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«Der Irak ist erledigt»: Kurden stimmen über Unabhängigkeit ab



epa06220465 Kurds hold Kurdish flags as they take part part in a rally for the Kurdistan independence referendum campaign at the Franso Hariri stadium in Erbil, Iraq, 22 September 2017. Kurdish leaders take the final chance to push for a yes-vote on independence referendum, despite growing regional and global pressure to call off the vote. The Kurdistan region is an autonomous region in northern Iraq since 1991, with an estimated population of 5.3 million people. The region share borders with Turkey, Iran, and Syria, all of which have large Kurdish minorities. On 25 September the Kurdistan region will hold a referendum for independence.  EPA/GAILAN HAJI

Kurden-Demo in Erbil. Bild: EPA/EPA

Seit Jahrzehnten träumen die Kurden im Norden des Iraks von der Unabhängigkeit. Jetzt sind sie fest entschlossen, sich vom Rest des Landes abzuspalten. Doch der Widerstand wird immer stärker.

Die Menge wogt und feiert über Stunden. Zehntausende Kurden sind ins Fussballstadion der nordirakischen Stadt Erbil geströmt, kein Platz ist mehr frei. Im Innenraum stehen die Menschen bei fast 40 Grad Körper an Körper, verschwitzt und so dicht, als seien sie eine einzige grosse Masse.

Sie singen, sie tanzen, sie schwenken kurdische Fahnen, Rot-Weiss-Grün, in der Mitte eine Sonne. «Bale, Bale»-Rufe hallen durch das Stadion: «Ja, Ja» zur kurdischen Unabhängigkeit. «Der Irak ist erledigt», brüllt ein Mann. «Er wird nicht mehr benötigt.»

Angst vor Bürgerkrieg ...

Es ist am Freitagnachmittag die letzte Kundgebung, bevor Nordiraks Kurden an diesem Montag in einem Referendum über ihre Unabhängigkeit abstimmen, um sich einen alten Traum zu erfüllen. In ihren Autonomiegebieten geniessen sie zwar grosse Selbstständigkeit, nun aber wollen sie mehr. Die Kurden könnten zwischen Unterordnung und Freiheit wählen, ruft ihr Präsident Massud Barsani der Masse zu: «Wir können nicht länger mit Bagdad leben.»

epa06222150 A hat with Kurdish flag on sale at the old city of Erbil, Kurdistan region in northern Iraq, 23 September 2017. The Kurdistan region is an autonomous region in northern Iraq since 1991, with an estimated population of 5.3 million people. The region share borders with Turkey, Iran, and Syria, all of which have large Kurdish minorities. On 25 September the Kurdistan region holds a referendum for independence and the creation of the state of Kurdistan amidst divided international support.  EPA/MOHAMED MESSARA

Bild: EPA/EPA

Doch der Widerstand gegen die Volksabstimmung der Kurden ist gross. Fast täglich wetterte Iraks Ministerpräsident Haidar al-Abadi, das Referendum sei verfassungswidrig.

Ihn treibt die Angst um, ausgerechnet in seiner Amtszeit könnte der Irak auseinanderbrechen. Ein Anführer der mächtigen Schiitenmilizen, Hadi al-Amiri, warnte sogar, die Volksabstimmung könnte zu einem neuen Bürgerkrieg führen.

... und weiteren Autonomiebestrebungen

Vor allem aber die grossen Nachbarn Türkei und der Iran üben massiven Druck auf die Kurden aus, weil sie befürchten, die Absetzbewegungen ihrer eigenen kurdischen Minderheiten könnten Nahrung erhalten. Um Barsani ein Warnsignal zu geben, begannen türkische Truppen an der Grenze zum Irak mit einem Militärmanöver. Präsident Recep Tayyip Erdogan droht mit Sanktionen, die «keine gewöhnlichen» sein würden.

Selbst die USA, eigentlich ein enger Verbündeter der Kurden, stellen sich gegen das Referendum. Das Weisse Haus kritisierte die Pläne als «provokant und destabilisierend». Washington argumentiert, erst müsse die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak besiegt sein, dann könne über eine kurdische Unabhängigkeit gesprochen werden.

Doch dieses Argument will der kurdische Analyst Saro Qadir nicht gelten lassen. «Der Kampf gegen den Terror wird noch Jahre dauern», sagt der Berater von Präsident Barsani. Überhaupt hält er den irakischen Staat, der von der Mehrheit der Schiiten dominiert wird, für gescheitert.

epa06220473 A Kurdish woman takes a selfie during a rally for the Kurdistan independence referendum campaign at the Franso Hariri stadium in Erbil, Iraq, 22 September 2017. Kurdish leaders take the final chance to push for a yes-vote on independence referendum, despite growing regional and global pressure to call off the vote. The Kurdistan region is an autonomous region in northern Iraq since 1991, with an estimated population of 5.3 million people. The region share borders with Turkey, Iran, and Syria, all of which have large Kurdish minorities. On 25 September the Kurdistan region will hold a referendum for independence.  EPA/GAILAN HAJI

Bild: EPA/EPA

Anders als in der Verfassung vorgeschrieben seien nicht alle Gruppen - die arabischen Schiiten und Sunniten genauso wie die Kurden - gleichermassen beteiligt worden. «Deswegen ist es unser Recht, den besten Zeitpunkt für unsere Interessen zu bestimmen.»

Zankapfel Kirkuk

Das Verhältnis zwischen den Kurden und Bagdad ist schon seit langem angespannt. Der Langzeitherrscher Saddam Hussein unterdrückte ihre Rechte und setzte Giftgas gegen sie ein, was sich ins kollektive Gedächtnis der Kurden eingebrannt hat.

Auftrieb bekamen die kurdischen Unabhängigkeitsbestrebungen 2014, als die Soldaten der irakischen Armee vor dem Ansturm des IS einfach wegrannten und die Extremisten fast bis in die kurdische Hauptstadt Erbil vormarschiert wären. Immer wieder streiten sich Kurden und Zentralregierung um Öleinnahmen.

Für besonders provokant halten Kritiker Barsanis Entscheidung, auch in Gebieten abstimmen zu lassen, die Erbil und Bagdad gleichermassen beanspruchen. Im Zentrum des Streits steht die Provinz Kirkuk, die zu den ölreichsten des Iraks zählt - ein Reichtum, den die Kurden benötigen, soll ihr Staat wirtschaftlich lebensfähig sein. Eigentlich steht Kirkuk unter Hoheit der Zentralregierung in Bagdad, doch die Kurden nutzten den Kampf gegen den IS, um dort einzurücken.

Die Abstimmung in Kirkuk ist auch deshalb heikel, weil die Stadt multiethnisch ist. Kurden leben hier genauso wie irakische Araber, Turkmenen und andere Minderheiten. Ali Mehdi, Sprecher der Turkmenischen Front, wirft den Kurden vor, die Demografie Kirkuks in den vergangenen Jahren zu ihren Gunsten verändert zu haben. «Sie haben Hunderttausende Kurden nach Kirkuk geholt», sagt er.

Die Kurden halten dagegen, die Stadt gehöre historisch und geografisch zu ihnen, nicht zum arabischen Teil des Iraks. «Dieser Boden hier ist kurdischer Boden», sagt Dilschad Perot Asis, der für Barsanis Partei KDP in Kirkuks Provinzrat sitzt. «Schauen sie auf den Friedhof. Da gibt es nicht ein einziges arabisches Grab.»

«Soll passieren, was passiert»

Es gilt als sicher, dass sich die Kurden in dem Referendum mit grosser Mehrheit für die Unabhängigkeit aussprechen. Vor allem in Kirkuk könnten die Spannungen dann zunehmen, Gewalt inklusive. Die Blicke richten sich insbesondere auf die von Iran kontrollierten schiitischen Milizen, die Teheran als Druckmittel einsetzen könnte.

Die Kurden wollen sich davon nicht beeindrucken lassen. «Wenn sie (die schiitischen Milizen) etwas machen, werden wir ihnen unsere Antwort zeigen», sagt Kamal Kirkuki, Kommandant der kurdischen Peschmerga-Kämpfer an der Front zum IS westlich von Kirkuk. «Wir werden das Referendum abhalten. Es soll passieren, was passiert.» (sda/dpa)

Der beschwerliche Kampf um Mossul

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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • sven_meye 24.09.2017 16:17
    Highlight Highlight Die Kurden hätten es wirklich verdient, einen eigenen Staat zu bekommen. Geht für mich in eine ähnliche Richtung wie mit den Palästinensern. Indem man diese Völker weiter staatlich bekämpft, wird das Problem bestimmt nicht gelöst. Aber ja, sie sind natürlich die bösen Terroristen.
  • Bastard 24.09.2017 15:15
    Highlight Highlight Ich würde es ihnen gönnen, aber ich kann mir auch gut vorstellen, dass die Wahlen manipuliert werden.

    Hoffentlich artet es nicht aus.
  • WeischDoch 24.09.2017 14:37
    Highlight Highlight So traurig es für mich auch ist, der Mittlere Osten wird sich noch so lange durch Kriege verändern müssen, bis es die Menschen dort verstehen. Selbst kleinste dinge werden da durch Gewalt gelöst. Deswegen muss eine Veränderung von unten her stattfinden. Auch Europa hats durchgemacht. Wobei meine These fraglich ist wenn ich Katalonien betrachte...
  • malu 64 24.09.2017 14:20
    Highlight Highlight Es wird langsam Zeit, dass die Kurden eigenständig werden. Diese grosse Volksgruppe sollte einen Ort haben wo sie ihre Kultur und Eigenständigkeit leben können. Wie immer geht es um Bodenschätze. Jeder will ein Stück vom Kuchen haben.
  • BoomBap 24.09.2017 12:38
    Highlight Highlight Hoffen wir es läuft friedlich ab, ohne Gewalt. Nur schon wegen meinem kurdischen Freund aus Duhok. Einen netteren Menschen kenn ich nicht.
    • Bastard 24.09.2017 15:14
      Highlight Highlight Gibt es auch in der Schweiz bei den Albanern und in Deutschland bei den Türken, sowas gibt es doch überall und fast in jeder Nation.
    • BoomBap 24.09.2017 22:43
      Highlight Highlight Soll ja auch weisse Glatzen Clans geben in der Schweiz und in Deutschland.
  • Verschwörer 24.09.2017 12:14
    Highlight Highlight Wir hören wohl bald wieder von neuen moderaten Rebellen
  • Ruffy 24.09.2017 12:10
    Highlight Highlight Bevölkerungsgruppen, ob ethnisch oder geografisch sollen das Recht haben über ihre Unabhängigkeit zu entscheiden. Staaten wie der Irak haben versagt und erhalten nun die Quittung. Das ist gut so.
  • rodolofo 24.09.2017 12:09
    Highlight Highlight Kurdische Selbstbestimmung und Unabhängigkeit sind Illusionen.
    Die Leute wollen "ums ferrekke" etwas ändern an ihrer aktuellen, beschissenen Situation, und da fällt ihnen nichts Anderes ein, als in der Gruppe Händchen zu halten und inbrünstig Kurdische Tänze zu tanzen und sich dabei grossartig zu fühlen.
    Aber wenn ihnen das Spass macht, dann lasst sie doch!
    Die müssen irgendetwas nachholen, was ihnen die Kolonial-Geschichte bisher verweigert hat, nämlich die heilsame Erfahrung, dass die "eigenen" Politiker, Bürokraten und Richter genauso korrupt und raffgierig sein können, wie die "fremden"...
    • Pierre Beauregard 24.09.2017 13:19
      Highlight Highlight Das mag vielleicht stimmen. Aber ganz ehrlich, ich würde mich lieber von meinen eigenen Leuten/Politiker verarschen, als von irgendwelchen "fremden"...
    • Luca Brasi 24.09.2017 14:17
      Highlight Highlight Winston Churchills Enkel Winston Spencer-Churchill sagte einst: "Iraq? My grandfather invented it!"
    • You will not be able to use your remote control. 24.09.2017 14:50
      Highlight Highlight rodolpho, tu nicht so erstaunt, dass unsere SUPERSCHWEIZ ihren ganzen Reichtum falschen Machenschaften verdankt. Die kurdischen Politiker hatten dazu offensichtlich in den letzten Jahrzehnten nicht die selben Gelegenheiten.

      pierre, was wäre der Vorteil?
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