Blogs
Sektenblog

Sektenblog: Heilsbringer Blocher mutiert zum Führer

«Patriot» Christoph Blocher bei der Bundesfeier 2015.
«Patriot» Christoph Blocher bei der Bundesfeier 2015.
Bild: KEYSTONE
Sektenblog

Heilsbringer Blocher mutiert zum Führer

Er schwört die Gefahr einer Diktatur herauf und lenkt davon ab, dass er die Schweiz spaltet.
13.02.2016, 08:0013.02.2016, 09:16
Mehr «Blogs»

Wenn seine Parteisoldaten und Fans seine Taten rühmen, huscht ein verklärtes Lächeln über ihr Gesicht und ihre Augen glänzen. Für sie ist er ein Heilsbringer, der das Böse abwenden und die Erlösung erzwingen soll.

Der hemdsärmlige Polterer und empathielose Volkstribun geniesst bei einem beträchtlichen Teil der Schweizer Bevölkerung nahezu einen Heiligenstatus: Christoph Blocher, der (angebliche) Kämpfer der Armen und Entrechteten. Die Verehrung hat pseudoreligiösen Charakter angenommen. Und wie immer, wenn religiöse Attribute im Spiel sind, sollten die Alarmglocken schrillen.

Bild
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Experte Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei. Neu befasst er sich mit dem Thema wöchentlich auf watson.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.

Blocher ist der Personenkult um seine Person nicht unangenehm. Er geniesst den Sonderstatus des Säulenheiligen, der ihm das Gefühl vermittelt, unantastbar zu sein. Ausserdem ist ihm das Religiöse nicht fremd. Er ist in einer Pfarrersfamilie aufgewachsen, sein engster Berater ist sein Bruder Gerhard, seines Zeichens ebenfalls Pfarrer, der noch hemdsärmliger poltert als Christoph selbst.

So tickt Blochers Bruder Gerhard

Der Weg zum Heil geht über Blocher

Blocher der Grosse ist aber nicht nur ein Heilsbringer, er gebärdet sich auch als Führer, der seine Ideologie mit einem Absolutheitsanspruch vertritt: Es gibt nur eine Wahrheit und nur einen Weg zum Heil. Den Weg durch ihn.

Entweder du bist für uns oder  gegen uns. Die Guten drinnen, die Bösen draussen.

Der SVP-Übervater spricht denn auch von einer Aufgabe zur Rettung der Schweiz, die er zu erfüllen habe. Man könnte es auch Berufung nennen. Oder Mission.

Auch das Prinzip ist bekannt: Es gibt (fast) nur Freunde oder Feinde: Entweder du bist für uns oder gegen uns. Die Guten drinnen, die Bösen draussen. Grautöne? Fehlanzeige.  

Blocher und seine Partei unterscheiden streng nach weissen und schwarzen Schafen. Die weissen kicken die schwarzen aus dem heiligen Territorium. Die Farbe entscheidet, menschliche Kriterien haben im Kampf um die einzig gültige Wahrheit keinen Platz.

Roger Köppel als Zuchtmeister von Blocher

Dieses System wendet Blocher auch nach innen an. Wer in der SVP nicht spurt, wird diszipliniert und an die Kandare genommen. Als Zuchtmeister hat er Roger Köppel engagiert und ihm die Weltwoche als potentes Vehikel zur Verfügung gestellt: Parteisoldaten, die von der Linie abweichen, nicht die nötigen Opfer erbringen oder sich zu wenig hart kasteien, werden öffentlich an den Pranger gestellt. Sie gehören zum Beispiel der Weissweinfraktion an, die sich schon mal am Stammtisch zuprosten, statt Unterlagen zu studieren oder Unterschriften zu sammeln.

Früher wagten Berner SVP-Kämpen gelegentlich einen kleinen Aufstand gegen das Diktat aus der Hochburg in Herrliberg. Die Zeiten sind längst vorbei. Heute stehen sie stramm und salutieren devot Richtung Zürich.

Sektenblog

Das Prinzip Blocher funktioniert nicht ohne Sand. Diesen streut er seinen Wählerinnen und Wählern in vielen Vorträgen, Reden und Interviews mantramässig in die Augen. So wettert er bei jeder Gelegenheit gegen die «classe politique», also die da oben, die Mächtigen, Reichen und Privilegierten.

Du hast watson gern?
Sag das doch deinen Freunden!
Mit Whatsapp empfehlen

Privilegien für die Mächtigen und Reichen

Dabei lenkt er geschickt von der Tatsache ab, dass Blocher der vielleicht Mächtigste im Land ist, zu den Reichsten gehört und Privilegien geniesst wie kaum ein zweiter. Er kämpft für Steuererleichterungen der Reichen und Unternehmen. In beiden Fällen profitiert er tüchtig. Zahlen müssen dann die Rechnung die Unterprivilegierten, die seiner Partei wieder die Stimme geben.

Seine messianische Pose garniert er geschickt mit Anker-Helgen aus seiner millionenschweren Bildersammlung. Der PR-Trick funktioniert, die SVP reiht Wahlsieg an Wahlsieg.

Kürzlich packte Blocher in populistischer Manier die ganz grosse Propaganda-Keule aus. Die Schweiz sei auf dem Weg zur Diktatur, verkündete er. Die versteckte Botschaft dahinter: Ohne mich ist Helvetia verloren. Schart euch hinter mich, ich zerschlage als Robin Hood das dämonische Kartell. Seine messianische Pose garniert er geschickt mit Anker-Helgen aus seiner millionenschweren Bildersammlung. Der PR-Trick funktioniert, die SVP reiht Wahlsieg an Wahlsieg.

Gehört zu den reichsten Menschen im Land: Blocher in seiner Villa in Herrliberg.
Gehört zu den reichsten Menschen im Land: Blocher in seiner Villa in Herrliberg.
Bild: KEYSTONE

Doch wie ist das wirklich mit der drohenden Diktatur? Er unterstellt seinen Gegnern diktatorisch Tendenzen und lenkt davon ab, wo das Diktat tatsächlich ausgeübt wird: In Herrliberg.

Da lachen ja die letzten Hühner 

Apropos Diktatur: Eigentlich müssten die Hühner selbst im entlegensten Bauernhof über Blochers Drohgebärde lachen. Wenn es ein Land auf der Welt gibt, das sich mit seiner Staatsform gegen diktatorische Allüren machtsüchtiger Politiker gewappnet hat, ist es die Schweiz. Die Konkordanz-Regierung aus allen grossen Parteien und die direkte Demokratie sorgen dafür, dass extreme politische Strömungen bei uns kaum eine Chance haben. Es sei denn, ein Mann aus dem Holz eines Blochers setze alles daran, die Schweiz umzupflügen.

Den anderen Politikern und Parteien diktatorische Gelüste zu unterstellen, ist die beste Methode, von den eigenen Allüren abzulenken. Erstaunlich nur, dass die 30 Prozent der SVP-Wähler das Ablenkungsmanöver nicht erkennen. Wenn die Gefahr einer Diktatur in der Schweiz besteht, so geht sie auch vom Stimmvolk aus, das die aktuelle politische Grosswetterlage nicht richtig zu analysieren vermag.

Durchsetzungsinitiative

Durchsetzungs-Initiative ist die Zerreissprobe für die Schweiz

Blocher scheint endlich am Ziel seiner politischen Träume angekommen zu sein: Bei der Spaltung der Schweiz. Alle seien gegen die SVP, frohlockte er. Nämlich bei der Durchsetzungsinitiative. Er träumt natürlich davon, dass er und seine auserwählten Gläubigen gegen den Rest der Schweiz gewinnen.

Dass dieses Freund-Feind-Denken eine Zerreissprobe für die viel beschworene direkte Demokratie werden könnte, kümmert den Superpatrioten wenig.

Für ihn als neuen Messias besteht kein Zweifel, wer auf der rechten Seite steht, wer moralisch im Recht ist. Hauptsache, er gewinnt und baut seinen Machtbereich aus.

Dass sich Patriot Blocher darüber freut, gegen den Rest der Schweiz zu kämpfen, zeigt seine ideologische Verhärtung und seine politische Geisteshaltung. Es ist Zeit, den Volkstribun an der Urne zu stoppen.

Hol dir jetzt die beste News-App der Schweiz!

  • watson: 4,5 von 5 Sternchen im App-Store ☺
  • Tages-Anzeiger: 3,5 von 5 Sternchen
  • Blick: 3 von 5 Sternchen
  • 20 Minuten: 3 von 5 Sternchen

Du willst nur das Beste? Voilà:

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
220 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
andersen
13.02.2016 11:19registriert Februar 2016
Nun, wer Staatskunde in der Schule gehabt hat, weiss welche Formen von Nationalismus gibt.
Ich bin in ein Königsreich aufgewachsen, wo aber die Königen nur die Gesetze unterschreibt, die Menschenwürdig ist.
Aber sie ist kein Herrscher, sondern ist sehr geübt in Diplomatie.
Der Bundesrat in der Schweiz erfüllt dieser Rolle sehr gut.
Das Streben nach der Alpenmonaco ist ein Traum von Blochers und Co, die aber ein Votum gegen die Realität ist, weil der Kluft zwischen Arm und Reich in der Schweiz noch grösser wird.
Selbstbewusste Menschen braucht kein Guru und auch kein Blocher.
00
Melden
Zum Kommentar
avatar
Cabonga
13.02.2016 10:06registriert Januar 2016
Wer schwarz/weiss denkt lässt keine differenzierte Betrachtung zu. Blocher ist ein Machtmensch, der seine wahren Absichten stets im Verborgenen hält. So geschehen bei der Übernahme der Ems Chemie, als er als Topkader der Ems der Eigentümerfamilie zum Verkauf riet, an einen Investoren welcher auf sein Geheiss handelte.
So schöpft er auch politisch alle Mittel aus bis in die Grauzone um seine verdeckten Ziel zu erreich.
00
Melden
Zum Kommentar
avatar
Primus
13.02.2016 10:17registriert September 2015
Danke, Hugo Stamm, dieser Aufruf abzustimmen zu gehen und dass es auf jede Stimme ankommt, scheint mir tauglicher zu sein als manch andere Versuche hier auf watson.

Es schreckt mich, dass auch gerade Atheisten und Sektenhasser diesen Drang haben Blocher zu verehren und gerne nach dem Alten Testament (Auge um Auge, Zahn um Zahn) das Recht in die eigenen Hände nehmen würden.

Auch wenn zuweilen sehr fragwürdige Entscheide durch Parlamente und Regierungen zustande kommen, gilt es diesen Angriff durch diese Scheinsicherheitsinitiative auf die direkte Demokratie und auf den Rechtstaat abzuwehren.
00
Melden
Zum Kommentar
220
Nachhaltig Reisen? In Umfragen top, in der Realität flop
Trotz weltweiter Krisen reisen wir derzeit so viel wie vor Corona. Tourismusexperte Jürg Stettler ist überrascht. Und sagt, warum sich dies sehr schnell ändern könnte.
Für uns ist sie weit weg. Der Tourismusbranche sitzt die Corona-Krise noch immer in den Knochen. Noch immer werden Ankunfts- und Übernachtungszahlen an denen von vor dieser Zäsur gemessen. Immerhin: «Dank einer sehr dynamischen Erholung sind wir weltweit gesamthaft betrachtet praktisch wieder bei back to normal», sagt Jürg Stettler. Er ist Leiter des Instituts für Tourismus und Mobilität sowie Vizedirektor des Departements Wirtschaft an der Hochschule Luzern und analysiert seit Jahrzehnten die Veränderungen in den Tourismusmärkten. Im Gespräch analysiert er die derzeitige Weltlage und leitet ab, was das für den Tourismus und für Reisende bedeutet.
Zur Story