DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Der Neonazi Chris Cantwell im «Vice»-Film «Charlottesville – Race and Terror» und Tage später den Tränen nahe in seiner Videobotschaft. screenshot: youtube/vice

Vom TV-Star zum heulenden Wrack – der Untergang des Charlottesville-Neonazis in 3 Akten

In einer Dokumentation über die Proteste in Charlottesville poltert der Neonazi Chris Cantwell gegen Schwarze und Juden. Kurz nach der Ausstrahlung des Films verliert er alles: seine Würde, seine Bewegungsfreiheit und seine Dating-App.



Prolog

Anhänger der White-Supremacy-Ideologie, des Ku-Klux-Klan, Neonazis, Identitäre und andere rechtsextreme Nationalisten marschierten am Samstag, dem 12. August, durch Charlottesville, Virginia, um den Abriss einer Statue von General Robert E. Lee zu verhindern. Die 32-jährige Heather Heyer starb, nachdem ein Neonazi sein Auto mit voller Wucht in eine Ansammlung von linken Gegendemonstranten steuerte. Mindestens 19 weitere Personen wurden verletzt, fünf davon schwer. 

Nach der Terror-Attacke sind amerikanische Rechtsextreme ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Wer sind sie? Was wollen sie? Und warum hassen sie so sehr? 

Bei der Bewältigung dieser Fragen kam dem selbsternannten Neonazi Christopher Cantwell eine wenig schmeichelhafte Hauptrolle zu. Über Nacht wurde der 38-Jährige aus Keene, New Hampshire, zur Weltberühmtheit, weil er in einer Video-Dokumentation unverblümt über seine rassistische Gesinnung spricht. Nach der Publikation des Videos fiel Cantwell tief. 

Der Nazi mit der dicken Hose

Die «Vice»-Journalistin Elle Reeve will die angekündigte Demonstration von Rechtsextremen in Charlottesville dokumentarisch begleiten. Sie mischt sich mit der Kamera unter die Demonstranten und begegnet Christopher Cantwell. Der 38-Jährige prahlt vor der Kamera, dass er mit drei Handfeuerwaffen, einem Messer und zwei Sturmgewehren zur Demonstration angereist ist. Er sagt Sätze wie: «Natürlich bin ich zu Gewalt fähig. Ich trage eine Waffe, ich gehe die ganze Zeit ins Gym», oder: «Wir sagen nicht, dass wir nicht gewalttätig sind. Aber wir sind nicht die Aggressoren. Aber wenn wir müssen, werden wir diese Leute umbringen.»

Als dann tatsächlich passiert, was Cantwell androhte, und er von der Journalistin damit konfrontiert wird, sagt er in die Kamera: «Es wurden Leute verletzt, weil unsere Rivalen dumme Tiere sind, die nicht aus dem Weg gehen konnten. Diese Leute wollten Gewalt. Wir Ultrarechten befriedigen nur die Nachfrage. Ich bin sicher, dass noch viel mehr Menschen sterben werden».

Charlottesville: Race and Terror

abspielen

Die «Vice»-Dokumentation über den rechtsextremen Terror in Charlottesville. Video: YouTube/VICE

Nach dem verheerenden Anschlag am Wochenende wird die «Vice»-Dokumentation am Montag ausgestrahlt. Die Zugriffszahlen auf das Video wachsen stündlich an. Cantwell ist inzwischen nach Hause zurückgereist. Er frischt seine Facebook-Profilbilder mit aktuellen Fotos von Charlottesville auf. Sie zeigen ihn selbst inmitten der Gewalt vom Wochenende.

Der Nazi, der mit den Tränen kämpft

Bis Mitte Woche wird das «Vice»-Video über 30 Millionen Mal geschaut. Über Cantwell bricht ein Shitstorm herein. Auf den sozialen Medien wird er beschimpft, vor seinem Haus bedroht. Er flieht an einen unbekannten Ort und wendet sich mit einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit. Es ist unklar, wo das Video zuerst auftauchte. Nur nach wenigen Stunden findet es seinen Weg auf YouTube und ist für Millionen einsehbar.

Auf dem Bild ist ein verzweifelter Cantwell zu sehen. Augenringe, die laufende Nase, entsetzt hochgezogene Augenbrauen zeugen von seinem Elend. Ihm sei mitgeteilt worden, dass ein Haftbefehl gegen ihn vorliege, sagt er. Doch er könne das Haus nicht verlassen, um dies zu verifizieren. «Es ist für mich derzeit nicht klug, irgendwohin zu gehen, da draussen herrscht Ausnahmezustand.»

«Ich habe Angst.»

abspielen

Der den Tränen nahe Cantwell. Video: YouTube/Paige Carter

Er schluchzt, zieht die Nase hoch, atmet durch und entschuldigt sich für den Aussetzer. Mit zittriger Stimme sagt er, er wolle doch friedlich sein und das Gesetz befolgen. Um das sei es doch die ganze Zeit gegangen. «Und jetzt schaue ich CNN, die von den gewalttätigen weissen Nationalisten berichten. Wir haben alles in unserer Macht stehende getan, um das Ganze friedlich abzuhalten, versteht ihr?!»

Er lässt ausrichten, dass er sich der Polizei stellen wolle, wenn sie ihn holen komme. Er sagt seine Telefonnummer und fordert, dass man ihn anrufen und informieren möge, falls die Polizei ihn suche. Er werde ihr mitteilen, wo er sich aufhalte. «Ich habe Angst, dass ihr mich umbringt, das habe ich wirklich. Ich habe das Gesetz nicht gebrochen. Klar, ich kam mit Gewalt in Berührung, das steht ausser Frage und das will ich auch nicht verstecken, aber ich habe das nur getan, um mich selbst und andere zu verteidigen.»

Der Nazi ohne Dating-App

Bis Ende Woche haben Tausende Cantwells Video gesehen. Die Kommentarspalten explodieren mit Beschimpfungen und Drohungen, die sich gegen den Neonazi richten. Weil er in der Videobotschaft seine Telefonnummer genannt hat, wird er mit Anrufen bombardiert. Sein Name erscheint in vielen Zeitungen. Er wird bezeichnet als «weepy nazi», als weinerlicher Nazi. Doch die Woche ist für Cantwell noch nicht vorbei.

Am Freitag vermeldet «OkCupid», eine bekannte Online-Kontaktbörse, dass Cantwells Account gelöscht wurde und er für den Rest seines Lebens von der Plattform verbannt werde. In ihrer Mitteilung schreibt die Kontaktbörse, sie sei darauf aufmerksam gemacht worden, dass Cantwell einen «OkCupid»-Account habe. Innert zehn Minuten sei die Sache erledigt gewesen. Von den vielen Entscheidungen, die sie jeden Tag fällen müsste, sei diese eine einfache gewesen. «OkCupid hat null Toleranz für Rassismus», lässt sich die Plattform zitieren.

Daraufhin wird Cantwell auch von Tinder rausgeschmissen. Sein YouTube-Channel, seine Facebook-Seite, der Twitter-Account werden ebenfalls gelöscht. Die Tech-Unternehmen erklären nach Charlottesville, dass sie ihre Plattformen von Extremisten aller Art säubern wollten. 

Epilog

Die Staatsanwaltschaft von Virginia hat laut Medienberichten inzwischen bestätigt, dass gegen Cantwell ein Haftbefehl vorliegt. Ihm wird einerseits der «illegale Gebrauch von Gasen» und «Verletzungen durch Ätzmittel oder Sprengstoff» angelastet. 

Cantwell lässt über seinen Blog ausrichten, dass er sich einen Anwalt genommen habe.

«Wahnsinn»: Reaktionen auf Trumps Verteidigung der «Alt Right»

Video: watson

Rassisten-Aufmarsch in US-Unistadt

1 / 19
Rassisten-Aufmarsch in US-Unistadt
quelle: ap/ap / steve helber
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Das könnte dich auch interessieren:

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Urteil gegen Ex-Polizist wegen Tötung George Floyds

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

USA und Nato haben Abzug aus Afghanistan begonnen – Gewalt hält an

Begleitet von Gewalt hat am Samstag nach einem fast 20 Jahre langen Einsatz der offizielle Abzug internationaler Truppen aus Afghanistan begonnen. Aus mehreren Provinzen des Landes wurden Zwischenfälle und Gefechte gemeldet, denen afghanische Zivilisten oder Sicherheitskräfte zum Opfer fielen. Die rund 10'000 Nato-Soldaten der Ausbildungsmission «Resolute Support», darunter 2500 Soldaten aus den USA und rund 1100 aus Deutschland, werden bis spätestens September das Land verlassen.

Faktisch hatte …

Artikel lesen
Link zum Artikel