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Lohnt sich die Reise ins «sterbende Silicon Valley» für Start-up-Gründer noch?

Das Silicon Valley leidet unter dem schlechten Ruf der Tech-Giganten, unter hohen Miet- und Lohnkosten. Viele ziehen weg. Wir haben 20 Schweizer Studenten ins Valley begleitet, um herauszufinden, ob dieses eine Zukunft hat.

Patrick Züst, San Francisco / Aargauer Zeitung



In this Aug. 31, 2016 photo, visitors take photos in front of the Facebook logo outside of the company's headquarters in Menlo Park , Calif. There's a quirky twist in tourism emerging amid the Silicon Valley whirlwind of innovation that has tethered everyone to their smartphones. Those omnipresent devices are now being used to track down technological touchstones so selfies can be taken, videos can be recorded and the experience can be celebrated in a Facebook post, Snapchat or tweet. (AP Photo/Marcio Jose Sanchez)

Eine Pilgerstätte für Visionäre: Tesla, Dropbox, Snapchat, Twitter und natürlich Facebook haben hier im Silicon Valley ihren Hauptsitz. Immer mehr Persönlichkeiten wie der Investor Peter Thiel kehren der Region nun aber den Rücken. Bild: AP/AP

Alle wollen etwas wissen. Mit Notizbuch und vielen Fragen umringen Studenten die Schweizer Jungunternehmerin Lea von Bidder. Was sie denn für ein Visum habe, wird die Firmengründerin gefragt, wie man von amerikanischen Investoren Geld erhalte und wann der richtige Zeitpunkt sei, um in den USA, genauer hier im Silicon Valley, ein Büro zu eröffnen. Wir befinden uns in San Francisco. Es ist einer der ersten wirklich warmen Tage dieses Jahr und zwei Querstrassen weiter werden Souvenir-Selfies vor den berühmten Cable Cars geschossen.

Für Sightseeing interessieren sich die Schweizer Studenten aber weniger. Sie sind hier, um Personen wie von Bidder zu treffen: Die 29-Jährige hat das Start-up Ava mitgegründet, dafür erfolgreich Investitionskapital gesammelt, dann ein Büro an der amerikanischen Westküste eröffnet. Und genau davon träumen auch die Teilnehmer von «Explore», einer gemeinsamen Initiative von Studenten-Organisationen der ETH Zürich und der Universität St. Gallen. Insgesamt 20 Studenten, die entweder schon eine eigene Firma gegründet haben oder diesen Schritt für die Zukunft planen, hatten vergangene Woche die Möglichkeit, das Silicon Valley zu erkunden und dabei von den Besten zu lernen.

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Die Schweizer Studenten sind von der Offenheit im Silicon Valley begeistert. bild: Patrick Zuest

Mit der Kulanz ist es vorbei

Start-ups sind in Mode: Junge Firmengründer wie Mark Zuckerberg (Facebook) und Evan Spiegel (Snapchat) haben in der Vergangenheit eindrücklich gezeigt, wie mit Programmier-Code und einer Internetverbindung aus simplen Ideen Grosskonzerne entstehen. Davon liess sich eine ganze Generation von geschäftstüchtigen Bastlern inspirieren, die mit Elektronik und Software die Welt verändern wollen – oder zumindest einen Haufen Geld verdienen.

Und lange Zeit war klar, dass sich dafür kein Ort besser eignet als das Silicon Valley. Das ist jenes Gebiet im Norden Kaliforniens, wo dank der Konzentration von Gründern, Geldgebern und Grossunternehmen während der vergangenen Jahrzehnte ein einzigartiges Start-up-Ökosystem entstanden ist; eine Pilgerstätte für Visionäre. Für viele Experten war es deshalb lange selbstverständlich, dass auch die nächste technologische Revolution hier in Kalifornien ihren Anfang nehmen wird.

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Apple-Hauptsitz: Google, Facebook und Apple übertrumpfen sich gegenseitig mit immer noch gigantischeren Firmenzentralen im Silicon Valley. bild: Rairden / wikipedia

Heute gilt das nicht mehr als gesichert, scheint sich die Technologie-Branche und damit auch das Silicon Valley doch in einem fundamentalen Wandel zu befinden: Die Tech-Giganten stehen immer öfter – und immer heftiger – in der Kritik, dass sie als Quasi-Monopolisten zu mächtig und einflussreich geworden seien, dass wegen des Netzwerkeffekts und der vollen Bankkontos gar keine Konkurrenz mehr möglich sei. Die revolutionären Apps und Geräte könnten süchtig machen, heisst es weiter, und im Fall von Facebook gar missbraucht werden, um nationale Wahlen zu manipulieren.

epaselect epa06657822 CEO of Facebook Mark Zuckerberg (C) is surrounded by Capitol Police officers as he walks down a hallway to the office of Democratic Senator from California Dianne Feinstein, on Capitol Hill in Washington, DC, USA, 09 April 2018. Zuckerberg is meeting with lawmakers before testifying in two Congressional hearings this week regarding Facebook allowing third-party applications to collect the data of its users without their permission, and for the company's response to Russian interference in the 2016 US presidential election.  EPA/MICHAEL REYNOLDS

Mark Zuckerbergs Firma Facebook soll Wahlmanipulationen durch Dritte ermöglicht haben. Heute muss er vor dem Kongress aussagen. Bild: EPA/EPA

Mark Zuckerberg wird am Dienstag sich und seine Firma vor dem amerikanischen Kongress gegen diesen Vorwurf verteidigen müssen. Lange Zeit haben Politiker die Tech-Firmen im Silicon Valley gewähren lassen und so überhaupt erst deren rasantes Wachstum ermöglicht. Mit dieser Kulanz scheint es jetzt allerdings vorbei zu sein und viele Experten gehen davon aus, dass nach den diversen Skandalen bald zusätzliche Regulierungen eingeführt werden.

Gleichzeitig wächst das Start-up-Ökosystem in anderen Regionen rasant an und das Silicon Valley verliert mit seinen exorbitanten Wohnungspreisen dadurch an Attraktivität. Aus keiner anderen amerikanischen Stadt ziehen derzeit so viele Personen weg wie aus San Francisco. Dazu gehören auch renommierte Investoren wie beispielsweise Peter Thiel, der seine Investments jetzt in Los Angeles macht und damit der Valley-Filterblase entfliehen will. Er beobachte hier nämlich «eine viel zu homogene Denkweise», sagt Thiel und spricht damit vielen Bürgern aus dem Herzen, die sich ebenfalls an der mangelnden Diversität in der Tech-Branche stören.

Apple CEO Tim Cook, right, and PayPal founder Peter Thiel, center, listen as President-elect Donald Trump speaks during a meeting with technology industry leaders at Trump Tower in New York, Wednesday, Dec. 14, 2016. (AP Photo/Evan Vucci)

Peter Thiel (Mitte) gilt als Trump-Unterstützter. Rechts im Bild Apple-Boss Tim Cook, der sich weitere Steuergeschenke von Trump erhofft. Bild: AP/AP

Das Silicon Valley sei vom eigenen Erfolg verwöhnt, hört man immer häufiger, deshalb seien die Leute faul, langsam und langweilig geworden. Löhne und Wohnungspreise haben sich zudem in den vergangenen Jahren gegenseitig hochgeschaukelt, wodurch es für Start-ups heute viel billiger ist, Programmierer in anderen Regionen der USA anzustellen. Das haben auch Tech-Giganten wie Google und Facebook gemerkt, die jüngst Büros in eher ländlichen Gegenden eröffneten, um dort neue Talente zu finden, aber auch um Angestellten, die aus Kalifornien wegziehen wollen, eine Alternative zu bieten. Aus all diesen Gründen schrieb die «New York Times» im März sogar vom «sterbenden Silicon Valley».

Silicon Valley from above

Das Silicon Valley von oben. bild: flickr / Patrick Nouhailler

Der Schweizer Studenten-Delegation ging es vergangene Woche deshalb nicht nur darum, Rückmeldungen zur eigenen Firma zu erhalten, die kulturellen Unterschiede kennen zu lernen und ein Netzwerk für eine zukünftige Expansion in die USA aufzubauen, die Studenten wollten auch herausfinden, ob es überhaupt noch lohnenswert ist, sich mit dem Silicon Valley zu beschäftigen. Oder ob es dafür schon zu spät ist.

Zwischen zwei Welten

Von diesem Umschwung im Silicon Valley lese sie zwar auch immer öfter in den Medien, sagt Ava-Gründerin Lea von Bidder, aber vor Ort spüre man davon nichts: «Ich verstehe, wieso Leute von hier wegziehen wollen, aber das Silicon Valley stirbt deshalb nicht.» Und auch bei Beekeeper, dem anderen Schweizer Start-up, das in Kalifornien derzeit für Furore sorgt, merkt man nichts von einem fundamentalen Wandel. Es gebe hier nach wie vor mehr talentierte Leute als irgendwo sonst, heisst es bei der Büroführung.

Zwischen dem Besuch bei Ava und jenem bei Beekeeper liegen drei Querstrassen und fünf Tage. Diese Zeit haben die Schweizer Studenten so gut ausgenutzt, wie es nur irgendwie möglich war: Die Start-ups konnten sich bei bekannten Investoren vorstellen, haben dort Rückmeldungen zu ihren Firmen und teilweise sogar ein paar der hart umkämpften Visitenkärtchen erhalten. Und Besuche bei Firmen wie Facebook, Dropbox und Google haben verdeutlicht, was passieren kann, wenn aus den Visitenkärtchen der Kapitalgeber irgendwann ein Check und aus dem kleinen Schweizer Start-up ein internationaler Grosskonzern wird.

Dropbox co-founders Drew Houston, third left, Arash Ferdowsi, fourth left, and company executives celebrate as they ring the opening bell at the NasdaqMarketSite, in New York's Times Square, to celebrate the company's IPO, Friday, March 23, 2018. (AP Photo/Richard Drew)

Dropbox ging am 23. März 2018 an die Börse, wie zuvor schon Snap, Facebook, Twitter etc. Bild: AP/AP

Das Silicon Valley bot genau jenen Glamour, den viele der Teilnehmer erwartet hatten: Modern eingerichtete Büros, eine informelle Arbeitsatmosphäre ohne eine einzige Krawatte, dazu kostenlose Mahlzeiten und T-Shirts für Besucher. Von all diesem Luxus war aber nichts mehr zu spüren, sobald man die isolierten Tech-Büros verliess und in die Unterkunft im Herzen von San Francisco zurückkehrte. Die Strassen sind dort von Obdachlosen bevölkert und Spritzen sieht man überall. Mit dem Boom der Tech-Industrie stiegen die Wohnungspreise in San Francisco ins Unermessliche. 

In this Nov. 10, 2015, photo, Ira Watkins, a homeless artist, works on a painting inside of the van where he works and lives in the Bayview-Hunters Point district in San Francisco. As San Francisco rides a massive building boom reminiscent of post-World War II, fueled largely by growth in tech-based jobs, developers are finally wading into a part of the city long plagued by too much poverty and not enough fresh produce markets. (AP Photo/Marcio Jose Sanchez)

Ira Watkins, einer der vielen Obdachlosen in San Francisco. Bild: AP/AP

«Die resultierenden Parallelwelten von reichen Programmierern und mittellosen Obdachlosen illustrieren eindrücklich, wieso die Tech-Branche vor allem auch in San Francisco viele Feinde hat.»

Von Armut ist an der Stanford-Universität nichts zu spüren. Die Schule war schon immer ein Motor, der das Silicon Valley mit viel Innovationskraft antreibt. Studenten lernen hier im Detail, wie sie ihre eigene Firma gründen. Viele wichtige Tech-Firmen wurden ursprünglich in einem Stanford-Mehrbettzimmer erdacht – und das werde auch weiterhin so sein, sind die amerikanischen Studenten überzeugt.

Die wachsende Kritik an den grossen Tech-Unternehmen habe an der Elite-Uni überhaupt nichts ausgelöst und auch der aktuelle Facebook-Skandal werde nicht diskutiert, erzählt ein Stanford-Student bei der Campus-Besichtigung: «Das sind nur die Medien, die in ihrer Berichterstattung überkorrigieren, nachdem sie in den vergangenen Jahren ziemlich unkritisch über die Tech-Industrie berichtet haben. Faktisch hat sich nichts verändert.»

STANFORD, CA - JUNE 15: Microsoft founder and chairman Bill Gates speaks as his wife Melinda looks on during the 123rd Stanford commencement ceremony June 15, 2014 in Stanford, California. Bill Gates and wife Melinda Gates shared the stage to deliver the commencement speech to Stanford University graduates.   Justin Sullivan/Getty Images/AFP
== FOR NEWSPAPERS, INTERNET, TELCOS & TELEVISION USE ONLY ==

Microsoft-Gründer Bill Gates hält mit seiner Frau Melinda Gates eine Rede an der Stanford University. Bild: GETTY IMAGES NORTH AMERICA

Stanford ist auch für Schweizer Unis ein Vorbild, wenn es um die Kommerzialisierung von Forschungsprojekten geht. «Mit solchen Events wollen wir den Horizont der Studenten erweitern und neue Perspektiven aufzeigen», sagt Manuel Buri vom START-Prgoramm der Hochschule St. Gallen. Er und seine Kollegen haben die «Explore»-Tour gemeinsam mit Vertretern des «Enterpreneur Club» der ETH Zürich geplant. Die Verantwortung lag dabei komplett bei den Studenten, Professoren oder andere Vertreter der Universitäten waren nicht involviert.

Schweizer planen die Expansion

Die ETH- und HSG-Studenten erhielten vergangene Woche einen authentischen Einblick ins Silicon Valley. Sie haben gelernt, dass sie hier ohne grosse Visionen, grosse Worte und vor allem ohne grosse Profitprognosen keinen Erfolg haben werden. Sie haben aber auch gelernt, dass auch hier nur mit Wasser gekocht wird und die Unterschiede zur Schweiz gar nicht so gross sind, wie man häufig meint. Von einem «sterbenden Silicon Valley» war weit und breit keine Spur; weder bei den Firmenbesuchen noch unter den Teilnehmern war die aktuelle Kritik an den Tech-Unternehmen ein Thema.

Ob diese tatsächlich nur eine Überkorrektur der Medien ist oder ob sich das Silicon Valley schlicht taub stellt, das ist schwer abschätzbar. Spürbar dürfte der Effekt sowieso erst dann werden, wenn das Geld für die Start-ups nicht mehr auf der Strasse liegt, wenn die Kunden kritischer werden und wenn andere Regionen mit höherer Lebensqualität und tieferen Mietpreisen dem Valley ernsthaft Konkurrenz machen.

Die Schweizer Teilnehmer zumindest waren begeistert – nicht nur von den Tischtennistischen und den Gratis-Shirts, sondern auch «von der Offenheit und der Geschwindigkeit der Region». Das Silicon Valley scheint nicht zu sterben, sondern im Gegenteil bald um einige Schweizer Start-ups reicher zu sein. (aargauerzeitung.ch)

Das ist der Traum der Silicon-Valley-Milliardäre

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Video: srf/SDA SRF

Haben die Milliardär-Bosse ein schlechtes Gewissen?

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Video: srf

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    Alle Leser-Kommentare
  • Toerpe Zwerg 10.04.2018 19:26
    Highlight Highlight Die Lebensqualität im Valley ist schon ziemlich hoch nach meinem Empfinden. LA ist sicher gut positioniert. Die Ostküste auch. Ausserhalb der USA ist nirgends Ersatz in Sicht. Berlin noch am ehesten, aber nur für den Start - oder Tel Aviv und die Schweiz ist sehr gut positioniert. China kann man als nicht Chinese vergessen, wie fast ganz Asien als Ausländer - wenn dann Singapore.
  • vmaster97 10.04.2018 14:50
    Highlight Highlight Die „Hochschule St. Gallen“ heisst übrigens seit einigen Jahren Universität St.Gallen. So btw
    • Pascal Scherrer 10.04.2018 17:38
      Highlight Highlight Danke, für den Hinweis, ich habe es korrigiert.
  • Ökonometriker 10.04.2018 13:53
    Highlight Highlight Man hat ein Team von 10 Leuten aus aller Welt. Wo kann man die heute gemeinsam an einer Geschäftsidee arbeiten lassen?
    - SF ist zu teuer geworden
    - Die Schweiz vergibt kaum Arbeitsbewilligungen an Talente von ausserhalb der EU für Startups
    - Berlin hat nur einen eingeschränkten Talentpool, Aufwärtspotential auf Grund hoher Steuern bescheiden. Braindrain.
    - Shenzhen ist super - aber nur wenn man chinesisch spricht.

    Eventuell bieten günstige Städte wie Las Vegas bald Möglichkeiten. Die Investoren scheinen jedenfalls ihre Fühler in solche Gebiete auszustrecken.
    • Oh Dae-su 10.04.2018 14:32
      Highlight Highlight Austin hat mittlerweile eine sehr grosse und aufstrebende Startup Szene
    • Devante 10.04.2018 15:53
      Highlight Highlight Helsinki hat ebenfalls viel zu bieten für Neugründer...
    • B-Arche 10.04.2018 16:03
      Highlight Highlight Steuern interessieren Start-ups nicht daher gibt es so viele in Berlin. Das Geld wird sofort reinvestiert und nicht irgendjemand als Gewinn ausgezahlt.
      Um Steuern kümmert sich sowieso der Steuerberater.
      Die EU als riesiger Markt ist auch sofort da.
      Auch Venture Kapital findet sich immer mehr in Berlin.

      Berlin krankt er an Ineffizienz der lokalen Verwaltung.

      Da sämtliche EU Bürger willkommen sind ohne "Masseneinwanderungsinitiative" kann Berlin hierbei - bis auf Fintech - Zürich locker ausstechen heutzutage.
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