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Vitus Huonder: Der Churer Bischof lehnt demokratische Prinzipien ab und wünscht sich Ehrfurcht und Unterwürfigkeit seiner Gläubigen.<br data-editable="remove">
Vitus Huonder: Der Churer Bischof lehnt demokratische Prinzipien ab und wünscht sich Ehrfurcht und Unterwürfigkeit seiner Gläubigen.
Bild: KEYSTONE
Sektenblog

Auch Papst Franziskus ändert nichts: Die katholische Kirche ist ein klerikales Feudalsystem mit diktatorischen Allüren

Demokratie ist in der katholischen Kirche immer noch ein Fremdwort. Der Vatikan ist weit entfernt von den geistigen Errungenschaften einer zivilisierten Gesellschaft. Auch in der Schweiz.
12.03.2016, 07:5512.03.2016, 11:24

Die Führungsriege des Bistums Chur ist ein Bollwerk erzkonservativer Kleriker, die immer wieder versuchen, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Vor allem die Zürcher Katholiken fühlen sich von Chur gegängelt. Schon Bischof Wolfgang Haas lehrte die Zürcher Katholiken mit seinem fundamentalistischen Gebaren das Fürchten. Schliesslich wurde er 1997 ins Fürstentum Liechtenstein abgeschoben und zum Erzbischof befördert.

Bischof Wolfgang Haas: Bollwerk erzkonservativer Kleriker.<br data-editable="remove">
Bischof Wolfgang Haas: Bollwerk erzkonservativer Kleriker.
Bild: KEYSTONE

Der Burgfriede dauerte allerdings nicht sehr lang, denn 2007 hievten der Vatikan und die Schweizer Bischöfe mit Vituos Huonder einen neuen Hardliner ins Bischofsamt. Seither herrscht bei den Zürcher Katholiken wieder Eiszeit.

Ungeliebte Zürcher Katholiken

Huonder würde die Zürcher Stänkerer am liebsten in die Wüste schicken, denn der Bischof träumt von einer autoritären Bistumspolitik und der Rückkehr zur reinen katholischen Lehre, wie sie noch vor 50 Jahren herrschte. Geistliche waren damals noch unantastbare Würdenträger, welche die Deutungshoheit in religiösen und moralischen Belangen hatten.

Und so wünscht sich Huonder Gläubige, die voll Ehrfurcht und Unterwürfigkeit seinen Bischofsring küssen und seine Dogmen bis unter die Bettdecke gehorsam verinnerlichen.

Bischof Vitus Huonder über die Homosexualität

Um die aufmüpfigen bis feindlichen Zürcher Katholiken endlich loszuwerden, lancierte Huonder eine «Umfrage» bei den zuständigen Stellen und Gremien in seinem Bistum. Er will damit die Bedürfnisse bezüglich eines Bistums Zürich eruieren.

Das Resultat lässt sich voraussagen: Da die Zürcher die Nase voll haben von Chur, werden sie sich für eine Abspaltung aussprechen. Und sofort ein Aber hinterher schieben: Loslösung nur, wenn das Zürcher Bistum den Bischof selbst wählen kann. Die Zürcher werden sich auf die Bistümer Basel und St.Gallen berufen, die ihre Bischöfe selbst wählen können.

Ein Zürcher Bischof nach dem Muster von Wolfgang Haas und Vitus Huonder?

Diesen Wunsch werden ihnen Huonder und der Vatikan kaum erfüllen. Es ist davon auszugehen, dass sie die unzufriedenen Zürcher an die Kandare nehmen und ihnen einen Bischof nach ihrem Gusto aufs Auge drücken wollen.

Dafür wird auch der rückständige apostolische Nuntius, Erzbischof Thomas Edward Gullickson, sorgen, der quasi der Oberaufseher des Vatikans in der Schweiz ist. 

Ein klerikales Feudalsystem

Denn die beiden Bistümer Basel und St.Gallen sind «Betriebsunfälle» in der Geschichte der katholischen Kirche. Laut Kirchenrecht wählt der Vatikan die Bischöfe weltweit selber. So ist das, in einem zentralistischen Staat. Man könnte ihn auch ein klerikales Feudalsystem mit diktatorischen Allüren nennen. Schliesslich gilt der Papst in Kirchenfragen als unfehlbar.

Auch Huonder weiss in groben Zügen, wie die Umfrage ausfallen wird. Man kann also davon ausgehen, dass er eine bestimmte Strategie verfolgt. Diese wird er natürlich nicht verraten. Vielleicht durchschauen wir sie, wenn Huonder Ende April die Resultate der Umfrage verkünden wird.

Huonder bringt Grichting in Stellung

Vielleicht geht es um das, was bei Männern oft zu beobachten ist: Um Einfluss und Macht. Und um Kumpanei. Vielleicht will Huonder, der bald 75 wird und dann abtreten muss, seinen Ziehsohn und Spezi Generalvikar Martin Grichting als sein Nachfolger in Stellung bringen.

Demokratie ist in der katholischen Kirche immer noch ein Fremdwort. Der Vatikan hat als fast einziger Staat der Welt die UNO-Menschenrechtscharta nicht unterzeichnet – ein Anachronismus erster Güte.

Der Trick ist einfach: Der Vatikan kann den Zürcher Katholiken nach Huonder nicht auch noch den Hardliner Grichting vorsetzen. Mit einem neuen Bistum Zürich könnte Grichting die Rumpfdiözese Chur übernehmen. Somit würde die Bischofskonferenz ein weiteres konservatives Mitglied bekommen, der die Kirchenpolitik im Sinn von Huonder prägen könnte.

Der Vorgang zeigt, dass Demokratie in der katholischen Kirche immer noch ein Fremdwort ist. Klar macht dies auch der Umstand, dass der Vatikan als fast einziger Staat der Welt die Menschenrechtscharta der UNO noch nicht unterzeichnet hat – ein Anachronismus erster Güte.

Frauen werden immer noch diskriminiert

Aus Sicht der katholischen Kirche ist dies allerdings konsequent. Wer im 21. Jahrhundert noch die Frauen von wichtigen Ämtern ausschliesst, hat nichts zu suchen in der Weltgemeinschaft, die für gleiche Rechte für Mann und Frau kämpft.

Selbst dem viel gelobten Papst Franziskus käme es nie in den Sinn, die Menschenrechte zu unterschreiben. Zu weit entfernt sind die katholische Kirche und der Vatikan von den geistigen Errungenschaften einer zivilisierten Gesellschaft.

Daniele Menozzi, Historiker an der Universität Scuola Normale Superione in Pisa und Autor eines Buches zum Thema Kirche und Menschenrechte, begründet die Haltung der Kirche so: «Gegen das Recht des Menschen über sich selbst zu bestimmen, argumentieren die Päpste mit dem Naturrecht, dem sich der Kirche nach die Menschen unterzuordnen haben.»

Göttliche Prinzipien über Menschenrechten

Und: «Das Motiv der Ablehnung solcher Erklärungen seitens der Kirche liegt in der Überzeugung der Päpste, dass sich eine menschliche Gesellschaft nach den Prinzipien Gottes und nicht der Menschen zu organisieren habe.»

Nur: Wenn es um Macht und Reichtum der katholischen Kirche geht, orientiert sie sich streng an den Prinzipien des Menschen (Macht und Gier) und nicht am Vorbild von Jesus (Selbstlosigkeit und Gnade). Dann ist den Klerikern das eigene Hemd oder der eigene Rock bedeutend näher.

Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei. Seit kurzem befasst er sich mit dem Thema wöchentlich auf watson.
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93 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Michael Bamberger
12.03.2016 15:07registriert Februar 2016
Einstein56: "Über die katholische Kirche sollen sich nur Katholiken äussern. Die Migros kritisiert Coop auch nicht."

Obiges ist ähnlich hanebüchen wie: Über die Mafia sollen sich nur Mafiosi äussern. Die Cosa Nostra kritisiert die Camorra auch nicht."
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rodolofo
12.03.2016 08:50registriert Februar 2016
Ich glaube, dass die Katholische Kirche -wenn sie so weiter macht- immer mehr zu einem exklusiven Club von "lebenden Fossilien" und "reaktionär hässlichen Gruselmonstern" verkommt.
Eine Verjüngung und Auffrischung ist ausgeschlossen, wenn man(n) dermassen altersstarrsinnig auf anachronistischen Prinzipien beharrt, wie dem, dass Homosexualität Sünde sei!
Liebe ist niemals Sünde!
Das Geschlecht spielt dabei überhaupt keine Rolle!
Ob Männlein mit Weiblein, oder Macho-Männlein mit Tunten-Männlein, oder Macha-Lesbe mit femininer Lesbe ist doch egal!
Hauptsache sie lieben einander!
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Mehmed
12.03.2016 11:34registriert Januar 2016
"Die katholische Kirche ist ein klerikales Feudalsystem mit diktatorischen Allüren"
Naja, da passt die Kirche ja wunderbar zum realexistierenden Kapitalismus. Der ist nämlich genau das gleiche: Feudalsystem mit oligarchischen Allüren.
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