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Der Beitrag vom iranischen Karikaturisten Hadi Heydari. 
bild: twitter/ali alimadadi

Die Qual der Moral: Wie die 16 «Social Media»-Trauertypen auf Paris reagieren

In Paris sind 132 Menschen getötet worden. Die ganze Welt fühlt mit den Opfern mit. Sie trauert zwar kollektiv, aber dennoch sehr verschieden. Auf Facebook leuchten viele Profilbilder in blau, weiss und rot. Und manchmal steht darunter: Was ist mit Beirut?



Was in Paris geschehen ist, macht die Menschen traurig, es macht sie wütend. Manche sind verwirrt, andere wiederum scheinen genau zu wissen, wie man korrekt auf diese Tragödie zu reagieren hat. Auf den sozialen Medien tobt eine Solidaritäts-Schlacht. Man hat die Qual der Moral. Und egal, für welche Art von Mitleidsbekundung man sich entscheidet, irgendjemand weiss sicher, wie man besser, korrekter – und vor allem ehrlicher trauert.

Der Symboliker

Jeder ist Frankreich, jeder ist Paris. Um das zu zeigen, legen viele Leute die französische Trikolore über ihr Facebook-Profilbild:

«Ändere dein Profilbild, um deine Unterstützung für Frankreich und die Menschen in Paris zu zeigen.»

Facebook

Die Alternative bietet beispielsweise Jean Julliens Peace-Eiffelturm. 

Der Gegner des Symbolikers 

a) Schau gefälligst betroffen!

Der erste Vorwurf, den Mark Zuckerberg sich anhören musste, ist dieser: 

«Schau dir dieses Lächeln an. Ist Mark ein IS-Mitglied? Wie kann man nur mit so einem Riesen-Lächeln Solidarität mit einem Land zeigen, das vom IS angegriffen wurde?»

Facebook/ Mark Zuckerberg

b) Solidarität hat nichts mit Nationalität zu tun

Maike Hansen vom deutschen Jugendportal Bento findet das Signal, das mit einer Nationalflagge ausgesendet wird, völlig fehl am Platze:

«Drei Farben, die genau das betonen, was bei Mitgefühl eigentlich die geringste Rolle spielt: Nationalität. Denn egal ob in Deutschland, Frankreich oder dem Libanon: Wir solidarisieren und identifizieren uns mit den Opfern dieses Anschlags.»

Maike Hansen, «Bento»

Und weiter: 

«Die Fahnen vor den [Profil-] Bildern reduzieren die Opfer auf eine Nationalität. Teilweise nicht mal auf ihre eigene, denn nicht alle Opfer waren Franzosen.»

Maike Hansen, «Bento»

Der «What about Beirut?»-Frager

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Ein Mann sitzt vor einem Laden, der durch die zwei Selbstmordattentäter im südlichen Beirut zerstört wurde. 
bild: reuters/aziz tahers

Nur ein Tag vor den Anschlägen auf Paris, haben sich zwei Selbstmordattentäter im schiitischen Viertel von Beirut in die Luft gesprengt – 43 Menschen starben, 239 wurden verletzt. Und doch waren am 13. November alle «nur» Paris.

Die «Zeit»-Korrespondentin Andrea Böhm fragt aus Beirut: 

«We are all Paris – absolut.   Warum sind wir dann nicht auch alle Beirut?  Oder Bagdad, wo solche Anschläge mit 50, 80 oder über 100 Toten immer wieder passieren?»

Andrea Böhm, «Die Zeit»

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bild: imgur

Und sie liefert selbst die Antwort: 

«Seit ich in Beirut lebe, registriere ich die Bereitschaft von Menschen in Kriegs- und Krisengebieten, mit uns zu fühlen und zu trauern, wenn Terroristen auch in Europa zuschlagen. Wir hingegen halten den Terror in ihren Ländern für ‹normal›.»

Andrea Böhm, «Die Zeit»

Die Autorin ist beschämt darüber, gleichzeitig aber ermutigt sie die Solidarität dieser Menschen, die im alltäglichen Terror und Krieg zuhause sind. Denn deren selbstverständliche Geste der Empathie erinnere daran, «dass es eine Hierarchie der Toten nicht geben kann». 

Der «What about»-Kommentar-Hasser

Es ist kaum mehr möglich, nicht auch an die anderen tausend verwandten Fragen, Opfer, Sachbestände zu denken, die ebenfalls  Aufmerksamkeit verlangen. Jan Böhmermann nervt das. 

«Warum macht es mich aggressiv, wenn jemand unter diesen Beitrag einen ‹Denkt an die Kinder in Gaza›-Kommentar schreibt?»

facebook/jan böhmermann

Der Betende

Unter dem Hashtag #PrayForParis solidarisieren sich die Menschen weltweit mit den Opfern des Terroranschlags in Paris. 

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Der Gegner des Betenden 

a) #DontPrayForParis

Die Feinde des Betens sammeln sich unter dem Hashtag #DontPrayForParis. Die Solidarität in einen religiösen Rahmen zu stellen, sei gefährlich, denn Terrorismus sei eine Form von hasserfüllter, religiöser Ideologie. 

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«Hört auf zu beten und so etwas wird nie wieder geschehen.»

b) #ParisIsAboutLife

Ein bisschen weniger bedrohlich formuliert es der französische Comiczeichner Joann Sfar, der viele Jahre für die Satirezeitung «Charlie Hebdo» gezeichnet hat: 

«Freunde aus aller Welt, Danke, dass ihr für Paris betet (#PrayForParis), aber wir brauchen nicht mehr Religion! Wir glauben an Musik! Küsse! Leben! Champagner und Freude! Paris steht für Leben! (#ParisIsAboutLife)»

Der Verzeihende

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«Du bist wütend, weil ich das Wort ‹beten› benutze? Aber ich war nie wütend, weil du nicht betest.» 
bild: facebook/karuna ezara parikh

Der «bete besser für die ganze Welt»-Typ

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Ähnlich wie bei den «Was ist mit ...»-Kommentaren geht es hier um einen Rundumschlag: Die Welt ist aus den Fugen. Und zwar überall, nicht nur in Paris, «wo uns die Türme und Cafés so vertraut sind». Die Welt ist ungerecht. Sie erzählt nur die Tragödien des Westens. 
bild: facebook/karuna ezara parikh

Der sich distanzierende Muslim

Mit deutlichen Worten haben Muslime auf der ganzen Welt auf die Gewaltnacht in Paris reagiert. Die Staatsführer von Marokko bis Bahrain übermittelten Beileidsbekundungen nach Frankreich. Und in den sozialen Netzwerken distanzieren sie sich unter dem Hashtag #NotInMyName von dem tödlichen Terror des Islamischen Staates.

«Die Zeit ist gekommen, dass sich die Welt vereint, um dieses Monster des Terrorismus zu bekämpfen.»

Grossscheich Ahmad al-Tayyeb, Rektor der Kairorer al-Azhar-Universität

Der «Ich will mich nicht immer distanzieren müssen»-Muslim 

Viele Muslime sind empört darüber, dass man – mal wieder – eine Distanzierung von ihnen fordert. So zum Beispiel die deutsche Bloggerin Hatice Ince:

«Eine Distanzierung sehe ich nicht ein. Nicht etwa, weil ich das gutheisse, sondern weil es selbstverständlich sein sollte, dass ich das nicht gutheisse. Wo kämen wir hin, wenn sich fortlaufend Menschen von Taten distanzieren würden, die Monster verrichten, die dieselbe Herkunft, Religion, Haarfarbe, Hautfarbe oder Arbeitgeber haben?»

Hatice Ince

Der Pauschalverurteiler 

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«Warum zählt nicht, was ich in, sondern was ich auf meinem Kopf trage?»
bild: maryamjameela6 

a) «Die islamistische Brut»

Manche haben es weniger mit der Solidarität, sondern mehr mit der Verurteilung: Am Morgen nach den Terroranschlägen in Paris schrieb Roger Liebi, SVP-Präsident der Stadt Zürich, um 8 Uhr auf Twitter:

«Schlimm, dass man zugelassen hat, dass sich die islamistische Brut in unserer Gesellschaft ausbreiten konnte. Wer warnte, wurde verunglimpft!»

Nachdem der Beitrag dreimal retweeted wurde, löscht Liebi nicht nur den Tweet, sondern gleich seinen ganzen Twitter-Account. Zu seinen Worten stehe er aber nach wie vor, sagte er gegenüber dem Tages-Anzeiger. Aber es sei halt so, dass man «in den zwei Sätzen, die auf Twitter Platz haben, nicht differenzieren» könne. Er mache aber einen Unterschied zwischen dem Islam und den erwähnten Islamisten.

b) Ausgehverbot für alle Muslime! 

Die Berner FDP-Politikerin und gescheiterte Nationalrats-Kandidatin Christine Kohli hat ebenfalls einen sehr unbrillanten Tweet abgesetzt: 

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«Die FDP distanziert sich in aller Schärfe von dieser Einzelmeinung» hiess es von offizieller Seite der Partei. 

Der Gegner des Pauschalverurteilers 

Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen Muslimen und Terroristen. Um diesen der Welt zu verdeutlichen, gibt es den Hashtag #MuslimsAreNotTerrorists. Und Muslime, die ihr Leben dafür einsetzen, andere vor dem Terror zu retten. 

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«Das ist Adel Tormos. Vor einigen Tagen hat er sich in Beirut auf einen Selbstmordattentäter geworfen, wobei er selbst gestorben ist, aber das Leben vieler anderer Menschen rettete.» 
bild: facebook/muslimsarenotterrorists

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«Ein muslimischer Sicherheitsbeamter namens Zouheir hat die Sprengstoffweste des Selbstmordattentäters entdeckt und ihn am Betreten des Stade de France gehindert. Zouheir entkam nur knapp dem Tod, als der Terrorist die Bombe zündete.»
bildfacebook/muslimsarenotterrorists

Der Fragende 

Jan Böhmermann stellt Fragen. Hundert Fragen. Und seine letzte lautet: 

«Möchte ich lieber in einem Land leben, in dem ich alle Fragen stellen kann, aber nur auf wenige eine Antwort erhalte oder in einem Land, in dem ich nur wenige Fragen stellen darf, die aber beantwortet bekomme?»

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Hier geht's zum ganzen Post.
bild: facebook/janböhmermann

Der Parasit

20 Prozent des Ertrags gehen ja schliesslich ans französische Rote Kreuz ...

Der Ablenker 

Manche Leute mögen den menschlichen Tragödien nicht ins Auge sehen. Also lenken sich ab. Mit Katzenvideos zum Beispiel. 

Der Schweigende

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Angelo Hediger 17.11.2015 22:06
    Highlight Highlight Ihr habt die mit dem schwarzen Humor vergessen!
    Benutzer Bild
  • LuzzaPalluzza 17.11.2015 17:10
    Highlight Highlight Der "lasst mich einfach in Ruhe und ja ist schlimm und ja ich habe auch ein Gewissen aber auch ein Leben neben Facebook-Typ."
  • rYtastiscH 17.11.2015 14:15
    Highlight Highlight Versteh den Sinn dieses Artikels nicht... Soll das ein Rundumschlag sein?
    "Die Welt schwarz/weiss sehen", bedeutet für mich nicht nur, dass man ausschliesslich zwischen Links/Rechts, Gut/Böse etc differenziert, sondern auch wenn man Alles und Jeden in eine Schublade stecken muss. Genau das tut ihr mit dem Artikel. Dabei ist genau diese Vielfalt an Reaktionen so Wertvoll. Sie erlaubt es uns über jeden nur erdenklichen Blickpunkt nachzudenken - auch wenn wir diesen am Ende nicht teilen können.
    • Anna Rothenfluh 17.11.2015 14:56
      Highlight Highlight Es geht auch überhaupt nicht um einen Rundumschlag, noch um eine Verurteilung. Es werden die verschiedenen Arten aufgezeigt (die Vielfalt, wie du sagst), wie Solidarität in den sozialen Medien gezeigt wird – und das die Bekunder sich jeweils gegenseitig kritisieren. Der eine findet beten für Paris besser, der andere will für die ganze Welt beten. Wir kritisieren das nicht, wir stellen es nur dar. Die Frage nach der Qual der Moral.
    • rYtastiscH 17.11.2015 15:19
      Highlight Highlight Okay eine Projektion leuchtet absolut ein. Der Titel "Die Qual der Moral" suggeriert aber, dass man sich entscheiden sollte - da ja von "Qual der Wahl" abgeleitet. Habe gerade nachgeschaut, wird anscheinend nun öfters so verwendet. Find ich etwas verwirrend, weil für mich das ein Wortspiel ist...
      Beim lesen des Artikels hatte ich das Gefühl, zu jedem Punkt eine gewisse Bewertung des Autors zu spüren... Da muss ich mich wohl aber an meiner eigenen Nase nehmen, da ich dann ja auch nicht besser wäre :)
    • Anna Rothenfluh 17.11.2015 15:31
      Highlight Highlight Ich glaube, es geht auch um ein Entscheiden. Nicht hier im Artikel mein ich, aber viele haben sich nach den Anschlägen sicher gefragt, was sie jetzt genau posten sollen, ob man zum Beispiel den Eiffelturm oder "besser" die französische Trikolore oder gar nichts nimmt. Man fragt sich: Was ist angebracht? Und dann gibt es stets diejenigen, die glauben, sie trauern irgendwie korrekter: Der What-About-Kommentator. Und vielleicht hast du recht, vielleicht ist da eine gewisse Wertung meinerseits eingeflossen. Weil ich es wie du delikat finde, andere im Solidarisieren zu kritisieren.
    Weitere Antworten anzeigen
  • müüüsli 17.11.2015 13:00
    Highlight Highlight zu welchen gehöre ich damit?
    Benutzer Bild
    • Asmodeus 17.11.2015 13:16
      Highlight Highlight Offensichtlich der "don't pray" :)

Katze zu fett für die Passagier-Kabine im Flugzeug – Besitzer trickst Airline aus

Es ist die Geschichte von Viktor dem Kater. Viktor ist jetzt berühmt – wegen seines Besitzers, dem Russen Mikhail Galin. Die beiden waren nämlich auf einer Reise und wollten von Moskau mit der russischen Airline Aeroflot wegfliegen. Es gab jedoch ein klitzekleines Problem: Viktor war mit seinen 22 Pfund (knapp 10 Kg) fast zwei Kilogramm schwerer als die für die Reise in der Passagier-Kabine erlaubten 17,6 Pfund (knapp 8 Kg).

Der Kater hätte folglich im Cargo-Raum des Flugzeuges mitreisen …

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