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Myanmars Jugend lebt in Angst: «Praktisch jeder fragt sich: Wann trifft es mich?»

Vor einem Jahr putschte sich in Myanmar das Militär an die Macht und schlug die Massenproteste mit äusserster Brutalität nieder. Den friedlichen Widerstand prägte die junge Generation. Was wurde aus ihr? Vier junge Menschen erzählen.
01.02.2022, 09:37
Annika Bangerter / ch media

Als die Menschen in Myanmar am 1. Februar aufwachten, war ihre Welt eine andere. Das Militär hatte die demokratisch gewählte Regierung gestürzt, das Parlament aufgelöst und De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi verhaftet. Zurück an der Macht waren die verhassten Generäle. Hunderttausende Menschen zogen in den folgenden Wochen durch die Strassen und forderten die Freilassung von «Mutter Suu».

Die Bilder der friedlichen Massenproteste gingen um die Welt. Treibende Kraft dahinter war die junge Generation. Sie trat der Junta entschlossen und selbstbewusst entgegen: «Ihr habt euch mit der falschen Generation angelegt!» Es formierte sich ziviler Ungehorsam: Ärztinnen, Pfleger, Lehrerinnen und Beamte schlossen sich dem Protest an.

Trotz der Gewalt der Junta demonstrieren die Menschen immer noch.
Trotz der Gewalt der Junta demonstrieren die Menschen immer noch.Bild: keystone

Scharfschützen gegen friedliche Demonstranten

Die Generäle antworteten mit brutalster Gewalt: mit Schlagstöcken, Scharfschützen, Verhaftung und Folter. Seither versinkt das Land im Chaos und die Gräueltaten des Militärs sorgen wiederholt weltweit für Schlagzeilen. Etwa als Ende Dezember 35 Zivilisten – darunter auch Kinder – beim Verlassen ihres umkämpften Dorfes von Soldaten ermordet wurden. Tausende Menschen sind auf der Flucht im eigenen Land oder haben sich ins Ausland gerettet. Gemäss der lokalen Gefangenenhilfsorganisation AAPP haben Polizei und Militär seit dem Putsch 1484 Menschen umgebracht; aktuell befinden sich zudem mehr als 8600 Personen in Haft.

Doch wie hat sich das Leben und der Alltag für die junge Generation verändert? Vier von ihnen waren bereit, mit uns zu sprechen, wenn keine Angaben zu ihnen bekannt gemacht werden. Etwa U., dessen Schwester die Polizei an seiner Stelle inhaftierten. Auch bei den anderen drei ist die Angst zu gross, in den Fokus der Junta zu geraten. Selbst bei O. und E., die vor ein paar Tagen in Thailand angekommen sind. Denn ihr Aufenthaltsstatus ist – wie bei den meisten Geflüchteten – nicht gesichert.

U., junger Mann, kämpft im bewaffneten Widerstand

«Vor einem Jahr war ich Sekretär eines regionalen Regierungsausschusses, der sich um die Belange der Jugend kümmerte, heute stehe ich im Kugelhagel. Ich bin Teil des bewaffneten Widerstands in Myanmar. Mein Spezialgebiet sind Drohneneinsätze, regelmässig unterstütze ich aber auch die Kämpfer an der Front.

In meinem alten Leben habe ich studiert, war in einem von der EU finanzierten Projekt zur Förderung der Gleichstellung tätig und politisch aktiv. Alles änderte sich in der Nacht auf den 1. Februar 2021. Wie unzählige andere sollte auch ich damals verhaftet werden. Doch die Polizei suchte mich an meiner früheren Adresse; das hat mich gerettet. Aus meinem Versteck begann ich, mich auf den sozialen Medien mit Mitstreitern aus den Grossstädten zu organisieren und rief zu Demonstrationen in meiner Region auf. Im ganzen Land haben wir unseren Protest auf die Strasse getragen und online verbreitet. Doch nichts hat genützt.

Ein Mann rennt durch eine brennende Strassesperre, die vom MIlitär in Brand gesetzt wurde.
Ein Mann rennt durch eine brennende Strassesperre, die vom MIlitär in Brand gesetzt wurde.Bild: keystone

Deshalb bin ich Anfang April in den bewaffneten Widerstand gegangen. Ich sah für mich keine andere Möglichkeit mehr, die Militärjunta zu bekämpfen. Zuerst absolvierte ich eine zweimonatige Ausbildung in einer multiethnischen, paramilitärischen Bewegung. In den Grenzregionen von Myanmar herrschen seit Jahrzehnten bewaffnete Konflikte zwischen ethnischen Minderheiten und der Junta. Danach wurde ich weitere drei Monate von der «People’s Defence Force» militärisch geschult. Seither kämpfe ich in diesem bewaffneten Arm der Untergrundregierung. Als ich das erste Mal auf einem Kriegsschauplatz war, hatte ich grosse Angst – vor den Waffen und den Kugeln. Aber in den folgenden Tagen entstand in mir einen Mut, von dem ich nichts geahnt hatte.

Meine Familie hat meinen Entscheid akzeptiert, dass ich zu den Waffen greife und dafür von ihnen fortgehe. Ich vermisse sie aber sehr. Als die Polizei mich nicht finden und verhaften konnte, suchten sie im Juli meine Eltern auf. Diese waren damals an Corona erkrankt und auf Sauerstoff angewiesen. Deshalb nahmen sie meine Schwester mit. Sie kam in Haft wegen mir. Inzwischen ist wieder frei, aber Wachmänner patrouillieren bis heute vor meinem Haus.»

A., junge Frau, sorgt sich, ausspioniert zu werden

«Die Hoffnungslosigkeit hat Myanmar erfasst. Die Menschen sind psychisch angeschlagen oder gebrochen. Auch ich habe das Gefühl, nur noch zu funktionieren. Ich arbeite, ich esse, ich schlafe: Für mehr fehlt mir die Energie. In meinem Umfeld sind alle verängstigt und mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Noch habe ich einen Job. Aber aus Sicherheitsgründen mussten die Arbeitszeiten reduziert werden. Bereits um vier Uhr fahren wir wieder nach Hause. Dies, damit niemand von uns in der Dämmerung unterwegs ist. Das wäre zu gefährlich. Sobald es draussen dunkel wird, kann auf den Strassen alles passieren. Zu viele Menschen kämpfen ums Überleben. Zudem hat das Militär Kriminelle freigelassen, um in den Gefängnissen Platz für politische Häftlinge zu schaffen.

Demonstrant in Yangon: Die Jugend erhebt sich.
Demonstrant in Yangon: Die Jugend erhebt sich.Bild: keystone

Mein Alltag ist eintönig geworden: Tagsüber arbeite ich, danach bin ich in meiner Wohnung. Mit Freunden spreche ich fast nur noch per Videoanrufe. Ganz selten treffe ich jemand in einem Kaffeehaus. Restaurants besuche ich gar nicht mehr, mehrfach sind darin Bomben hochgegangen. Wer hinter diesen Attentaten steckt, weiss ich nicht. Es kursieren verschiedene Gerüchte. Aber selbst wenn sie sicher wären, ginge ich nicht hin. Ich will nicht ausgehen und eine Normalität vorgaukeln, die es nicht gibt. Nichts ist mehr normal in unserem Leben.

Kurz nach dem Putsch waren unsere Hoffnungen gross, die Wasserwerfer fürchteten wir nicht. Alles änderte sich, als das Militär begann, auf uns zu schiessen. Wir haben nicht damit gerechnet, dass die Soldaten derart brutal auf uns losgehen würden. Ich hatte Glück und wurde weder verprügelt noch verhaftet. Auch kam ich in keinen Kugelhagel. Aber in nahen Quartieren töteten Soldaten Zivilisten per Kopfschuss. Seit Monaten sind viele Mitglieder der Studentenvereinigungen und Oppositionellen inhaftiert oder nachts verschwunden. Auch Medienschaffende leben in grösster Gefahr.

Ich habe zwar regelmässig an den Demonstrationen teilgenommen, sonst bin ich aber politisch nicht aktiv. Trotzdem muss ich vorsichtig sein; es ist schon gefährlich, gegen das Militär zu sein. In allen Quartieren haben sie ihre Informanten. Auf der Strasse äussere ich mich deshalb nicht über politische Themen. Einzig mit meiner Familie und Freunden spreche ich noch darüber. Aber nur im persönlichen Gespräch: Wenn das Militär will, kann es sämtliche Telefonate abhören.

Nicht alle lassen sich komplett einschüchtern. Es gibt junge Menschen, die in Form von Flashmobs weiterhin protestieren. Per Telegram organisieren sie sich und teilen Standorte, an denen keine Soldaten in der Nähe sind. Dann kommen sie für einige Minuten zusammen, skandieren lauthals gegen die Junta, hissen Flaggen oder zünden Feuerwerkskörper und verschwinden danach in alle Himmelsrichtungen.»

Aung San Suu Kyi
Aung San Suu KyiBild: keystone

O., junger Mann, wurde bei einer Demonstration verhaftet

«Viele Menschen verloren in der Pandemie ihren Job. Nach dem Putsch verliessen auch noch die ausländischen Arbeitgebende unser Land. Dadurch verschärfte sich die Lage auf dem Jobmarkt zusätzlich. Inzwischen ist die wirtschaftliche Situation verheerend, die Menschen kämpfen ums Überleben. Viele Junge verlassen das Land, um in Dubai oder Malaysia zu arbeiten. Auch ich wäre früher gegangen, wenn ich das notwendige Geld gehabt hätte. Fehlende finanzielle Mittel hindern viele an einer Ausreise. Oder sie sprechen keine Fremdsprache und sorgen sich, wie sie sich im Ausland durchschlagen können. Andere bleiben, weil sie kranke oder betagte Familienangehörige haben, um die sie sich kümmern müssen.

Ein junger Demonstrant gegen eine Übermacht der Polizei in Yangon.
Ein junger Demonstrant gegen eine Übermacht der Polizei in Yangon.Bild: keystone

Ausserhalb meiner Wohnung fühlte ich mich nicht mehr sicher. Patrouillierende Soldaten sind auf Krawall aus. Wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist, kann dies mit seinem Leben bezahlen. In meiner Strasse haben Polizisten ein Paar erschossen, weil sie nicht wie aufgefordert ihr Auto anhielten. Mit dem Putsch ist die Willkür zurückgekehrt. Wir haben unsere Menschenrechte verloren.

Trotzdem sind in den Städten einige Bars und Clubs noch offen. Dort feiern aber einzig die mit ihren Freunden und Bekannten. Also jene wirtschaftliche Elite, die eng mit dem Militär verbandelt ist. Die Bevölkerung bleibt abends zuhause. Nach acht Uhr fahren selbst in Yangon keine Busse mehr. Die Junta schränkt bewusst die Mobilität ein, um den Austausch in der Bevölkerung zu unterbinden.

Wie viele andere auch habe ich die Demonstrationen gefilmt und die Videos ins Internet gestellt, damit die Welt von unserem Kampf erfährt. Dabei wurde ich verhaftet. Anders als die Journalisten, die mit mir festgenommen wurden, hatte ich Glück und kam nach einigen Tagen frei. Allerdings nur unter einer Bedingung: Ich musste mich schriftlich verpflichten, an keiner weiteren Demonstration mehr teilzunehmen, sonst droht mir eine Strafe. Nach meiner Freilassung brauchte ich zwei Wochen, bis meine Verletzungen an den Rippen und der Kehle soweit abgeklungen waren, dass ich meine Wohnung wieder verlassen konnte. Bei der Verhaftung prügelten Soldaten auf mich ein und traten auch noch zu, als ich längst am Boden lag.

Die Bevölkerung lebt in grosser Angst. Das eint sie. Anders als vor dem Putsch ist heute eine Empathie für die unterdrückten ethnischen Minderheiten spürbar. Dass das Militär scharf auf Zivilisten schoss, hat zu diesem Umdenken geführt. Der Putsch hat viele politisiert.»

E., junge Frau, hielt die Unterdrückung nicht mehr aus und floh

«Das Leben in Myanmar ist teurer geworden. Die Preise für Lebensmittel haben sich fast verdoppelt. Händler bieten zwar noch Street Food an und einige Geschäfte sind geöffnet, aber sie können ihre Ware kaum mehr verkaufen. Viele Menschen sind in die Armut gerutscht. Ebenfalls stark angestiegen sind die Preise für die SIM-Karten und die Datenpakete. Es ist eine alte Massnahme der Junta: Sie will die Kommunikation und den Informationsfluss massiv erschweren. Das war bereits in meiner Kindheit zu Zeiten der früheren Militärdiktatur der Fall, als eine SIM-Karte rund 2000 Dollar kostete und somit für die allermeisten Menschen unerschwinglich war.

Nach dem Putsch habe ich mich hauptsächlich über Twitter und Telegram informiert, was im Land geschieht. Doch das wurde zunehmend schwieriger. Die Junta hat den Zugang zum Internet eingeschränkt und zeitweise ganz unterbunden. Wer sich heute in die sozialen Medien einloggen will, braucht eine ausländische VPN-Adresse. In Myanmar sind die sozialen Medien blockiert. Und das in einem Land, indem sich grosse Bevölkerungskreise fast nur über Facebook informiert haben.

Trotzdem wissen wir: Es herrscht extreme Gewalt im Land. Die Angst ist allgegenwärtig. Ob Taxi-Fahrer oder Verwaltungsangestellte – praktisch jeder und jede fragt sich: Wann trifft es mich?

Ich bin in den 90er-Jahren geboren. Meine Eltern schärften mir früh ein, mich ja nicht in politische Aktivitäten involviert zu lassen. 2015 erlebte meine Generation mit den Wahlen etwas gänzlich Neues: Erstmals kosteten wir demokratische Werte. Das Land öffnete sich, wir bekamen grundlegende Menschenrechte und auch die Internetzensur fiel. Plötzlich konnten wir uns im Netz informieren und austauschen. Im Wissen wie es anders sein kann, leben wir nun wieder unterdrückt und unfrei. Ich habe das nicht mehr ausgehalten und bin deshalb vor einigen Tagen nach Thailand geflohen.»

Mehr zu der Unterdrückung in Myanmar durch die Junta

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Aung San Myanmar

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Verbrechen gegen Menschlichkeit in Myanmar

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