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Liebe Frau Freitag. Warum ist der Tod so ein Arschloch?

Ein verlassener und verwunschener Friedhof auf Big Island, Hawaii.
Ein verlassener und verwunschener Friedhof auf Big Island, Hawaii.
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Liebe Frau Freitag. Vor kurzem gab es einen Todesfall in meinem Freundeskreis und ich frage mich, warum der Tod so ein Arschloch ist. 

Ich habe wirklich Mühe, mich damit auseinanderzusetzen. Wenn ich mir ausmale, dass meine Grosseltern sterben werden, meine Eltern, meine Freunde ... kann ich manchmal fast nicht mehr schlafen. Wie versöhne ich mich mit dem Tod? Merci! Julia, 22
14.09.2016, 08:5914.09.2016, 09:16
Kafi Freitag
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Liebe Julia

Natürlich ist der Tod ein Arschloch. Aber auch nicht mehr, als es die Geburt ist, an der man zuweilen auch fast verreckt. Beides gehört zum Leben dazu, und wenn nicht gerade ein Kind oder ein junger Mensch stirbt, dann darf man mit etwas Gelassenheit sagen, dass es ganz ok ist so. Oder möchten Sie wirklich mit allen Ihren Ahnen unter einem Dach leben? Wenn man die Bevölkerung anschaut, die von 50'000 v. Chr. bis heute auf der Erde gelebt hat, dann sind das bereits ungefähr 108 Milliarden Menschen. (Und ja Ihr gescheiten Kommentatoren, die Ihr bereits lauert um die Zahl um noch eine Schlauheit zu ergänzen; auch Umweltkatastrophen und Krankheiten sind in diese Berechnung eingeflossen.) Ganz schön eng, nicht? Und da sind all die Kreaturen, die in den etwa 250'000 Jährchen davor hier gelebt haben, noch gar nicht mitgerechnet!

Sie müssen schon eingestehen, dass es etwas egoistisch anmutet, wenn man für immer bleiben will. Und das wollen Sie ja in letzter Konsequenz: Sich niemals trennen müssen und ergo ewig leben. Aber wollen Sie das wirklich? Können Sie sich nicht vorstellen, dass nach einem langen und hoffentlich erfüllten Leben dann auch mal genug ist? Dass man als alter Mensch langsam müde wird und es irgendwann gesehen hat? Es geht hier nicht nur um die Hinterbliebenen. Es geht hier nicht nur um Sie!

Natürlich ist der Tod ein Arschloch. Aber auch nicht mehr, als es die Geburt ist, an der man zuweilen auch fast verreckt.

Mir ist schon bewusst, dass Sie die Frage nicht so angehen wollen, sondern rein emotional und metaphorisch. Aber das geht nun leider nicht, wie Sie jetzt vielleicht verstehen werden. Solange wir den Zyklus des Geborenwerdens pflegen, müssen wir uns auch mit dem Abschiednehmen auseinandersetzen. Das ist in unserer Kultur, die den Tod tabuisiert und unter den Teppich kehren will, gar nicht so einfach, das weiss ich. Aber vielleicht hilft Ihnen ja der Gedanke, dass es nach dem Tod irgendwie weiter geht? In vielen Kulturen ist dieser Ansatz Teil der Lebensanschauung, warum machen Sie sich diese nicht auch zu eigen? Man kann aus religiösen Gründen darüber denken, wie man mag. Aber wie mein 83 Jahre alter Vater jüngst erklärte, wäre es ein wirtschaftlicher und ökologischer Blödsinn, so eine geniales System wie den Menschen für nur einen Lebenszyklus zu erschaffen. Die Auseinandersetzung mit den Themen des Lebens wären ein sinnloser Witz, wenn sie nach dem Tod ein Ende nähmen, so meint er. Und ich sehe das genau so. Und viele andere, die es irgendwie wissen müssen, auch. Nicht zum ersten Mal verweise ich in meiner Kolumne auf die Literatur der Schweizer Sterbebegleiterin Elisabeth Kübler-Ross. Sie hat nach vielen Jahren Konfrontation mit dem Sterben den Schluss gefasst, dass es danach weiter geht. Und dass jeder Sterbende von einem ihm nahestehenden Menschen abgeholt wird.

Ich weiss nicht, ob das Ihnen Trost spenden kann. Aber mir hat es tatsächlich geholfen, mich mit dem Tod zu versöhnen und ich denke, dass es Ihnen nach der Lektüre eines ihrer Bücher auch gelingen könnte. Danach werden Sie den tatsächlichen Sinn des Todes darin erkennen, dass Sie das Leben mit vollem Bewusstsein leben sollen. Sich einen inneren Reichtum verschaffen, anstatt die Erlösung im äusseren suchen. Und mit sich zufrieden sein, statt ein Leben lang zu hadern und dann unzufrieden sterben. Darum geht es im Leben! Wenn Sie das begriffen haben, liebe Julia, dann können Sie sich ein langes Philosophiestudium schenken und dem Leben mit all seinen Facetten mit Herz begegnen.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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20 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Toerpe Zwerg
14.09.2016 09:43registriert Februar 2014
Der Glaube, es gebe ein Leben ohne zu leben, ist die Quintessenz der Tabuisierung der Endlichkeit aka des Todes. Erst wenn der Mensch seine eigene Endlichkeit akzeptiert, kann er sich mit dem Tod versöhnen.

Jenseitsglaube ist entsprechend das Gegenteil von dem, was er verspricht: Statt Versöhnung mit dem Tod und uneingeschränkte Fokussierung auf das Leben erhalten sie immerwährende Beschäftigung mit einem Danach und damit Unsicherheit, Zweifel und Unrast.

Meine verstorbene Grossmutter hat einst mit 89 den Pfarrer vor die Türe gesetzt - sie sei doch nicht dement!
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Spooky
14.09.2016 18:22registriert November 2015
Wie versöhne ich mich mit dem Tod?

Mit dem Tod kann man sich nicht versöhnen. Der Tod ist ein Skandal. Für den Verstand ist der Tod nicht zu ertragen. Und genau darum gibt es die vielen Religionen und Gurus (und Coaches ;-), die Trost spenden.

Sogar der geniale griechische Philosoph Epikur wollte mit dem fiesen Gesellen lieber nichts zu tun haben. Epikur sagte: "Der Tod geht mich nichts an, denn wenn er ist, bin ich nicht mehr, und so lange ich bin, ist er nicht."
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