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Sich sein und damit dann auch noch halbwegs zufrieden: Erlernbar.  kafi freitag

FragFrauFreitag

Liebe Kafi. Ich hab das Gefühl, es interessiert dich nicht so, was andere von dir denken. 

Das hat für mich viel mit Selbstliebe zu tun. War das schon immer so? Wie kann ich das lernen? Herzlich, Michèle, 37



Liebe Michèle

Da haben Sie schon recht, es ist mir wirklich nicht so wichtig. Natürlich finde auch ich es toll, wenn ich merke, dass man mich mag und cool findet. Das ist nur menschlich, es ist Teil unseres Selbsterhaltungstriebs. Aber ich kann auch sehr gut damit leben, wenn man das nicht tut. Es ist spannend, dass Sie mich gerade jetzt danach fragen, weil es ein Thema ist, dass im vergangenen Jahr sehr präsent war und es im neuen Jahr sogar noch mehr sein wird.

Und ja, ich freue mich jetzt schon auf all meine Kommentatoren, die schreiben werden: «Aha, wieder eine Frage selber erfunden, damit Kafi die Antwort drauf geben kann, die ihr selber was bringt.» Aber auch damit kann ich sehr gut leben. Wer Erfolg hat, bekommt den Neid und die Missgunst mitgeliefert, das gehört nun mal zum Package dazu. Insofern habe ich in den letzten Jahren so einiges dazugelernt.

Aber grundsätzlich hat es viel mit meiner Kindheit zu tun. Ich bin letzte Woche mit zwei äusserst interessanten Frauen an einem Tisch gesessen, nämlich mit der Autorin Michelle Steinbeck und mit der Unternehmerin Rosemarie Michel. Wir haben zusammen ein Generationengespräch geführt, welches am Freitag in der NZZ erscheinen wird. Darin ist es genau um dieses und noch viele andere Frauenthemen gegangen. Was braucht es, dass man sich in einer männlich dominierten Geschäftswelt durchsetzen kann? Oder auch «nur» in der eigenen Familie? Solchen Fragen sind wir auf den Grund gegangen und ich persönlich bin der Meinung, dass sehr viel davon in der Erziehung verankert ist. Ob man mit einem gesunden oder eher verkümmerten Selbstwertgefühl ausgestattet ist, ist zum grossen Teil reiner Zufall. Die Grundausstattung fällt bei der Geburt etwas grosszügiger aus oder eben nicht. Was dann mit dieser Anlage passiert, ist aber eine Frage der Erziehung. Ich konnte schon als kleines Mädchen sehr gut Nein sagen und hatte schon immer meinen eigenen Kopf. Dass man diesen dann aber nicht stundenlang mit härzigen Frisürli und Haarspängeli dekoriert hat, hat ebenfalls dazu beigetragen, dass ich heute die bin, die ich eben bin.

Ich muss nicht allen gefallen und nicht jeder muss mich gernhaben.

In meiner Familie hat man keinen grossen Wert darauf gelegt, die Mädchen herauszuputzen. Ich hatte bis Anfang 20 kein langes Haar, ich wurde darum lange Zeit für einen Jungen gehalten. Ich musste nicht herzig sein und auch nicht artig, im Gegenteil. Meine Kindheit habe ich in einem schmutzigen Warenregallager verbracht, ich war umgeben von Lagermitarbeitern und Spediteuren und nicht von Hello-Kitty-Kleidli und Kinderteepartys. Nicht, dass ich das nicht alles gemocht hätte, ich hätte es mit grosser Wahrscheinlichkeit sogar geliebt! Aber es war nun mal einfach keine Option.

Heute bin ich sehr dankbar für diese Art von Aufwachsen. Dahinter stand keine Erziehungsmethode oder kein Kalkül, sondern einfach der pragmatische Lebensstil meiner Eltern. Sie haben immer gearbeitet und ich war dabei. Meine Kindheit hat sich nie um mich gedreht und darum hatte ich nie die Wahnvorstellung, eine kleine Prinzessin zu sein. Ich wurde nie aufs Gefallen getrimmt.

Und das bin ich heute auch nicht. Ich mag mein Aussehen und ich habe Freude daran, mich frisieren und stylen zu lassen. Aber ich definiere mich nicht darüber. Ich muss nicht allen gefallen und nicht jeder muss mich gern haben. Darum darf ich auch mal unpopuläre Meinungen raushauen oder auf einem Foto voll frontal stehen, obwohl der Fotograf meint, dass mich das breit macht. Ich bin nun mal breit. Und damit meine ich noch nicht mal nur meine Statur, sondern in erster Linie mein Wesen. Ich habe Ecken und Kanten und ich bin in meiner Art und Weise nicht immer wohlgeformt.

Dass ich in meiner Schulzeit aufs Heftigste gemobbt wurde, hat mich zu einer Entscheidung gezwungen. Ich konnte wählen zwischen Selbstverleugnung und Selbstakzeptanz. Mit Ersterem hätte ich mich in die Reihe der Schulkameraden eingereiht, die mich gequält haben. Ich hätte mich früher oder später vermutlich aufgegeben und das war keine Option für mich. Darum habe ich mich für die Selbstliebe entschieden. Ein Kind, das behütet und geborgen aufwachsen darf, wird nie in solcher Konsequenz vor diese Entscheidung gestellt und hat darum aber auch nicht die Chance, sich so aktiv und bewusst für sich selber zu entscheiden. Natürlich wünsche ich keinem Menschen eine Kindheit mit diesen Erfahrungen. Aber gleichzeitig weiss ich auch, dass sie mich zu der gemacht hat, die ich heute bin. Ich habe sehr früh lernen müssen, für mich einzustehen. Ich war die Einzige, die sich für mich eingesetzt hat. Ich musste lernen, mich selber zu lieben, weil es sonst niemand in der Form tat, wie ich es gebraucht hätte. Heute trage ich die Früchte dieser harten Lektion. Ich stehe mit beiden Beinen fest im Leben und lasse mir nicht die Butter vom Brot nehmen. Ich sage Ja, wenn ich Ja meine. Und Nein, wenn ich gegen etwas bin. Meine Stimme hat Gewicht, meine Meinung wird gehört. Aus diesem Grund habe ich die Chance genutzt und die Predigt, zu der ich eingeladen wurde, genau diesem Thema gewidmet. Da die Resonanz eine derart grosse war, habe ich beschlossen, dem Thema Selbstliebe noch mehr Platz einzuräumen. Darum wird es im neuen Jahr ein neues Seminar mit dem Titel «Ich lieb mich – ich lieb mich nöd. Ich lieb mich!» geben.

Selbstliebe kann man zu jeder Zeit seines Lebens lernen. Es ist eine Auseinandersetzung mit alten beschränkenden Glaubenssätzen und mit der Art, wie man über sich selber denkt. Wenn ich in meiner Coachingpraxis mit dem Thema Gewichtskontrolle konfrontiert werde, dann setze ich immer bei der Selbstliebe an und arbeite an der Selbstakzeptanz. Das kann bisweilen ein langer beschwerlicher Weg sein, aber manchmal reicht schon das Auflösen ein paar lästiger Denkmuster. Fangen Sie damit an, dass Sie Ihr Denken hinterfragen. Beobachten Sie all die Gedanken, die Sie den lieben langen Tag über sich hegen oder noch besser; schreiben Sie sie auf! Sie werden staunen, wie kritisch bis selbstzerstörerisch man über sich selber denken kann! Es wird Sie einiges an Selbstdisziplin kosten, aber die Arbeit lohnt sich sehr. Erst wenn Sie Ihr eigenes Denken bewusst gemacht haben und steuern, wird es mit der Selbstliebe klappen. Dieses Thema ist auch Inhalt des Seminars vom kommenden Freitag. Sich Gedanken darüber machen, was man eigentlich will und wie man sich selber Gutes tut. Mal für sich schauen und nicht nur für alle andern. Lieb zu sich sein und sich verwöhnen. Alles Dinge, die so einfach klingen und dann im Alltag trotzdem manchmal so schwierig sind, gell.

Ich hoffe, dass ich Ihnen ein paar Denkanstösse geben konnte, liebe Michèle. Und allen Müttern von Töchtern möchte ich ans Herz legen sich gut zu überlegen, was Sie mir Ihrer Erziehung genau fördern möchten.  

Ganz herzlich, Ihre Kafi

Kafi Freitag - Das Buch

Die 222 besten Fragen und Antworten in einem schön gestalteten und aufwendig hergestellten Geschenkband.

www.fragfraufreitag.ch
www.salisverlag.com

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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