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Brexit: The Uncivil War. Film mit Benedict Cumberbatch

Mr. Brexit: Benedict Cumberbatch spielt den Mastermind Dominic Cummings. bild: nick Wall/channel 4

Review

«The Uncivil War»: Ein Dokudrama erzählt die wahre Geschichte des Brexit

Das Chaos um den Brexit nimmt groteske Züge an. Nun hat der Fernsehsender Channel 4 einen Film über den Kopf hinter der Austrittskampagne gezeigt. Er amüsiert und schockiert in gleichem Masse.



In weniger als drei Monaten tritt Grossbritannien aus der Europäischen Union aus. Und noch immer ist völlig unklar, wie der Brexit am 29. März ablaufen soll. Premierministerin Theresa May hat die für Dezember geplante Abstimmung im Unterhaus über den mit der EU ausgehandelten Austrittsplan auf den nächsten Dienstag verschoben. Eine Mehrheit aber ist nicht in Sicht.

May soll sich laut britischen Medien mit einer Niederlage abgefunden haben. Am Mittwoch wurde sie regelrecht gedemütigt. Das Parlament verdonnerte die Regierungschefin dazu, im Fall einer Ablehnung innerhalb von drei Sitzungstagen einen «Plan B» vorzulegen. Damit wollen die Abgeordneten verhindern, dass die Regierungschefin weiter auf Zeit spielen kann.

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Der Trailer zum Film. Video: YouTube/HBO

Das Chaos um den Brexit nimmt groteske Züge an. Ein ungeordneter Austritt mit potenziell gravierenden Folgen wird wahrscheinlicher. Die Unsicherheit schlägt auf die Wirtschaft durch. Britische Firmen zögern mit Neuanstellungen, und das Weihnachtsgeschäft stagnierte erstmals seit der Finanzkrise 2008. Jeder zweite Brite fürchtet, dass die Wirtschaft dieses Jahr schrumpft.

Dokudrama und Politsatire

Mitten in diesen Wirrwarr platzte am Montag die Ausstrahlung des Films «Brexit: The Uncivil War» auf dem für seine Qualitätsprogramme bekannten Privatsender Channel 4. Es ist eine Mischung aus Dokudrama und Politsatire, wie sie (fast) nur die Briten beherrschen (das Drehbuch hat der Dramatiker James Graham verfasst). Im Zentrum steht ein Mann, den man bei uns kaum kennt.

Dominic Cummings war der Leiter und Chefstratege der «Vote-Leave»-Kampagne, die sich für den EU-Austritt einsetzte. Verkörpert wird er von Benedict Cumberbatch, dem wohl aufregendsten Schauspieler der Gegenwart. Das ist nicht ohne Pikanterie, denn er ist ein bekennender Brexit-Gegner. Trotzdem oder deshalb spielt er einmal mehr grandios.

Das erstaunt wenig (gibt es irgend etwas, das Cumberbatch nicht spielen kann?). Dominic Cummings erinnert an «Sherlock», die Rolle, der er seinen Durchbruch verdankt. Wie der fiktionale Detektiv ist der real existierende Politstratege ein «hoch funktionaler Soziopath»: Im Umgang eine menschliche Katastrophe, in der Sache ein brillanter Kopf.

epa06820597 (FILE) - Michael Gove (R) and Boris Johnson (L) swap places as they address the media after their Vote Leave campaign won the United Kingdom's EU referendum, in London, Britain, 24 June 2016 (reissued 19 June 2018). Two years ago, a narrow majority of the British people on 23 June 2016 voted in a referendum that the United Kingdom shall leave the European Union. The British government invoked the EU's Article 50 on 29 March 2017 to start the process dubbed 'Brexit'.  EPA/MARY TURNER / POOL  ATTENTION: This Image is part of a PHOTO SET *** Local Caption *** 52849009

Cummings erfand den Slogan «Take Back Control» und rekrutierte die führenden Brexit-Köpfe Boris Johnson (l.) und Michael Gove. Bild: EPA/GETTY IMAGES POOL

Dabei will er den Job ursprünglich nicht. Auch die vom damaligen Premierminister David Cameron angesetzte Abstimmung ist ihm ein Gräuel. Sie sei «entzweiend», orakelt er weitsichtig. Dann stürzt er sich doch in die Arbeit. Mit zunehmender Dauer erkennt man: Das politische Ziel interessiert Cummings überhaupt nicht. Er will beweisen, dass man die Abstimmung gewinnen kann.

Reduktion und Emotion

Dafür setzt er auf maximale Reduktion, im Gegensatz zur «Remain»-Kampagne, die von Camerons Kommunikationsdirektor Craig Oliver (Rory Kinnear) geleitet wird. Diese identifiziert sieben potenzielle Zielgruppen. Dominic Cummings hingegen macht es sich einfach: Je ein Drittel der Bevölkerung ist für oder gegen die EU. Relevant ist nur jenes Drittel, das unentschlossen ist.

Und während die Befürworter der EU-Mitgliedschaft die Köpfe der Menschen ansprechen wollen und dabei auf Wirtschaft und Arbeitsplätze setzen, zielt Cummings' Kampagne auf den Bauch, mit den Argumenten Geld und Zuwanderung. Fast nebenbei entwickelt der Chefstratege den ebenso simplen wie genialen Brexit-Slogan: «Take Back Control» – die Kontrolle zurückholen.

3 Millionen Stimmen dank Datamining

Dabei belässt es Cummings aber nicht. Er trifft sich auf konspirative Weise mit dem Chef der kanadischen Firma AggregateIQ. Dieser verspricht ihm drei Millionen «zusätzliche» Stimmen, «von denen die Gegenseite nicht einmal weiss, dass sie existieren». Gemeint sind Menschen, die sich von der Politik abgewendet haben und die mit Datamining mobilisiert werden sollen.

Das sagen die Briten zum Brexit-Chaos

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Video: srf

Spätestens hier wird es gruselig, denn man denkt unvermeidlich an die Skandalfirma Cambridge Analytica. Sie war ebenfalls in die «Leave»-Kampagne involviert und wird im Film erwähnt. Auch der ultrarechte US-Milliardär Robert Mercer, der wichtigste Unterstützer von Donald Trump, taucht auf. Und selbst Steve Bannon erscheint kurz als schattenhafte und entsprechend unheimliche Figur.

Späte Einsicht

Am Ende des Films wird erwähnt, dass Cummings rund eine Milliarde (!) Botschaften an potenzielle Brexit-Befürworter versandt hatte, basierend auf den Daten von AggregateIQ und Cambridge Analytica. Doch wie im Fall von Trump gilt: Mit «Datenklau» allein lässt sich das Ergebnis nicht erklären. Man muss auch die Emotionen mobilisieren können.

Das «Remain»-Lager realisiert dies viel zu spät. Kurz vor der Abstimmung im Juni 2016 kommt es zu einem zufälligen und fiktiven Treffen zwischen Craig Oliver und Dominic Cummings in einer U-Bahn-Station, mit anschliessendem Bier im Pub. Dabei bringt es Oliver auf den Punkt: «Es geht bei dieser Abstimmung nicht um die Mitgliedschaft in einem Wirtschaftsraum. Sondern um die Seele der Nation.»

Fragwürdige Darstellungen

Es ist die Qualität von «Brexit: The Uncivil War», dass man in einem Moment über eine Pointe lacht und im nächsten einen eiskalten Schauer verspürt. Nicht alles ist gelungen. Es lässt sich nicht leugnen, dass die Macher des Films den Brexit ablehnen. So werden prominente Befürworter wie Nigel Farage und Boris Johnson als Knallchargen dargestellt.

epaselect epa06801913 Leave.EU Brexit campaign co-founder Arron Banks on his arrival to face questions by members of the British Parliament, Digital, Culture, Media and Sport committee, at Portcullis House in London, Britain, 12 June 2018. Reports state that Arron Banks is facing questions about claims linking him to Russian officials and about their campaign group () influence of Russia on the Brexit referendum result.  EPA/NEIL HALL

Brexit-Financier Arron Banks steht im Zwielicht. Bild: EPA/EPA

Das ist vor allem im Fall von Arron Banks problematisch, dem Multimillionär und wichtigsten Brexit-Geldgeber. Gegen ihn läuft ein Verfahren wegen mutmasslicher Verletzung des Wahlgesetzes. Ausserdem soll sich Banks mit Vertretern der russischen Botschaft in London getroffen haben, auch wegen Geschäften in eigener Sache. Ein Schelm, wer an Donald Trump denkt.

Der Film

«Brexit: The Uncivil War» kann man mit einem TV-Abo mit Replay-Funktion sehen, das Channel 4 enthält. Auf der Website des Senders ist der Film ebenfalls erhältlich, allerdings nur für Einwohner von Grossbritannien und der Republik Irland. Man muss also zu einschlägigen Tricks greifen. Ab dem 19. Januar läuft der Film zudem auf dem US-Bezahlsender HBO.

Die Vorzüge des Films aber überwiegen bei weitem. Nach dem Ja zum Brexit stimmt nur einer nicht in den Jubel im «Leave»-Hauptquartier ein: Dominic Cummings. Erst jetzt scheint er realisiert zu haben, was er angerichtet hat. Der Brexit hat die britische Gesellschaft in zwei unversöhnliche Lager gespalten und das heutige Chaos ausgelöst.

«Brexit: The Uncivil War» (ein schönes und kaum übersetzbares Wortspiel) ist ein Lehrstück über die Gefährdung der Demokratie durch Populisten, die mit grenzwertigen Methoden Emotionen schüren. Und denen man mit Vernunft kaum beikommt. Denn wie formuliert es Cummings / Cumberbatch in der Eingangssequenz: «Jeder weiss, wer gewann. Aber nicht jeder weiss, wie.»

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Kack Jerouac 11.01.2019 22:57
    Highlight Highlight Toller Film, sehr unterhaltsam. Wahre Geschichte? Nein, Fiktion halt - BC trotzdem genial
  • Albert J. Katzenellenbogen 11.01.2019 19:45
    Highlight Highlight Die wahre Geschichte, mmhm...
    Benutzer Bild
  • Selbst-Verantwortin 11.01.2019 17:29
    Highlight Highlight „erzählt die wahre Geschichte des Brexit“. Ja, genau wie das Ende des Artikels...
    Echt jetzt: ist es undenkbar, dass Menschen in UK bewusst und teilweise reflektiert aus der EU raus wollten? Demokratie respektieren, heisst zu akzeptieren, dass auch andere Meinungen vernünftig sein können.
    Ob es zum Vor- oder Nachteil von UK ist, kann frühestens in 10 Jahren beurteilt werden.
  • roger.schmid 11.01.2019 15:59
    Highlight Highlight "ein Lehrstück über die Gefährdung der Demokratie durch Populisten, die mit grenzwertigen Methoden Emotionen schüren. Und denen man mit Vernunft kaum beikommt."

    Und auch hier wieder mit gütiger Mithilfe des Kremls, der die westlichen, liberalen Demokratien beschädigen und teilen will - und dafür von Rechts- und Linksradikalen sogar noch Applaus erhält..

    https://www.theguardian.com/world/2018/jan/10/russian-influence-brexit-vote-detailed-us-senate-report
  • Pana 11.01.2019 15:32
    Highlight Highlight "Im Zentrum steht ein Mann, den man bei uns kaum kennt."

    Also den Cumberbatch kenn ich im Fall :)
  • Theor 11.01.2019 14:18
    Highlight Highlight Klingt echt toll und Cumberbatch seh ich immer gerne. Schade, dass der Film vorerst nicht ohne grossen Aufwand zu kriegen ist.
    • Cityslicker 11.01.2019 15:02
      Highlight Highlight Welcher grosse Aufwand? Zattoo-Abo, Replay drücken, fertig!
    • Theor 11.01.2019 15:15
      Highlight Highlight Warum sollte ich ein Zattoo-Abo lösen wegen einem einzigen Film?
    • Onkel Jenny 11.01.2019 15:27
      Highlight Highlight Ganz meine Meinung. Dann halt von den bekannten Seiten streamen.

      Schade, habt ihr uns nicht einfach vorher mal darauf hingewiesen.
      Ist ja bei Teleboy und Konsorten frei verfügbar der Sender.
    Weitere Antworten anzeigen
  • tomtom1 11.01.2019 14:05
    Highlight Highlight Eine "Gefährdung der Demokratie" sind Journalisten, die nicht akzeptieren wollen, dass Menschen eine andere Meinung als die der Medien haben können.
    • Klaus07 11.01.2019 23:06
      Highlight Highlight Das Problem sind sicher nicht die Journalisten, das Problem ist ein grosser Teil des Volkes, die zu faul sind selber zu denken. Das ganze zeigt nur auf, dass auch einer Demokratie Grenzen gesetzt sind.

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