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Yonnihof

«Es ist, wie es ist» – Eine Verneigung vor dem Hier und Jetzt

Bild: shutterstock

Ein Fazit aus sechs Monaten Selbstversuch in Achtsamkeit.



Dies ist eine Ode ans Warten. Eine Liebeserklärung ans Aushalten. Und es ist eine Verneigung vor dem Hier und Jetzt.

So poetisch (pötisch) das klingt, Ausschlag für diesen Text war die Tatsache, dass ich vor einigen Monaten in einem Krankenhausbett lag, mit einem Schlauch in der Seite, einem im Rücken und einem im Arm. Ich lag da, für fast zwei Wochen, meine Werte wollten und wollten sich nicht verbessern, ich war verzweifelt und dachte immer wieder: Wenn’s mir doch nur besser ginge, wenn’s mir doch nur besser ginge, wenn’s mir doch nur besser ginge.

Alles, was ich hatte, war Zeit. Und alles, was ich tun konnte, war ... nichts.

Und das kann ich sehr schlecht. Ich bin eine «Aufräumerin». Was ich damals in meinem Kinderzimmer tunlichst vermied (fragen Sie meine Eltern, mein Vater ging gar soweit, sich selbst als meinen «Aufräumesel» zu bezeichnen), ist in meinem Seelenleben schon fast zwanghaft. Ich brauche Ordnung in meiner Seele, wenn man das so sagen will. Ich muss wissen, was der nächste Schritt ist. Ich muss wissen, wo es hingeht, auch wenn das Ziel weit weg ist. Wenn ich Streit habe, muss dieser geklärt werden, so schnell es geht.

Aushalten ist etwas, das ich nicht kann. Und ganz viele andere Menschen auch nicht. Dissonanzen, Unstimmigkeiten, Konflikte. Damals im Krankenhaus blieb mir aber nichts anderes übrig. Und in diesem Zusammenhang stiess ich das erste Mal auf den Begriff «Achtsamkeit».

Szenenwechsel. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, was viele gestresste Menschen tun? Wenn sie auf eine Gruppe von Leuten treffen und diese begrüssen, geben sie dem einen die Hand, während sie mit dem Blick schon beim nächsten sind. Politische Gipfeltreffen sind für dieses Phänomen Paradebeispiel.

Ähnliches stelle ich bei mir selbst fest, wenn gerade viel läuft. Ich mache etwas, mein Kopf ist jedoch schon beim nächsten. Beim Frühstück denke ich ans Meeting um neun Uhr, beim Meeting denke ich daran, wie ich am besten mit dem ÖV zum nächsten Termin komme, bei diesem Termin wiederum stelle ich gedanklich meine Poschti-Liste zusammen, beim Einkaufen denke ich über Kolumnenthemen nach, beim Essen über den Terminplan des nächsten Tages und beim Einschlafen darüber, dass die ganze Welt vor die Hunde geht und SHIT, MORN ISCH KARTONSAMMLIG!

Dazwischen schleichen sich Gedanken an das, was den Tag über geschah, weil ich im Moment, als es passierte, ja keine Zeit hatte, es wahrzunehmen, da ich in Gedanken bereits im Mai 2019 rumstürchlete.

Und auch, wenn der Terminplan nicht ganz so voll ist und mein Geist einmal für eine Weile frei wäre, ist er doch belegt mit der Verarbeitung meiner Geschichte von gestern und mit Befürchtungen bezüglich meiner Geschichte von morgen.

Der Geist ist überall. Nur nicht im Hier. Er ist jederzeit. Nur nicht im Jetzt.

Ich weiss, das klingt nun ein bisschen grenz-esoterisch und das ist ja eigentlich so gar nicht mein Ding. Und natürlich ist es wichtig, seine Vergangenheit zu bewältigen und seine Zukunft zu planen. Nur glaube ich, dass auch hier – wie bei allem im Leben – eine gewisse Balance vonnöten ist. Und dazu gehört eben auch, dass das Jetzt seinen Platz bekommt.

Achtsamkeit stammt ursprünglich aus der buddhistischen Lehre ist das neutrale Wahrnehmen der Welt, wie sie jetzt gerade ist. Den Kaffee zu schmecken und ihn nicht einfach runterzukippen. Der Musik in den Ohren aktiv zuzuhören. Zu fühlen. Zu riechen. Wichtig ist dabei die Wertungsfreiheit. Vielleicht sollte man deshalb mit dem bewussten Riechen nicht dieser Tage abends im Bus beginnen ...

Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Und was bringt das? Genau das fragte ich mich auch.

Ich denke, wir leben in der Illusion, dass Multitasking tatsächlich ein Ding ist. Also natürlich kann man multitasken – man darf sich einfach nicht einreden, man könne mehrere Dinge mit derselben Qualität machen wie eins allein. Stattdessen neigt man dazu, dabei einerseits überfordert zu sein und andererseits immer wieder Fehler korrigieren zu müssen, weil man sich durchs Hin- und Herschalten nicht konzentrieren kann – und das ist letztendlich zeitaufwändiger, als einfach eins nach dem anderen zu erledigen.

Durch Achtsamkeit entwickelt man ein Bewusstsein für genau solche Überforderungssituationen (Was mache ich hier gerade?) und lernt, sich selber herauszunehmen. Achtsamkeit richtet ihren Fokus ausserdem auf das (erneute) Erlernen von Offenheit, Neugier und Akzeptanz. Gerade die neutrale Wahrnehmung anderer Menschen ist etwas, das vielen (auch mir) heute schwer zu fallen scheint. Ganz grundsätzlich ist das Zusammenleben eine Herausforderung und man vergisst manchmal, wo die eigenen Bedürfnisse aufhören und die des Nächsten anfangen. Stichwort: Lautsprechertelefonie! Seit wann ist das okay? Wobei wir wieder bei der neutralen Wahrnehmung anderer Menschen wären, die mir, siehe die Aussage gerade eben, noch immer schwer fällt.

Ich habe jetzt circa ein halbes Jahr mit mir selbst als Versuchskaninchen Achtsamkeitsübungen gemacht , sobald ich merkte, dass ich mich ohnmächtig, gestresst und überfordert fühlte. Aktiv den Atem spüren, in die Stille lauschen, die eben gar keine Stille ist, aktiv die Perspektive wechseln (z.B. in die Perspektive eines Kindes – das ist übrigens eine ganz tolle Übung), bewusst essen, innehalten und wahrnehmen, was und wie viel ich gerade tue ...

Die Situation als die nehmen (versuchen), die sie ist, bei Herzschmerz, bei Angst, bei Überforderung. Keine Symptombekämpfung und möglichst schnelles Abarbeiten des Konflikts, sondern ihn einfach mal als Tatsache anschauen, das Unwohlsein und das Missbehagen inklusive. Es ist erstaunlich, wie sehr schwierige Situationen durch solche Momentaufnahmen an Bedrohlichkeit verlieren. Gleichzeitig aber auch die aktive Wahrnehmung von all dem Schönen um mich herum. Das sich umarmende Pärchen am HB. Das vergessene 10er-Nötli in der Sommerjacke. Mein Wohlbefinden im Moment, ohne konkreten Anlass, ohne Euphorie. Einfach zufrieden sein. Klingt simpel, ist's aber nicht, sonst wären wir wohl alle happier.

Ganz ehrlich, es klappte nicht immer. So Kumbaya bin noch nicht mal ich und ich bin schon ein ziemlicher Hippie mit «All you need is love»-Einstellung. Ich hatte ja 35 Jahre Zeit, mir all diese wunderbar dysfunktionalen Muster zusammenzuschustern – da braucht’s ein bisschen mehr als nur «Hakuna Matata», um langfristig rauszukommen. 

Und trotzdem ermöglichte mir dieser Versuch – der kein Versuch bleiben soll, sondern den ich gerne fix in meinen Alltag integrieren würde – völlig neue Perspektiven und das allein war den Aufwand schon wert. 

Vielleicht ist es auch keine Schwarzweiss-Geschichte – ich werde wohl nie komplett achtsam sein. Dafür bin ich zu verkopft. Und vieles daran ist mir weit zu esoterisch. Ich möchte aber offen bleiben und nehme deshalb das mit, was für mich passt.

Ich weiss, dass ich schwierige Situationen heute besser aushalten kann und das ist schön. Ich weiss, dass Warten noch immer ein Thema ist, dass es aber nicht mehr ganz so belastend ist wie auch schon und das ist schön. Ich bin zwar nicht komplett offen und tolerant, aber offener und toleranter. Und das ist schön.

Achtsamkeit kann man, muss man aber nicht. Kostet nichts – nützts nüt, so schadts nüt. 

Ich für meinen Teil bin Fan. Sie müssen das nicht sein.

Es ist, wie es ist.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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