Wie Bhagwan vom Guru zum Sektenführer mutierte und einen Bioterror organisierte
In diesen Tagen jährt sich ein denkwürdiges Ereignis zum 42. Mal: der erste grosse Bioterror in den USA. Den kriminellen Anschlag hatte nicht etwa eine extreme politische Gruppe ausgeführt, sondern eine spirituelle Gemeinschaft, die Meditation, Achtsamkeit, Harmonie und übersinnliche Entwicklung propagierte.
Kopf der Verschwörung war die Inderin Ma Anand Sheela, die seit rund 30 Jahren in der Schweiz lebt. Sie arbeitete früher als rechte Hand des indischen Gurus Bhagwan Shree Rajneesh, der sich später Osho nannte. Er war der weltweit bekannteste spirituelle Führer, der in den 1990er-Jahren Zehntausende spirituelle Sucher anzog. Sein Mix aus esoterischen Ideen, freier Liebe, Hedonismus und Selbstverwirklichung elektrisierte junge Leute aus allen Teilen der Welt.
Terroranschlag mit Salmonellen
Doch wie kommen der indische Guru und seine Landsfrau Sheela dazu, in den USA einen Terroranschlag auszuhecken und auszuführen? Bhagwan hatte in den 1970er-Jahren in der indischen Stadt Poona (heute Pune) einen Ashram gegründet. Der grosse Zustrom der Anhänger und das freizügige Gebaren führten zu Konflikten mit den indischen Behörden.
Deshalb kaufte Sheela als Präsidentin der Rajneesh Foundation International 1981 die 25’600 Hektaren grosse Big Muddy Ranch ausserhalb des Dorfs Antelope im Bundesstaat Oregon und nannte sie Rancho Rajneesh. Damals lebten in Antelope 47 Einwohner. Die Bhagwan-Anhänger verwandelten die steppenartige Ranch in Fronarbeit in eine blühende Oase, in der bald rund 3000 Sannyasins, wie die Anhänger Bhagwans genannt wurden, lebten.
Doch auch hier kam es bald zu politischen Spannungen, weshalb Bhagwan und Sheela die politische Kontrolle über Wasco County gewinnen wollten. Sie versuchten, die Kommunalwahlen im September 1984 zu manipulieren und kamen auf eine abenteuerliche Idee. Sie züchteten Salmonellenerreger und kontaminierten damit die Salatbuffets in zehn Restaurants. Die Absicht: Wer an Salmonellen erkrankt, muss sich pflegen lassen und kann nicht an den Wahlen teilnehmen.
Die irrwitzige Aktion wurde zum Debakel. Zwar erkrankten 751 Personen – Dutzende mussten sich in Spitalpflege begeben –, doch die Staatsanwaltschaft hatte bald einen Verdacht und fand im Ashram von Bhagwan Salmonellen-Kulturen. Nun eskalierte der Konflikt vollends, und Sheela plante einen Mordanschlag auf den zuständigen Staatsanwalt Charles H. Turner.
Ashram als Festung
Gleichzeitig verwandelte Sheela den Ashram in eine Festung. Elektrozäune wurden hochgezogen, Wächter mit Maschinengewehren ausgestattet, Helikopter überwachten das Gelände aus der Luft. Der Konflikt führte auch zum Streit zwischen Bhagwan und Sheela. Im September 1985 kam es zum Bruch der beiden.
Der Guru beschuldigte die Führerin des Ashrams der Brandstiftung, des versuchten Mordes und der Massenvergiftung. Am 13. September floh Sheela nach Europa, Bhagwan wurde wegen Falschaussagen gegenüber den Einwanderungsbehörden verhaftet. Er behauptete, im Gefängnis mit Thallium vergiftet worden zu sein. Untersuchungen zeigten aber keine Giftspuren.
Später wurde der Guru ausgewiesen. Nun brach auch die Kommune auseinander, die Anhänger verliessen den Ashram fluchtartig. Am 28. Oktober 1985 wurde Sheela in Deutschland verhaftet und an die Justiz von Oregon ausgeliefert. Anfang 1986 verurteilte sie ein Gericht zu zehn Jahren Gefängnis. Die Strafe musste sie in Kalifornien absitzen.
Doch schon nach gut drei Jahren wurde sie wegen guter Führung entlassen. Sie reiste in die Schweiz, wo sie den Schweizer Sannyasin Urs Birnstiel heiratete. Bhagwan starb 1990 im Alter von 58 Jahren an einem Herzinfarkt.
Seine Anhänger behaupteten, er sei an den Folgen seiner Vergiftung im amerikanischen Gefängnis gestorben. Er war aber früher schon gesundheitlich angeschlagen, litt er doch an Diabetes und Asthma. Spuren hinterlassen hatte auch sein jahrelanger Medikamenten- und Drogenkonsum.
Sheela pflegte ihre Eltern und kam auf die Idee, ein Wohnheim für Betagte und Behinderte zu gründen. Sie führt seit vielen Jahren zwei Einrichtungen in den basellandschaftlichen Gemeinden Maisprach und Waldenburg. Sie verzichtet darauf, ihre esoterischen Ideen ins Betreuungskonzept einfliessen zu lassen. Gleichzeitig macht sie kein Geheimnis daraus, dass sie sich immer noch geistig eng mit ihrem ehemaligen Meister Bhagwan verbunden fühlt.
Der Ashram ist heute ein Wellness-Resort
Der Ashram in Pune existiert auch heute noch und wird von den Nostalgikern unter den Sannyasins rege besucht. Er heisst heute Osho International Meditation Resort und ist ein modernes, luxuriöses Wellness- und Meditationszentrum mit üppigen Gärten, Swimmingpool und einer imposanten Halle in Form einer Pyramide.
Die Vergangenheit holt die Bhagwan-Bewegung, die bis in unsere Zeit überlebt hat, immer wieder ein. Die Aufarbeitung deckt noch heute Missstände auf. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen früher schreckliche Ausmasse hatte. Die Opfer geben an, von unzähligen Männern missbraucht worden zu sein.
Viele Eltern hatten ihre Kinder damals in die eigenen Heime abgegeben, um sich auf die spirituelle Entwicklung konzentrieren und die Eskapaden geniessen zu können. Sie vernachlässigten ihre Kinder, was die Missbräuche begünstigte. Sheela hatte als Leiterin der Bewegung Kenntnis davon, unternahm aber nichts, um die Kinder zu schützen.
Vom kleinen Guru zum grossen Meister
Ursprünglich war Osho ein gewöhnlicher kleiner Guru, wie es sie in Indien zu Hunderten oder Tausenden gibt. Mit seinem Kunstkniff, Meditation, Sexualität und ekstatische Rituale zu verbinden, lockte er junge Leute aus dem Westen an und wuchs zu einer weltweiten Bewegung.
Durch die Huldigung der Sannyasins, die ihn wie einen Gott verehrten, verlor er die Bodenhaftung. So wurde aus einem kleinen Ashram in Pune eine grosse Sekte, die viel Unheil anrichtete. Viele Opfer leiden auch heute noch darunter.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
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