DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Yonnihof

Schwarzlicht, Flips und 2Unlimited: Eine Erinnerung an den «Feez»

Bild: shutterstock

Damals, in den 90ern ...



Der Höhepunkt meiner Pubertät lag so zwischen 2010 und 2017.

Ja, okay, vielleicht ein bisschen früher. So zwischen 1993 und 2017. Sagen wir, ab Bravo Hits 6 bis heute.  

Wie auch immer.  

Falls Sie aus meiner Generation stammen, wissen Sie bestimmt noch, was das Highlight unserer Jugendjahre war: der Feez. Und dann wissen Sie auch, was das Lowlight unserer Jugendjahre war: der Feez.

Für alle, die dieses Wort nun nicht verstehen, habe ich im Rahmen meiner Lesungstour soziologische Forschung betrieben. Andernorts nennt sich das anscheinend «Fuehr». Neudeutsch: ä Party, nöd wahr.  

So einmal alle drei bis sechs Monate durfte ein Klassengspähnli im Keller oder auch im Wohnzimmer eine Sause schmeissen. Das wurde standesgemäss mit Flyern angekündigt, wobei «Flyer» vielleicht etwas übertrieben ist, handelte es sich doch um schlichte DIN A4-Blätter, auf denen Ort, Zeit und (falls vorhanden) Thema der Party angekündigt wurden. In WordArt, versteht sich, ganz am Anfang noch in Gelb, Cyan und Magenta. Weiter waren die Drucker noch nicht. Unsere Gehirne jedoch auch nicht, traf sich also hervorragend. Die Farben waren eh allen scheissegal. Hauptsach Feez.  

Natürlich waren wir alle irgendwie ineinander verliebt. Leider sehr selten gegenseitig. Und so konzentrierten sich die Hoffnungen auf Erfüllung unserer Teenagerliebesträume immer auf den Feez. Immer. «Dieses Mal klappt's! Bestimmt!», dachten wir uns und schwebten in der Fantasie, bald endlich einmal berechtigterweise an Dr. Sommer schreiben zu können.  

Entsprechend fiel auch die Vorbereitung aus. Das Ritual war gross! Wir Mädchen trafen uns im Vorfeld bei einer von uns zuhause und zogen die allerschrecklichsten Kleider an, die es jemals gegeben hat. Und das würde sogar jemand mit der Toleranz eines buddhistischen Mönchs sagen. Stichwort Buffalo-Schuhe mit Netzstrümpfen und Miniröckli, dazu Plastiknuggis und grüne Augenbrauen. Danke Marusha. «Somewhere Over the Rainbow» hatte sich wohl auch unser Stilbewusstsein hin verabschiedet.

Meine Mutter nahm das alles stoisch hin. Entfuhr ihr bei meinem Anblick ein herzhafter Lacher, wusste ich, dass das Röckli wohl ein bisschen zu kurz geraten war und die Wahrscheinlichkeit, dass ich so das Haus verlassen würde, gegen Null tendierte. Sowas fanden wir Girls damals natürlich mega daneben. Ich mein: SORRY HEY! So zog man sich damals halt an. Mir entfuhr jeweils ein entnervtes «Oh Maaaaaaa!» (ja, meine Mutter war ob des Einsetzens meiner Hormonachterbahn von «Mama» zu «Maaaaaaaa» geworden) und ich verdrehte meine Augen dermassen, dass man hätte befürchten können, sie würden nie wieder aus den unendlichen Weiten meiner Augenhöhlen zurückkehren.  

Ich weiss noch, wie ich an den Abenden vor diesen Feezen jeweils im Bett lag und mir ausmalte, wie cool, abgeklärt und mutig ich sein würde. Ich legte mir die abgebrühtesten Sprüche zurecht (Memo to me: möglichst oft «geil» einstreuen, das war damals neu und meeeeega cool), dachte mir die waghalsigsten Dance-Moves aus und war sicher: Das wird der Abend, an dem mein Leben losgeht.  

Nun ja.  

In Tat und Wahrheit kam man so gegen sieben am Ort des Geschehens an. Je nach Jahreszeit war es dann noch viel zu hell oder aber der «Partyraum» (a.k.a. Hobbyraum vom Papi) war lediglich durch die vom Schwarzlicht in gleissendes Weiss oder Neon getauchten Kleidungsstücke und Zähne der Gäste und ein in der Ecke aufgestelltes Stroboskop erleuchtet. Auf dem mit Papiertischtuch überzogenen Festbank in der Ecke standen links Snacketti und rechts Flips. Ähnlich wie im ganzen Raum: Da standen links die Mädchen und rechts die Buben. Das würde sich auch den ganzen Abend nicht wirklich ändern.

An den Wänden hingen vom Veranstalter und dessen Mami liebevoll hergestellte Buchstaben aus Alufolie («Cool», «Hey», «Wow»), die man nun nicht sah. Schwarzlicht und Alu funktioniert halt mässig.  

Meist dauerte es etwas über die Hälfte des Abends, bis die ersten Mutigen sich auf die Tanzfläche wagten und zu «Cotton Eye Joe» shakten. Ja, shakten. Und die Chips wurden gefoodet. Wer «tanzte» oder «ass», wurde innert Sekundenfrist zum sozial Aussätzigen. Nein, man shakte. Bis dann das erste Mal «Think Twice» oder «Angel» aus den Lautsprechern dröhnte und wir wussten: Shit just got real! Jetzt würden wir eng tanzen müssen. ENG TANZEN!  

Können Sie sich noch an «Everything I Do» erinnern? Bryan Adams? Und wissen Sie noch, dass der Track circa 25 Stunden dauert? Er tut immer so, als sei er fertig und dann geht’s wieder los. Abhängig vom Tanzpartner konnten das die schlimmsten oder aber die allertraumhaftesten siebeneinhalb Minuten eines Teenagerlebens sein.  

Und dann ereigneten sich natürlich auch grosse Beziehungsdramen am Feez. Zum Beispiel, wenn man sich nach den ersten drei Stunden von «Everything I Do» in einem Anflug des sonst pubertätsbedingt inexistenten Selbstvertrauens traute, dem Angebeteten das alles entscheidende «Willst du mit mir gehen?» ins Ohr zu hauchen und dieser, weil Teenagerbuben halt so feinfühlig sind, ein «NEI!» zurückschrie. Hani ghört.  

Oder wenn nach einer intensiven Langzeitbeziehung von zweieinhalb Wochen ausgerechnet am Feez Schluss gemacht wurde. Hani ghört.  

Dann lagen sich die Mädchen draussen weinend und voller Weltschmerz in den Armen und bekräftigten sich, dass «ers imfall nöd wert isch!», während die Buben drinnen Mentos in Coci Light-Flaschen stopften oder aus Wachs und Flips Penisse und Brüste formten und sehr giggeleten.  

Um elf oder halb zwölf fand das Elend jeweils sein Ende, der Traumprinz wusste meist noch immer nichts von meiner Liebe und Dr. Sommer würde wieder eine Saison lang warten müssen, bis ich ihm meine praktisch bedingten Fragen zu Heavy Petting stellen konnte.  

Ich lag an diesen Abenden jeweils im Bett und dachte: Wenn ich mal gross bin, wird das alles anders. Dann wird das mit der Liebe viel einfacher und vernünftiger. Dann bin ich gefasst, cool und lässig.  

Ähä. Genau.

Bryan Adams: Everything I Do (1991)

abspielen

Video: YouTube/Bryan Adams

Yonni Meyer

Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
Pony M. auf Facebook
Yonni Meyer online

yonni meyer

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Urteil gegen Ex-Polizist wegen Tötung George Floyds

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Yonnihof

Schwanger!

Vom Tag, der mein Leben für immer veränderte.

Ich hatte mir das alles ja ganz anders vorgestellt.

Ich dachte, mein Körper würde mir Rosamunde Pilcher-artig (rest in peace, Rosy) rückmelden, dass das Wunder des Lebens in mir reift. Süsse Lendenfrüchtchen-Vibes. Oxytocin-getränkte Benommenheit. Wie ein Nebel aus regenbogenfarbigen Einhorntränen würde sich die zukünftige Mutterschaft über meine Weltsicht legen. Den Brüdern Grimm würde SCHLECHT werden, da war ich mir sicher.

Am Ende waren da einfach nur diese riesigen Möpse. Wir waren …

Artikel lesen
Link zum Artikel