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Yonnihof

Von einer, die auszog, das Aushalten zu lernen

Bild: shutterstock
Von der Kraft des «Ich weiss nicht».
03.08.2018, 16:1503.08.2018, 17:04

Seit einiger Zeit beantworte ich drüben auf Facebook Fragen meiner Leserschaft. Das Spannende daran sind nicht nur die Fragen selbst, sondern dass sich, wenn man in positiver Weise mit Lebens- und Liebesfragen bombardiert wird, gewisse Muster in der Gesellschaft, in der Generation aufzeigen.  

Eins davon ist, was mich schon länger beschäftigt: Die Sucht nach Lösungen. Und zwar nicht nur für die eigenen Sorgen, sondern auch für diejenigen um einen herum. Das Bedürfnis danach verstehe ich – schliesslich versuche ich ja genau das: Meine und die Probleme anderer zu lösen.  

Nur: Oft glaube ich, dass wir nach Antworten auf Fragen suchen, die wir noch gar nicht ausgedeutscht haben. Stellt also jemand die Frage, wie er mit dem Tod des Vaters abschliessen soll oder will eine junge Frau wissen, wie sie ihre Misshandlung in Kindstagen vergessen kann, so bedeutet das, dass man solche Dinge grundsätzlich können kann. Ja, können kann.  

Ich glaube jedoch, es gibt gewisse Dinge, die müssen wir nicht können. Das klingt nun simpel, ist es aber nicht, denn die Alternative zum können Können ist oft noch schwieriger: Aushalten können, nämlich.  

Aushalten ist etwas enorm Schwieriges und ich rede da 1:1 von mir selbst. Auch ich will Lösungen, will für mich und für andere, dass Sorgen und Schmerz möglichst schnell wieder aufhören. Manchmal gelingt das durchaus. Und dann gibt es Situationen, in denen es eine Rückkehr zum Alten, zu dem, wie es vorher war, einfach nicht gibt. Es passiert etwas mit einem, man ist ohnmächtig und ausgeliefert und es bleibt einem nichts anderes übrig, als auszuhalten, bis sich das Alte in etwas Neues verwandelt hat. Und die Tatsache zu akzeptieren, dass es nie wieder «gut» wird, aber anders.  

Aushalten als Lösung ist unbeliebt, weil es langwierig und schmerzhaft ist. Und trotzdem ist es mir eine liebe Strategie, denn sie ist a) ehrlich und zeigt uns b), wozu unsere Seelen fähig sind – denn die nächste Krise kommt bestimmt – und wenn wir einmal gemerkt haben, was für ein zäher Hagel wir sein können, gibt uns das für die Zukunft Selbstvertrauen.  

Und Aushalten als Strategie hat noch weitere Vorteile. So ist es meines Erachtens enorm entwaffnend. Ich habe immer wieder Situationen erlebt, in denen ein «Ich kann das nicht», ein «Ich weiss das nicht» oder ein «Ich komme hier nicht weiter» im Sinne eines ehrlichen Selbst-Assessments enorm hilfreich waren und mir Unterstützung aus Richtungen einbrachten, die ich nie erwartet hätte. Dass Sorgen und Krisen Zeit zum «Versurren» brauchen, ist nämlich eine Tatsache, das bedeutet jedoch nicht, dass wir sie alleine zubringen müssen. Unser Gegenüber kann nicht die Zeit zurück drehen, aber es kann mit uns heulen und lachen und uns in den Schlaf streicheln und blöde Witze machen. Wir werden zwar keine Wunderwaffe finden, die unsere gebrochenen Seelen heilen und uns ohne Aufwand aus dem Sumpf hieven kann – aber wir können uns ein Netz knüpfen, das uns nicht komplett absaufen lässt.  

Wenn mich also jemand fragt, wie er das Pfläschterli auf seinem Herzen verschwinden lassen kann, sagt mein Hirn, dass man das manchmal einfach nicht kann.  

Und mein Herz, dass man das nicht können muss.  

Ich finde das versöhnlich.

Yonni Meyer
Yonni Meyer (36) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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Heute vor fünf Monaten kam mein Sohn zur Welt. Dies sind die Worte einer Feministin, deren Lieblingsmensch ein Mann ist.

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