht besonders gesundes Motto: «Butter is better.» 1961 erschien ihr Kochbuch «Mastering the Art of French Cooking» und sofort wurde sie als TV-Köchin engagiert.

Bild: AP

Sie war die ruppige Holzfällerin unter den Fernseh-Gourmets, kein Poulet war vor Schlägen sicher, keine Pfanne davor gefeit, einfach mal samt misslungenem Inhalt zornig in den Müll gepfeffert zu werden. Der schwedische Koch aus der «Muppet Show» ist sowas wie ihr künstlicher Zwilling. Es ist kaum zu glauben, dass «The Art of French Cooking» erst jetzt auf Deutsch erschienen ist. 650 Seiten, keine Fotos, aber mit Zeichnungen, genau so, wie früher Kochbücher eben aussahen. Julias Vermächtnis mit dem deutschen Titel «Französisch kochen» (Echtzeit Verlag) lässt sich prima mit einer DVD von «Julie & Julia» unter den Weihnachtsbaum legen. Mit Meryl Streep als JC. Simone Meier

Das Sachbuch des Jahres 

Im ersten Halbjahr 2015 war Yanis Varoufakis griechischer Finanzminister. Zu sagen, es wäre eine intensive Zeit gewesen, wäre krass untertrieben. Er war das Medienereignis dieses Frühjahrs: Varoufakis war nicht nur Gegenspieler des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble und die grosse Hoffnung der europäischen Linken. Er war auch der Mann, der im Ledermantel zur EU-Konferenz erschien und auf dem Motorrad zur Arbeit fuhr.

Yanis Varoufakis und seine Partnerin auf dem Motorbike.
Yanis Varoufakis und seine Partnerin auf dem Motorbike.Bild: EPA/ANA-MPA

Varoufakis galt als glamouröser Macho, als eine Art Alexis Zorbas des digitalen Zeitalters. In seinem Buch «Die ganze Geschichte» (Kunstmann) beweist er das Gegenteil, und zwar eindrücklich. Er schildert die Vorgänge um die griechische Pleite nicht nur plausibel und kompetent – er ist immerhin Professor der Volkswirtschaft – er tut dies auch sprachlich brillant. Die Absurdität der deutschen Austeritätspolitik wird genauso verständlich wie die menschliche Tragik dahinter. Wer also ein paar Vorurteile über Griechenland loswerden und sich dabei nicht langweilen will, der ist mit diesem aussergewöhnlichen Werk bestens bedient. Philipp Löpfe

Alle Jahre wieder was vom König – und seinem Sohn

Mein Kindle sagt mir zwar, dass ich erst 20 Prozent des brandneuen 960-Seiten Romans gelesen habe, aber ich bin bis hierher von «Sleeping Beauties» (Heyne) schon derart begeistert, dass sich die Investition unbedingt gelohnt hat. Dabei hatte ich nichts erwartet. Weil ich die letzten paar Stephen-King-Romane langsam etwas zu altherrenhaft (plötzlich wurde da Jazzmusik wichtig...) fand. «Sleeping Beauties» hat er mit seinem deutlich jüngeren Sohn Owen King geschrieben, der sonst romantische Komödien verfasst. Und siehe da: Erstens war Owens Idee toll, zweitens wirkt er wie eine Frischzellenkur für den Vater.

Motten, nicht etwa Otten, spielen eine grosse Rolle in «Sleeping Beauties».
Motten, nicht etwa Otten, spielen eine grosse Rolle in «Sleeping Beauties».Bild: AP/Eric H. Metzler

Wie immer im King-Universum sind wir in einer amerikanischen Kleinstadt. Und diese hat sich einer Epidemie zu stellen, die gerade die ganze Welt erfasst: Sobald Frauen einschlafen, legen sich spinnwegartige weisse Fäden um ihre Köpfe. Sie lassen sich wieder entfernen, doch was dann passiert, hat mit dem Märchen vom Dornröschen rein gar nichts mehr zu tun. Ein Bordell im Trailerpark, ein Frauengefängnis, das Fernsehen, ein unheimlicher Mottenschwarm spielen ihre Rollen, die Figuren sind gewohnt exakt und liebevoll gezeichnet, das Böse kommt überraschend und zum Glück nie in Gestalt eines Clowns. Simone Meier

Der Roman des Jahres

Restlos alle, die «Das Leben des Vernon Subutex» (Kiepenheuer & Witsch) von Virginie Despentes gelesen haben, sagen, okay, ohne jeden Zweifel ist dies das beste Buch des Jahres 2017. Aber wieso? Es erzählt die Geschichte von Vernon Subutex, einem idealistischen Bohemien, der über Jahre einen Plattenladen in Paris führte und jetzt auf der Strasse steht. Das Internet und die Gentrifizierung sind schuld. Und seine Geschäftsuntüchtigkeit. Und natürlich verliert er jetzt auch noch seine Wohnung. Er schläft sich durch eine lange Reihe frustrierter Frauen, er legt ein bisschen auf, er verkommt immer mehr und seine alten Freunde sind jetzt alle neoliberale Turbos und wählen rechts.

Bei der Bildersuche nach Paris plus Lifestyle kommt das heraus. Passt aber schon irgendwie zum Roman.
Bei der Bildersuche nach Paris plus Lifestyle kommt das heraus. Passt aber schon irgendwie zum Roman.Bild: EPA

Vernons ganzer Schatz besteht aus obskuren Tonbandaufnahmen eines früh verstorbenen Rockstars. Orgien nehmen ihren Lauf. Interessante Transmenschen tauchen auf. Der Ton ist beissend, sehr ironisch, ähnlich wie bei Houellebecq, aber ein grösseres Vergnügen, auch sprachlich. Und das Allerbeste: Mitte Februar, wenn ihr's vor Entzugserscheinungen nicht mehr auszuhalten glaubt, erscheint Band 2 auf Deutsch! Virginie Despentes ist übrigens die Frau, die vor Jahren den pornösen Skandalfilm «Baise-moi» gedreht hat. Simone Meier

Lustig, böse, eklig

Wer noch nichts von Stefanie Sargnagel gelesen hat, der sollte jetzt sofort und unbedingt noch heute damit beginnen. Mindestens aber die ersten drei Seiten eines ihrer Bücher durchlesen. Denn geht es um La Sargnagel, trennt sich die Spreu schnell vom Weizen. Wer sie mag, der verknallt sich auf den ersten paar Seiten, wer sie nicht mag, der vergisst den Schund innert Sekunden. Sargnagel ist die weibliche Version von Charles Bukowski. Einfach lustiger – so schön österreichisch lustig. Das muss man mögen, sonst beschleicht einen schnell Ekel. 

Äusserst fröhliche Sonne, gezeichnet von Stefanie Sargnagel für das Cover von «Statutsmeldungen».
Äusserst fröhliche Sonne, gezeichnet von Stefanie Sargnagel für das Cover von «Statutsmeldungen».bild: rowohlt verlag

Ihre Bücher sind «Statusmeldungen» (so heisst ihr neues Buch bei Rowohlt) zu ihrem Leben in Wien, zu ihren Beisl-Besuche, ihrem Job in der Telefonzentrale, ihrem Anarcho-Lebensstil. Und deshalb ist Sargnagel das perfekte Geschenk für unter den besinnlichen Weihnachtsbaum. Der Prada-Daddy mit Audi R8 wird sich vielleicht weniger freuen. Alle, die einen Funken Punk in sich tragen (und diesen unter Umständen nicht mehr ausleben können), werden sich aber köstlich amüsieren. Und vielleicht tue ich den Prada-Daddys ja unrecht. Patrick Toggweiler

Ein Klassiker: Fitzgerald, die ewige Liebe

Wenn ich jemals ein Jahr lang auf die berühmte einsame Insel verbannt würde und nur das Gesamtwerk eines einzigen Autors mitnehmen dürfte, dann wäre das ... nein, knapp nicht Tolstoi, auch wenn ich ihn sehr liebe. Und auch nicht Stephen King, obwohl ich mich gern von ihm adoptieren lassen würde. Sondern F. Scott Fitzgerald (diverse Verlage, u.a. Diogenes). Ein Mann mit einem einigermassen überschaubaren, aber berückenden Werk über Dekadenz, Depression und Drogenkonsum reicher Amerikaner in den 20er- und 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts (für alle, die gern was über das gleiche Thema zwanzig Jahre früher lesen würden – Edith Wharton wäre eure Frau!).

Auch der Leonardo durfte mal den Gatsby in «The Great Gatsby» spielen. Wie vor ihm schon der Robert Redford.
Auch der Leonardo durfte mal den Gatsby in «The Great Gatsby» spielen. Wie vor ihm schon der Robert Redford.Bild: Warner Bros.

«Der grosse Gatsby» ist wahrscheinlich eins der am perfektesten gebauten Werke der Weltliteratur und lässt einen vor Bewunderung schier erstarren. Etwas fahrlässiger in der Architektur, aber berührender ist «Zärtlich ist die Nacht» («Tender Is the Night»): Ein Psychiater verliebt sich ausgerechnet in einer Klinik in der Schweiz (wahrscheinlich im Zürcher Burghölzli) in eine schöne und praktischerweise reiche Patientin, man zieht an die Côte d’Azur, die melancholische Elegie nimmt ihren Lauf ...

Traumhaft schön auch der traurige New-York-Roman «Die Schönen und Verdammten» («The Beautiful and the Damned»). Und habe ich schon gesagt, dass Stewart O’Nan den bezauberndsten, traurigsten Roman über Fitzgeralds letzte Jahre als Alkoholiker in Hollywood geschrieben hat? Er heisst «Westlich des Sunset» (Rowohlt, im Original «West of Sunset»). Und dann gibt es auch noch den grossartigen Roman «Z» von Therese Anne Fowler (nur englisch, über das Leben von Scotts Gattin Zelda Fitzgerald, die selbst auch schrieb, aber viele Jahre in Irrenhäusern verdämmerte. «Z» wurde übrigens von Amazon verfilmt, mit Christina Ricci als Zelda. Simone Meier

600 sehnsüchtige Seiten

Auch eine Weltklasseautorin wie Zadie Smith kennt Hochs und Tiefs. Ihr tiefstes Tief erreichte sie mit dem Roman «Der Autogrammhändler» («The Autograph Man»), das zweittiefste mit «London NW». Und dann gibt es die drei unglaublich hohen Hochs, nämlich «Zähne zeigen» («White Teeth»), «Von der Schönheit» («On Beauty») und seit 2017 «Swing Time» (Kiepenheuer & Witsch). Ein Buch für ehemalige Ballettratten und Madonna-Fans. 

Jeni Le Gon (links) ist das grosse Vorbild der beiden Freundinnen in «Swing Time».
Jeni Le Gon (links) ist das grosse Vorbild der beiden Freundinnen in «Swing Time».Bild: wikipedia

Denn ein Superpopstar wie Madonna wird im zweiten Teil des Romans ihr karitatives Unwesen in Afrika treiben. Mit ihrer afrobritischen Assistentin. Die früher einmal eine beste Freundin hatte, mit der sie tagelang auf alten Videokassetten die schwarze Tänzerin Jeni Le Gon anstaunte und imitierte. Aus den Freundinnen werden leider keine Ballerinen, ihre Hautfarbe passt einfach nicht zu «Schwanensee». Ihre Biografien entwickeln sich zwischen den Rassen und in den Aussenbezirken des Showbusiness. 600 sehnsüchtige Seiten, die viel zu schnell vorbei sind. Simone Meier

Die Frau der Stunde

Auf eine makabre Art hatte die 28-jährige Emma Cline das Glück des Jahres: Der Serienmörder und Guru Charles Manson stirbt im Gefängnis, und in jedem zweiten Nachruf wird Clines Buch «The Girls» (Hanser) erwähnt. Und dabei hatte die Debütantin dafür vor drei Jahren schon zwei Millionen Dollar Vorschuss erhalten. Ein wahrhaft wundervolles Geschäft. Und ein tolles Buch.

Susan Atkins, Patricia Krenwinkel und Leslie Van Houten (v.l.) waren Anhängerinnen von Charles Manson und wurden wegen Mordes verurteilt.
Susan Atkins, Patricia Krenwinkel und Leslie Van Houten (v.l.) waren Anhängerinnen von Charles Manson und wurden wegen Mordes verurteilt.Bild: AP/AP

Die Handlung: Ein tollkühnes Teenie-Mädchen lernt «The Girls» kennen, wilde, frivole Hippie-Mädchen. Sie sind zu allen Taten bereite Jüngerinnen in der Kommune eines Gurus, der Charles Manson nachempfunden ist. Entsprechend böse nimmt die Geschichte ihren Lauf. Simone Meier

Entfesselte Archäologinnen

Wie soll man dieses Buch bloss beschreiben? Sowas Ähnliches wie Sven Regener, bloss komplett lesbisch, überdreht und eine höllisch clevere Angeberei? Und wer hätte je gedacht, dass es ausgerechnet im Fach Archäologie an einer Uni derart lasterhaft zu und her geht? Und dass der mittelalterliche Minnesang im Stalking von heute durchaus noch eine Rolle spielen kann.

Archäologie. Wir stellen uns immer Pharaonengräber und Mumien vor, der Alltag dagegen besteht aus Scherben. Auch im Roman von Patricia Hempel.
Archäologie. Wir stellen uns immer Pharaonengräber und Mumien vor, der Alltag dagegen besteht aus Scherben. Auch im Roman von Patricia Hempel.Bild: EPA/PAP

All dies gibt es nachzulesen im lesbischen Campus-Roman «Metrofolklore» (Klett-Cotta) der frustrierend hochbegabten Berlinerin (und Archäologin, die allerdings gerade bei einem jener Start-ups arbeitet, wo die ganzen Facebook-Tests herkommen, an denen man echt nicht teilnehmen will, es aber doch tut) Patricia Hempel. Read you must. Simone Meier

P.S. – we love you! Kleinigkeiten aus der Schweiz

Der «Heimatroman» «Land ganz nah» (Lector Books) von Benjamin von Wyl gehört zu den Büchern, von denen ich seit Monaten denke: Wenn ich endlich mal Zeit habe, dann ... Der Grund, wieso ich es bis jetzt noch nicht gelesen habe ist simpel: Ich find das Cover mit dem Edelweisshemd, auf dem ein Senffleck prangt, ein bisschen grusig. Aber so viele Menschen, deren Urteil ich blind vertraue, haben mir schon befohlen: Lies das, es ist DER Roman, der jungen Menschen in der Schweiz ganz laut aus dem Herzen spricht, und es rockt total.

Edelweisshemd ohne Senf.
Edelweisshemd ohne Senf.Bild: KEYSTONE

Okay, es geht also um junge Menschen, um Bürgerkrieg in der Schweiz, tote Flüchtlinge, Basler und Zürcher, um viel und immer mehr, und Gopfridli, ich glaub, ich lass mir das Ding unter den Weihnachtsbaum legen. Vielleicht mit einem schönen Sticker über dem Senffleck.

Zu guter Letzt noch dies: Es ist für alle, die Berndeutsch schön finden (ca. 95 Prozent der Deutschschweiz?) und Pedro Lenz mögen (hmmm ... 80 Prozent?). Es heisst «Hert am Sound» (Der gesunde Menschenversand), ist eine Art Riesengedichtband über unseren Alltag und wie er klingt, aus dem Radio, den Zugdurchsagen, von überall her. Zufallsfunde, aus denen der Laute malende Kopf von Pedro Lenz seine liebevollen Tiraden formt. Simone Meier

Ihr habt diesen Klassiker falsch übersetzt!

Video: watson/Emily Engkent

Das Buch der Wunder

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Das Buch der Wunder
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