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Eine Körperöffnung ist eine Körperöffnung ist ...
Eine Körperöffnung ist eine Körperöffnung ist ...
Bild: KEYSTONE/gaetan bally

Eine Zahnärztin liest im TV über eine sexsüchtige Zahnärztin. Das schlägt Wellen

Corinna T. Sievers aus Herrliberg schaut der Goldküste in den Mund und schreibt seit Jahren prächtig verruchte Ärztinnenromane. Mit uns redet sie über ihren Auftritt am Bachmann-Preis, das gesellschaftliche Grundübel Monogamie und andere delikate Dinge.
10.07.2018, 19:2804.02.2019, 10:02

Es ist ein weitherum unschuldiger Morgen, und im Fernsehen sitzt eine blonde Norddeutsche, die das Leben vor vierzehn Jahren nach Herrliberg verschlagen hat. Worüber liest sie gerade? Über eine Analrasur? Okay? Sie ist Zahnärztin in Erlenbach, alles ganz clean, aber wenn es dunkel wird über der Goldküste, wird es in Corinna T. Sievers, 52, eiskalt und düster. Dann schreibt sie Ärztinnenromane. In denen es meist und explizit um Sex geht.

Sie heissen «Samenklau» oder «Die Halbwertszeit der Liebe». Ohne Kitsch und anatomisch überaus anschaulich. Das Naturell eines Skalpells. Interessant. Und richtig gut. So auch die Geschichte mit dem Titel «Der Nächste, bitte!» (hier geht's zum Text), die sie am Klagenfurter Bachmann-Preis vorliest, dem einzigen, seit Jahren im Fernsehen übertragenen Literatur-Event im deutschsprachigen Raum. Wir treffen uns direkt nach dem Wettbewerb (sie erhielt am Ende keinen der fünf Preise) in Zürich.

Corinna T. Sievers in Klagenfurt. 
Corinna T. Sievers in Klagenfurt. 
Bild: privat

Frau Sievers, in Ihrem Beitrag zum Bachmann-Preis beschreiben Sie klar, kühl und klinisch den Alltag einer erotomanen Zahnärztin, die mit den meisten ihrer Patienten Sex im Zahnarztstuhl hat. Nach Ihrer Lesung war’s sehr interessant: Juroren halluzinierten über Termine bei Ihnen ...
Ja, da wurde auf der Bühne ganz klar die Autorin mit ihrer Figur verwechselt. Eigentlich ein Skandal, für mich auch eine enttäuschende Reaktion, weil es mir ja um Literatur geht. Und darum, die Kraft der weiblichen Sexualität darzustellen.

Von der es prompt hiess, sie sei ja nur die Kopie einer Sexfantasie, wie man sie von männlichen Autoren kenne.
Wieso sollte ich etwas kopieren, das mich gar nicht interessiert? Es ging mir nicht um die Männer, es ging mir um uns Frauen. Meinetwegen könnte man sagen, dass die weibliche Sexualität der männlichen in nichts nachsteht. Sexistische Reaktionen sind mir danach übrigens auch anderswo begegnet, zum Beispiel auf Facebook von ganz gestandenen Literaturkritikern, die sich dort tief unter der Gürtellinie ausgelassen haben.

Wer denkt denn da an Sex?
Wer denkt denn da an Sex?
bild: shutterstock

Was die gleichen Herren ja aber bei einem Autor wie Martin Walser oder Michel Houellebecq, die sehr explizit über männliche Sexualität schreiben, nie tun würden.
Niemals! Niemals würde auch das Anliegen an einen männlichen Schriftsteller herangetragen werden, dass man nächste Woche gern seine erotischen Dienste in Anspruch nehmen würde.

«Woher ich weiss, dass K.s Patientenschwanz steif ist, kann ich nicht erklären. Unleugbare, obschon physikalisch nicht messbare Änderung des räumlichen Elektromagnetismus, wie vor einem Gewitter.»
Aus «Der Nächste, bitte!»

Der Text beginnt damit, dass die Zahnärztin mit Fingern und Geräten in den Mund eines Patienten eindringt und darüber allmählich die Fassung verliert. Sein Mund ist, was die Vagina in einem Porno ist. Das Zeichen: Hier geht es ins Objekt der Begierde hinein. Und so geht es dann auch in aller Deutlichkeit weiter. Hatten Sie irgendwann Skrupel, den Text vor einem grossen, anonymen TV-Publikum zu lesen?
Ich weiss nicht, ob es auffiel, aber ich hab mir zur Lesung eine Art Burka angezogen. Das längste, düsterste Kleid, das zu haben war, es ging bis zu den Knöcheln und die Arme waren bedeckt. Ich hab auch eine grosse Brille angezogen, damit tatsächlich nicht irgendwie der Eindruck entsteht, ich wollte da jemanden verführen mit diesem Text. Porno ist normalerweise kein Begriff, den ich mit meinen Texten assoziieren würde, aber mir hat ganz gut gefallen, dass jemand aus der Jury sagte: Es ist wie bei einem Porno eine gewisse Abgeschlossenheit. Eine kurze Geschichte wird erzählt, sie hat ihren Höhepunkt, dann ist sie auch schon wieder zu Ende.

Das «Eine Art Burka»-Kleid.
Das «Eine Art Burka»-Kleid.
Bild: orf

Während Ihrer Lesung zoomte die Kamera auf Ihre Manuskriptseiten, auf denen ganz viel farbig angezeichnet war. Das war wunderbar im Einklang mit der Präzision Ihres Textes. Etwa eine leichte Déformation professionnelle?
Das stimmt, das war wohl so eine zahnärztlich sorgfältig vorbereitete Herangehensweise.

«Zwar befinde ich mich im Besitz einer unverhältnismässigen Libido und begehre in kurzer Folge, gelegentlich auch mehrere Objekte zugleich, jedoch liebe ich sie alle, manchmal für Sekunden, manchmal für Stunden, selten für Tage, aber ich liebe.»
Aus «Der Nächste, bitte!»

Über einer Seite stand «kühl», über einer andern «hart bleiben». Wozu?
Ich wollte mit einem nüchternen Ton daran herangehen, nicht mit einem märchenhaften und mädchenhaften, wie es mir beim Üben immer passierte. Die Figur besitzt eine Härte und die wollte ich auch rüberbringen. Schliesslich macht sie den Mann zu einer Puppe. Es ist mir allerdings nicht ganz gelungen, trotz all der Appelle an mich selbst.

«Einmal im Publikum umschauen», «KÜHL». Akribisch vorbereiteter Text.
«Einmal im Publikum umschauen», «KÜHL». Akribisch vorbereiteter Text.
Bild: screenshot orf

Tagsüber sind Sie Zahnärztin, Ihre bestimmende Farbe ist weiss, nachts schreiben Sie darke Ärztinnenromane ...
... zwischen Mitternacht und ein Uhr bin ich so richtig in Form.  

Was interessiert Sie?
Mich interessiert das Scheitern der Geschlechter aneinander und mich interessiert das Scheitern des Einzelnen an der Liebe, welche Abgründe da zu Tage kommen. Wir scheitern ja alle an der Schwierigkeit, erfolgreich zu lieben. Mich interessiert, welche Macht die Sexualität über uns hat, obwohl wir uns an der Oberfläche zivilisiert geben, wie zerstörerisch sie sein kann. Wie eine Frau durch ihre Sexualität beschädigt werden kann. Das andere, woran wir scheitern, ist das Sterben. Dass wir das nicht abschaffen können.

Erfolgreich zu lieben oder erfolgreich zu leben?
Erfolgreich zu leben ist ja, wenn man sich keine harten Brüche in der Biografie erlaubt, nicht so schwierig. Ich meine schon zu lieben.

Wieso scheitern die Geschlechter eigentlich so hart aneinander?
Unser Problem ist die Monogamie. Weil uns die möglicherweise doch nicht für Jahre oder Jahrzehnte in die Wiege gelegt worden ist.

«Die Berufstätigkeit der Frauen an der Zürcher Goldküste ist äusserst gering, ich würde sagen, wir befinden uns da etwa in den 50er-Jahren.»
Corinna T. Sievers

Hat uns das Diktat der Monogamie verkrüppelt?
Das hat sich bei uns so eingeschlichen. Einige Jahrhunderte zuvor war es viel weniger zwingend, so monogam zu sein.

Auch für Frauen?
Ich weiss nicht, wie das auf der Ebene der Bauern oder Handwerker war, aber im Adel war es normal, das Frauen untreu waren im Laufe ihrer Ehen. Biedermeierhaft wurden wir erst im 19. Jahrhundert und sind es bis heute geblieben. Ich bin ja selbst nicht frei davon, ich wäre sehr enttäuscht über Untreue. Das sitzt einem ja so tief in den Knochen, dass man jemandem begegnen will, der für immer treu bleibt. Und diese Erwartungshaltung lässt uns scheitern. Gar nicht mal so sehr die Verschiedenheit der Geschlechter, die seh ich nicht so sehr als Problem. Und Sie?

Katharina die Grosse war kein bisschen monogam und sehr, sehr mächtig.
Katharina die Grosse war kein bisschen monogam und sehr, sehr mächtig.
Bild: wikipedia

Aus Erfahrung? Schon. Ich hatte zwar gerne Sex mit Männern, aber beziehungsfähig bin ich nur mit Frauen. Wenn ich mit Männern zusammen war, wurden die Komplexe mitgeliefert. Ich hatte immer das Gefühl, nicht zu genügen, meistens auf einer körperlichen Ebene.
Ist das im Zusammensein mit Frauen anders?

Ja.
Das ist ja sehr interessant. Besteht jetzt ein Gefühl des Ungenügens zu 70 Prozent weniger oder gar nicht mehr?

Nicht mehr.
Weil? Die Defizite, die man besitzt, bei der andern ein Stück weit Normalität sind?

«Meine Kinder sagen: ‹Kannst du nicht mal schöne Reisebücher schreiben?›»
Corinna T. Sievers

Wahrscheinlich?
Aber wieso sind wir so? Wieso ist dieses Gefühl des Ungenügens gegenüber Männern so permanent vorhanden? Sind wir so erzogen, dass wir einem Prinzessinnenbild entsprechen müssen, sind da unsere Eltern dran schuld?

So gern ich die Schuld bei meinen Eltern suchen würde – meine können nichts dafür. Und Ihre?
Meine Mutter hat mir auch in keinster Weise eine perfekte Gestalt oder sowas abverlangt. Sie war auch äusserst eigenwillig, war so trotzig in ihrem Erscheinungsbild.

Muss man mögen: Während die Jury in Klagenfurt eine halbe Stunde lang den vorgelesenen Text beurteilt und über das Sexleben seiner Autorin mutmasst, muss diese schweigen.
Muss man mögen: Während die Jury in Klagenfurt eine halbe Stunde lang den vorgelesenen Text beurteilt und über das Sexleben seiner Autorin mutmasst, muss diese schweigen.
bild: screenshot orf

Was meint sie eigentlich zu Ihren Büchern?
Meine Mutter ist vor kurzem gestorben. Sie hat mich immer unterstützt, sie fand das toll und sagte mir, sie wollte, sie wäre so frei gewesen. Mein Vater findet gut, dass ich schreibe, aber inhaltlich passt ihm das überhaupt nicht. Meinem Ehemann ebenfalls nicht, aber er gibt mir den Freiraum und nimmt mir viel ab. Und meinen Kindern am wenigsten. Die sagen: «Kannst du nicht mal schöne Reisebücher schreiben?» Meine Mitarbeiter ... Bisher hatte ich das Gefühl, sie stehen hinter mir, aber ich war jetzt seit Klagenfurt noch nicht in der Praxis, jetzt muss ich sehen, ob es da nicht eine Betroffenheit gibt. Heute Morgen haben sie mir erzählt, es seien eine Menge Mails als Reaktion auf Klagenfurt reingekommen.

Was für Mails?
Solche, die nicht in mein Sekretariat gehören. Schlüpfrige Kommentare von Männern.

Kenn ich. Zuerst sind sie lobend, dann ein bisschen vernichtend, dann heisst es: «Ich glaube, es wäre interessant für dich, dies mal mit mir bei einer Flasche Wein zu besprechen.»
Es ist lustig, wie sie immer in einer Schlaufe wieder zu sich selbst kommen. Es ist sexistisch zu sagen: typisch. Aber es ist eine typisch männliche Hybris. Und man wundert sich über dieses Selbstbewusstsein, dass sie davon ausgehen, man interessiere sich für sie!

«Mein Lektor ist sowas wie die bessere Variante meines Gehirns. Und er ist auch Erotomane.»
Corinna T. Sievers
Dies tut Frau Doktor bei Tageslicht. 
Dies tut Frau Doktor bei Tageslicht. 
Bild: Screenshot orf

Themenwechsel: Ich habe noch nie mit jemandem geredet, der so richtig an der Goldküste zuhause ist. Wie ist das denn dort so?
Schriftstellerisch ist es natürlich sehr ergiebig, weil die Fassade so schön ist ...

... und das Dahinter so abgründig?
Genau. Vielleicht sollte ich nicht sagen «der Morast», aber ich sag trotzdem Morast. Die Berufstätigkeit der Frauen ist äusserst gering, ich würde sagen, wir befinden uns da etwa in den 50er-Jahren. Das macht mir natürlich Sorgen für die Mädchen, die dort aufwachsen, weil sie denken, das ist die Normalität. An mich als Ärztin sind die Ansprüche der Patienten sehr hoch. Sie sind es natürlich gewohnt, Dienstleistungen einzufordern. Aber es ist ein gemischtes Publikum, es sind ja nicht nur die Reichen, sondern auch diejenigen, die den Reichen zuarbeiten, die braucht es ja auch, die Gärtner und Kindermädchen. Auch deren Kinder kommen zu mir in die Behandlung. Darüber bin ich sehr froh. Aber sonst findet das Leben schon in einer Blase statt. Ich wollte auch mal einen Goldküsten-Gesellschaftsroman schreiben.

Das Goldküsten-Ufer des Zürichsees. Wo sich Reiche und Reiche gute Nacht sagen.
Das Goldküsten-Ufer des Zürichsees. Wo sich Reiche und Reiche gute Nacht sagen.
Bild: KEYSTONE/Alessandro Della bella

Danach müssten Sie wohl umziehen.
Das muss man den Leuten zu Gute halten: Es gibt relativ wenig soziale Kontrolle. Es sind schon eher Individualisten, die da leben. Ich dachte als nächstes an die Geschichte eines Kunstfehlers, an einen Arzt, der einen Kunstfehler begeht und sich in Lügen verstrickt. Das liesse sich gut mit einem Gesellschaftsroman kombinieren.

Doch zuerst erscheint jetzt im Herbst der Roman, aus dem Ihr Klagenfurter Text ein Auszug war. Da sich Ihr Mann inhaltlich nicht so sehr für Ihre Bücher interessiert – wer ist Ihre literarische Vertrauensperson?
Mein Verleger, Joachim Unseld. Er ist auch mein Lektor. Er ist sowas wie die bessere Variante meines Gehirns. Und er ist auch Erotomane. Er versteht das.

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