International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
The newsroom at the New York Times is seen as editorial staffers work feverishly to prepare a Monday edition, in this Nov. 5, 1978 photo. A reader-submitted question related to how newsrooms are alerted to breaking news stories is being answered as part of an Associated Press Q&A column called

Finde die Frau: Blick in den Newsroom der «New York Times», 1978.  Bild: AP

Tote Frauen? Gab's in der «New York Times» 167 Jahre lang nur selten

Eine Redaktion tut Busse: Die «New York Times» ist für die besten und meisten Nachrufe der Medienwelt berühmt. Jetzt hat sie alle angeschaut und ist zu einem frustrierenden Ergebnis gelangt.



Es gibt nichts Schöneres als Nachrufe zu schreiben. Klingt morbid, ist aber so. Weil da alles zusammen kommt: Eine runde, in sich geschlossene Geschichte, das Material eines ganzen Lebens, die Sentimentalität, die in jedem Abschied steckt, Trauer, überhaupt Gefühle ohne Ende. Einen Nachruf zu schreiben, ist das perfekte journalistische Gefäss.

Jede gute Redaktion – auch diese hier – hat den einen oder anderen Nachruf bereits auf Halde liegen, welche, verraten wir selbstverständlich nicht, nur soviel, H.R. Giger und Jörg Schneider etwa waren schon Monate vor dem Hinscheiden der beiden vorbereitet. Manchmal weiss man eben was. Oder ahnt es. Wie die berühmten Katzen, die in Altersheimen und Spitälern die Todgeweihten heimsuchen. 

Die Zeitung mit der weltbesten Totenbewirtschaftung ist die «New York Times», denn sie besitzt seit ihrer Gründung 1851 eine ganze Redaktion, die sich um nichts anderes als Nachrufe kümmert. Sie schreiben im Schnitt drei pro Tag und über tausend im Jahr. Das klingt erstmal nach viel. Doch weltweit sterben täglich um die 155'000 Menschen. Alle mit einer ganzen Geschichte. 

Ressortleiter William McDonald beschreibt die Auswahl für den «Death Desk» so: «Wir konzentrieren uns auf Menschen, die auf der grossen Bühne einen Unterschied gemacht haben. Menschen, von denen wir denken, dass sie das breiteste Interesse erreichen. Wenn du im Leben Schlagzeilen gemacht hast, ist die Chance gross, dass du sie auch im Tod machen wirst.» Trotzdem würdigen sie regelmässig auch Menschen, deren Verdienste weit grösser als ihre Berühmtheit ist. Menschen? Männer vor allem. Am liebsten: weisse Männer. 

Und wie kommt's? «Anders als der Rest des Newsrooms deckt das Nachrufe-Ressort die Vergangenheit ab und nicht die Gegenwart», schreibt McDonald. «Unsere Seiten reflektieren die Welt von 1975, 1965, 1955 oder noch früher: Sie sind ein Rückwärtsspiegel, der die Welt zeigt, wie sie war. Nicht wie sie ist und nicht, wie wir sie uns wünschen würden. Und so liegen wir – zum Beispiel geschlechter- und rassendynamisch betrachtet – unvermeidlich eine oder gar drei Generationen zurück.» 

Qiu Jin

Qiu Jin liebte nichts so sehr wie Martial Arts und Männerkleider. Sie verliess Mann und Kinder, schrieb feministische Pamphlete, wurde verhaftet, gefoltert, getötet. Bild: wikipedia

Konkret heisst das: Auch 2016 und 2017 traf auf vier Nachrufe über Männer nur einer über eine Frau. Ganz viele gingen vergessen. Weshalb die «New York Times» anlässlich des Frauentags 2018 damit angefangen hat, bedeutende Frauen aus den letzten 167 Jahren ordentlich nachzurufen.

Jede Woche kommen seither neue dazu. Etwa Emily Warren Roebling, die Ingenieursgattin, die einsprang, als ihr Mann erkrankte, und dafür sorgte, dass die berühmte Brooklyn-Bridge fertig gebaut wurde – jahrelang schaute der bettlägerige Gatte von seinem Schlafzimmer aus mit einem Feldstecher den Bauarbeiten zu. Oder die chinesische Lyrikerin und Revolutionärin Qiu Jin, die «Wein, Schwertkampf und Bombenbasteln» liebte, und dafür 1907 mit 31 Jahren geköpft wurde.

Oder die afroamerikanische Transgender-Aktivistin Marsha P. Johnson, die für Andy Warhol modelte und 1969 eine wichtige Rolle in der New Yorker Schwulenbewegung rund um Stonewall spielte. Sie wurde 46 Jahre alt und lebte fast immer auf der Strasse. Oder die Bergsteigerin Alison Hargreaves, die 1995 ohne Sauerstoff den Mount Everest bezwang. Nur drei Monate später starb sie auf einer K2-Expedition.

Charlotte Brontë by George Richmond 1873

Charlotte Brontë schrieb den Bestseller «Jane Eyre» unter einem männlichen Pseudonym. Das Buch war schon zu ihren Lebzeiten ein Bestseller. Bild: wikipedia

Die «New York Times» arbeitet so voller Engagement ein Stück Kultur-, Gesellschafts- und vor allem Mediengeschichte auf, und dass dies bei den Leserinnen und Lesern ein Hit wird, steht ausser Frage. Man muss sich nur einmal die Einschaltquoten unserer Serie Frauen in der Geschichte anschauen, um zu wissen: Hier besteht trotz eines halben Jahrhunderts an Women's- und später Gender-Studies noch immer enorm viel Nachholbedarf und Interesse.

Was an der Arbeit des New Yorker Death Desks am meisten überrascht, sind die Superstars der Kulturgeschichte, die zum Zeitpunkt ihres Ablebens offenbar nicht bedeutend genug waren, um in die Auswahl der täglichen drei Toten zu kommen. Etwa die Programmiersprachen-Pionierin Ada Lovelace (1815–1852), die «Jane Eyre»-Verfasserin Charlotte Brontë (1816–1855), die Fotografin Diane Arbus (1923–1971) und die Dichterin Sylvia Plath (1932–1961).

This undated image made available by The British Library in London, Friday, May 16, 2014, shows Charlotte Bronte's earliest known effort at writing, a short story written for Anne, the baby of the family. It it also the first of the little books made by the Bronte children and, as such, it does not reach the level of technical sophistication that they were later to achieve. The writing is a clumsy longhand, there is no title page or contents list and no attempt is made to imitate magazine format. The British Library is putting hundreds of its most valuable literary resources online, from the Bronte sisters’ childhood writings to William Blake’s notebook. (AP Photo/The British Library)

Dieses Notizheft von Charlotte Brontë gehört heute zu den kostbarsten Büchern der British Library in London. Hier hat sie eine Kurzgeschichte für ihre kleinste Schwester Anne geschrieben und gezeichnet. Bild: AP/The British Library

Bitte? Diese vier Superstars der Kulturgeschichte, über die doch schon ein paar Jahrzehnte an Neuauflagen, Verfilmungen, Ausstellungen und Forschung vorliegen, erhielten keinen Nachruf in der «New York Times»? Nein, erhielten sie nicht. Dass sie vergessen gingen beziehungsweise «übersehen wurden», wie die «New York Times» schreibt, fühlt sich von heute aus gesehen etwa so an, als hätte man in den letzten Jahren Amy Winehouse, Whitney Houston oder Frida Kahlo übersehen. Einigermassen unverständlich. Oder nur allzu verständlich.

Die Antwort liegt auf der Hand: That was patriarchy, baby.

Frauen in der Geschichte

Wie Faye Schulman als jüdische Partisanin den Holocaust überlebte

Link zum Artikel

Marija kaufte einen Panzer und rächte ihren getöteten Ehemann

Link zum Artikel

Freddie verführte und erschoss Nazis vom Velo-Gepäckträger aus

Link zum Artikel

Wie sich die indische Banditenkönigin an den Männern rächte

Link zum Artikel

Blutgräfin Báthory, die ungarische Serienmörderin

Link zum Artikel

Die Kroatin, die im Schatten eines zwielichtigen Gottesmannes unterging

Link zum Artikel

Isabelle Eberhardt, die Schweizerin, die als Mann durch die Wüsten Nordafrikas zog

Link zum Artikel

Wie Hannah Arendt die Welt vor der Banalität des Bösen retten wollte

Link zum Artikel

Frida Kahlo: Die Frau, die den Tod auslachte

Link zum Artikel

Die irische Rebellin, die lieber stirbt, als auf die britische Krone zu schwören

Link zum Artikel

Katharina die Grosse war so viel mehr als nur ihre vielen Liebhaber

Link zum Artikel

Sabina Spielrein: Die Frau, die viel mehr war als C.G. Jungs Patientin im Burghölzli

Link zum Artikel

Macht, Mord und Monobrauen: Im Harem des persischen Schahs

Link zum Artikel

Gebär du mal 16 Kinder wie Maria Theresia und verteidige gleichzeitig dein Reich

Link zum Artikel

Lucrezia Borgia: Die päpstliche Bastardbrut der Renaissance

Link zum Artikel

Das bittere Ende der Frau, die den «Vater des Gaskriegs» nicht stoppen konnte

Link zum Artikel

Von geliebten Männern weggesperrt: Das traurige Schicksal von Johanna der Wahnsinnigen

Link zum Artikel

Kaiserin Theodora von Byzanz: Die Frau, die ihre Vagina mitten im Gesicht trug

Link zum Artikel

Kaiserin Agrippina: Das herrschsüchtige Teufelsweib, das ganz Rom verführte und die Männer zu Sklaven machte

Link zum Artikel

Die keltische Kriegerkönigin Boudica, die tausende Römer niedermetzelte

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

So poetisch zerstört diese Inderin sexistische Kackscheisse

abspielen

Video: watson

2018 ist noch jung, doch sie haben uns schon verlassen

Das könnte dich auch interessieren:

CVP fährt grosse Negativ-Kampagne gegen andere Parteien – die Reaktionen sind heftig

Link zum Artikel

Wo du in dieser Saison Champions League und Europa League sehen kannst

Link zum Artikel

Migros Aare baut rund 300 Arbeitsplätze ab

Link zum Artikel

Eine Untergrund-Industrie plündert Banking-Apps wie Revolut – so gehen die Betrüger vor

Link zum Artikel

YB droht Bickel mit Gericht, nachdem er als Sportchef 40 Mio. verlochte

Link zum Artikel

Warum wir bald wieder über den Schweizer Pass reden werden

Link zum Artikel

«Ich hatte Sex mit dem Ex meiner besten Freundin…»

Link zum Artikel

Die amerikanische Agentin, die Frankreichs Résistance aufbaute

Link zum Artikel

Matheproblem um die Zahl 42 geknackt

Link zum Artikel

Wie gut kennst du dich in der Schweiz aus? Diese 11 Rätsel zeigen es dir

Link zum Artikel

«In der Schweiz gibt es zu viel Old Money und zu wenig Smart Money»

Link zum Artikel

So schneiden die Politiker im Franz-Test ab – wärst du besser?

Link zum Artikel

Röstigraben im Bundeshaus: «Sobald ich auf Deutsch wechsle, sinkt der Lärm um 10 Dezibel»

Link zum Artikel

So erklärt das OK der Hockey-WM in der Schweiz die Ähnlichkeit zum Tim-Hortons-Spot

Link zum Artikel

Die Geschichte von «Ausbrecherkönig» Walter Stürm und seinem traurigen Ende

Link zum Artikel

«Informiert euch!»: Greta liest den Amerikanern bei Trevor Noah die Leviten

Link zum Artikel

Keine Angst vor Freitag, dem 13.! Diese 13 Menschen haben bereits alles Pech aufgebraucht

Link zum Artikel

Der Kampf einer indonesischen Insel gegen den Plastik

Link zum Artikel

«Ich bin … wie soll ich es sagen … so ein bisschen ein Arschloch-Spieler»

Link zum Artikel

Alles, was du über die neuen iPhones und den «Netflix-Killer» von Apple wissen musst

Link zum Artikel

15 Bilder, die zeigen, wie wunderschön und gleichzeitig brutal die Natur ist

Link zum Artikel

Shaqiri? Xhaka? Von wegen! Zwei Torhüter sind die besten Schweizer bei «FIFA 20»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

5
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • olmabrotwurschtmitbürli aka Pink Flauder 21.03.2018 10:35
    Highlight Highlight Die besten Nachrufe sind aber im Economist auf der letzten Seite.

    Aber auch dort überwiegen Nachrufe auf Männer.
  • Roman Stanger 20.03.2018 22:56
    Highlight Highlight Warum hätte die NYT einen Nachruf auf Ada Lovelace verfassen sollen? AL hat die Beschreibung der Funktionsweise einer von Charles Babbage entworfenen Rechenmaschine übersetzt und gemeinsam mit Babbage Ergänzungen hinzugefügt. Die Rechenmaschine wurde zu Lebzeiten Babbages nie gebaut und blieb für die Entwicklung des Computers bedeutungslos. Erst Jahrzehnte später wurde Lovelace als Computerpionierin auf ein Podest gehoben. Wenn die NYT sich selbst geisselt, dass sie 1852 keinen Nachruf auf Lovelace verfasst hat, ist das historisch inakkurat und plumpe Anbiederei an den Zeitgeist.
    • Tanea 21.03.2018 00:08
      Highlight Highlight Hast du schon mal was von Rosalind Franklin gehört? Wahrscheinlich nicht. Dafür hast du aber sicher von James Watson und Francis Crick (Watson-Crick Stuktur der DNA) gehört. Diese beiden Herren wurden zusammen mit Maurice Wilkins mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.
      Rosalind Franklin hat aber die Doppel-Helix entdeckt und ihr wurde nie die Anerkennung zuteil, die sie verdient hätte.
      Vielleicht gleicht sich das ja mit deinem Beispiel aus...
  • Shevi 20.03.2018 21:27
    Highlight Highlight "...die «Jane Eyre»-Verfasserin Charlotte Brontë (1866–1855)"

    Von wann bis wann lebte sie jetzt? Bin ein bisschen verwirrt
    • corsin.manser 20.03.2018 22:20
      Highlight Highlight Ups, 1816 - 1855 ist richtig. Wir haben's angepasst. Merci!

Das? Das ist nur die wohl umfangreichste Schatzkarte aller bisherigen Zeiten

Mit Hilfe dieser Schatzkarte wirst du reich! Eventuell. Sicher ist jedenfalls, dass du den Spuren von 75 Schätzen nachjagen kannst, die noch immer darauf warten, gefunden zu werden.

Seid willkommen, Suchende. Und tretet ein.

Wir haben für euch versunkene Schiffe, Piratenschätze, Mongolen- und Armadaschiffe, einige obligate Nazi-Schätze und natürlich die Legenden um den Nibelungenhort, die Bundeslade und den Schatz der Tempelritter.

Klickt euch wild durch die Schatzkarte oder liest erst in Ruhe unsere Empfehlungen durch, die ihr gleich darunter findet.

Unsere Karte erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, sie erzählt die Geschichten von 75 erlesenen Schätzen, die …

Artikel lesen
Link zum Artikel