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Handy mit Objektiv

Immerhin ein bisschen Spass hatte ich mit dem Teil. Bild: watson

Wie ich eine Woche lang ein altes Handy aufgezwungen bekam – und fast verrückt wurde

Nein, ich wurde nicht wahnsinnig. Muahahaha!



Was hat sich meine Chefin kaputt gelacht, als sie auf die grandiose Idee kam, mir mein Smartphone wegzunehmen. Fairerweise muss man sagen, dass ich natürlich vorher einwilligen musste. Sie würde mich nie zwingen. Gelacht hat sie trotzdem.

Für mich ist mein Smartphone in erster Linie ein Arbeitsgerät. Irgendwann vor ein, zwei Jahren hat es meinen Laptop als primäre Schnittstelle zur digitalen Welt klammheimlich abgelöst. Ich habe sogar angefangen, den Google Kalender zu benutzen, was für mich bis vor einiger Zeit noch der Inbegriff der digitalen Spiessigkeit war. Naja.

Ich muss also mein schlaues Telefon gegen ein altes eintauschen.

«Und wehe, da ist ‹Snake› drauf», ermahnt mich meine Chefin.

Damit ich für meine smartphonefreie Woche keine Vorbereitungen treffen kann, werde ich freundlichst dazu genötigt, mir noch am selben Tag ein Old-School-Handy zu besorgen. Erwartungsgemäss verläuft die Suche bei den Arbeitskollegen fruchtlos. Also marschiere ich in einen Elektrofachhandel und sage zum Verkäufer:

«Ich brauche das älteste und schrecklichste Handy, das Sie auftreiben können.»

«Smartphone kaputt?», hakt der junge Verkäufer verständnisvoll nach. 

«Nein», sage ich.

«Äh, okay», meint er irritiert und schaut mich an, als hätte ich gerade eine Pizza Hawaii bei ihm bestellt.

Fünf Minuten später bin ich stolzer Besitzer eines Alcatel-Mobiltelefons. ALCATEL! Hatte nicht mein Grossvater so eins? Ich erinnere mich noch vage daran, wie stolz er auf dieses Teil war.

«Weisst du, Pascal, das ist ein Handy, extra für Senioren, ohne diesen ganzen modernen Schnickschnack.»

Na grossartig.

Animiertes GIF GIF abspielen

Bild: Warner Bros. via Giphy

Tag 1

Ich sitze im Zug nach Hause. In 45 Minuten muss ich umsteigen. Ich schaue auf mein neues Handy. Zeit, das Ding in Betrieb zu nehmen.

Alcatel-Handy, mega alt, Tasten-Handy

Okay, so hässlich ist es gar nicht. Bild: watson

Deckel ab, Akku raus, SIM-Karte rein. Zwei Minuten später gucke ich auf den pixeligen Bildschirm in doppelter Briefmarkengrösse. Immerhin ist er farbig. Ich wechsle ins Menü, schau mir an, was das Ding alles so kann.

Daneben hat es noch diverse weitere Anwendungen darauf, von denen mein Grossvater bestimmt begeistert gewesen wäre. Zum Beispiel einen Umrechner von Pfund zu Kilogramm. Warum auch immer.

Dr Evil Meme Apps

Bild: imgflip

Ich sitze immer noch im Zug. Noch 30 Minuten, bis ich umsteigen muss. Ich blicke auf meinen Kopfhörer, der wie ein abgetrenntes Gliedmass nutzlos neben mir liegt.

Eine ganze Woche ohne Musik. 90 Minuten pro Weg, 180 Minuten pro Tag, 900 Minuten pro Arbeitswoche. In meinen Gedanken höre ich meine Chefin lachen.

Tag 2

Seit etwa einer halben Stunde versuche ich, eine SMS zu schreiben. Ich krieg's nicht hin! Irgendwie ist da so ein Wortvorhersage-Dings installiert. Ständig fügt es mir irgendwelche Wörter ein, die da nicht hingehören!

Ich versuche das Wortvorhersage-Dings auszuschalten. Das Handy lässt mich nicht.

Ich google nach einer Lösung. Fehlanzeige. Natürlich nicht auf meinem Handy. Ich muss jetzt jedes Mal, wenn ich irgendetwas wissen will, meinen Laptop hochfahren. Echt mega!

Die Suche ergibt null brauchbare Treffer. Keine Person, die das Internet benutzt, verwendet dieses Handy.

Ich konsultiere die Anleitung. DIE ANLEITUNG! Da steht: 

Eine Textnachricht verfassen

1. Öffnen Sie den Texteditor.
2. Geben Sie Ihre Nachricht ein.

«AH NEIN, WIRKLICH?!», keife ich das Dokument vor mir an. Grossartig. Es ist erst der zweite Tag und ich fange schon an, Gegenstände anzuschnauzen.

Nach weiteren fünf Minuten gebe ich auf.

Nun ist es offiziell: Ich bin zu dumm, um auf einem Tasten-Handy Nachrichten zu schreiben.

Damit ihr es nicht tun müsst:

Animiertes GIF GIF abspielen

Bild: Giphy

Plötzlich ein Piepen. Eine eingehende Nachricht. Ich bin aufgeregt. Meine erste empfangene SMS! Wer könnte das sein?

Meine Freundin? (Sie weiss von meinem Experiment.)

Meine Mutter? (Sie schreibt mir nur SMS.)

Mein bester Kumpel, der sich fragt, warum ich auf Whatsapp seit zwei Tagen nicht zurückschreibe und sichergehen will, dass ich noch lebe, bevor er das Leichenschauhaus anruft?

«40.95 CHF wurden Ihrer Kreditkarte belastet», steht auf dem matten Display.

Haha.

Tag 3

Ich kann SMS schreiben!!! Ich fühle mich gerade wie Tom Hanks in «Cast Away», als er es nach gefühlt 1000 Tagen endlich geschafft hatte, Feuer zu machen.

Ich meine diese Szene:

Cast Away 
Tom Hanks
Ich habe Feuer gemacht
https://www.youtube.com/watch?v=7EWDxhBTjw4

Bild: 20th century fox via imgflip

Okay, kleine Korrektur: Ich kann sehr, sehr langsam SMS schreiben.

Meine erste Nachricht geht an meine Freundin:

«Ich will eine SMS schreiben.»

Rückblickend wünsche ich mir, ich hätte mir etwas Bedeutsameres als ersten Satz überlegt. Mit mehr Tiefgang. So wie Neil Armstrong. Oder der Typ, der das Telefon erfunden hat.

«Das Pferd frisst keinen Gurkensalat.»

Philip Reis aka. der Typ, der das Telefon erfunden hat.

Meine zweite Nachricht geht an meinen Kumpel. In atemberaubendem Schneckentempo tippe ich die Nachricht ein, die da besagt, dass ich ihn krankheitshalber leider nicht treffen kann.

Seine Antwort folgt prompt:

Können wir machen – aber die viel dringendere Frage ist: Wieso schreibst du mir SMS? :D

Fünf Minuten später habe ich ihn über mein kleines Experiment aufgeklärt und erwarte freudig seine Beileidsbekundungen. Seine Antwort folgt auch sogleich:

«Spinnst du?»

Nach und nach etablieren sich erste Konversationen via SMS. Schon kurze Zeit später klicke ich mich in meinem Posteingang durch unzählige einzelne Nachrichten, die ich zu einem Text zusammensetzen muss.

SMS Verlauf

Was bei meinem Kumpel schön in einem Verlauf angezeigt wird, darf ich dann in sieben einzelnen Nachrichten zusammenbasteln. Bild: watson

Dann ist plötzlich Schluss.

«Ihr Posteingang ist voll», meckert mein Handy.

Ich habe 53 SMS empfangen.

Tag 4

Ich bin immer noch krank. Mein Handy ist immer noch alt.

Tag 5

Heute ist richtig viel los. Unter anderem motze ich mein Handy ordentlich mit Stickern aus dem neusten «Bravo»-Heftchen auf. Ich hab mir die nicht gekauft! Die lag in unserem Pausenraum. Wirklich!

Warum? Keine Ahnung. Aber sie ist allemal spannender als mein Handy. Schlagartig werde ich wieder zu einem 10-jährigen Jungen (der natürlich nie eine Bravo gelesen hat, nein, nein!) und beklebe mein Handy mit bunten Stickern. Juhu!!!

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Mein altes, dekoriertes Handy
quelle: watson
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Ausserdem benutze ich heute erstmals die Kamera in meinem alten Knochen. Die hat eine Auflösung von gefühlt vier Pixeln. Ich schlendere also an diesem erstaunlich warmen Abend an der Reuss in Luzern entlang und mache Fotos.

Bilder von Luzern, aufgenommen mit einem alten Handy

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Bilder von Luzern, aufgenommen mit einem alten Handy
quelle: watson
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Fazit: Die Kamera hat bei schlechtem Licht definitiv noch Luft nach oben. Aber wenigstens kann man so im Ausgang keine peinlichen Selfies schiessen.

Tag 6

Auf dem Heimweg im Zug.

Die Pendlerzeitung hab ich durch. Meine Heftchen auch. Genauso wie alle Plakate, Prospekte, Sicherheitshinweise und das äusserst faszinierende Sitzmuster der SBB.

Smalltalk kann ich vergessen. Ohne Smartphone bin ich nur der Depp, der nie weiss, wie das Wetter morgen wird.

Mein Handy liegt vor mir auf dem Seitentischchen. Ich starre es an. Mein Handy starrt zurück.

«Du dummes Ding! Du kannst gar nichts! Nicht einmal Musik hören kann ich mit dir!», möchte ich ihm entgegenschreien. Ich sage nichts. Es kommt bei den Mitmenschen nicht gut an, wenn man anfängt, sein Handy anzuschreien.

Ich gucke aus dem Fenster.

Baum.

Wiese.

Baum.

Baum.

Haus.

Haus.

Haus.

Strasse.

Baum.

Eine Woche ohne Smartphone

Bild: watson

Die Geräuschkulisse ist dafür atemberaubend. Das tiefe, voluminöse Husten meines Sitznachbarn wird von den sanften Klängen eines schreienden Babys begleitet. Währenddessen weigert sich ein anderer Fahrgast kontinuierlich, sich seine Nase zu putzen. Andauernd hochziehen ist auch viel cooler.

«Nur noch einen Tag», sage ich mir immer wieder.

Tag 7

Mein Zug fällt aus. Schnell in der App gucken, wann der nächste fährt. Mist.

Mich bei einer Website mit Zwei-Faktor-Authentifizierung einloggen. Mist.

Heute ins Kino? Klar! Ich guck grad schnell, welche Filme laufen. Mist.

Die aktuellsten News lesen. Mist.

Kannst du mir dieses mega wichtige Dokument noch schnell per Whatsapp schicken? Mist.

Schnell jemandem ein lustiges Foto schicken. 50 Rappen pro MMS.

Am Schluss meiner Woche fragt mich meine Freundin, ob es sehr schlimm war. Ich verneine.

«Ahja? Also behältst du das alte Teil noch etwas länger?»

«Ja klar», antworte ich. «Und morgen kauf ich mir dann gleich einen Walkman und danach schauen wir einen Film auf VHS.»

Nachwort

So, jetzt lachst du mich sicher schön aus. Eine Woche ohne Smartphone und schon so am Rumjammern. Du darfst es gerne selber probieren. Sogar mit meinem schön dekorierten Handy! Dafür musst du mir aber eine kleine Geschichte erzählen und zwar:

«Wann und warum wurdest du das letzte Mal auf Entzug gesetzt? Und vor allem: Wie ging es aus? Ich will jedes üble Detail hören!»

Am Montagabend, den 26. März 2018, werde ich die beste Geschichte auswählen und die Verfasserin/der Verfasser kriegt dann dieses wundervolle Handy zugeschickt.

Und falls du jetzt nicht mehr wissen solltest, wie das Teil aussieht:

Selbst ein Smartphone ohne WhatsApp ist eine heikle Sache:

Anna Rothenfluh hat sich übrigens mal selbst auf Entzug gesetzt:

Wie das Smartphone unseren Alltag verändert hat

Video: srf/SDA SRF

Ein Fotograf hält den Tod der Konversation durch Smartphones in Bildern fest

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Ein Fotograf hält den Tod der Konversation durch Smartphones in Bildern fest
quelle: babycakesromero
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