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Anti-Kriegs-Artikel und viele Schilder: Diese Russen stellten sich am 9. Mai gegen Putin

10.05.2022, 16:3810.05.2022, 18:15

Am 9. Mai feierte der russische Präsident Wladimir Putin den «Tag des Sieges». Doch nicht alle Russen feierten mit.

Während der Feierlichkeiten rund um den 9. Mai kam es in ganz Russland zu mehreren Aktionen von Aktivisten, die sich auf die eine oder andere Art gegen das Regime sowie den aktuellen Angriffskrieg in der Ukraine auflehnten: Unter anderem liessen sie auf Schildern ihre Ahnen für den Frieden sprechen und zwei bis anhin Kreml-treue Journalisten überschwemmten ein Newsportal mit Anti-Kriegs-Texten.

Ein bei Weitem nicht vollständiger Einblick in den russischen Aktivismus am 9. Mai 2022:

Die Aktion «Dafür haben sie nicht gekämpft»

Subtile Protest-Aktionen ereigneten sich am 9. Mai im Rahmen der Gedenkmärsche des «Unsterblichen Regiments Russland». Denn in diesem Jahr schmuggelten sich Aktivisten der Aktion «Dafür haben sie nicht gekämpft» unter die Massen, wie die deutlich regierungskritische Vesna-Bewegung in ihrem Telegramkanal berichtet.

Die Märsche «Unsterbliches Regiment Russland» finden seit 2012 in hunderten Städten in mehreren Ex-Sowjetstaaten statt. Dabei gedenken die Menschen ihren Ahnen, die während des «Grossen Vaterländischen Kriegs» getötet wurden. Dazu tragen sie Schilder mit sich, auf denen Fotos der gefallenen Soldaten oder getöteten Zivilisten zu sehen sind. Gerade in Russland sind die Porträts häufig mit einem Sankt-Georgs-Band geschmückt.

Marsch des «Unsterblichen Regiments Russland» in St.Petersburg, 9. Mai 2022.
Marsch des «Unsterblichen Regiments Russland» in St.Petersburg, 9. Mai 2022.Bild: keystone

Allein in Moskau beteiligten sich im letzten Jahr rund 500'000 Menschen am Marsch «Unsterbliches Regiment Russland». Unter den Teilnehmenden war in den letzten Jahren auch Putin mit einem Porträt seines Vaters.

Russlands Präsident Wladimir Putin marschiert in Moskau im «Unsterblichen Regiment Russlands» mit einem Foto seines Vaters, 9. Mai 2022.
Russlands Präsident Wladimir Putin marschiert in Moskau im «Unsterblichen Regiment Russlands» mit einem Foto seines Vaters, 9. Mai 2022. Bild: keystone
Sankt-Georgs-Band
Das Sankt-Georgs-Band ist das wichtigste Zeichen der Erinnerung an den russischen Sieg im Deutsch-Sowjetischen Krieg (1941–1945). Es geht auf einen militärischen Orden zurück, der im Russischen Kaiserreich verliehen wurde.

Das Band besteht aus drei schwarzen und zwei orangen Streifen, die sich abwechseln.

Seit einigen Jahren wird es als Symbol der Unterstützung für die russische Regierung und Präsident Wladimir Putin umgedeutet.

Einige Perlen des stummen Protestes

In einigen Städten organisierten sich in diesem Jahr also Aktivisten der Aktion «Dafür haben sie nicht gekämpft» innerhalb der Märsche des «Unsterblichen Regiments Russland». Sie trugen unter anderem Plakate, auf denen neben einem Foto des Veteranen kleine Anti-Kriegs-Botschaften prangten.

Ein Plakat mit dem Namen des gefallenen Soldaten und dem Satz «Er kämpfte nicht dafür».
Ein Plakat mit dem Namen des gefallenen Soldaten und dem Satz «Er kämpfte nicht dafür».Bild: Screenshot Telegram @Движение «Весна»

Einer der Teilnehmenden der Protestaktion war der bekannte Aktivist Wladimir Saltewsky in Nowosibirsk. Er marschierte gleich mit zwei Anti-Kriegs-Plakaten:

«Ich schäme mich für euch, Enkelkinder!
Wir haben für den Frieden gekämpft, ihr habt den Krieg gewählt.»

Und:

«Wir haben jenen Faschismus besiegt, wir werden auch diesen besiegen.»

Saltewsky sei verhaftet worden und ein Ordnungswidrigkeitsverfahren wegen «Diskreditierung der Armee» sei gegen ihn eröffnet worden, schreibt das Kreml-kritische Newsportal Mediazona. Saltewsky sei mittlerweile wieder auf freiem Fuss.

In der Stadt Korolew wurde Jekaterina Woronina aus der Menge herausgezogen und festgenommen, da sie ein Schild mit dem Foto ihres Grossonkels hochhielt, auf dem zu lesen war:

«Er wollte es nicht wiederholen.
Grossvater sagte: ‹Wenn es nur keinen Krieg gäbe!›»

Woronina befinde sich immer noch auf dem Polizeiposten, wie Ovd.info schreibt.

In Irkutsk ist Amir Amayrech festgenommen worden. Er hielt ein A-4-Blatt, auf dem lediglich ein einziges Wort stand:

«Frieden»

Der Menschenrechts-Anwalt Valery Teterin besuchte Amayrech auf dem Polizeiposten, berichtet Ovd.info. Noch am 9. Mai sei der Aktivist wieder freigekommen.

In St.Petersburg wurde der städtische Abgeordnete Sergei Samusew festgenommen, da er mit einem Porträt des Konzentrationslager-Überlebenden Boris Romantschenko am «Unsterblichen Regiment Russland» teilnahm.

An einem Kontrollpunkt habe die Polizei die Inhalte der Plakate überprüft und Samusew ohne Erklärung festgenommen, wie Mediazona berichtet. Gegen den Politiker sei ein Verfahren wegen «Diskreditierung der russischen Armee» eröffnet worden, er befinde sich aber wieder in Freiheit.

Der 96-jährige Romantschenko wurde am 18. März 2022 in Charkiw unter den Trümmern seines Hauses begraben, nachdem eine russische Rakete eingeschlagen hatte.

In Moskau wurde Artyom Potapow festgenommen, der Kriegsgegner am Rand des Marsches «Unsterbliches Regiment Russland» mit Süssigkeiten verwöhnte, das berichtet Ovd.info unter Berufung auf die Ehefrau Potapows.

Potapovw habe mit einer Schachtel Raffaellos auf einer Bank auf dem Puschkin-Platz gesessen und ein Schild neben sich liegen gehabt, auf dem stand:

«Wer gegen den Krieg ist, gönnt sich eine Süssigkeit.»

Zusammen mit Potapow sei der Journalist Yegor Schatow festgenommen worden, der den stillen Demonstranten interviewte.

Der Aktivist Nikita Roditschew platzierte sich mit einem durchaus provokativen Schild auf dem Trubnaya-Platz in Moskau, wie Avtozak LIVE berichtet. Auf seinem Schild war ein Peace-Symbol und daneben auf Englisch die Worte:

«Russland verhafte mich. Ich gebe einen Scheiss darauf!!!»

Roditschew wurde festgenommen.

Nikita Roditschew und sein Schild in Moskau. «Russland verhafte mich. Ich gebe einen Scheiss darauf!!!»
Nikita Roditschew und sein Schild in Moskau. «Russland verhafte mich. Ich gebe einen Scheiss darauf!!!» Bild: Screenshot telegram @Avtozak live

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40 Anti-Kriegs-Artikel in der Propaganda-Mühle

Die zwei russische Journalisten, Alexandra Miroschnikowa und Egor Polyakow, fluteten am Morgen des 9. Mai die beliebte kremlnahe Newsportal Lenta.ru mit Antikriegsartikeln, wie unter anderem Meduza berichtete.

Es handelte sich um die grösste Protestaktion in den russischen Staatsmedien, seit Marina Owsjannikowa Mitte März mit dem Schild «Stoppt den Krieg» eine Nachrichtensendung stürmte.

In ihren Texten betitelten Poljakow und Miroschnikowa Putin als «erbärmlichen paranoiden Diktator» und beschuldigten ihn, für «den blutigsten Krieg des 21. Jahrhunderts» verantwortlich zu sein.

Später gaben sie dem britischen «Guardian» ein Interview, in dem der 30-jährige Polyakow sagt:

«Gewöhnliche Menschen sterben, friedliche Frauen und Kinder sterben in der Ukraine. (...) Das war das einzig Richtige, was wir tun konnten.»

Die Titel der von Poljakow und Miroschnikowa veröffentlichten Artikel trugen Titel wie:

Poljakow erklärte dem «Guardian», dass jeder Artikel aufgrund von «online verfügbaren Informationen» verfasst worden sei. Die Artikel wurden inzwischen zwar von der Front genommen, können aber weiterhin über ein Web-Archiv-Tool abgerufen werden.

Lenta.ru ist eine der grössten Websites des Landes mit mehr als 200 Millionen monatlichen Usern. Bislang war sie ein fester Bestandteil der unerbittlichen Propagandamaschine, mit der Putin den Einmarsch Russland in die Ukraine rechtfertigte.

«Natürlich habe ich jetzt Angst», sagte Poljakow dem «Guardian». «Aber ich wusste, was ich tue und welche Folgen das haben kann.»

Trotzdem: Die beiden seien auf der Suche nach Anwälten und politischem Asyl, wie sie unter den Artikel «Krieg macht es einfacher, Misserfolge in der Wirtschaft zu vertuschen» schrieben.

Russland hat erst vor kurzem ein Gesetz verabschiedet, das es erlaubt, bis zu 15 Jahre Haft auf nicht genehme Berichterstattung über den Krieg zu verhängen.

(yam)

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Russlands Militärparade für den «Tag des Sieges»

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7 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Kruk
10.05.2022 16:58registriert April 2019
"In Irkutsk ist Amir Amayrech festgenommen worden. Er hielt ein A-4-Blatt, auf dem lediglich ein einziges Wort stand: «Frieden»

Und ich habe gedacht das Wortb" Krieg" sei verboten.
Das Gegenteil von Frieden ist Spezialoperation.
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Nick Name
10.05.2022 18:17registriert Juli 2014
Grossartig, diese Menschen!

(Nebenbei: Sind das nun auch «die Russen», die andere in anderen Beiträgen so beschimpfen?)
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