«Kim Jong-un ist klein und übergewichtig. Ich gehe nicht davon aus, dass er sehr alt werden wird», sagt Tourguide Dave gut gelaunt ins Mikrofon. Ihn interessiere deshalb vor allem, was nach dem aktuellen nordkoreanischen Diktator komme. «Denn das mit dem Kinder zeugen scheint er ja auch nicht hinzukriegen», schiebt der junge Südkoreaner spöttisch nach.
Einige der rund 60 Tour-Teilnehmer amüsieren sich köstlich über das Diktatoren-Bashing, bei anderen trifft Daves Humor auf weniger Anklang. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass einige seiner Aussagen zumindest umstritten sind – Kim Jong-un soll über 1,75 Meter gross sein und eine Tochter haben. Mich erinnert Dave mit seiner Performance an amerikanische Politiker: charmant, selbstsicher, witzig und wortgewandt – aber mit wenig Inhalt.
Wir sind auf dem Weg in die Demilitarisierte Zone (DMZ), den vier Kilometer breiten Grenzstreifen, der Nord- und Südkorea trennt. Die DMZ ist mehr als eine explosive Grenze. Sie trennt ein Volk, das eigentlich zusammengehört, und ist das sichtbarste Überbleibsel des Kalten Krieges: Hier K-Pop, Karaoke und Konsumgeilheit, dort Kommunismus, Konformität und Kommunikationssperre.
Die DMZ besteht seit dem Ende des Koreakrieges im Jahre 1953 und läuft quer über die Halbinsel. Mittlerweile hat sich das Gebiet zu einer beliebten Touristenattraktion entwickelt. Tag für Tag lassen sich tausende Südkoreaner sowie Besucher aus aller Welt hierher karren. Von Seouls Stadtzentrum sind es nur 60 Kilometer. Auf eigene Faust darf man das Sperrgebiet nicht erkunden, man muss bei einem der unzähligen Anbieter eine Tour buchen.
Unser Car stoppt zuerst bei einer Bahnbrücke, neben der eine alte, durchlöcherte Lokomotive ausgestellt ist, die unter nordkoreanischen Beschuss geraten sein soll. Weiter geht es zu einer Aussichtsplattform, von der man mit Ferngläsern auf die nordkoreanische Seite blicken kann – ohne wirklich etwas zu erkennen. Dann zu einem kilometerlangen Tunnel, den die Nordkoreaner gegraben haben sollen, um in Südkorea einzufallen. Und schliesslich geht es zum letzten Bahnhof auf südkoreanischer Seite. Ein ganz normaler, moderner Bahnhof, einfach an einem aussergewöhnlichen Ort.
Dass die Tour optisch nicht viel bietet, hatte ich erwartet. Schliesslich ist die DMZ abgesehen von ein paar Siedlungen sowie einer grossen Anzahl Landminen, Panzersperren und Stacheldrahtzäunen auch nur ein normales Stück Land. Völlig enttäuscht bin ich aber, dass es kaum Informationen über die Entstehung des Konflikts, den Krieg, den schwierigen Versöhnungsprozess und die Schicksale der Menschen gibt – zum Beispiel über auseinandergerissene Familien.
Stattdessen wird bei jeder Gelegenheit betont: Wir hier sind die Guten, die dort die Bösen. Eine Unterscheidung zwischen dem Regime und den Menschen in Nordkorea ist nicht zu erkennen. Dieses Schwarz-Weiss-Denken ist sicherlich nicht hilfreich, falls es eines Tages wirklich zu einer Wiedervereinigung kommen sollte.
Ich will mir aber nicht anmassen, die Südkoreaner dafür zu kritisieren. Wer in der sicheren Schweiz aufwachsen durfte, weiss nicht, wie es sich anfühlt, wenn man ständig befürchten muss, dass der verrückte Diktator im Nachbarland wieder irgendetwas ausheckt.
Kein Verständnis habe ich jedoch für die unverschämte Geldmacherei, die mit der Spaltung des Landes betrieben wird. Ich finde es legitim, dass es DMZ-Touren gibt. Diese sollte man aber nutzen, um den Besuchern die Geschichte des Landes näher zu bringen. Wenn es nur darum geht, die Besucher für 45 Franken möglichst schnell von Punkt zu Punkt zu fahren, um ihnen am Ende Baseballmützen, Tassen und Kugelschreiber mit der Aufschrift «Demilitarisierte Zone» zu verkaufen, dann ist das einfach nur pervers. Oder, um mit den Worten von Tourguide Dave zu enden: «Eigentlich müssen wir Kim Jong-un dankbar sein. Er bringt uns ganz viel Geld.»