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Yonnihof

Mein Abstieg in die Finsternis – Wie ich zur Katzenfrau wurde

Bild:

Eine Selbstauslachung.



Bäh, diese Katzenmenschen, dachte ich.

Sucht Euch mal ein Hobby, dachte ich.

Ein Tier ist ein Tier, dachte ich.

Dann kam alles anders.

Ach.

Es ist ja nicht so, als hätte ich keine Katzen gemocht. Ich mag Katzen. Ich mag Tiere generell, nur schon, weil sie keine Dinge sagen wie «Das wird man ja wohl noch sagen dürfen» oder «Haben Sie einen Moment, um über unseren Erlöser Jesus Christus zu sprechen?» Am liebsten mag ich Hunde. Hunde sind für mich der Inbegriff der Bedingungslosigkeit. OMG, ES BLATT! OMG, EN STOCK! OMG, LUFT! Wahnsinnig viel Freude auf wahnsinnig wenig Hirn – wobei Erstes eventuell durch Zweites bedingt ist, wer weiss.

Ich wohne nun aber in der Stadt und bin oft abends und am Wochenende unterwegs und das will ich so einem Hundetier nicht antun.

Eine Katze wollte ich schon lange. Ich hatte einst eine eigene, ein Tigerli namens Dewey. Dewey rannte oft während des Spielens in Wände und schielte während des Kackens immer etwas verklärt in die Weite. Abends legte sie sich wie ein Heiligenschein um meinen Kopf, bis ich einschlief. Dann machte sie sich auf und verspeiste genüsslich den von Klein-Yonni mit viel Liebe handgezüchteten Papyrus, welchen sie anschliessend in keck grün gesprenkelten Pfützchen auf den Teppich kotzte. Den Namen Dewey hatte ich übrigens von einem Disney-Trinkglas mit Bildern von Tick, Trick und Track, die im Englischen Huey, Louie und – et voilà – Dewey heissen. Bei uns auf dem Land stiess meine Namenswahl eher auf Unverständnis. Was genau war an Stiezi, Strolchi und – jaja, die guten alten Zeiten – «Möhrli» so falsch? HÄ?! Nun, das mit den seltsamen Namens-Präferenzen ist anscheinend genetisch, heisst meine Wenigkeit doch «Yonni». I rest my case.

Wie dem auch sei. Ich wollte schon lange eine Katze. Nur wohnte ich in WGs oder in sehr kleinen Wohnungen oder war einfach den ganzen Tag über nicht da. Wenn so ein Tierli bei mir einziehen sollte, dann wollte ich da sein und es geniessen können.

Flash forward zu heute. Freund und ich haben eine grosszügige Wohnung und meine Wenigkeit arbeitet von zuhause aus. Wir haben die entsprechenden finanziellen Mittel und – viel wichtiger – Herzen voller Liebe.

Bei der Suche nach einem Büseli war mir wichtig, dass es sich nicht um ein Baby handelt. Denn die wollen alle und die finden leicht ein Daheim. Ich wollte eine ausgewachsene Katze, es musste eine Wohnungskatze sein (oder eine Flugkatze, denn eine sechsstöckige Katzenleiter stand nicht wirklich zur Debatte), auch eine Einzelkatze kam in Frage. Und genau ein solches Exemplar fand ich denn auch. Malea. 3,5-jährige Bengalkatze, deren Besitzer verstorben war und die darauf von dessen Witwe immer wieder in andere Hände gegeben wurde, weil sie sehr oft ins Ausland reisen musste. Also die Witwe, nicht die Katze. Entsprechend traumatisiert, durcheinander und heimatlos war das Katzentier denn auch. Es musste ein stabiles, liebevolles, geduldiges Heim her. Zagg, das konnte ich bieten.

Und so kam der Büsel vor knapp einem Monat zu uns.

Ich, ganz die ehemalige Forscherin, hatte mich in katzenpädagogisch wertvolle Literatur eingelesen, mich bei anderen Katzenbesitzern informiert und alles Grundlegende – und ja, eventuell ein biiiisschen mehr – gekauft, damit sich unsere neue Mitbewohnerin so wohl wie möglich fühlen würde. Und: Ich hatte mir fest vorgenommen, sie nicht zu verhätscheln oder zu fest zu verwöhnen. ICH WERDE NICHT ZUR KATZENFRAU! NIEMALS.

Ähä.

Und dann: das.

katze

Dahin war sie, meine Ratio, mein Herz schmolz innert sieben Nanosekunden. Meine Stimme schnellte schlagartig zwei Oktaven nach oben und ich wundere mich heute noch darüber, dass ich keinen spontanen Milcheinschuss produzierte. Diese Katze, ich sage Ihnen.

Ich konnte aber natürlich auch nicht erwarten, dass gerade ich die allerherzigste Katze des Universums bekommen würde. SO EIN ZUFALL!

Freund, der das mit der Katzenanschaffung ursprünglich konkretisiert hatte, konstatierte bereits am ersten Abend resigniert, er müsse wohl anerkennen, nun nur mehr meine Nummer zwei zu sein. Ich widersprach ihm selbstverständlich sofort. Nicht.

Nach vier Wochen sitze ich nun also hier und führe diese Selbstanalyse durch.

Ich wollte sein: coole Katzenbesitzerin, die friedlich mit ihrem Tier koexistieren kann, in normaler Weise mit ihm spricht, es aus dem Schlafzimmer raushält und ganz generell eine gesunde Distanz zu ihm hält.

HAHAHAHA!

Nochmal.

HAHAHAHAHAHA!

Ach Yonni, naive, naive Yonni. Deine Coolness ist derart verflogen, dass sie mittlerweile wohl ein Breakdance-Studio in Guatemala betreibt, dein Instagram ist sehr monothematisch zum digitalen Katzenbilderbuch mutiert, du hast bereits bestimmt 17 Mal in der Waschmaschine nachgeschaut, als du den Büsel mal zwei Minuten nicht finden konntest, aus Malea wurden Maluli, Malili, Schnüselbüsel, Schnoiselboisel, Stinkerbell und Stormpooper, du unterhältst dich in Miau- und Gurrgeräuschen mit ihr und die Katze schläft fast jede Nacht auf dem Teppich neben deinem Bett. Und mit dem Teppich neben dem Bett meine ich im Bett. Und mit fast jede Nacht meine ich: Jede. Einzelne. Nacht.

The good news: So degeneriert ich selbst und meine Contenance auch sind, das anfangs sehr verschreckte, unsichere Büseli fühlt sich sichtlich wohl, spielt, schnurrt, schmust und geniesst offensichtlich, wie gern man es hat. Und so glaube ich, dass diese Verwandlung meiner Person zur Katzenfrau doch etwas durch und durch Gutes ist.

Zum Abschluss eine kleine Sammlung an Erkenntnissen aus einem Monat Katzenhaltung:

1. Zwei absolut identische Situationen (selbe Katze, selbe Frau, dasselbe Sofa, derselbe Katzenbauch, dasselbe Streicheln) führen im einen Moment zu wohligem Herumrollen auf dem Rücken und Schnurren in Mähdrescher-Lautstärke, im andern zur Verwandlung des Katzentiers in einen wolligen Fleischwolf.

2. Alles ist Spielzeug – ausser tatsächliches Spielzeug.

3. Alles ist ein Katzenbett – ausser ein tatsächliches Katzenbett.

4. Ich so: «Streichel, streichel, sones liebs Büseli.» Sie so: «Da häsch min Anus is Gsicht.»

5. Wenn die Katze ausserhalb des Bades rummauzt, heisst das nicht, dass sie a) reinkommt, wenn man die Tür öffnet, oder sie b) im Falle eines Reinkommens dann nicht wieder auf der Innenseite der Tür rummauzt, um rausgelassen zu werden.

6. In die Dusche reinlaufen ist cool, Wasser ist uncool.

7. Im Katzenklo rumrandalieren ist ein bisschen wie Schlagzeugunterricht. Miauend. Nachts um halb drei.

8. Wenn die Katze ein gewisses Futter an Tag x regelrecht verschlingt, heisst das nicht, dass sie sich an Tag y nicht angewidert davon abwendet.

9. Dasselbe gilt für meine Liebe.

10. Ich bin definitiv eine Katzenfrau.

11. Verdammt.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (36) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt.
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